Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: I, Me and Self (Seite 1 von 4)

WmdedgT: Wiederbeschaffungszeitwertabschreibung

Ich wollte schon lange mal auf die Frage von Frau Brüllen antworten. Die fragt: „Was machst du eigentlich so den ganzen Tag?“. Nun war gestern ein untypischer (Arbeits-)Tag, aber gut – wieso nicht. Nur habe ich gar keine Bilder gemacht, da müsst ihr jetzt mit leben.

Statt wie sonst um 6 startete der Tag für mich erst um 7:30 Uhr. Der beste Ehemann von allen ist mit einer dicken Erkältung daheim, statt in der Schule zu unterrichten, und ich bin auch etwas unfit. Daher habe ich auch erst einmal keine Termine außer Haus bis Anfang nächster Woche angenommen – ich wusste ja nicht, wie schlimm es wird. Aber vielleicht bin ich dank meiner selbstgebrauten Cistus-Tinktur, die ich mir regelmäßig in den Rachen sprühe (brrrrhhhhhh), nur leicht erkältet.

Da der besagte kränkelnde Mann um 7:30 noch schlief, habe ich erst einmal ein bisschen gelesen. Ich lese gerade die Buchreihe über „The No. 1 Ladies’ Detective Agency“. Die Romane wurden vom Schotten Alexander McCall Smith verfasst, der eine Weile im Süden Afrikas gelebt hat. Ich kann natürlich absolut nicht einschätzen, wie authentisch die Gesellschaft Botswanas in den Büchern wiedergegeben wird, aber die Bücher machen wirklich Freude. Ich finde es erfrischend, Geschichten über Afrika zu lesen, in denen die Probleme des Kontinents (Hunger, Armut, Kriege, AIDS usw.) mal nicht im Vordergrund stehen. Wahrscheinlich ist die Darstellung etwas verkitscht, aber ich hätte große Lust, mich mit der „traditionell gebauten“ (wie sie ihre Körperfülle nennt) Mma Ramotswe auf einen Buschtee auf ihre Veranda zu setzen und zu plaudern.

Als der kranke Mann erwachte, frühstückten wir ausgiebig. Ich hatte keinen Zeitdruck mit der Arbeit, und gemütlich frühstücken und dabei eine Zeitung lesen (aktuell die Süddeutsche am Wochenende, die reicht uns für die ganze Woche) macht mir Freude.

Dann stand ein bisschen Arbeit an. Ich schrieb einen weiteren kleinen Artikel über die anstehende Kommunalwahl in Hessen Mitte März. Dabei konzentrierte ich mich auf das Thema Briefwahl. Ich telefonierte kurz mit einem der Wahlleiter hier, wann denn die Wahlbenachrichtigungen bei den Bürgerinnen und Bürgern zu erwarten sind.

Ich kommunizierte außerdem kurz mit Mitgliedern meiner Demokratiegruppe darüber, ob ihnen meine Ankündigung für unsere nächste Veranstaltung zusagt. Wir machen am 21. Februar wieder eine „Musik-und-Talk“-Veranstaltung. Praktischerweise hat die Familie einer unserer Aktiven eine alte Dorfwirtschaft mit Saal, wo wir hin und wieder zu demokratischen Veranstaltungen einladen können. Ich selbst kümmere mich in der Gruppe vor allem um die Pressearbeit; auf der Bühne stehen muss ich nicht, gehe aber bei Dmeos auch mal für 3 Sätze ans Mikro, wenn es gewünscht wird.

Außerdem antwortete ich kurz auf die Mail eines Freundes, dem es nicht gut geht. Und ich schrieb eine Nachricht an die Mieter unserer vermieteten Einliegerwohnung, dass wir uns doch bitte zeitnah gemeinsam ein Problem in deren Wohnung anschauen sollten, das laut ihnen schon seit zwei Wochen besteht. Warum erfahre ich das dann erst jetzt?, denke ich und seufze.

Dann machte ich mich noch einmal auf, um ein paar Dinge zu erledigen. Ich brachte ein Ersatzteil, das mein Mann im Internet erworben hatte, zu der Werkstatt, wo gerade sein Auto steht. Danach kaufte ich ein paar Kleinigkeiten im Edeka ein und drehte eine Runde im Wald. Der tägliche Spaziergang muss bei mir ja sein.

