Nachtlande

Lesen, Wandern, Palavern

Weinheimer Folklore

Weinheim ist eine nette kleine Stadt, ich habe dort mit dem besten Ehemann von allen 7–8 Jahre lang gelebt, und das gerne: da ist die pittoreske, mediterran wirkende Altstadt, ein ausreichendes Angebot an Läden, Kinos und Schwimmbädern, interessante Parks und der schöne Odenwald vor der Haustür. Und Feste, Brauchtum, schöne Traditionen.

Weinheim hat aber auch eine eher unschöne Tradition, und das ist der Rechtsextremismus. In Weinheim lebte eine wichtige Gestalt der NPD (wobei er sogar aus der, glaub ich, mal rausflog), der als Holocaustleugner jahrelang im Gefängnis saß und dessen Todesanzeige eine „Todesrune“ (Algiz gestürzt) schmückte. Weinheim war lange eine Hochburg der Rechtsextremen, wohl auch jenem braunen Herrn geschuldet.

Nun fährt die NPD zwar auch dort nur noch Nullkomma-Wahlergebnisse ein. Dennoch scheint die rechtsextreme Szene immer noch einen Bezug zu Weinheim zu haben, hielt dort weiter Parteitage ab oder meldet immer wieder Demonstrationen an. Schon letztes Jahr gab es eine Kundgebung eines traurigen Häufleins von vielleicht 20 NPD-Anhängern, dem eine große Menge Gegendemonstranten gegenüberstand.

Am 8. Mai dieses Jahres war es mal wieder soweit. Die NPDler wollten dieses Mal eine Gedenkveranstaltung am wirklich grässlich hässlichen Kriegerdenkmal Weinheims abhalten, das übrigens auch aus der Nazizeit stammt. (Hier empfehle ich das sehr interessante Buch „Mensch, denk mal“ von Werner Pieper) Irgendwer hatte die klobige Scheußlichkeit im Vorfeld mit roter Farbe beworfen. Dass rechte Gruppen gerne Tage wie den 8. Mai oder den 3. Oktober für ihre Aktionen aussuchen, kennt man ja nicht nur von der NPD.

Und da standen am Freitag die vielleicht 15 Männer (und eine alte Dame mit bunten Haaren?!) mit ihren Bannern mit Frakturschrift und Stahlhelm und ihren rußenden Fackeln. Falls sie was sagten, konnte man es nicht hören. Ich machte ein paar Bilder für den Privatgebrauch, zoomte ran an die genervt-gelangweilten Gesichter. Ein junger Mann schaute so deprimiert, dass er mir fast schon leidtat. Das muss man aber auch wollen, sich da hinstellen und sich anbrüllen lassen, dachte ich mir.

Weinheim bleibt bunt“ hatte zur Gegendemo aufgerufen. Viele grün-links-alternative Menschen kamen, erfreulich viele junge. Auch die Antifa war da, und ich gestehe ja, dass mir als mittlerweile alter Spießerin ein bisschen das Herz aufgeht, wenn ich irgendwo noch ein paar kleine Punker sehe. Das ist ein bisschen wie früher. Apropos früher: Mir fiel ein, dass ich dort mit 16, also vor äh, vielen Jahren, auch schon mal gegen die NPD mitdemonstriert hatte. Irgendwo in einem alten Tagebuch müsste noch der ausgeschnittene Artikel davon sein.

Und dann hörte ich die altbekannten Parolen und die Lieder, die dann so gespielt werden von den Gegendemonstranten, und natürlich fühlte es sich gut und richtig an, aber auch ein bisschen wie Folklore. Etwas lächerlich ist es ja, dass die paar Männeken sich als das letzte (oft übergewichtige und auch schon etwas ältere) Bataillon einer Zeit hinstellen, die wahrscheinlich nicht mal die wiederhaben wollen. Und dass die andren dagegen aufstehen müssen, sollen, wollen – immer noch. „Wie schon in den 1970ern“, meinte ein Mann neben mir.

Und ein bisschen hoffe ich angesichts der politischen Entwicklungen (mir der Vergeblichkeit bewusst), dass es doch dabei bleiben möge: ein paar Ewiggestrige mit ihren Frakturschriftbannern und Fackeln und Glatzen, und der bunte Haufen, der zeigt, dass die so was von jämmerlich in der Minderheit sind. Vielleicht müssen wir bald schon gegen ein deutsches ICE auf die Straße, und das wird dann weniger folkloristisch werden, fürchte ich.

Gelesen: Nathan Hill: Wellness

Der Roman handelt von Elisabeth und Jack, einem Paar, das anno 1993 einen hochromantischen Beziehungsstart hingelegt hatte. Sie wohnten, nur durch eine schmale Schneise getrennt, in zwei ärmlichen Studentenbuden und beobachteten sich heimlich gegenseitig. Daraus erwuchs Liebe und eine Beziehung zwischen der nervösen und begabten jungen Studentin und dem angehenden Fotokünstler.

Gut 20 Jahre später sind sie verheiratet und haben einen achtjährigen Sohn. Der Alltag zwischen kompliziertem Nachwuchs, Beruf und den 10.000 Zumutungen des (digitalen) Alltags haben sie ausgehöhlt, sich von sich selbst und dem anderen entfremdet. Wie fern und märchenhaft und fremd erscheint da die Studentenzeit, als sie nicht mehr brauchten als einander (und es Stunden dauern konnte, ein Bild im Internet herunterzuladen).

