Lesen, Wandern, Palavern

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Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

Gelesen: Dörte Hansen, „Mittagsstunde“

Ein großer Vorteil des öffentlichen Bücherregals, das wir betreuen, ist, dass ich immer wieder an Bücher gerate, die ich mir jetzt nicht einfach so gekauft oder in der Stadtbücherei ausgeliehen hätte. So auch dieses schöne Buch, das ich mit viel Freude gelesen habe.

Worum geht es?


Ingwer, Ende 40, kommt für ein Sabbatical zurück zu Mudder und Vadder nach Brinkebüll, einem fiktiven norddeutschen Dörfchen unweit der Nordsee, wo man noch Platt schnackt, zumindest die Alten. In Kiel, wo Ingwer inzwischen lebt, ist er Uniprofessor und lebt in einer etwas freudlos wirkenden polyamorösen Beziehung. Im Dorf ist er wieder der Junge. In einem ruhigen, aber nie langweiligen Tempo bekommt man Einblick in die Dorfgeschichte mit ihren amüsanten, aber auch tragischen Momenten, und man erlebt mit, wie sich ein Dorf über die Jahrzehnte verändert hat, modern geworden ist, aber auch vieles verloren hat. Auch über Ingwer und seine Familie erfährt man immer mehr, hat die doch einige (dunkle?) Geheimnisse.

Was hat mir gefallen?

Besonders angerührt hat mich in dem Buch, wie liebevoll die Autorin mit ihren Figuren umgeht. Sie schreibt sie immer respektvoll, oft zärtlich. Sehr schön dabei das Plattdeutsch, das, dezent eingesetzt, auch von mir als Süddeutscher gut verstanden wird (und ein paar Erinnerungen weckt an eine schöne Gruppenreise auf eine Hallig vor über 20 Jahren). Ebenso sprachgewandt wie die handelnden Personen wird auch die Landschaft beschrieben, genau, poetisch, manchmal gefühlvoll, manchmal amüsant, aber nie verkitscht. Eine sehr schöner und zeitgemäßer Roman zum Thema Heimat, Familie und Wandel.

Von der Autorin werde ich noch mehr lesen! Ihr erstes Buch ist schon bestellt.

Ich sehe auch gerade, dass es einen Film zum Buch gibt. Den könnte man ja mal schauen, denke ich.

Was ich 2025 so gelesen habe

Ich führe ja ein bisschen Buch darüber, was ich so lese. 2025 waren es 51 Bücher, die ich notiert habe, wobei ich solche in der Regel nicht aufführe, in denen ich nur herumblättere oder die ich bald schon wieder zur Seite lege und nicht beende. Ein paar der Bücher hatte ich ja auch hier im Blog vorgestellt.

Was waren denn dieses Jahr Highlights?

Anfang des Jahres hatte ich die drei Philosophiebücher von Wolfram Eilenberger gelesen: „Zeit der Zauberer“, „Feuer der Freiheit“ und „Geister der Gegenwart“, wobei ich das erste am anspruchsvollsten und das zweite, das sich den Philosophinnen Simone Weil, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir und Ayn Rand widmete, am interessantesten fand.

Bevor ich im Sommer ein bisschen verblödete und mich anspruchsvolleren Büchern nicht recht gewachsen fühlte, las ich auch einiges von Philipp Blom. „Die Welt aus den Angeln“ behandelte dabei die Klimakrise ab dem 16. Jahrhundert. Augenöffnend! Ich las von ihm auch noch weitere Bücher über die Krise des Liberalismus und über das frühe 20. Jahrhundert. Sehr interessant!

Nichts falsch machen kann ich bei Lieblingsautor:innen wie Haruki Murakami oder Margaret Atwood. Von denen hatte ich auch ein paar Sachen gelesen wie „Die Kunst des Kochens und Auftragens“ und „Hier kommen wir nicht lebend raus“ sowie „Die Zeuginnen“ (Atwood) oder auch „Erste Person Singular“ und „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (Murakami).

Leichtere Kost, die ich vor allem im Frühsommer und Sommer las, waren ein paar Allgäu-Krimis von Kobr und Klüpfel. „Das Richtige für Hitzewelle und Deprophase“, notierte ich mir dazu. Ebenfalls eher leichte, aber nicht ganz uninteressante Kost waren zwei Bücher aus einer Trilogie von Dagmar Trodler, „Freyas Töchter“ und „Die Tage des Rabens, die – wie ich fand – ganz gute Einblicke in das frühmittelalterliche Leben zur Zeit der Christianisierung boten. Ansonsten war es aber auch eine ziemliche Liebesschmonzette.

Ebenfalls historisch, aber ein Sachbuch, war „Der grüne Fürst“ von Heinz Ohff über das recht abenteuerliche Leben des Fürsten Pückler. Ja, genau der mit dem Eis.

