Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: Wandern (Seite 1 von 3)

Wilde Leute

Sagenhafte Felsformationen gibt es ja im Odenwald en masse. Jetzt haben wir mit dem Wildleuthäusl (mal wieder) eine besucht, die in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes ist. Obwohl nicht weit vom beliebten Aussichtsturm auf der Tromm gelegen, ist sie nicht so leicht zu finden und auf vielen Karten nicht ganz korrekt angegeben (ganz unten findet ihr die Koordinaten). Und dann gehören diese Steine zu jenen, die der Sage nach von wilden Leuten bewohnt wurden oder werden.


Es ist ein durchaus beeindruckendes Felsensemble, das man dort vorfindet, in Quaderform verwitterte Steine sowie Spalten und Mini-Höhlen laden dazu ein, hier rastende wilde Gestalten zu imaginieren. Tatsächlich fanden wir auch Reste eines Lagerfeuers (wobei ich hoffe, das ist schon länger her, der Wald brennt aktuell hier wie Zunder nach langer Dürre). Ein Mountainbiketrail führte hindurch. Der beste Ehemann von allen und ich sind da mit Vergnügen herumgeklettert (festes Schuhwerk zu empfehlen). Es gibt eine Infotafel zum Trommgranit am Wildleuthäusl, die allerdings von den Felsen ein ganzes Stück entfernt steht.
Eine konkrete Sage zum Wildleuthäusl auf der Tromm kenne ich nicht, habe nur im Hinterkopf, dass dort auch die Hölzerlipsbande gerastet haben soll. Ansonsten gleichen sich die Sagen an solchen Orten.

Mein wilder Mann

Was sind denn wilde Leute der Sage nach?
Sie gehören zu den Erdgeistern, ähnlich wie Elfen oder Zwerge. Als wilde Leute oder wilde Frauen sind sie vom Alpenraum bis Skandinavien verbreitet. Die Erscheinung der wilden Leute variiert je nach Region; im Odenwald sind sie als Männer klein und behaart, die Frauen meist schön. Manchmal treten die Männer als Riesen auf. Sie sind eher umgänglich (wenn sie nicht gerade Kinder stehlen), geben Ratschläge für die Aussaat und helfen bei der Feld- und Hausarbeit. Man darf sie aber nicht beleidigen oder ärgern, weil sie sich dann rächen. Dafür mögen sie es, wenn man ihnen Speisen und Trank anbietet – aber bitte keine Kleider (sie sind oft eher kärglich bekleidet, wenn überhaupt), das beleidigt sie. Ebenfalls konnte man die freundlichen Hilfsgeister damit vertreiben, dass man ihnen hinterherspionierte. Geschah dies, so kamen sie nicht wieder.

Eine gern verbreitete Theorie über die realen Hintergründe der wilden Leute ist, dass es sich um Heiden handelte, die vor der Christianisierung flohen und lieber im Wald hausten, als sich der neuen Religion zu unterwerfen. Ich vermute, diese Geschichten sind irgendwann zwischen Romantik und Nationalsozialismus entstanden, ist doch der Odenwald im Bereich des ehemaligen Klosters Lorsch schon früh christianisiert worden.

Fakt ist aber auch, dass sich Außenseiter, Obdachlose, Kriminelle und Deserteure bis ins 20. Jahrhundert zeitweise oder auch dauerhaft in den Wäldern des Odenwaldes in Höhlen oder primitiven Behausungen versteckten. Ein bekannteres Beispiel (nach dem ein Bier benannt wurde) ist der „Dachsenfranz“, der vor allem im Kraichgau unterwegs war.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dachsenfranz

Es lassen sich ansonsten Parallelen zwischen den wilden Leuten und dem Grünen Mann ziehen; diese Gestalt mit Blättern und Ranken im Gesicht symbolisiert die Macht der Natur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Mann

Der „Wilde Mann“ hat als Name von Gaststätten und als geschnitzter Schmuck bei Häuserbalken oder auch als Fachwerkmuster überlebt.

