Es ist immer noch heiß, heißer, am heißesten. Heute soll der schlimmste Tag werden mit gefühlten 43 Grad – wohlgemerkt, im Ländlichen, auf einem Hügel, mit Wald drumherum. Nun ja, ich wohne ja ganz in der Nähe jener Region, wo Deutschland anfängt Sahara zu werden oder so ähnlich.
Ich plane meine Tage um das Bedürfnis herum, irgendwie wenigstens für 30 oder 40 Minuten durch den Wald zu laufen. Die meisten Tage schaffe ich es in den Morgenstunden. Wenn es kühler wird, werde ich viel nachzuholen haben. Heute war ich um 8:30 draußen, außer mir vor allem Menschen mit Hunden, die ermattet bei schon 30 Grad durch den Wald torkelten. Ich quatsche ja öfter fremde Leute einfach an, und im Kurzgeplauder mit einer Frau mit Hund verabschiedete die sich mit den Worten, die nächsten zwei Tage müsse man „einfach nur überleben“.
Heute Nacht war ich um vier erwacht und habe die Katze eingesperrt, die nicht nach draußen soll (wir hatten hier eine schlimme Reihe von Katzen-Verschwinderitis vor Jahren, die ich nie aufklären konnte und die ich nicht noch mal erleben will).
Dann alle Fenster und Türen weit aufgerissen Richtung Garten. Und dann lag ich wach auf dem Bett, es war immer noch sehr warm. Draußen hörte ich die ganze Zeit Tiergeschrei und Rascheln im Gebüsch; es könnten junge Wildschweine gewesen sein oder auch ein Rehkitz, das nach der Mutter ruft. Beide Tierarten treiben sich in und um unseren Garten herum.
Gegen fünf schloss ich Türen und Fenster. Davor stand ich müde blinzelnd auf dem Balkon. Es wurde schon langsam hell, und ich sah viele Fledermäuse über den Himmel flitzen. Der Vogelgesang setzte ein, Krähenrufe, weiter das ominöse Tiergeschrei. Und auf einem Hügel stand ein Reh, die schlanke Silhouette zeichnete sich dunkel gegen den heller werdenden Himmel ab. Bis auf das Tiergeschrei war das alles sehr schön. Fotos habe ich keine, das müsst ihr euch also im Kopf zurechtmalen.
Aber allgemein kann ich die Methode „vier Stunden schlafen – eine Stunde wach sein – wieder zwei Stunden schlafen“ nicht empfehlen, wenn man am nächsten Tag fit im Kopf sein will.
Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.
Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.
Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.
Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.
Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.
Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.
Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.
Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).
Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.
Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.
Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.
Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …
Dieser Winter hat ja angesichts des Klimawandels schon eher ungewohnte Dinge mit sich gebracht wie längere Kältephasen und Schnee. Auch heute kam es noch mal weiß vom Himmel, wobei es sich hier auf 200 Meter über Normalnull schnell in Matschpampe verwandelte. Diese fiel mir dann beim obligatorischen Waldspaziergang mehrmals mit lautem Schmatz von Bäumen auf die Mütze, brrh.
Kohlmeise (oben) und Kleiber
Bevor ich mich vorhin hinauswagte, hatte ich Muße, eine halbe Stunde am Fenster zu sitzen und den Vögeln an unserer Futterstelle zuzusehen. Besonders hübsch ist die Futterstelle nicht, ich gebe es zu. Ein Obstbaum, der eine Pflaume sein sollte, aber nur ungenießbare saure gelbe Kugeln trägt (keine Mirabellen), wurde von mir mit einem Meisenknödelhalter, einem selbstgebauten Sonnenblumenkernefutterspender und Tassen behängt, die ich mit einer Haferflocken-Sonnenblumenkerne-Fett-Mischung befüllt habe.
Aber Ästhetik stört die Piepmätze zum Glück nicht. Ich schaue ihnen gern zu, manchmal assistiert von der freudig schmatzenden Katze. Ich zeige euch mal ein paar Bilder. Sind nicht supertoll, ich weiß, habe mit kleiner Kamera durch die Scheibe fotografiert und es fiel da auch noch recht viel Schnee.
Kohlmeisen sind hier die häufigsten GästeDie kleineren Blaumeisen sind viel scheuer als die größeren KohlmeisenRotkehlchen sind recht zutraulich und lassen sich gerne knipsen.Stare kommen gerne gleich in der Gruppe und verbreiten dann viel Gekreisch und GezankeDie Buchfinken beobachten oft lange das Geschehen, bis sie sich näher wagen, Dann sammeln sie auch lieber Futter vom Boden auf.Auffällig seltener geworden sind die AmselnDen Vogel kannte ich gar nicht. Es ist eine Heckenbraunelle.
Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.
Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.
Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.
Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.
Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …
Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.
Hätte ich gerade keinen Urlaub, hätte ich sicher heute von meiner Redaktion den Auftrag bekommen, „Verkehrschaos im Odenwald wegen Schnee“ zu fotografieren. Da muss ich immer etwas schmunzeln; meine Kolleg:innen an der Bergstraße unterschätzen den Odenwälder doch ein bisschen, was seine Fähigkeiten angeht, mit Eis und Schnee umzugehen. Vor allem, wenn es sich wie heute um nicht mehr als eine dünne Puderzuckerschicht handelt, die nett anzusehen war, aber in der Mittagssonne auch schnell verschwand.
Blick von der Kreidacher Höhe Richtung Westen und Rheinebene
Heute Morgen war es sehr neblig. Nach einem Blick auf die in solchen Wetterlagen immer sehr praktische Webcam auf dem Trommturm sah ich, dass oben die Sonne schien. Also tuckerte ich auf die Kreidacher Höhe hinauf, um dort ein bisschen zu spazieren. Leider muckt aktuell mein Knöchel etwas herum, weswegen ich auf dem dortigen Kunstwanderweg langsam ging und nicht furchtbar weit. Aber ich habe euch ein paar Impressionen mitgebracht.
Ansonsten wundere ich mich, dass meine großzügig bemessenen Winterferien schon wieder fast halb vorbei sind. Schlauerweise habe ich es diesmal aus Erfahrung vermieden, mir sehr viele Dinge vorzunehmen. Verwandtenbesuche an Weihnachten, das alljährliche Rauhnachtscafé mit Freunden, dazu noch ein paar Dinge, die ich nicht ganz vermeiden kann wie Umsatzsteuererklärung und Passfotos sowie ein paar organisatorische Dinge rund um unsere Geopark-Gruppe — selbst das kommt kaum in die Pötte
Ein Schwarm Distelfinken
Aber das soll und muss vielleicht auch einfach mal so sein zwischen den Jahren, wenn es selbst bei Sonnenwetter so viel dunkel ist. Ich schreibe Träume auf, die sich fast alle um meine Arbeit drehen, und habe keine rechte Lust auf einen Jahresrückblick.
2025 war zäh. Die Wechseljahre hatten mich vor allem im Sommer schlimm in der Mangel, und überall um mich herum sehe und sah ich Freund:innen und Bekannte mit der psychischen und körperlichen Gesundheit hadern. Dazu noch alles draußen in der großen Welt, die so viel kälter und härter ist als meine 70er-Jahre-Bude und meine verständigen Freunde hier im plüschigen Auenland.
Dass ich trotz allem, trotz all der Malaisen im persönlichen Leben und der Weltlage – letztere viel schlimmer zurzeit – oft ziemlich glücklich aus der Wäsche gucke, hat viel mit zwei Dingen zu tun: Dankbarkeit und der Fähigkeit, mich an kleinen, einfachen und einfach so vorhandenen Dingen sehr zu erfreuen.
Zum Beispiel an einem frostigen Morgen, an dem die Sonne über den Nebel steigt und ich nach einem ersten Artikel genug Zeit habe, für ein Stündchen loszustampfen. Ich habe Freude an dem herzhaften Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Füßen, ich genieße die zarte Wärme der Dezembersonne, schaue mir die kleinen Frostnadeln auf den Pflanzen an und beobachte, wie der Nebel über die Lichtung wallt, und mein Herz singt.
Und ich bin sehr dankbar, dass ich all das kann – laufen, gucken, Zeit für so was haben, mich daran erfreuen.
Der November hat ja einen eher schlechten Ruf und die in diesem Monat Geborenen ebenso. Grau sei der November, höre ich immer wieder, depressionsfördernd, und die, die zu der Zeit geboren sind, seien hart, ja, böse. Skorpione eben.