Später geht es den beiden ein bisschen wie in Erich Kästners sachlicher Romanze: ihnen kam ihre „Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Und weil beide komplexe, intelligente und überdurchschnittlich neurotische Personen sind, fällt es ihnen schwer, anders zu handeln als immer wieder in die gleichen Kerben zu schlagen, die sie schon in ihren dysfunktionalen Kindheiten erlernt hatten – bloß nichts falsch machen und innerer Rückzug (sie) oder Unterwerfung und Anbiederung (er).

Das Ganze ist trotz dieser potenziell deprimierenden Thematik und einiger etwas überlanger Exkurse in die Familiengeschichte Elisabeths und das Funktionieren von Facebook-Algorithmen (die Jacks Vater zu einem wahrhaften Schwurbler machen) über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen. Denn die Geschichten kippen zum einen immer wieder ins Surreale, wenn zum Beispiel Jacks Durchbruch als Künstler einen völlig prosaischen Hintergrund hat, die Anzahl der Erwähnungen auf Facebook für Jacks Universitätstätigkeit bedrohlich wichtige Ausmaße annimmt oder Elisabeth in einer Firma arbeitet, die schwunghaften Handel mit diversen Placebos betreibt. Zum anderen packt Hill mit leichter Hand gewichtige Themen in die scheinbar so leicht dahinplätschernden Erzählungen: Wer bin ich wirklich, mein früheres Ich oder das heutige? Ist das, was ich so schätze im Leben, eigentlich echt oder nur ein Placebo? Warum bin ich, wie ich bin?

Zum Finale hin verdichten sich die äußeren, teils grotesken Geschehnisse rund um esoterische Freikirchen, unseriöse Immobiliengeschäfte und, natürlich, das Internet. Und gleichzeitig werden einige hintergründig schwelende Geheimnisse aus der Vergangenheit der beiden offenbart, die klarmachen, wieso die beiden so sind, wie sie sind.

Ich habe das Buch gerne gelesen.

WmdedgT im Mai

Abendlicht am 30.4.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (WmdedgT) fragt am 5. immer Frau Brüllen, und manchmal denke ich dran. Nicht dran gedacht hatte ich an aktuelle Fotos. Cia. Gibt es halt alte 😉

Wie treffend – gestern war der Tag des Lokaljournalismus. Dabei war gestern ein eher untypischer Arbeitstag für mich als freie Lokaljournalistin. Ich hatte keinen Termin außer Haus und musste nur ein bisschen was organisieren und tippen. So was kommt öfter mal vor, ein mehr oder weniger freier Tag unter der Woche; dafür arbeite ich auch immer wieder mal am Wochenende, so auch letzten Sonntag. „Entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit“, hatte ich früher zu den uneinheitlichen Arbeitsmengen gesagt, inzwischen sage ich, entweder viel Zeit oder viel Geld ;-).

Um 7:30 hatte ich gefrühstückt, dem besten Ehemann von allen einen Abschiedskuss gegeben, eine kleine Runde im Haushalt gedreht und Wäsche aufgesetzt. Dann hatte ich eine Mail an den Müllzweckverband hier geschrieben, um herauszufinden, wieso ein Wertstoffhof über den Sommer geschlossen werden muss.

Danach stellte ich einen Artikel fertig, der die Reaktionen der Politik in einer Gemeinde auf die Ankündigung zusammenfasst, dass dort ein geologisches Labor in den Berg gebaut werden soll. Das Ganze soll der Grundlagenforschung zur Geothermie in Tiefengesteinen dienen und ist in dem Dorf, das glaubt, dass der Stolleneingang in ihm liegen könnte, sagen wir mal „umstritten“. Hier wird man natürlich als Presse auch immer wieder mehr oder weniger dezidiert angegangen, weil nicht so berichtet wird, wie es bestimmte Gruppen möchten.

Der Trommturm von unten; irgendwo tief unter ihm soll ein Tunnel in den Berg getrieben werden

Nächste Woche gibt es zu dem Thema eine Informationsveranstaltung, auf die ich gehen werde. Das ist auch so etwas beim Lokaljournalismus: wenn man sich in ein eher unhandliches Thema (Wissenschaft, Großbauprojekte) hineingepfriemelt hat, ist es oft ein Selbstläufer, sich immer mal wieder damit zu befassen.

Was den Lokaljournalismus angeht: Ich bekenne mich immer noch zu einem alten Artikel über freie Lokaljournalisten, den ich vor vielen Jahren las und der mit „Arm, aber glücklich“ titelte. Mir ist es zwar erfolgreich gelungen, im Laufe der letzten 14 Jahre mein Zeilen- und Bildhonorar ein Stück zu verbessern. Wenn ich aber lese, man solle Stundensätze von 50 oder 100 Euro anstreben in dieser Branche, kann ich nur schmunzeln. Davon bin ich weit entfernt, und ich gehöre definitiv nicht zu Leuten wie eine Kollegin, die selbstausbeuterisch für so niedrige Honorare arbeitet, dass es nicht mal für eine Versicherung in der Künstlersozialkasse reicht (das Minimum liegt aktuell bei nur irgendwas um die 600 Euro im Monat!). Mit der habe ich auch schon heftig diskutiert darüber, dass sie mit solchen Dumpinghonoraren nicht nur sich schadet, sondern auch Kolleg:innen.