Weitere Behausungen der wilden Leute:

Wildeleute-Stein bei Ober-Flockenbach
Wildweibchenstein bei der Ruine Rodenstein
Das Wildfrauenhaus bei Fischbachtal-Lützelbach
Das Steinschloss bei Scheuerberg

Das Wildleuthäusl auf der Tromm
Koordinaten: 49°36’30.0″N 8°48’23.9″E
Plus Code JR54+8MJ Rimbach

Pfälzer Sandstein

Typischer Südpfälzer Ausblick: Wald und Sandstein

Wir waren in der südlichen Pfalz, eine Woche mit viel Wandern und viel Weißweinschorle, so nah an der französischen Grenze, dass wir von unserer FeWo dorthin in einem kurzen Spaziergang hinwandern konnten. An manchen Orten wie auf dem Maimont gab es Spuren des Zweiten Weltkriegs, aus den Grenzsteinen hatte man damals das französische F herausgeklöppelt. Aber heute spielt diese „Erbfeindschaft“ zum Glück keine Rolle mehr, man merkt kaum, wenn man die Grenze überfährt. Wie kann das irgendwer wollen, denke ich, hier die Zeit zurückdrehen, Grenzposten, Schranken, Zoll!

Unsere FeWo in einem kleinen Dorf war sehr schön und wurde als LGBTQ-freundlich beworben, was in den verschlafenen Pfalzorten ungewohnt urban wirkte. Ich nehme an, dass sie das Etikett bekommen hat, weil zwei freundliche Frauen das Vermieterpaar waren.

Bis auf kleine Fachwerkorte und das verschlafene Städtchen Dahn gibt es dort genau drei Motive für die Kamera: hohe, steile und nur mit viel Schweißeinsatz zu erklimmende Hügel, dicht bewaldet, darin mehr oder weniger versteckt viele interessante Sandsteintürme, die teilweise Statik und Schwerkraft verhöhnen, und viele kleine und größere Burgen, die den Türmen ähneln oder auf ihnen thronen, in sie hineingehauen, oben auf die Türme hinaufgebaut oder an sie angelehnt worden waren.

Ich habe die Geschichte dieses deutsch-französischen Grenzgebiets noch nicht ganz verstanden, auf den (relativ wenigen) Infotafeln war die Rede von diesem Herrscher und jenem, aber wieso so viele Adelige in die heute so menschenleeren Wälder ihre Burgen bauten, erschließt sich mir nicht ganz.

Trotz Gästebeitrag und vielen schönen, steilen ausgeschilderten Wanderwegen fand ich die Gegend, die nahtlos in die nordfranzösischen Vogesen übergeht, touristisch und auch sonst überraschend wenig erschlossen. Zu einem Supermarkt fährt man ein Stück, Tankstelle dito, viele Geschäfte und Restaurants sind endgültig oder aber (ausgerechnet) jetzt zur Ferienzeit wegen Urlaub geschlossen; wenn es irgendwo Veranstaltungen oder Museen gab, habe ich das online nicht gefunden. In Frankreich schien mehr los zu sein, vor allem rund um die Ruine Fleckenstein.

Das Biosphärenhaus, das ich anschauen wollte, ein Lost Place, ein Doppel-Lost-Place war die Area 1, ein ehemaliges Militärlager, wo wohl auch mal Atomwaffen lagerten. Doppel-Lost-Place, weil das mal vor 15 Jahren eine Art Outdoor-Museum werden sollte, von dem inzwischen auch schon verwitterte oder umgefallene Infoschilder zeugten. Dafür gab es viel Graffiti, irgendwo muss es also auch Dorfjugend geben.

Und so passte es auch zur Waldeinsamkeit, dass ein Unwetter an einem Abend über uns hinwegfegte, die vertrockneten Wiesen wurden weiß unter Hagel, wie wir aus der sicheren Ferienwohnung heraus beobachteten. Der Strom fiel aus und blieb bis tief in die Nacht weg, wir saßen bei Kerzenschein und hörten ein paar Folgen der drei ???, die der Mann noch von meiner letzten Krankheit auf dem Handy gespeichert hatte, damit ich im Fieberwahn etwas anzuhören hatte.

Neben Wandern und Dinge aus Sandstein anschauen habe ich auch recht viel gelesen, unter anderem die Autorin Olga Tokarczuk entdeckt.

Besondere Pfälzer Spezialitäten sind mir nicht untergekommen, von den wirklich immer leckeren Pfälzer Weißweinen mal abgesehen. Aber mit veganen Restaurants oder auch nur Optionen habe ich auch nicht gerechnet.

Für eine Woche Wanderurlaub war es eine schöne Gegend. Das nächste Mal fahre ich aber lieber im Herbst hin, dann ist das Wandern leichter und man kann „Keschde“ sammeln 🙂

Dune

Die letzte Wochen, genauer die letzte Tage, hatten mal wieder ein paar nervige Dinge mit im Gepäck. Ihr wisst schon, solche „oh, hatte ich nicht schon gesagt, dass wir den Zahn ziehen müssen?“ und auch „Uih, das sollte man abklären“-Dinge. Blöde Dinge, nervige Dinge – wenn ich bei irgendetwas ein dünnes Nervenkostüm habe, dann ist das alles rund um das Thema Arzt und Krankheit.