Ich möchte jetzt aber mal eine Lanze für den November brechen. Ja, natürlich gibt es das berühmte Novembergrau, vor allem gegen Ende des Monats. Ich finde allerdings den Dezember viel, viel schlimmer. Da gibt es zwar netterweise Lichterketten (die mag ich sehr im Winter, hänge sie schon im November auf und finde es immer schade, wenn sie in der Öffentlichkeit im Januar abgebaut werden), aber der Dezember hat auch diese massive und schrille Vorweihnachtsbekitschung, die mir als Gefühlsduselei-Allergikerin und Nichtchristin so gar nicht liegt.
Der November dagegen hat – zumindest in der ersten Monatshälfte – so viele Farben! Da ist der gelb-grün-blau-rosa Himmel am Morgen und am Nachmittag. Da ist das letzte gelbe Laub an den Bäumen. Da ist das farbenfrohe Essen: rote Kürbisse, lila Rotkraut, orangene Möhren! Und da sind oft noch erstaunlich viele Blumen.
Gestern bin ich bei einem Gang durch meinen Heimatort zufällig auf eine sehr bunte Truppe gestoßen, die gerade den Bürgermeister abführte. Genau, es war am 11.11. um 11:11 Uhr, Beginn der Fastnachtssaison. Fastnacht ist zwar noch weniger mein Ding als Weihnachten, aber bunt ist sie doch unbestreitbar, oder?
Am meisten Freude hatte ich aber gestern an einem kleinen bunten Kleinod hier: einem Rosen- und Kräutergarten. An dem läuft man schnell vorbei am Bürgerhaus, aber es ist wirklich eine schöne kleine Anlage – und auch dort habe ich gestaunt, wie viele Rosen und andere Blumen zurzeit noch blühen. Siehe die Bilder hier…
Ja, man muss im November manchmal ein bisschen genauer hinsehen, um Farben zu finden. Aber gerade weil ich weiß, dass es sie in ein oder zwei, vielleicht drei Wochen nicht mehr geben wird, dass der Herbst dann endgültig vorbei ist und der Winter einsetzt, versuche ich, so viel davon aufzunehmen wie möglich.
Ich liebe ja den Herbst generell, aber Ende Oktober, Anfang November ist für mich noch einmal eine besondere Zeit. Ob man nun Halloween feiert oder Allerheiligen oder Samhain oder irgend ein anderes Der-Winter-naht-Fest – es ist eine Zeit, in der die Welt der Toten und der Lebenden ein wenig enger rücken, zumindest, wenn man sich darauf einlassen will.
Ich könnte jetzt so viel dazu schreiben, aber ich merke, dass ich hier – halbwegs seriös und mit Klarnamen im Hintergrund – gar nicht so viel von diesen Gedanken in die Welt hinausblasen will. Falsch verstanden zu werden ist ja heute ziemlich einfach, und da werden ein paar typische Skorpion-Gedanken schnell mal als Lebensmüdigkeit ausgelegt oder spirituelle Anwandlungen interpretiert, als hätte man einen Dachschaden. Been there, done that.
Götzenstein
Für mich ist es ja gar nicht so, dass Gedanken an den Tod etwas mit mangelnder Wertschätzung dem Leben gegenüber zu tun hätten – im Gegenteil. Gerade weil ich sterblich bin und ziemlich sicher, dass da kein Leben 2.0 in Himmel, Hölle oder Nirvana nachkommt, möchte ich dieses Leben nicht ungelebt vorbeirauschen lassen. Ich möchte seine süßen Seiten genauso schmecken wie seine bitteren. Und der Tod mahnt mich, das ganze nicht aufzuschieben und zu vertrödeln.
Und was ich auch mit dieser Zeit jetzt verbinde, sind all die, die nicht mehr bei mir sind – sei es, weil sie, wie meine Großmutter und Eltern oder mein erster Jugendfreund, schon tot sind, oder weil wir uns aus den Augen verloren, verstritten oder auseinandergelebt haben. Auch sie sind mir in dieser Zeit näher, und das macht mich traurig und gleichzeitig glücklich – glücklich für alles, was ich an tollen Begegnungen mit Menschen in diesem Leben schon mitnehmen durfte.
Das „Stennen Ross“
Die letzten Tage war ich viel im Wald spazieren. Eigentlich hatten wir uns gestern mit Freunden dazu verabredet, aber der beste Ehemann von allen war sehr erkältet und nicht wandertauglich, und ich auch ein Stückchen krank und womöglich virenschleudernd. Also bin ich allein durch die Wälder gelaufen, und besonders am letzten Oktobertag war das sehr schön und magisch am Götzenstein und in seinen Wäldern.