Um von einem Job als freie Lokaljournalistin leben zu können, muss man entweder wirklich einen Ausnahmejob haben oder ununterbrochen im Einsatz sein oder aber einen wirklich extrem niedrigen Lebensstandard pflegen. Da ich und mein Mann beide berufstätig sind und gleichzeitig eher bescheiden leben, reicht es.

Aber zurück zum Tagwerk. Ich recherchierte ein bisschen zum Thema Zahnzusatzversicherung, ein nerviges Thema, weil es mich an eine Baustelle im Mund erinnert und daran, dass diese nicht gerade günstig zu beheben ist. Ich bin zwar mittlerweile pingelig bei der Zahnpflege, aber Sünden der grauen Vorzeit, als mensch noch unmotiviert ein bisschen mit einer Handzahnbürste im Mund herumstocherte, wirken bis heute nach. Wobei mich die Kosten weniger schrecken als Schmerzen, Ungewissheiten, ewig nicht kauen können und das Ausgeliefertsein, dass so etwas mit sich bringt. Ich hatte erst kürzlich den Zahnarzt gewechselt, weil der letzte anfing, mir potenziell tödliche Erkrankungen aus Röntgenbildern zu orakeln, was einer näheren Untersuchung inklusive CT nicht standhielt, sprich, mich sinnloserweise in Panik versetzt hatte.

Ausblick auf den Odenwald

Die Wäsche wurde aufgehängt, eine schildlausbefallene Pflanze in Kellerquarantäne noch einmal mit einer Öl-Wasser-Mischung besprüht, was immerhin die Blätter schön glänzen lässt. Der dicke rote Nachbarskater kam vorbei, um mich zu begrüßen.

Ich ging eine Runde spazieren und traf einen netten Kommunalpolitiker. Eine Viertelstunde quatschten wir sozusagen über den Gartenzaun, dann wusste ich wieder ein paar Hintergrundinfos zur Dorfpolitik mehr, die ich in meinem Kopf ablegen kann. Den Einkaufskorb beim Aldi gefüllt und heim.

Ich entschied mich danach dagegen, schon mal was über Rehkitzsuche zu schreiben, ein Artikel, für den ich noch ein paar Tage Zeit habe, und griff zum Roman, den ich gerade lese (Nathan Hill: Wellness).

Ansonsten bekam ich noch eine Nachricht von der Redaktion, dass die Lieferzeiten wieder einmal nach vorne geschoben wurden. Mich stört das als (meist) Frühaufsteherin (wider Willen, Lehrerfrau) nicht. Der Vorteil ist, dass dafür künftig sonntagnachmittagliche Aktivitäten vom Kerweumzug bis Weihnachtsmarkt nicht mehr aktuell geliefert werden können/müssen, was solche Aufträge attraktiver macht ohne eine knappe Deadline im Nacken.

Später habe ich dann noch gekocht (Kartoffeln, veganes Gulasch und Spargel) und meine Sommerreifen von meinem Mann zur Werkstatt fahren lassen. Denn einen Nachteil hat der kleine Smart: seine eigenen Reifen passen nicht rein. Jetzt hoffe ich, ich bekomme bald einen Termin zum Wechseln. Ob Kfz oder Installateur: Handwerkertermine zu bekommen ist hier noch schwerer als welche vom Facharzt.

Vor ein paar Tagen gesehen: Diese Blindschleiche

Ich hatte noch eine Ladung Bücher ins Bücherregal gebracht; manchmal steht das innerhalb von Tagen bis oben hin voll mit Kisten voller Bücher, manchmal verschwinden die Bücher daraus schneller, als ich sie nachfüllen kann. Ein System habe ich dahinter noch nicht erkennen können. Ich fand außerdem Benjamin-Blümchen-Figuren im Regal und klebte mit eine Karla Kolumna vorne in mein Auto. Ja, ich habe ein etwas kindliches Gemüt manchmal.

Später nieselte es, ich las noch ein bisschen in meinem Buch und Abends schauten wir noch zwei Folgen der Netflixserie „Das Gesetz nach Lidia Poët“.

Gelesen: Rutger Bregman, „Utopien für Realisten“

Der Inhalt dieses Buches wird im Untertitel zusammengefasst: „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das Bedingungslose Grundeinkommen“. Es wurde 2014 erstmals auf Niederländisch veröffentlicht, auf Deutsch und Englisch 2017, also noch vor den aktuellen Großkrisen, die uns mit Corona, Ukrainekrieg und Trumpismus täglich Sorgen machen. Manche Prozesse, die er beschreibt, wie einen zunehmenden Rechtsruck und das Aushöhlen des Sozialstaats, nahmen da erst Fahrt auf. Und manche Aspekte, die heute sehr zentral für unsere Zukunft sind wie der Klimawandel, stehen in seinen Analysen (noch) nicht im Zentrum.

Wie auch immer: Ich habe es mit viel Interesse gelesen. Manchmal zweifelnd den Kopf gewiegt, dann wieder gedacht – ja, genau! Das sehe ich auch so.