Und wie es so ist, wenn man gestresst ist, kommen auch immer noch gleich ein paar weitere nervige Sachen in Job und sonstwo oben drauf. Aber ich beschäftige mich ja zum Glück lange genug mit Psychologie, damit ich relativ schnell wieder auf die Spur komme. Ein lieber Mann und die allertollsten Freundinnen der Welt sind dabei eine ungeheure Stütze.

Wie auch immer, heute hatten der beste Ehemann und ich Lust, mal außerhalb unserer üblichen odenwaldhügeligen Gefilde zu wandern. Stattdessen steuerten wir eine Landschaft mit Dünen und Kiefernwäldern an, bei der man oft das Gefühl hat, man befindet sich irgendwo an der Ostsee oder gar am Mittelmeer. Aber in Wirklichkeit ist man nur irgendwo zwischen Viernheim und Mannheim.

Dünen wie die hier findet man im Oberrheingraben an einigen Stellen. In Viernheim kann man die Dünen auch deswegen besonders gut sehen, weil das US-Militär hier bis 1994 einen Truppenübungsplatz hatte. Dadurch entstanden freie Flächen, wo der Sand wieder zum Vorschein trat und die eine besondere Vegetation anzogen. Damit diese Flächen nicht weiter verbuschen, werden sie auch beweidet; wir sind heute einer Herde Schafe begegnet.

Entstanden sind die Dünengürtel am Ende der letzten Eiszeit aus Flugsand. Das Naturschutzgebiet Glockenbuckel, von dem ich rede, befindet sich am Westrand von Viernheim und kann gut über den Parkplatz Sandgabe oder Lampertheimer Straße erkundet werden. Es gibt zahlreiche markierte Wanderwege, vor allem rund um den Karlsstern bei Mannheim-Gartenstadt. Dort gibt es ein paar Tiergehege, Gastronomie (glaube ich), einen Vogelpark und Kinderspielplätze. Jetzt am Wochenende war dort dementsprechend viel los, und man hätte sich da auch niederlassen und Mannheimer Originale beobachten können, die da mit Kind und Kegel unterwegs waren.

Interessant in dem Gebiet sind auch Reste der alten Einrichtungen des US-Militärs. So gibt es neben vielen alten Betonresten auch Überreste alter Bunker. Dort sind wir heute nicht hingelaufen, sondern haben uns lieber Hirsche und Vögel am Karlsstern angeschaut. Die Gehege für die Hirsche sind sehr weitläufig, es gab einige Bambis zu sehen. Die Volieren im Vogelpark waren zwar auch eher groß, aber mir tut es dann doch leid, Vögel, besonders Greifvögel, hinter Gittern zu sehen. Ebenfalls interessant sind an der Grenze Hessen (Viernheim) zu Baden-Württemberg (Mannheim) historische Grenzsteine.

Wenn ihr da auch mal laufen wollt – es gibt unendlich viele markierte Wege, denen man folgen kann. Es empfiehlt sich aber manchmal eine Wander-App, wenn man wie wir die schmaleren Pfade bevorzugt. Da alles eben ist, sind Spaziergänge oder Wanderungen dort nicht anstrengend.



Hier beim Geopark und hier beim Regierungspräsidium könnt ihr euch Infoflyer zum Glockenbuckel herunterladen und mehr über das Biotop erfahren.

Sommerleicht

Vor einer Woche war es noch eisheiligenkalt, gestern fühlte es sich an wie Frühling, als ich durch den Wald lief und Maiböcke beim Kämpfen beobachtete, und heute ist Sommer.

25 Grad und mehr im Schatten, die 30 sollen morgen geknackt werden. Und ich atme auf und durch und freue mich, dass alles leichter wird.

Leichter sind schon mal die Klamotten, die ich anhabe, kein riesiger Berg aus Fleecegedöns mehr vor dem Bett, wenn ich schlafen gehe. Leichter die Schuhe, endlich wieder Sandalen, Fußnägel mit geschmacklosem Glitzernagellack und Füße, die sich streifenweise bräunen und immer etwas dreckig sind. Sommerfüße nenne ich das.