Wieder daheim warf ich die mitgebrachten veganen Fischstäbchen (die sicher irgendwie anders heißen müssen inzwischen) in die Pfanne. Solche Fertiggerichte kaufe ich eigentlich nur, wenn sie in der „Nimm mich mit, mein MHD läuft bald ab“-Kiste liegen. Dazu gab es eine Art Imam Bayildi („Der Imam fällt in Ohnmacht“, besteht vor allem aus Auberginen in Tomaten geschmort) und Bulgur. Türkei meets Tofu-Nordsee oder so.

Gegen Abend schaute ich mir ein Livevideo des Bürgermeisters einer Nachbarkommune an und machte mir Notizen für einen Artikel. Es ging dabei um die drastische Erhöhung der Wasserpreise dort; das Thema hat es sogar in überregionale Nachrichten und ins TV geschafft. Bei dem Video konnten sich Bürger dazuschalten oder in den Kommentaren Fragen stellen, sehr modern das alles. Zentral war ein längeres Referat über Gebührenkalkulation. Ich konnte dem Vortrag dank 14 Jahren Berichterstattung über Kommunalpolitik durchaus folgen, habe aber mit „Wiederbeschaffungszeitwertabschreibung“ doch noch einen neuen Begriff gelernt, der bei Scrabble gut Punkte bringen dürfte.

Später machte ich es mir mit dem besten Ehemann von allen auf dem heimischen Sofa gemütlich. Erst schauten wir quer in Bayern drei, dann noch ein paar Folgen der neuen Ghosts-Staffel. Und dann gingen wir schlafen.

Zengestank

Mal ein paar ungeordnete private Gedanken…

Heute war ich mal wieder in der Stadtbücherei in dem nächsten Städtchen, in dem ich zusammen mit dem besten Ehemann von allen eine Weile gelebt habe. Auch wenn es mich ja sonst eher in den Wald zieht, gehe ich dort gerne ein bisschen spazieren. Ich streife durch die Fußgängerzone, den schönen Schlosspark, und wenn ich mehr Zeit habe, drehe ich auch eine Runde durch einen sehr hübschen Staudengarten, der bald schon in bunten Farben explodieren wird, oder durch den Exotenwald mit seinen großen Mammutbäumen. Okay, das ist dann doch schon wieder Wald.

Diesmal beschränkte ich mich auf die kleinen Gassen rund um den Marktplatz. Ich mag das: herumlaufen, schauen, gucken, nachdenken. Irgendwo stand eine sogenannte Friedensinitiative, die vor ein paar Jahren noch gegen Coronaimpfungen und Masken wetterte. Woher kommt es eigentlich, dass diese beiden Themen – putinfreundlicher „Friedens“aktivismus und manchmal recht abwegige Ideen in Bezug auf Infektionskrankheiten – gerne zusammen auftreten? Gleiche Propagandaquelle, geht mir durch den Kopf. Aber auch schon vor Social Media habe ich erlebt, dass manche Ansichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, zusammenkommen. Oder wie es mal eine Bekannte ausdrückte: Permakultur bekommt man fast nur im Paket mit Geschwurbel.

Ich schaue mir die Menschen an. Ein paar Touristen dürften in dem schmucken Städtchen unterwegs sein, andere sprechen deutlich den hiesigen Dialekt. Zwei ältere, knuffelige Damen fragen mich mit starkem osteuropäischen Akzent nach dem Bahnhof, ich zeige ihnen den Weg. Schon von weitem höre ich das schöne Akkordeonspiel eines Straßenmusikers, gebe eine Münze in seine Schale. Ich merke mal wieder, dass nicht nur Tiere – Katzen vor allem! – mich irgendwie anziehend finden, sondern auch kleine Kinder. Eines rennt, die Oma mit dem Kinderwagen hinter sich lassend, auf mich zu und grinst dabei so freudig, dass der Schnuller aus dem Mund purzelt.

Eine Sache, die mich zurzeit beschäftigt, ist eigentlich ein altvertrautes Thema von mir: Egal, wie felsenfest ich von irgendeiner Sache überzeugt bin: stoße ich (real life oder, schlimmer, digital) auf viele Gleichgesinnte, die auch sehr überzeugt von etwas sind, gehen sie mir oft auf den Geist und ich fange an, meine Überzeugung in Zweifel zu ziehen. Mir fehlen so oft die Zwischentöne, die Ambivalenz, die Möglichkeit, die eigene Ansicht zu hinterfragen und immer wieder auf den Prüfstein zu stellen. Oder aber – das wäre ja das Mindeste –, zu sagen: Ich denke schon, dass ich bei XY recht habe, aber ich muss deswegen nicht mit hoch erhobener Nase und ausgestrecktem Zeigefinger herumlaufen und ständig auf andere deuten und verkünden: DU! Du bist falsch!
Oh Gott, wie kann man nur Christ/CDUler/Fleischesser/Homöopathienutzer/Autofahrer/Raucher/Weintrinker sein!