Dass die Linken und progressiven Kräfte wenig Utopien bereithalten, fällt mir immer wieder negativ auf; eine kleine und eher nischenhafte Ausnahme ist hier vielleicht der Solarpunk. Aber sonst sehe ich auch (nicht zuletzt dank entsprechender Mastodon-Bubble) bei der Linken eine Art Lähmung, Verzweiflung, manchmal auch Zynismus angesichts der gerade stattfindenden politischen Prozesse weltweit. Hier ruft Bregman dazu auf, wieder eine Utopie zu entwickeln, die die oben genannten Elemente beinhaltet – nicht, weil es realistisch wäre, diese auf einen Schlag weltweit umzusetzen, sondern weil es ein langfristig anstrebenswertes Ziel wäre, das den progressiven Kräften wieder eine Richtung vorgibt. Auch wenn diese Ziele heute so unwahrscheinlich klingen wie einst die Abschaffung der Sklaverei oder Flüge zum Mond.

Bregman fanatsiert aber kein unrealistisches Schlaraffenland herbei, sondern belegt seine Aussagen mit Beispielen und Zahlen.

So zeigt er eindrucksvoll, dass mehr Arbeitszeit eben nicht mehr Output erzeugt. Und dass die Arbeitszeitverkürzung, die seit den 70-100-Stunden-Wochen in der frühen Industrialisierung stattfand, in den 1980ern ins Stocken kam. Seitdem arbeiten wir eher mehr als in der Nachkriegszeit, nicht zuletzt, weil immer mehr Frauen berufstätig geworden sind, ohne dass Männer ihre Arbeit reduziert haben. „Meine Großmutter hatte kein Wahlrecht, meine Mutter keine Empfängnisverhütung und ich habe keine Zeit“ – so das passende Zitat. Statt mehr Zeit wuchs der Konsum rasant.

Gleichzeitig sind die gut bezahlten Jobs oft solche, die Bregman als „Bullshit Jobs“ bezeichnet – Berufe, die keine guten Sachen, keinen gesellschaftlichen Mehrwert hervorbringen. Daher fordert er auch Steuern für Börsentransaktionen, die ja inzwischen immer mehr Glücksspielcharakter angenommen haben. Er greift auch die wachsende Ungleichheit an und zeigt, dass diese mehr zum sozialen Unfrieden beiträgt als ein niedriges BIP.

Bregman betont auch etwas, was ich sehr, sehr oft auf dem Schirm habe: wie gut es uns eigentlich geht. Selbst die Ärmsten unserer Industrienationen leben besser als der Durchschnittsmensch vor 100 oder 200 Jahren oder aber als jemand in einem armen Teil der Erde. Auch hierauf geht Bregman ein, zweifelt aber den Nutzen der aktuellen Entwicklungspolitik an und plädiert für offene Grenzen und mehr Arbeitsmigration und, wenn schon Hilfe, dann direkte Zahlungen von Geld an die Armen.

Meine preußischen Gene, ich gesteh, wehren sich ein bisschen gegen das Bedingungslose Grundeinkommen. Ich muss ja auch arbeiten! Auch denke ich, dass manche oder viele mit mehr Freizeit nicht wirklich etwas anfangen könnten, wenn sich nichts ändert außer der Arbeitszeit. Vielleicht hat sich da die letzten 10–12 Jahre auch schon etwas zum Schlechten geändert durch Social Media und Dauerberieselung durch digitale Endgeräte. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist in meinen Augen dann sinnvoll, wenn es ein gesellschaftlicher Wandel mit entsprechender Motivation und Angeboten begleitet, die Zeit jenseits der Erwerbsarbeit sinnvoll zu nutzen. Vielleicht ist das aber ein Henne-Ei-Problem.

Spannend fand ich, dass das Bedingungslose Grundeinkommen unter Nixon (!) in den USA beinahe eingeführt worden wäre. Auf jeden Fall halte ich ein bedingungsloses Grundeinkommen aus der Sicht der Menschenwürde für sinnvoll; mein 10-wöchiger Ausflug in die Arbeitslosigkeit 2012 hat mir gezeigt, wie sehr man da von oben herab behandelt und sinnlos genervt wird. Und ich halte es auch für vollkommen unproduktiv, dass so viel Geld ausgegeben wird, um Menschen ohne Arbeit zu drangsalieren, „weiterzubilden“ oder zu bestrafen.

Sympathisch an dem Buch: Bregman räumt selbst ein, dass er vor lauter Begeisterung vielleicht Gegenargumente zu seinen Ideen heruntergespielt hat. Möglich. Aber als Umdenk-Buch, das diese fast schon anale Fixierung auf Arbeit, Arbeit, Arbeit und Konsum, Konsum, Konsum im 21. Jahrhundert in Frage stellt, ist es auf jeden Fall spannend zu lesen.

Und eines steht fest: Dieses Buch hier wird wohl kaum bei unserem aktuellen Kanzler die bevorzugte Nachttischlektüre sein.

Rostig

Ich fotografiere schon seit ziemlich genau 10 Jahren gerne verrostetes Metall. Für mich hat rostiges Metall eine gewisse Grandezza, eine eigene Schönheit im Verfall. So wie glatte Oberflächen beliebig aussehen können, macht Rost, oft entlang alter Narben auf dem Metall, einen Gegenstand einzigartig.

Vielleicht ist das auch so ein „hat mit Ü40 angefangen, als auch ich Patina anzusetzen begann“-Ding bei mir, haha!