Ansonsten habe ich wie immer einige Bücher über Menopause, Psychologie und Psychotherapie und verwandte Disziplinen gelesen. Nett fand ich dabei unter anderem von Sabine Asgodom „So coache ich“, mit netten Tipps, die man auch ohne Coaching- oder Therapierahmen bei sich selbst oder in Gesprächen mit anderen mal anwenden kann.

Ich habe auch eine leichtgängige Einführung in die Schematherapie bzw. ein darauf aufbauendes Selbsthilfebuch gelesen, „Raus aus dem Schema F von Gitta Jacob, das ich empfehlen kann. Bei der Schematherapie, einer weiteren Therapieform der dritten Welle (wie auch ACT), werden verhaltenstherapeutische und tiefenpsychologische Aspekte verbunden. Im Endeffekt geht es vor allem um Aspekte des inneren Kindes und der inneren Richter, die uns dazu bringen, nicht lösungsorientiert und vernünftig auf Herausforderungen zu reagieren.

Wenig begeistert haben mich dagegen ein Klassiker aus diesem Genre. „Spiele der Erwachsenen“ von Eric Berne rund um Aspekte der Transaktionsanalyse fand ich menschenunfreundlich und zynisch. „Women on Fire“ von Sheila de Liz fand ich wiederum in dem intensiven Werben für Hormonersatztherapie einseitig.

Ich lese ja auch sehr gerne moderne japanische Literatur und war von „Butter“ von Asako Yuzuki sehr angetan. Auch „Brüste und Eier“ von Mieko Kawakami gefiel mir. Aus Südkorea kommt wiederum die Autorin Han Kang, von der ich „Die Vegetarierin“, „Griechischstunden“ und „Weiß“ las.

Eine Neuentdeckung (zugegeben von Anfang Januar 2026 und nicht mehr von 2025), die ich meiner lieben australischen Freundin E. verdanke, sind die Bücher von Alexander McCall Smith über die liebenswerte Privatdetektivin Precious Ramotswe, die in Botswana untreuen Männern, Versicherungsbetrügern und verschwundenen Kindern hinterherermittelt. Ich bin ja nicht so der „Bücher im Original lesen“-Freak, aber ich habe das erste Buch „The No. 1 Ladies’ Detective Agency“ auf Englisch schnell weggeschlonzt und gleich noch ein paar weitere im Online-Antiquariat bestellt.

Alle meine Blogbeiträge zum Thema Lesen findet ihr hier.

Und, was war eure Topps und Flopps beim Lesen?

Gelesen: Sacha Bachim, Therapie to go

Wer mich etwas näher kennt, weiß ja, dass ich schon ziemlich viele Bücher rund um die Themen psychologische Selbsthilfe und Persönlichkeitsentwicklung gelesen habe. Nicht unbedingt, weil ich als Erwachsene überdurchschnittlich viele psychische Probleme habe, sondern vor allem aus Interesse. Und ich bin auch relativ sicher, dass ich sowohl durch die Lektüre als auch durch gute Gespräche mit vielen verständigen Frauen und ein paar verständigen Männern (sorry, ist so) viel von dem gelernt habe, was andere in einer Therapie lernen.

Das Buch mit dem Untertitel „100 Psychotherapie-Tools für mehr Leichtigkeit im Alltag“ verspricht nun Tipps aus der Therapeut*innenkiste – kurz und knackig verpackt. Ich war da recht skeptisch, aber es ist doch gut gelungen. Bachim pflegt einen lockeren Stil und konzentriert sich auf die konkrete Anwendung bestimmter Werkzeuge aus dem psychologischen Werkzeugkoffer. Dabei stammen recht viele dieser Werkzeuge aus der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und auch aus der Acceptance-Commitment-Therapie (ACT) – aber nicht nur.

Viele der geschilderten Tipps und Tricks kenne ich, einige wende ich selbst immer wieder an. So ist das Kapitel über „Musturbation“ gut. Es macht einem klar, was es mit einem macht, wenn man sich sein Leben als eine Abfolge von Zwängen vorstellt („muss arbeiten, muss einkaufen, muss kochen, muss …“), statt als etwas, über das wir mehr oder weniger frei entscheiden können. Ich selbst frage mich oft: Muss ich etwas wirklich tun? Oder will ich es? Und denke an meine Mutter, die als ältere Frau gerne sagte: „Ich muss gar nichts außer sterben!“

Auch das Kapitel über Grübelzwang („nicht an rosa Elefanten denken!“), das vor allem auf ACT basiert, fand ich gut nachvollziehbar, ebenso jenes über Angst und wie man diese durch Exposition mildern kann. Manche Tipps sind einfach anzuwenden, wie zum Beispiel bei Stress gaaaanz langsam auszuatmen. Andere verlangen mehr Motivation, wie ein Glückstagebuch zu führen.

Ein bisschen unhandlich fand ich das letzte Kapitel über Probleme in Beziehungen. Da kamen auf gerade mal 19 Seiten Themen wie Bedürfnisbilanz, Schematherapie, der Kiesler-Kreis, die Transaktionsanalyse und das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) zur Sprache – die meisten davon recht anspruchsvolle und komplexe therapeutische Ansätze, die man eben nicht so einfach aus der Lameng selbst ausprobieren kann. Für mich, die all das zumindest oberflächlich kennt, eine gelungene kurze Zusammenfassung; für jemanden, der sich damit noch nicht beschäftigt hat, vielleicht eher verwirrend.