Und mit weniger Kleidern und Sandalen ist auch das Wandern noch leichter. Warmer Wind weht mir durch die Haare, es duftet nach wilden Rosen, die sich gerade öffnen, und ich bleibe manchmal begeistert stehen, wenn ich mein liebstes bewegtes Bild in der Natur sehe: Wind, der durch hohes Gras streift. Keine Ahnung, woran es liegt, aber das finde ich wunderbar.

Leichter ist mir auch wieder ums Herz. Ich habe ein paar Arzttermine bewältigt, die mir Bauchschmerzen gemacht hatten, und bei einem auch wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, ach was, „langweilig“, wie der Hausarzt meinte. Da meine Eltern beide Diabetiker waren, habe ich vor allem auf den Blutzucker ein Auge. Aber da ist alles perfekt, ich bin er-leichtert.

Heute ist auch eines der großen Volksfeste hier im Tal, jeder Ort hat da sein eigenes, Feste zu Pfingsten, Johanni oder zur Kirchweih. Ich gönne es den Veranstaltern, dass sie mit dem musikalischen Abendprogramm bei dem Prachtwetter sicher erfolgreich sein werden. Und natürlich macht mir mein Arbeitsbesuch dort auch mehr Spaß, wenn es nicht kalt und regnerisch ist. Feiern, gutgelaunte Menschen – auch das ist Leichtigkeit.

Jetzt müsste ich nur noch schauen, dass ich auch körperlich ein bisschen leichter werde und den pfundigen Aufwärtstrend der Wechseljahre wieder umkehre.

Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

Jahresabschlusspuderzucker

Hätte ich gerade keinen Urlaub, hätte ich sicher heute von meiner Redaktion den Auftrag bekommen, „Verkehrschaos im Odenwald wegen Schnee“ zu fotografieren. Da muss ich immer etwas schmunzeln; meine Kolleg:innen an der Bergstraße unterschätzen den Odenwälder doch ein bisschen, was seine Fähigkeiten angeht, mit Eis und Schnee umzugehen. Vor allem, wenn es sich wie heute um nicht mehr als eine dünne Puderzuckerschicht handelt, die nett anzusehen war, aber in der Mittagssonne auch schnell verschwand.

Blick von der Kreidacher Höhe Richtung Westen und Rheinebene

Heute Morgen war es sehr neblig. Nach einem Blick auf die in solchen Wetterlagen immer sehr praktische Webcam auf dem Trommturm sah ich, dass oben die Sonne schien. Also tuckerte ich auf die Kreidacher Höhe hinauf, um dort ein bisschen zu spazieren. Leider muckt aktuell mein Knöchel etwas herum, weswegen ich auf dem dortigen Kunstwanderweg langsam ging und nicht furchtbar weit. Aber ich habe euch ein paar Impressionen mitgebracht.

Ansonsten wundere ich mich, dass meine großzügig bemessenen Winterferien schon wieder fast halb vorbei sind. Schlauerweise habe ich es diesmal aus Erfahrung vermieden, mir sehr viele Dinge vorzunehmen. Verwandtenbesuche an Weihnachten, das alljährliche Rauhnachtscafé mit Freunden, dazu noch ein paar Dinge, die ich nicht ganz vermeiden kann wie Umsatzsteuererklärung und Passfotos sowie ein paar organisatorische Dinge rund um unsere Geopark-Gruppe — selbst das kommt kaum in die Pötte

Ein Schwarm Distelfinken

Aber das soll und muss vielleicht auch einfach mal so sein zwischen den Jahren, wenn es selbst bei Sonnenwetter so viel dunkel ist. Ich schreibe Träume auf, die sich fast alle um meine Arbeit drehen, und habe keine rechte Lust auf einen Jahresrückblick.

2025 war zäh. Die Wechseljahre hatten mich vor allem im Sommer schlimm in der Mangel, und überall um mich herum sehe und sah ich Freund:innen und Bekannte mit der psychischen und körperlichen Gesundheit hadern. Dazu noch alles draußen in der großen Welt, die so viel kälter und härter ist als meine 70er-Jahre-Bude und meine verständigen Freunde hier im plüschigen Auenland.

2025 in einem Wort? Erschöpfend.

Dank der Nebelbank

Dass ich trotz allem, trotz all der Malaisen im persönlichen Leben und der Weltlage – letztere viel schlimmer zurzeit – oft ziemlich glücklich aus der Wäsche gucke, hat viel mit zwei Dingen zu tun: Dankbarkeit und der Fähigkeit, mich an kleinen, einfachen und einfach so vorhandenen Dingen sehr zu erfreuen.