Ich bearbeite die Bilder meistens ein wenig, um die Farben hervorzuheben, und wähle einen Bildausschnitt, der mir gefällt. Irgendwie habe ich immer gedacht, damit mache ich mal einen Kunstkalender, am besten kombiniert mit verstörenden und schwermütigen Gedichten über das Altern und den Tod, aber so richtig hat sich das nie konkretisiert.

Deswegen zeige ich einfach mal hier ein paar der schönsten Rostbilder.

Mein erstes Rostbild stammt vom Sommer 2016 und zeigt die Rückseite eines Müllcontainers auf dem Wertstoffhof unserer Kreisstadt.

Ein Eldorado für Rostfotografen war Peenemünde auf Usedom; die Heeresversuchsanstalt aus der Nazizeit ist ein einziges Geroste. Wir waren dort 2018.


Lost places sind natürlich auch ein toller Ort für Rostfotos.

Manchmal reizen mich auch anderer Oberflächen mit Patina, vor allem lackiertes Holz.

Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

Schokolade auf Reisen

Kennt ihr die Geschichte „Schokolade auf Reisen“ von Ephraim Kishon? Es geht um eine verschenkte Pralinenschachtel, deren Inhalt sich nach dem Öffnen als moosbelegte dunkle Kiesel entpuppt. Den Schenker zur Rede gestellt stellt sich heraus, dass die Schachtel schon viele Stationen hinter sich hat und ehedem von der Familie selbst verschenkt worden war.

So ähnlich kommt es mir im 52. Frühling meines Lebens mit vielen Dingen vor. Pralinen, die nie lecker waren und nie mit Liebe geschenkt und um 1990 herum verpackt wurden, halte ich nun, 35 Jahre später, wieder in den Händen. Die Überbleibsel des reaktionären Frauenhasses im letzten Jahrhundert, die damals noch nach dem Muff von tausend Jahren unter den Talaren rochen, sind digital aufbereitet und mindestens genauso schmierig wie damals; statt eines dicken alten weißen Mannes als ewigem Kanzler haben wir einen dünnen alten weißen Mann; man hasst Migranten und wählt wieder mal die NSDAP, nun schon zum dritten oder vierten Mal neu verpackt und immer noch genauso braun und widerlich. Und im Sommer stehen Bäume halb kahl da, nicht mehr wegen des Sauren Regens, sondern wegen de Klimawandels.

Und auch persönlich, ach, scheint mir immer wieder Zeug auf den Gabentisch zu kommen, das ich schon mit 16 oder 17 nicht haben wollte. Verrücktspielnde Hormone, sich-zu-dick-Finden (damals ohne, heute mit Grund), Pickel, depressive Anwandlungen und dann wieder Wut, und gleichzeitig die Erkenntnis, dass man sich ja den Arsch aufreißen könnte wie bekloppt und dennoch niemals auch nur ansatzweise die Anforderungen an ein weibliches Wesen erfüllen könnte, die die Gesellschaft stellt. (Und wie früher denke ich: das hat System, so lange wir hungern und uns schämen, ganz, ganz viel schämen, weil wir zu dick sind und zu unsportlich und zu ungebildet oder zu gebildet und zu humorlos, wenn man wieder sexistische Witze macht, und weil wir nicht gut genug putzen und kochen und weil wir zu viel arbeiten oder zu wenig oder unsere Kinder vernachlässigen oder überbehüten oder keine haben und so weiter… so lange fehlt uns Zeit und Lust zum Aufbegehren.)

Und wenn ich wütend werde und die Welt anders wünsche, dann bin ich linksradikal, so wie mit 16 oder 17, nur dass ich inzwischen als alte dicke Frau kaum linksradikaler bin als ein*e Sozialdemokrat*in 1990, aber mei, angeblich ist ja alles so schrecklich nach links gerückt, dass man nun gegensteuern muss. Da habe ich wohl dem Politikstudium zum Trotz irgendwann den Überblick verloren. Falls der Verfassungsschutz mitliest: Nehmt mich schon mal von den Listen für irgendwelche Preise, die ich eh nie bekomme, danke schön.

Aber ich will nicht nur klagen. Die vermoosten Pralinen von Bund und Land und Patriarchat gehen zurück an den Absender, und das tonnenschwere Paket „was du als Frau sein und tun musst“ nehme ich erst gar nicht an. „Ich muss gar nix außer sterben!“, zitiere ich meine Mutter.

Ich schaue auf die anderen Dinge, die mir vor 35 Jahren geschenkt wurden und die ich immer noch und, ach, gerne, sehr gerne erhalte. Liebe und Freundschaft vor allem, da hat es mir noch nie daran gemangelt, und Liebe zur Natur, das Schreibenkönnen, Schreibenwollen, und der immer funktionierende Fluchtweg in die Literatur, wenn die Welt zu scharfkantig wird.

Gelesen: Dörte Hansen, „Mittagsstunde“

Ein großer Vorteil des öffentlichen Bücherregals, das wir betreuen, ist, dass ich immer wieder an Bücher gerate, die ich mir jetzt nicht einfach so gekauft oder in der Stadtbücherei ausgeliehen hätte. So auch dieses schöne Buch, das ich mit viel Freude gelesen habe.

Worum geht es?