Natürlich kann das Buch keine Therapie ersetzen. Jemand, der psychisch schwer angeschlagen ist, wird sich kaum aufraffen können, das zu lesen, zu verstehen und anzuwenden, denn fehlende Einsicht ins eigene Fehlverhalten, wenig Selbstwirksamkeitsglaube, wenig Antrieb und wenig Mut zum Risiko kennzeichnen ja oft schwerere Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.

Aber für die Menschen, die ich als „Normalneurotiker“ bezeichne – und zu denen ich mich selbst zähle –, kann man durchaus das ein oder andere aufgreifen und ausprobieren und die eine oder andere Grundüberzeugung und Routine mal kritisch in Frage stellen.

Radikale Akzeptanz und Butter

Ich liebe den Herbst, und ich habe mich schon sehr darauf gefreut, in den zwei Wochen Herbstferien diese schöne Jahreszeit zu genießen. Außerdem wollte ich Freunde treffen, viel wandern und mit dem besten Ehemann von allen Ausflüge machen und hier ein paar Dinge am Haus herumwurschteln, die anstehen. Aber ihr kennt das – es kommt erstens anders und zweitens, als man denkt…

Die Wochen davor waren für mich wirklich verhältnismäßig anstrengend – weniger wegen des (üblichen) Umfangs meiner beruflichen Arbeit, aber ich hatte eine unangenehme zahnmedizinische Sache zu erleiden, die wochenlang nachhallte. Dann musste ich noch andere medizinische Dinge abklären, was mich fürchterlich stresste und auch jetzt noch nicht zu 100 % erledigt ist. Und dann war da noch der Betonlaster, der mein Auto kaputtfuhr. Jetzt nerve ich in regelmäßigen Intervallen die gegnerische Versicherung, wie es weitergehen soll, bekomme aber nur „Ihr Fall wird bearbeitet“-Mails.

Dann war das Wetter in den ersten Ferientagen auch richtig scheußlich, und wir konnten einiges am Haus nicht angehen.

Und jetzt bin ich krank. Auf Halsweh folgte Schnupfen, und jetzt bin ich bei einem quälenden Husten angelangt. Corona ist es immerhin nicht laut Test. Der Freundin, die ich so gerne heute getroffen hätte, habe ich abgesagt; ich fühle mich weder fähig, nennenswert spazieren zu gehen, noch will ich sie indoor vollkeimen.

Ich bin ziemlich deprimiert, um ehrlich zu sein. Aber ich denke auch – wozu lese ich immer wieder Bücher über Acceptance und Commitment?

Ich muss es halt auch anwenden. Sprich: akzeptieren, dass es so ist und ich es gerade nicht ändern kann. Radikale Akzeptanz.


Und ich denke, vielleicht muss das jetzt auch mal sein – dass ich eine Woche oder so wirklich kaum etwas tue außer lesen, Tee trinken, ein bisschen Computer und Mini-Spaziergänge. Früher habe ich ganze Semesterferienmonate auf diese Weise rumgebracht, hüstel.

Zum Glück hatten wir am Samstag einen großen Korb voller Bücher in der nächsten Stabü mitgenommen. Gerade lese ich mit viel Vergnügen den Roman „Butter“ von Asako Yuzuki. Ich mag ja zeitgenössische japanische Literatur sehr – angefixt natürlich von Haruki Murakami, von dem ich irgendwann, ich glaube noch zu Studentenzeiten, „Die wilde Schafsjagd“ las.

Butter ist der erste Roman von Asako Yuzuki. Wie gesagt, ich bin noch nicht ganz durch, aber finde ihn sehr interessant. Ich habe das Gefühl, einen kleinen Einblick zu bekommen in den Alltag japanischer Frauen, die ja ihre eigenen und etwas anderen Kämpfe auszufechten haben als wir hierzulande, und das in einer nicht eben turbo-emanzipierten Gesellschaft.

So ist es für ein garstig hühnenhaftes Weib wie mich ( fast 1,80 und Kleidergröße 44/46 dort, wo Größen groß ausfallen) natürlich schon fast amüsant, wenn sich eine Frau mit 1,66 m als viel zu groß bezeichnet und als „fett“ gilt, wenn sie mehr als 50 Kilo wiegt. Aber die Schönheitsideale – klein und zerbrechlich zu sein – und der Druck, sich nicht gehen zu lassen, sind in der japanischen Gesellschaft, wie sie die Autorin darstellt, sehr stark.

Der Roman wird aus der Sicht einer jungen Reporterin namens Rika erzählt, die Interviews mit der inhaftierten Manako führt. Diese hat wohl in einer Art „schwarze Witwe“-Manier mehrere Männer unter die Erde gebracht. Diese erregt nicht zuletzt (bei misogynen Männern vor allem) Aufsehen, weil Manako furchtbar dick ist (70 Kilo!!!), sondern auch, weil sie sich leidenschaftlich und gleichzeitig fürsorglich gibt. Zentrales Element dabei sind ihre Kochkünste.