Ach ja, der richtige Soundtrack wäre jetzt vielleicht „Autumn“ von New Model Army: „Everything is beautiful, Because everything is dying“
Nun sind die Herbstferien schon eine Woche vorbei. Aber immerhin hatten wir am letzten Ferienwochenende noch einmal einen schönen Ausflug zum ganz anderen Ende des Odenwaldes gemacht – nach Osterburken. Dort hatten wir das Römermuseum besucht und sind durch die Stadt spaziert. Wir hatten auch erwogen, die nahe Tropfsteinhöhle Eberstadt zu besuchen, aber da waren gerade keine Plätze bei den obligatorischen Führungen frei, und angesichts des schönen Wetters war uns sowieso mehr danach, noch einmal eine Runde im Herbstwald zu drehen.
Herbstwald bei Beerfelden Mitte Oktober
Wieso guilty pleasure? Weil das Schönste am Ausflug eigentlich die lange (je 1,5 Stunden) Hin- und Rückfahrt quer durch den Odenwald war. „Spazierenfahren“ ist ja heute klimatechnisch kein applauswürdiges Hobby mehr. Aber ich verbinde damit immer schöne Zeiten mit meiner Mutter, die gerne mit mir im Odenwald herumgefahren ist. Vor der Zeit der Routenplaner waren wir bestenfalls nur mit einer Landkarte bewaffnet, und meine Mutter war durchaus experimentierfreudig, was seltsame kleine Schleichwege und unbekannte Straßen anging. Ich habe noch besonders gut eine Tour in Erinnerung, die von Siedelsbrunn durch den Wald ins Eiterbachtal und von dort an den Neckar führte.
Diesmal aber einmal Odenwald querbeet – genauer: Weschnitztal, Marbachstausee, Hetzbach, Schöllenbach, Mudau, Buchen, Osterburken. Zurück ging es ab Mudau durch den Reisenbacher Grund, Gaimühle, das Sensbachtal und Wald-Michelbach.
Wenn man aus dem verhältnismäßig urbanen und durch das kristalline Tiefengestein geprägten Weschnitztal kommt, ist der hintere Odenwald schon beeindruckend einsam an manchen Stellen. Besonders zwischen Hetzbach, das zu Beerfelden gehört, und Mudau fährt man lange durch dichte Wälder, die kaum einmal durch kleine Ansiedlungen unterbrochen werden. Die Landschaft ist auch anders durch die unterschiedliche Geologie. Während wir hier im kristallinen Odenwald eine kleinformatige Struktur haben, die viele kleine Täler und Hügel beinhaltet, hat der Sandsteinodenwald langgestreckte Höhenzüge und teils tief eingeschnittene Täler (was bedeutet, dass man Serpentinen und Steigungen nicht scheuen darf, wenn man dort entlangfährt). Das finden wohl auch Motorradfahrer reizvoll, aber manche Strecken dürfen von ihnen z. B. an Wochenenden nicht befahren werden. Die Gegend ist weniger fruchtbar, daher gibt es auch mehr Wald als Felder, und das Wetter ist dort ebenfalls rauer als hier in Bergstraßennähe.
Bei Mudau war die Landschaft Richtung Südosten mit dem Untergrund Muschelkalk wiederum eher flach mit einem weiten Himmel – auch das war reizvoll.
In Osterburken fanden wir das Römermuseum dort durchaus sehenswert. Es war angenehm leer, außer uns waren nur eine Familie und zwei ältere Herren da. Neben Fundstücken konnte man auch die Grundmauern eines antiken Badegebäudes anschauen. Die älteren Herren neigten allerdings dazu, sich sehr lautstark zu unterhalten, sodass man im halben Museum etwas davon hatte. In Osterburken konnte man sich außerdem den Rest des alten Römerkastells anschauen.
Den Ort selbst fand ich eher wenig aufregend. Mich erstaunte, dass das relativ kleine Städtchen (laut Wikipedia gut 6.600 Einwohner) einen so großen und prächtigen Bahnhof hatte. Friederike vom LandLebenBlog erklärte mir auf Bluesky, dass die Stadt schon seit jeher ein Bahnknoten gewesen sei, sowohl für badische als auch für württembergische Linien. Die hatten früher jeweils einen eigenen Bahnhof, weswegen es sogar zwei Stück gab. Und Osterburken lag auf der umsteigefreien Strecke Berlin–Rom. Wieder was gelernt! Heute wirkt das ehemalige Verkehrsdrehkreuz eher verschlafen.