Ingwer, Ende 40, kommt für ein Sabbatical zurück zu Mudder und Vadder nach Brinkebüll, einem fiktiven norddeutschen Dörfchen unweit der Nordsee, wo man noch Platt schnackt, zumindest die Alten. In Kiel, wo Ingwer inzwischen lebt, ist er Uniprofessor und lebt in einer etwas freudlos wirkenden polyamorösen Beziehung. Im Dorf ist er wieder der Junge. In einem ruhigen, aber nie langweiligen Tempo bekommt man Einblick in die Dorfgeschichte mit ihren amüsanten, aber auch tragischen Momenten, und man erlebt mit, wie sich ein Dorf über die Jahrzehnte verändert hat, modern geworden ist, aber auch vieles verloren hat. Auch über Ingwer und seine Familie erfährt man immer mehr, hat die doch einige (dunkle?) Geheimnisse.

Was hat mir gefallen?

Besonders angerührt hat mich in dem Buch, wie liebevoll die Autorin mit ihren Figuren umgeht. Sie schreibt sie immer respektvoll, oft zärtlich. Sehr schön dabei das Plattdeutsch, das, dezent eingesetzt, auch von mir als Süddeutscher gut verstanden wird (und ein paar Erinnerungen weckt an eine schöne Gruppenreise auf eine Hallig vor über 20 Jahren). Ebenso sprachgewandt wie die handelnden Personen wird auch die Landschaft beschrieben, genau, poetisch, manchmal gefühlvoll, manchmal amüsant, aber nie verkitscht. Eine sehr schöner und zeitgemäßer Roman zum Thema Heimat, Familie und Wandel.

Von der Autorin werde ich noch mehr lesen! Ihr erstes Buch ist schon bestellt.

Ich sehe auch gerade, dass es einen Film zum Buch gibt. Den könnte man ja mal schauen, denke ich.

Neuanfang



Über diesen Blogpost von Angela bin ich auf diese Blogparade gestoßen und dachte, da kann ich ja was zu erzählen.

Ich bebilder hier einfach mal mit Dingen aus meinem Presseordner 2026-03. Das ist übrigens ein Walliser Schwarznasenschaf.

Erst einmal – ich bin in manchen Dingen, wie sich über die Jahrzehnte feststellen konnte, erstaunlich fix. Ich bin definitiv keine Reisende, ich habe nie weiter als rund 20 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt gewohnt. Ich lebe seit Jugendtagen mit meinem Mann zusammen, und mein hoher Wiedererkennungswert kommt nicht zuletzt daher, dass ich seit Schulzeiten Haarfarbe und Frisur (oder eher: Nicht-Frisur) nie geändert habe. Autos fahre ich, bis sie auseinanderbrechen, und auch Möbel können bei mir so lange herumstehen, bis sie wieder modern werden.

Aber natürlich gab es in meinem Leben auch einige Neuanfänge, im Kopf, die hier ein bisschen zu privat sind, aber auch beruflich. So bin ich seit 14 Jahren freie Journalistin, hatte das aber eigentlich nie geplant.

Eine alte Feuerwehrpumpe und nein, wir haben selbst im Odenwald schon motorisierte Löschfahrzeuge.

Was hatte ich geplant? Gute Frage. „Mein Geld mit Schreiben verdienen“ war schon in der Jugend eine Idee, aber ich hatte da noch Sylvia-Plath-Gedichte und Romane im Auge und ein aufregendes, kurzes Dichterleben. Bis das aus mir hervorbrechen sollte, studierte ich Sachen, die mich interessierten: Politik, Soziologie, Psychologie. Und danach machte ich ein Praktikum, immer noch getreu dem Motto Schreiben, bei einer Mitarbeiterzeitung in einem Automobilkonzern. Das war auch sonst eine aufregende und auch schlimme Zeit (unter anderem starb damals mein Vater) und es war sehr lehrreich. Nach den sieben Monaten wusste ich: PR-Frau in einem Konzern, das ist nichts für mich. Starre Hierarchien passen zu mir nicht. Dabei hatte man mir, wieso auch immer, eine Weiterbeschäftigung angeboten.

Stattdessen landete ich mit etwas Glück bei einem Promotionsstipendium rund um das Thema Nationalsozialismus. Das war natürlich nett, an einer Doktorarbeit herumzuschreiben und dafür bezahlt zu werden. Aber ich merkte während der Zeit, dass auch die akademische Forschung und vor allem die dort ebenfalls sehr zementierten Hierarchien und Abhängigkeiten nichts für mich sind.

Das ist eine ukrainische Motanka-Puppe.

Die Jahre darauf tat ich allerlei, hatte diesen und jenen Neben- oder Minijob, schrieb einen Krimi, beschäftigte mich mit Themen außerhalb des Arbeitslebens, und pflegte zusammen mit meinem Mann jahrelang meine an Demenz erkrankte Mutter.