Manako beginnt, Rika zu manipulieren und dazu zu motivieren, mit Lust viel zu essen. Ich muss sagen: appetitliche Beschreibungen gelingen der Autorin gut! So bekomme ich, obwohl weitgehend vegan lebend, angesichts der Schilderungen des Essens darauf richtig Lust, unter anderem auf Butter. Butter, die auf Reis zerläuft…

Rika bewegt sich zwischen der Manipulation durch Manako und einem eigenen, selbstbestimmten Weg, bei dem sie nicht nur zunimmt, sondern auch sonst den Ansprüchen an eine pflegeleichte, gehorsame und liebe Frau nicht mehr genügen will. Aber auch von Manako entfremdet sich Rika, was diese nicht ungesühnt lässt…

Wie gesagt, ich bin noch nicht ganz fertig.
Ach – was wäre die Welt ohne Bücher!

Wechseljahresliteratur

Zwei sehr verschiedene Bücher für die Frau um die 50. Beide Bücher sind recht orangefarben, sonst sehr unterschiedlich.

Intro

Ich habe ja inzwischen ein gerütteltes Maß an Büchern über die Wechseljahre im weitesten Sinne gelesen, manches ältere Bücher, die vor Jahrzehnten eine Pionierleistung waren, und auch aktuellere Werke. Manche Bücher konzentrieren sich auf das medizinische Wissen, andere betonen mehr die Psychologie und wieder andere auch spirituelle Aspekte. Viel wiederholt sich, viel widerspricht sich. Gerade lese ich ein Buch, das in den letzten Jahren wohl zu den bekanntesten Bestsellern zum Thema gehört: Woman on Fire von Dr. Sheila de Liz. Und ich muss gestehen, ich war ein bisschen enttäuscht und tat mich schwer, über die Hälfte hinauszukommen, und habe so die zweite Hälfte nur noch durchgeblättert und überflogen.

It’s the estrogen, stupid!

Ja, sie schreibt flott, leicht und auch humorvoll (Östrogen, Progesteron und Testosteron als die drei Engel für Charlie), wertschätzend, tabufrei und als Fachfrau hat sie mit vielem sicher recht. Aber den Untertitel „Alles über die fabelhaften Wechseljahre“ fand ich darin nicht so recht wieder. Ja, sie greift auch Themen auf wie den Sex mit Ü50, der in anderen Büchern ein bisschen kurz kommt, und der Tipp, rechtzeitig mit östrogenhaltigen Salben im Vaginalbereich zu beginnen, klingt sinnvoll. Aber auch sonst scheint – wenn man ihr glaubt – in den Wechseljahren an einer Hormonersatztherapie (HET) mit bioidentischen Hormonen fast kein Weg vorbeizuführen, will man nicht als eine Art demente Dörrpflaume mit Glasknochenkrankheit enden. Was ist daran fabelhaft? Bestenfalls kann man genug Hormone einnehmen, dass sich wenig ändert. Schlimmstenfalls – siehe oben. Ich empfinde das als sehr defizitorientiert.

Und ich denke auch manchmal – man stelle sich vor, die für Eltern und Teenager so beschwerlichen Pubertätsjahre könnte man mit entsprechenden Hormonprodukten viel smoother und reibungsfreier gestalten… Wie fühlt sich der Gedanke an? „Aber die müssen doch rebellieren und sich wegstrampeln und mal richtig histrionisch sein“, denke ich. Aber wer sagt denn, dass wir Frauen in den Wechseljahren nicht auch mal rebellieren und strampeln und histrionisch sein müssen?

Mir ist natürlich bewusst, dass die Brustkrebs-Horrorstories aus den 20. Jhd sich noch auf ganz andere Arten von Hormontherapien bezogen. Dennoch raten auch heute noch viele Ärzte von Hormontherapie eher ab, wenn es in der Familie schon mal Brustkrebs gab (was bei mir der Fall ist), oder regen zumindest an, es sehr genau abzuwägen. Das gilt übrigens auch für Phytohormone wie jene aus Yams, Sibirischem Rhabarber, Rotklee oder was weiß ich. Die Aussagen schwanken zwischen „potentiell schädlich“, „keinerlei Wirkung“ und „eine Alternative zur HET bei leichteren Symptomen“. Da soll frau sich mal entscheiden, was sie mit leichten bis moderaten Beschwerden tun soll…

Ohne HET nur noch eine Ruine, dem Verfall preisgegeben?

It’s (only) the estrogen, stupid?