Zum Beispiel an einem frostigen Morgen, an dem die Sonne über den Nebel steigt und ich nach einem ersten Artikel genug Zeit habe, für ein Stündchen loszustampfen. Ich habe Freude an dem herzhaften Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Füßen, ich genieße die zarte Wärme der Dezembersonne, schaue mir die kleinen Frostnadeln auf den Pflanzen an und beobachte, wie der Nebel über die Lichtung wallt, und mein Herz singt.

Und ich bin sehr dankbar, dass ich all das kann – laufen, gucken, Zeit für so was haben, mich daran erfreuen.

Das Gassbachtal

Nachdem ich die letzten Tage mit viel Husten und Schniefen verbracht habe und gar nicht oder nur sehr kurz spazieren war, geht es heute wieder etwas besser. Da es ein schöner, ruhiger Herbsttag ist, haben wir einen kleinen Spaziergang dort gemacht, wo ich auch mit meiner aktuell kaum vorhandenen Kondition laufen kann, ohne gleich ins Keuchen, Husten oder Schwitzen zu kommen.

Das Gassbachtal eignet sich dafür hervorragend; es ist ein sanft ansteigendes, sehr hübsches Odenwaldtal bei Gras-Ellenbach, einem Ortsteil von Grasellenbach.

Schön ist im Gassbachtal auch der Kunstweg, einer von 25, die die Sparkassenstiftung Starkenburg gesponsert hat. Dieser hier stammt aus dem Jahr 2012 und ist noch gut erhalten; ich erinnere mich noch an die Einweihung in meinem ersten Jahr als Lokaljournalistin.

Auch zwei Kneippanlagen findet man bei einer kleinen Runde, die auf der einen Seite des Tals hinaus- und auf der anderen wieder hinunterführt. Sie werden von Quellen gespeist; davon gibt es dort viele.

An einer dieser Quellen befindet sich ein Werk zum „Quellendank im Odenwald“, das die Künstlerin Gesine Wegener geschaffen hat – eine sehr interessante und spirituell inspirierende Künstlerin, die ich vor Jahren persönlich kennenlernen durfte. Die Werke an den Quellen danken dem Element Wasser.

Hier in der Region erarbeitete Wegener unter anderem an der Martin-Luther-Schule in Rimbach zusammen mit Schüler:innen eine Stelenanlage, die an jene jüdischen Kinder erinnert, die durch Kindertransporte vor dem Tod während der NS-Zeit gerettet wurden.

In Gelnhausen steht das m.W. erste Mahnmal, das an die Hexenverbrennungen erinnert; es heißt „Die Rufende“ und wurde 1986 von Wegener geschaffen.

Zurück zum Gassbachtal. Auch der Wald dort ist schön. Es gibt dort noch relativ viele Nadelbäume und dementsprechend viele Pilze. Essbare waren zwar keine dabei, die uns auf dem Spaziergang gereizt hätten, aber man muss ja nicht alles ausreißen und auffressen.

An der Felsenquelle im Gassbachtal findet man eine Gedenktafel für Professor Gerhard Beisinger, den „Kenner, Freund, Beschützer der Landschaft unserer Heimat“.

Ich gestehe: Der Name sagte mir zunächst nichts, also habe ich einmal gegoogelt. Beisinger war wohl in der weiteren Region als Lehrer tätig, ab 1924 in Heppenheim, und dort auch als Naturschutzbeauftragter aktiv.

In Antiquariaten konnte ich mehrere Bücher von Beisinger über Naturschutz und Naturschutzgebiete im Kreis Bergstraße finden. Anderswo wird er als „Pionier des Naturschutzgedankens“ bezeichnet, und es wird erwähnt, dass er sich sehr für den Naturpark Bergstraße-Odenwald (den Vorläufer des heutigen UNESCO Geo-Naturparks) eingesetzt hat.
1963 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Wieder was gelernt!

Gerhard Beisinger

Man kann die Runde durchs Tal natürlich beliebig erweitern – zum Beispiel in Richtung Walpurgiskapelle, Hammelbach oder Weschnitzquelle, oder man stattet dem Café Bauer im Gassbachtal einen Besuch ab.

Gras-Ellenbach ist, wie ich schon einmal beim Thema Siegfriedquelle schrieb, ein Ort, der immer noch gerne von Tourist:innen besucht wird. Ich habe ein bisschen recherchiert und dabei festgestellt, dass der Ort allein im Juni 2025 fast doppelt so viele Übernachtungen wie Einwohner hatte.