Zwei Frauen, mit denen ich privat etwas zu tun hatte, waren freie Mitarbeiterinnen bei einer der Tageszeitungen hier; eine schrieb, die andere fotografierte. Als meine Mutter ins Pflegeheim kam und gleichzeitig ein Bürojob von mir auslief, ich also arbeitslos war, ließ ich mich darauf ein, das mal zu probieren. Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte, abseits von der erwähnten Mitarbeiterzeitung und ein paar Beiträgen für Schülerzeitungen, nie irgendetwas Presserelevantes getan. Aber die Redaktion drückte mir einen Stapel der Zeitung in die Hand, um mich ein bisschen zu orientieren, wie man das macht, und eine Liste mit ersten Terminen wie ein christliches Chorkonzert und etwas mit einem Treffen von Heimatvertriebenen. Ich gab mein Bestes. Nach ein paar Wochen fragte ich den betreuenden Redakteur, ob meine Artikel OK seien. „Nein“, meinte der. „Die sind gut.“

Ein Freibad im März.

Und so weitete ich mein Arbeitsfeld auf so ziemlich alles außer Sport aus. Nach ein paar Jahren begann ich auch zu fotografieren. Ich übernehme inzwischen vor allem Aufträge im Bereich Kommunalpolitik, weil das zum einen viele nicht machen möchten, zum anderen finde ich das interessanter und wichtiger als Konzerte und Flohmärkte. Außerdem habe ich, zeitweise recht intensiv, für ein kleines Monatsmagazin hier gearbeitet.

Der Start war bei all dem gar nicht so einfach. Ich war damals zum ersten und letzten Mal im Leben einige Monate Arbeitslosengeldempfängerin. Die Summe war niedrig, aber immerhin war ich krankenversichert. Als ich in das Freiberuflertum einstieg, strich mir das Amt sofort alle Zahlungen, obwohl ich ja die ersten Wochen und Monate nur kleine Beträge einnahm. Zum Glück war die AOK kulant, mich in der Übergangsphase zwischen Amt und Künstlersozialkasse weiterlaufen zu lassen. Künstlersozialkasse ist auch eine tolle Sache, wer es nicht kennt: Als Künstler:in (ja, ich bin offiziell Künstlerin, wie toll ist das denn?) kann man sich dort versichern und muss bei der Krankenkasse nur die Arbeitnehmerbeiträge zahlen; außerdem zahlt man in die Rentenversicherung ein.

Industriegebiet unter malerischem Himmel.

Ich mag meinen Job sehr, weil er für mich die perfekte Balance zwischen Freiheit und Sicherheit ist. Mir liegt es, mich jeden Tag mit anderen Dingen zu beschäftigen und in neues einzuarbeiten. Es tut einfach gut, bei der Arbeit ständig Menschen zu treffen, die sich (oft ehrenamtlich) engagieren, ob nun kommunalpolitisch, in einem Verein oder anderswo. Ich führe oft gute Gespräche. Und meine Buchhaltung inklusive der Aufgabe, die Steuertermine im Auge zu behalten, fällt mir leicht.

Auch das Schreiben selbst geht mir leicht von der Hand. Klar hat der Job und mein Berufsleben generell auch Nachteile. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich auf den Schrieb der Rentenkasse schaue, und merke es, wenn sich eine Diskussion in einem Ausschuss um 22 Uhr festgebissen hat.

Was Unterstützung angeht: natürlich hat mein Mann diese Entscheidung mitgetragen. In unserer Beziehung bereden wir alles, aber es wäre für mich schwer vorstellbar, dass mir mein Partner sagt, was ich beruflich machen soll und was nicht. Am meisten unterstützt hat mich aber mein Wunsch, zu schreiben und dabei so frei zu sein wie möglich und dennoch zu wissen, dass jeden Monat was Geld auf mein Konto kommt.

Warum ich heute streike

Warum ich heute streike

Streiken ist ja ein großes Wort dafür, dass ich heute keine Arbeitstermine annehme (stand eh nichts an, to be honest) und kein Mittagessen kochen werde. Ich werde, denke ich zumindest, heute auch nicht in eine der nächsten größeren Städte fahren und mich dort einer Kundgebung anschließen. Stattdessen werde ich den Tag für mich nutzen, vielleicht etwas kreativ sein, mal sehen, und mit Beiträgen wie diesem sowie im Fediverse und auch Bluesky auf die Aktion hinweisen.

Wieso eine solche Aktion?

Weil es viel zu viele „immer noch“ gibt. Immer noch verdienen Frauen weniger Geld, immer noch erledigen sie den Großteil der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit, immer noch sind erschreckend viele von uns Frauen* sexueller und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Und zu dem „immer noch“ kommt hinzu, dass durch rechte und rechtsextreme politische und auch radikale religiöse Strömungen weltweit die Frauenrechte nicht nur nicht zunehmen, sondern in die Defensive geraten.

Meine Privilegien

Mir ist durchaus bewusst, dass ich von einer prinzipiell unterprivilegierten Gruppe, den Frauen, eine privilegierte Vertreterin bin. Ich bin weiß, hetero, cis, deutsch und habe keine Behinderungen oder chronischen Krankheiten oder körperlichen Defekte, von Kurzsichtigkeit udn Dicksein mal abgesehen. Ich bin zwar nicht gerade eine Topverdienerin, aber als Paar kommen wir gut über die Runden. Ich habe ein schönes Leben.

Aber..

Und ja, auch bei uns mache ich wesentlich mehr Hausarbeit, weil ich im Gegensatz zu meinem Mann a) nicht Vollzeit und b) meist im Homeoffice arbeite.
Finde ich unser Arrangement fair?
Ja, da wir so alles in allem etwa gleich viel arbeiten.
Ist es meine Idealvorstellung?
Eher nein, das wäre 50:50 bei Erwerbsarbeit und Haushalt.
Zu dieser Regelung gehört halt auch das Vertrauen, dass wir nach bald 35 Jahren weiter ein Paar bleiben, denn alleine kommt von uns keiner richtig aus.