Was mich an dem Buch auch etwas enttäuschte, ist, dass jenseits von HET (und ein paar Tipps rund um Sex) relativ wenig Raum auf die generelle Lebensgestaltung gelegt wurde. Aus anderen Studien (wie gesagt, ich habe sehr viel gelesen, ob gedruckt oder online) wird zum Beispiel deutlich gemacht, welchen großen Einfluss auf eine gesunde Prä-, Peri- und Postmenopause die Klassiker des guten Lebens haben: gesunde Ernährung, viel Bewegung, genug Schlaf, nicht zu viel Stress, sinn- und bedeutungsvolles Tun, soziale Verbindungen. Ja, das wird auf ein paar Seiten erwähnt à la „natürlich Kraftsport, Ernährungsumstellung, genügend schlafen, selbst ich Powerfrau brauche jetzt mehr als 5 Stunden Schlaf!“. Ich finde mich da halt nicht so ganz wieder als Frau, die stolz drauf ist, wenn sie am Tag ein Stündchen spazieren geht und Nüsse nascht statt Chips und ansonsten verquollen durch den Tag torkelt, wenn sie keine 7 Stunden Schlaf hatte.

Du kannst nicht immer 17 sein“ – Haha! Von wegen!

Ich selbst habe ja nun mit knapp 52 einige der Symptome, die man kennt, meist für kurze Zeit gehabt – Gelenkschmerzen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit vor allem, aber keine Hitzewallungen. Meine Psyche erinnert halt – leider? – zurzeit oft an die Pubertät und gibt mir davon eine 2.0-Version.

Ich rede ziemlich offen über die Wechseljahre, und das ist ja auch etwas, was unterschiedlich ankommt. Für manche Frauen, das merke ich, ist es eine Erleichterung, dass sie mal drüber reden können, vor allem für solche aus einem konservativen und beruflich männlich geprägten Umfeld. Anderswo las ich dagegen, es werde ja schon viel zu viel über das Thema geredet, Frauen da – schon wieder! – als defizitäre, schwache Geschöpfe dargestellt, die sich schonen müssen. Hm. Wie so oft ist es wohl ein Mittelweg zwischen Auf-sich-Achten und Sich-in-Zipperlein-reinsteigern…

Mal Sonne, mal Wolken – auch Ü50

Pflanzen und HET

Wie sieht denn da der richtige Weg durch diese Zeit aus? Ich kann nur sagen, wie er für mich aussieht. Ich nehme vor allem pflanzliche Mittel ein, die manches erleichtern sollen, vor allem Johanniskraut gegen depressive Verstimmungen und Melatonin-Depot-Kapseln und Baldrian für besseres Schlafen. Gerade versuche ich auf Anraten meiner Gynäkologin Phytoöstrogene, ob die etwas ändern, werde ich sehen. Bisher machen sie nur Magendrücken.

Ansonsten gönne ich mir schon seit Mitte 40, dass ich als Freiberuflerin nicht mehr Vollzeit arbeite, um mein Stresslevel zu senken.

Aber ich bin auch keine alleinerziehende Frau mit zwei pubertierenden Kindern, einer dementen Mutter und einem stressigen Vollzeitjob, der zu Stress kaum eine Alternative bleibt. Ich kann und ich darf diese Phase dafür nutzen, mal einen Schritt zurückzutreten, statt mit HET-Unterstützung einfach weiterpowern zu können, Alternative Burnout und Armut.

Veränderliches Wetter

Was darf sich ändern?

Eine liebe Freundin und zugleich Psychotherapeutin sagt oft den Satz: „Was darf sich beim Klienten ändern?“ Sprich: zu welchen Veränderungen jenseits von „meine Stimmung soll besser sein“ sind die Klient:innen in einer Psychotherapie bereit? Mir geht es da ähnlich zurzeit. Meine Lebensumstände sind so, wie ich sie haben will, von Partnerschaft über Geld und Hobbys bis Job. Und doch werde ich unaufhaltsam älter, und neben den Dingen, die ich irgendwann ändern muss, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, kommt ja das hinzu, was ich vielleicht doch mal ändern könnte. Kann ich es mir vorstellen, wieder mehr kreativ zu sein, noch ein Buch zu schreiben? Wäre es etwas für mich, zusätzlich zu meinem geschätzten Zeitungsjob mal eine HP-Psychotherapie- oder Coaching-Ausbildung zu machen? Wie finde ich wieder mehr Zugang zu meiner Spiritualität?

So fühle ich zurzeit eine starke Tendenz zur Innenschau. Ich will nicht mehr in den sozialen Medien mit Besserwissern jeder Couleur diskutieren, ich will mich nicht unnötig für andere aufreiben, ob nun beruflich oder privat. Ich sehe mich aktuell auf den Wogen, die – wie gesagt – an das Auf und Ab der Pubertät erinnern, und frage mich neugierig: Wo geht diese Fahrt hin? Was muss, was darf sich ändern? Ist es nicht richtig und gut, jetzt auch als gestandene Frau Ü50 ab und zu auf den Tisch zu hauen voller östrogenmangelnder Gereiztheit und zu sagen: „Ich mach das nicht mehr mit!“?

Herbst, Zeit der Reife

Embrace the juicy-crone year!