Als Wander- und Ausflugsziel ist Gras-Ellenbach mit seinem leicht angestaubten Nibelungen-Charme und der prächtigen Natur auch für Tagesausflügler interessant. Und wer sich von Sahnetorten ernährt, muss nach meiner Recherche dort garantiert nicht hungern.

Wenn man das Gassbachtal entlangwandern will, muss man allerdings etwas Glück haben, um auf dem sehr kleinen Wanderparkplatz einen Stellplatz zu bekommen. Fast alle anderen Parkplätze gehören offiziell zu den umliegenden Hotels. Alternativ kann man etwa 200 Meter weiter an der Nibelungenhalle parken.

Mit dem Bus erreicht man den Ort aus Richtung Heppenheim mit der Linie 660, aus Richtung Weinheim mit der 681; beide Linien fahren stündlich, in den Stoßzeiten unter der Woche sogar halbstündlich.

Das Dürr-Ellenbacher Tal

Ein wirklich schönes Wandergebiet ist die Gegend zwischen Oberschönmattenwag („Schimmeldewoog“) und Raubach. Kommt man mit dem Auto, parkt man am besten auf dem Parkplatz „Waldlehrpfad“.

Der Waldlehrpfad ist etwas Besonderes: Er soll der erste in Deutschland gewesen sein. Angelegt hat ihn der Lehrer Ruprecht Bayer 1957.

Ich mag die etwas anachronistisch wirkenden Schilder – etwa jene, die bildhaft vor Rauchen im Wald warnen, oder andere, die mit einem Gedicht darauf hinweisen, dass Sorgen im Wald keinen langen Bestand haben (*Text siehe ganz unten). Letzteres kann ich voll und ganz unterschreiben.

Bayer hat übrigens – wie ich in diesem Wikipedia-Eintrag über den Ort im Dialekt gelesen habe – auch die Hymne von Schönmattenwag geschrieben: „Schimmeldewog, wie leigscht du schäi“.

Neben dem Waldlehrpfad gibt es dort noch verschiedene andere markierte Wege. Man kann aber auch einfach auf der einen Seite des Dürr-Ellnbacher Bachs hinauf- und auf der anderen Seite hinunterlaufen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Bach trockenen Fußes zu queren.

Es ist eine schöne, ruhige Ecke dort, auch bei herbstlichem Ausflugswetter nicht überlaufen. Wir haben viele Pilze gesehen, allerdings nur wenige essbare, die noch gut waren. Ich bin dort aber auch schon mit vollen Körben nach Hause gegangen. Hübsch waren die nicht sammelnswerten Pilze aber allemal.

Ganz am Ende des Tals steht das alte Forsthaus, zu dem wir heute nicht hingelaufen sind. Angeblich soll es Anfang des 20. Jahrhunderts mit vier Einwohnern das kleinste Dorf Deutschlands gewesen sein. Früher war es größer; die erste Erwähnung findet sich laut Wikipedia schon 1437. Anfang des 19. Jahrhunderts sollen dort 42 Menschen gewohnt haben. Doch wie auch in anderen armen Odenwalddörfern, die heute nicht mehr existieren, setzte dort Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Auswanderungsbewegung nach Amerika ein. Nur ein Hof blieb übrig, der später zum Forsthaus wurde. Von den anderen Gebäuden ist heute nichts mehr zu sehen.

*
Wie es den Sorgen im Walde ergeht
Einst wollt ich hinaus in den grünen Wald,
da zogen die Sorgen mit.
Vergebens gebot ich wohl zehnmal Halt,
sie folgten mir Schritt für Schritt.

Doch als wir kamen wohl in den Busch,
begann ein Flüstern sogleich –
die Vögel riefen: „Ihr Sorgen, husch,
hinaus aus dem grünen Bereich!“

Das Gras erhob sich und hielt sie auf,
ein Windstoß hauchte sie fort,
die Bäume rauschten und schlugen drauf,
sie flohen von Ort zu Ort…

Und rannten und stießen die Köpfe sich ein
am Felsen, riesig und rauh,
verschmolzen im lachenden Sonnenschein,
ertranken im duftigen Tau.

„Da habt ihr’s!“ rief ich, von ihrer Not
befreit, in die Lüfte hinaus –
„da seht ihr, was euch im Walde droht,
ein andernmal bleibt ihr zu Haus!“

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