Sozialisation

Ich merke aber auch immer mehr, dass ich durch meine Erziehung privilegiert bin.
Meine Eltern waren ja Kriegskinder gewesen, die ihre Jugend, ihre Ausbildung und ihr technisches Studium in der DDR verbracht hatten und kurz vor dem Mauerbau „rüberjemacht“ hatten. Meine Mutter, Jahrgang 1933, hatte an einer Ingenieurschule (entspricht etwa der Fachhochschule) Maschinenbau studiert, mein Vater Hochbau.
Als Kind hat mich das natürlich nicht so interessiert, aber heute finde ich es erstaunlich, wie meine Mutter es schaffte, auch im konservativeren Westen der 1960er Jahre beruflich Fuß zu fassen. Sie hatte eine freundliche und menschenzugewandte Art und konnte doch, vor allem im Alter, recht resolut sein. Ich gestehe, dass ich mir, jetzt auch nicht mehr die Jüngste, davon ein bisschen was abschneide. (Kiesler-Kreis freundlich-dominant ;-))

Meine Eltern haben mich (und meinen älteren Bruder) auch motiviert, selbständig unser Ding zu machen. Ich bin sehr freiheitlich aufgewachsen. Das war gut, weil ich mich freier entfalten konnte, aber auch in manchen Lebensphasen herausfordernd, weil ich meine Wege und Ziele immer selbst und weitgehend alleine suchen musste.

Ich merke aber auch, dass mir durch solche Rollenvorbilder wiederum manchmal das Verständnis fehlt für Frauen, die sich Dinge „nicht trauen“, weil das bei irgendeinem (Mann) auf Missfallen stoßen könnte. Mir kommt zumindest nicht in den Sinn, dass ich nicht nach mehr Honorar fragen darf, weil das irgendjemand gierig nennen könnte, oder ich meine Klappe halte, weil jemand meint, als Frau solle ich zu einem Thema schweigen.

Ich hatte darüber mit anderen Frauen auch schon Diskussionen, weil ich denke, es ist sinnvoll, solche im Leben hinderlichen Sozialisierungen auch individuell zu überwinden.

Privilegiert bin ich auch, weil ich noch nie sexuelle oder körperliche Gewalt erleben musste und seit meiner Volljährigkeit in einer sehr liebevollen und wertschätzenden Partnerschaft lebe. Und trotzdem – das wurde mir während #MeToo klar – bin ich gerade als junge Frau oft nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Das hat mich damals auch so wütend gemacht: Wie kann es sein, dass ich mich freue, wenn ich „nur“ schon belästigt, begrapscht, beleidigt und bedroht wurde, aber nicht mehr?

Was sind meine Vorstellungen, wie es sein sollte?

Ich denke, dass vom rein gesetzlichen Rahmen in unserem Land schon viel getan wurde. Und manches sehe ich auch durchaus zwiespältig. So finde ich es klasse, wenn eine Frau auch mit Kindern heute arbeiten kann, weil es eine gute Kinderbetreuung gibt.

Andererseits frage ich mich, ob das unser Ziel sein kann: eine Gesellschaft, in der Männer wie Frauen gleichermaßen einem neoliberalen Workaholic-Lifestyle hinterherlaufen, in der das soziale und familiäre Miteinander kaum noch eine Rolle spielt (und dann, machen wir uns nichts vor, die verbleibende und nicht an Personal outgesourcte Hausarbeit dann doch wieder bei der Frau verbleibt). Gestern las ich irgendwo, dass Bürgergeldempfängerinnen voll arbeiten sollen, wenn das Kind ein Jahr alt ist. Das finde ich eine ziemlich krasse Anforderung.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die nicht alleine durch Geld und Konsum und Selbstsdarstellung (Instagramm-Account!) definiert wird. In der das Miteinander, auch das Sich-umeinander-Kümmern (auch um Kinder, Alte, Kranke) wieder mehr in den Mittelpunkt rückt, und in der man sich auch wieder mehr leibhaftig miteinander beschäftigt und nicht nur über Social Media austauscht.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Gewalt ächtet, ganz gleich, von wem sie ausgeht. Ich wünsche mir, dass wir Frauen*, wenn wir alleine einem Mann begegnen, nicht ständig abchecken müssen, ob der gefährlich werden könnte, und ja, das auch noch als alte dicke Frau Ü50.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jede:r mit Stolz und Würde durchs Leben gehen kann. Ob Mann oder Frau oder etwas dazwischen oder außerhalb, ob mit oder ohne Behinderung, ob weiß oder schwarz, ob dick oder dünn.

Ich wünsche mir mehr Solidarität der progressiven Kräfte, auch und gerade unter Frauen* und FLINTAs, statt sich wegen ideologischen Nuancen untereinander zu kappeln.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Bildung und Kunst einen höheren Stellenwert haben als möglichst kostspielige Anschaffungen.

Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit und mehr mutiges Weitergehen in gesellschaftlichen Themen, statt in Frust und Panik zu verharren.

Das nur so ein paar Gedanken.

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