Jetzt jenseits von den rein gesundheitlichen Aspekten, die man auch auf ein paar Seiten ganz gut zusammengoogeln kann, fand ich das hilfreichste Buch über das Älterwerden als Frau eines zwischen Psychologie und Spiritualität und etwas Old-School-Feminismus, geschrieben von einer Jung’schen Tiefenpsychologin. Es heißt Feuerfrau und Löwenmutter. Göttinnen des Weiblichen und stammt von Jean Shinoda Bolen. Die Originalausgabe Goddesses in Older Women: Archetypes in Women over Fifty erschien 2002.

Bolen arbeitet mit Archetypen, und es gibt auch weitere Bücher von ihr zum Thema (am bekanntesten wohl Göttinnen in jeder Frau: Psychologie einer neuen Weiblichkeit). In dem Buch geht es darum, welche Archetypen für eine ältere Frau lebbar sind (wie die weise, unabhängige Hekate), welche Probleme die bringen können, die man vorher lebte („die verführerische Aphrodite“ ist Ü50 komplizierter als „Artemis allein im Wald“). Statt zu klagen, dass manches vorübergeht, rät sie: embrace the juicy-crone years.

Und das geht für mich ein Stückchen über das Thema östrogenmangelbedingte Scheidentrockenheit hinaus!

PS: Die Bilder stammen vom Spaziergang heute und sind frei assoziiert eingefügt, damit ihr, liebe Leser, nicht so vor der Bleiwüste zurückschreckt 😀

Gelesen:„Die Frau als Mensch“ von Ulli Lust

„Die Frau als Mensch“ neben einer frühgeschitlichen Gasbetonfigur plus Keramikeule

Auf dieses Buch hatte ich schon lange – Wortspiel! – Lust. Jetzt konnte ich es aus der nächsten Stadtbücherei ausleihen und habe es mit viel Vergnügen, aber manchmal auch mit Wehmut und Wut durchgelesen.
Es geht in dem Buch um die Anfänge der Menschheitsgeschichte und darum, wie lange Zeit die Rolle der Frauen und auch „weiblicher“ Eigenschaften wie Empathie darin kaum gewürdigt wurde. Nachdem man in Europa zähneknirschend anerkannt hatte, dass der Mensch nicht vor 6.000 Jahren als weißer, blonder Mann aus Gottes Würfelbeutel gepurzelt ist, hat man sich ein recht düsteres Bild der Vorgeschichte gemalt. Die „Urmenschen“ wurden als haarige, grunzende Wilde dargestellt, die ständig bestrebt waren, ihrem Gegenüber die Keule über den Kopf zu ziehen oder eine Frau an den Haaren in ihre Höhle zu schleppen. Die männlichen Forscher einer patriarchalen Zeit projizierten ihre Kulturvorstellungen auf die Vorgeschichte. So war für sie klar, dass die Männer wichtiger waren – als Anführer, als Jäger –, während die Frauen devot um sie herumkrochen und die Höhle putzten.

Nun passen weder die archäologischen Funde noch ethnologische und psychologische Erkenntnisse zu diesem Bild. So sind die ersten Darstellungen von Menschen über Jahrzehntausende hinweg zu 90 Prozent weiblich. Überall findet man die kleinen Frauenstatuetten, die frühere männliche Forscher „Venus“ nannten, denn: welches Weib außer einer Göttin würde sich so schamlos nackt präsentieren? Wieder mal: Projektion.

Ulli Lust malt in dem grandiosen Comic ein anderes und wissenschaftlich fundiertes Bild der Vorgeschichte, ergänzt es immer wieder durch eigene Erlebnisse im Leben, die oft schmunzeln lassen. So konstatiert sie ihrem sechsjährigen Ich, dem die Jungen mit ihrem ungeschützten Gebaumel zwischen den Beinen leid taten, „Penismitleid“ statt Penisneid. Und auch die bildliche Umsetzung, wie die Interaktion zwischen zwei Politikerinnen à la Bonobos aussehen würde, hat mich lachen lassen.
Traurig macht dagegen die Art und Weise, wie Jäger- und Sammlerkulturen wie die Buschleute in Afrika von unserer modernen Gesellschaft einfach plattgewalzt und ausgelöscht wurden – obwohl wir in puncto soziales Verhalten von solchen Gruppen einiges hätten lernen könnten.

Denn, das legen auch archäologische Funde nahe, auch unsere menschlichen Vorfahren in der Steinzeit kümmerten sich um Schwächere, behandelten Verletzte, unterstützten Menschen mit Behinderungen. Ja, es gibt sogar Anzeichen, dass diese Menschen eine herausragende Rolle in dem Stamm spielten. Frauen waren keine verschüchterten Weibchen, sondern groß und muskulös. Es gibt einige Funde von „Steinzeitjägern“, bei denen man erst später herausfand, dass die Knochen weiblich waren. Und wenn man Menschen darstellte, dann waren es meist Frauen.

Einen großen Schwerpunkt legt Ulli Lust auf die Entstehung der Kunst und auch der Religion. Sie beschreibt dabei schamanische Traditionen späterer Kulturen, die sich so oder so ähnlich vielleicht auch schon vor vielen tausend Jahren fanden.

Und wenn man das Buch zuklappt, keimt in einem die kleine Hoffnung auf, dass dieses turbokapitalistische Patriarchat vielleicht nur eine kleine Episode sein könnte in einer langen Menschheitsgeschichte, die viel mehr auf Kooperation und Wohlwollen angelegt war.

Fazit: Unbedingt lesen! Und: Ich brauche definitiv roten Ocker.

Gelesen: Heinz Ohff, Der grüne Fürst

Diese Biografie ist mir zufällig in dem von meinem Mann und mir betreuten Bücherregal in die Hände gefallen. Der Fürst, von dem hier die Rede ist, ist Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871). Ich gestehe, dass ich mit dem Namen so gar nichts anfangen konnte und auch nicht viel schlauer war, als im Buch erklärt wurde, dass nach ihm das (mäßig schmackhafte, finde ich) Fürst-Pückler-Eis benannt wurde. Wobei man sagen muss, dass Pückler einem Konditor nur aus Nettigkeit diese Benennung gestattete und das Originalrezept auch komplexer war und Alkohol enthielt. Aber sei’s drum.

Nicht bewusst war mir dagegen, dass Pückler zu seiner Zeit einer der bekanntesten Schriftsteller war und auch sonst eine sehr berühmte und berüchtigte Figur des öffentlichen Lebens. Er war von hohem Adel und involviert in die Politik seiner Zeit, wobei er zwischen eher konservativen und sehr liberalen Ansichten changierte. Auch sprach er sich schon für eine Art europäisches Bündnis aus, lange bevor solche Ideen salonfähig wurden. Er schrieb sehr viele Briefe und bewahrte von allem Duplikate auf, sodass es wohl niemanden aus jener Zeit gibt, von dem so umfassende schriftliche Zeugnisse vorliegen. Er soll – neben Heinrich Heine – der beste Stilist der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert gewesen sein. Er hatte Kontakt zu nahezu allen Intellektuellen, die sich in seiner Reichweite befanden. Und er war Vorlage für manche Romanfigur, unter anderem in Die Pickwickier von Charles Dickens.

Pückler brachte außerdem die englische Gartenkunst nach Deutschland. Seine Gärten waren Wallfahrtsorte für Gartenliebhaber, das Buch, das er über Gartenkunst herausgab, ein Standardwerk.

Aber Pückler hatte noch viele andere Seiten. Er war umtriebig, reiste nicht nur durch Europa, sondern auch jahrelang durch den Orient und Afrika. Er war verschwenderisch, ständig pleite, und verbrachte daher auch vergeblich Jahre auf der Suche nach einer reichen Partie, die seinen Schuldenberg tilgen sollte. Dafür ließ er sich sogar von seiner wohl geliebten, wenn auch ununterbrochen betrogenen Frau Lucie scheiden, mit der er aber trotzdem weiter zusammenlebte. Sie hatte eher die Rolle einer mütterlichen Freundin inne. Pückler hatte Humor, der allerdings ein bisschen „drüber“ sein konnte, wie man heute sagen würde. Legendär war wohl eine Feier, die er selbst veranstaltete und versteckt beobachtete, und bei der er die entsetzten Gäste durch Provokateure glauben ließ, sie würden auf Leichentüchern dinieren und Tote essen.

Mir gefällt der Stil sehr gut, in dem die Biografie von Ohff verfasst wurde. Sie liest sich leicht und locker und oft auch humorvoll – fast so, als hätte der Stil des Schriftstellers Pückler im Biografen gut hundert Jahre später nachgewirkt. Mir hat auch gefallen, dass Ohff mit Sympathie an seinen durchaus nicht in allen Punkten sympathischen und aus heutiger Sicht sicher auch sehr schwierigen Forschungsgegenstand herangeht (ich sage nur: Affären mit sehr jungen Mädchen), ohne dessen Fehler kleinzureden oder zu verschweigen. Hier hatte er wohl viel Schützenhilfe von Pückler selbst, der – wie es im Buch mehrfach heißt – der schärfste Kritiker seiner selbst gewesen sei. Ohff zeichnet mit vielen, aber nicht zu vielen Details ein lebendiges Bild Pücklers; dabei lässt er auch manches weg, zum Beispiel viele der sehr, sehr, sehr zahlreichen Liebschaften. So entfaltet sich ein interessantes und durchaus unerwartetes Stück preußischer Geschichte, geprägt von einem Charakter irgendwo zwischen Byron (von Pückler sehr verehrt) und Casanova – und eben nicht von Pickelhauben und steifem Protestantismus.

Ich habe mich beim Lesen gut amüsiert und mir gedacht: Ach, den Pückler hätte ich gern mal kennengelernt.

Warum hat man ihn seitdem vergessen? Er passt wohl in seiner Exzentrik nicht ins 19. Jahrhundert in Preußen. Und man nahm ihm – schreibt Ohff – wohl auch seine Sympathie für Juden übel, besonders natürlich ab 1933.

Die Biografie wurde übrigens schon 1991 veröffentlicht und beklagt unter anderem, dass der Muskauer Park, den Pückler als ersten anlegte, im polnischen Teil – die Neiße und damit die Grenze DDR–Polen verlief mitten hindurch – verwilderte. Seit der Wende gibt es aber ein deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt, das den Garten wieder aus seinem Dornröschenschlaf weckt. Pückler hätte das bestimmt gefreut.

Gelesen: Zuversicht von Katharina Afflerbach

Untertitel: Wahre Geschichten vom Weitermachen und Wachsen in schwierigen Zeiten

Nicht jedes Buch, das ich lese, findet seinen Weg hierher in den Blog. Dieses jedoch hat mich auf besondere Weise berührt. Es war ein Zufallsfund aus der Stadtbücherei.

Katharina Afflerbach, die nach einer Karriere in der Wirtschaft ins Coaching wechselte, erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen mit Krisen, Verlusten und Neuanfängen und davon, wie sie daran gewachsen ist. Sie schreibt offen, verschweigt weder Umwege noch Fehler und zeigt so ein authentisches, ungeschöntes Bild ihres Weges.

Eingewoben in ihre eigenen Schilderungen sind die Geschichten von 17 weiteren Menschen, die ebenfalls mit dem Themen Weitermachen und Wachsen konfrontiert waren. Manche Erlebnisse sind vielen vertraut wie eine berufliche Neuorientierung, eine Trennung. Andere gehen tiefer unter die Haut: Flucht, lebensbedrohliche Krankheiten, Sucht. Besonders berührt hat mich die wertschätzende und nicht wertende Haltung, mit der Afflerbach diesen Menschen begegnet. Sie dankt ihnen ausdrücklich für das, was sie von ihnen lernen durfte, und lässt uns Leserinnen und Leser daran teilhaben.

Eines der zentralen Themen des Buches ist die Erkenntnis, dass das Leben nicht immer fair ist. Es hält Schmerz, Ungerechtigkeit und auch eigene Fehler bereit. Doch ebenso zeigt es, dass wir innere Ressourcen entwickeln können, um damit umzugehen – dass wir uns gegen Zumutungen von außen wehren, uns selbst verzeihen und Veränderungen anstoßen können.

Die Geschichten machen sichtbar, woher Menschen ihre Kraft ziehen: aus der Liebe zur Familie, aus der Natur, aus Spiritualität oder dem Glauben an Gott.

Mich hat das Buch bewegt. Manchmal habe ich mit feuchten Augen gelesen. Und es hat mich dazu gebracht, auf mein eigenes Leben zu schauen – eines ohne dramatische Katastrophen, aber wie wohl jedes Leben mit seinem Anteil an Herausforderungen, radikalen Wendepunkten und dunklen Tälern.

Rückblickend denke ich: Ja, ich habe Fehler gemacht, manches hat lange gedauert. Aber ich habe auch vieles richtig gemacht. Sonst wäre ich heute nicht so zufrieden mit mir und meinem Leben.

Nett zu sich sein

Ich beschäftige mich gerade wieder ein bisschen damit, wie der Umgang mit dem eigenen Körper sich auf die Psyche auswirkt, und lese dazu ein schönes Einstiegsbuch (Zuhause im eigenen Körper von Sabine Ecker). Irgendwie auch ein bisschen doof, ich weiß ja eigentlich alles, habe auch jahrelang Tai Chi und Yoga gemacht… aber dann schleicht sich doch wieder viel Wissen aus im Alltag.
Nun denn, ab September werde ich mal wieder einen Yogakurs machen. Und bis dahin auch ein paar mehr Übungen aus dem Büchlein. Wobei ich auch sonst versuche, nett zu meinem Körper zu sein: gutes Essen, viel Bewegung, nicht zu viel Stress und genug Schlaf. Und atmen!
Auch und gerade dann, wenn die Psyche mal etwas ruckelig unterwegs ist (Wechseljahre), ist die Konzentration auf solche Basics einfach zentral.

„Nett zu meinem Körper sein“ klingt natürlich etwas merkwürdig, da ich ja mein Körper bin, sozusagen die Hardware und Software in einem. Aber wenn man sich das Geistige und Körperliche schon getrennt vorstellt, wie es ja auch in unserer Kultur recht üblich ist, dann sollte man auch denken: Mein Körper ist nun mal meine Partnerin, solange ich lebe.

Wenn man seinen Körper dagegen die ganze Zeit kacke findet, weil er nicht schön oder stark genug ist, ihn mit Junkfood und Bewegungsunfähigkeit oder Suchtmitteln misshandelt, ihn stresst und quält – wieso sollte er dann nett zu einem sein und ständig glücklich machende Hormone ausschütten und gesund und schmerzfrei bleiben?

Manche haben schon eine echt toxische Beziehung mit sich selbst.

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