Vielleicht habe ich zu lange in Büchern über Buddhismus und Zen gelesen, um das ständige Be- und Abwerten begeistert mittragen zu können. Was ja auch wieder zu einem sehr hübschen Comic passt, den ich gerade nicht in den Abgründen meiner Festplatte finde, der aber so aussieht: Ein buddhistischer Mönch meditiert. Dann denkt er plötzlich so etwas wie: Ich habe mein Ego überwunden und bin erleuchtet! Und kurz danach: Ich bin ja so viel besser als die anderen.

Also verabschiede ich mich von diesem Posting mit einem Hauch Zengestank*.

Die Bilder sind übrigens von heute und gehören zu einem schon zehn Jahre währenden Projekt, bei dem ich schöne Rostfotos und Bilder von abblätterndem Lack sammle, mit unklarer Vorstellung, was ich damit mal mache. Vielleicht bin ich ja irgendwann motiviert zu Rostgedichten und kombiniere das in einem Büchlein. Mit Ü50 macht ja Kunst zum schönen, langsamen Verfall durchaus Sinn.

*Ein Wort, das offenbar wenig bis gar nicht gebräuchlich ist, wie ich grade feststelle. Ich meine damit die nervtötende Arroganz von Leuten, die sich ja ach-so-schlau-und-erleuchtet finden. Anderswo werden damit jene bezeichnet, die ihr Engagement für Zen mit Accessoires nach außen tragen, um anzugeben. Ich bin übrigens keine Buddhistin, das nur am Rande.

Massive Entschleunigung

Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.

Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.

Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.

Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.


Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …

Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.

Jahresabschlusspuderzucker

Hätte ich gerade keinen Urlaub, hätte ich sicher heute von meiner Redaktion den Auftrag bekommen, „Verkehrschaos im Odenwald wegen Schnee“ zu fotografieren. Da muss ich immer etwas schmunzeln; meine Kolleg:innen an der Bergstraße unterschätzen den Odenwälder doch ein bisschen, was seine Fähigkeiten angeht, mit Eis und Schnee umzugehen. Vor allem, wenn es sich wie heute um nicht mehr als eine dünne Puderzuckerschicht handelt, die nett anzusehen war, aber in der Mittagssonne auch schnell verschwand.

Blick von der Kreidacher Höhe Richtung Westen und Rheinebene

Heute Morgen war es sehr neblig. Nach einem Blick auf die in solchen Wetterlagen immer sehr praktische Webcam auf dem Trommturm sah ich, dass oben die Sonne schien. Also tuckerte ich auf die Kreidacher Höhe hinauf, um dort ein bisschen zu spazieren. Leider muckt aktuell mein Knöchel etwas herum, weswegen ich auf dem dortigen Kunstwanderweg langsam ging und nicht furchtbar weit. Aber ich habe euch ein paar Impressionen mitgebracht.

Ansonsten wundere ich mich, dass meine großzügig bemessenen Winterferien schon wieder fast halb vorbei sind. Schlauerweise habe ich es diesmal aus Erfahrung vermieden, mir sehr viele Dinge vorzunehmen. Verwandtenbesuche an Weihnachten, das alljährliche Rauhnachtscafé mit Freunden, dazu noch ein paar Dinge, die ich nicht ganz vermeiden kann wie Umsatzsteuererklärung und Passfotos sowie ein paar organisatorische Dinge rund um unsere Geopark-Gruppe — selbst das kommt kaum in die Pötte

Ein Schwarm Distelfinken

Aber das soll und muss vielleicht auch einfach mal so sein zwischen den Jahren, wenn es selbst bei Sonnenwetter so viel dunkel ist. Ich schreibe Träume auf, die sich fast alle um meine Arbeit drehen, und habe keine rechte Lust auf einen Jahresrückblick.

2025 war zäh. Die Wechseljahre hatten mich vor allem im Sommer schlimm in der Mangel, und überall um mich herum sehe und sah ich Freund:innen und Bekannte mit der psychischen und körperlichen Gesundheit hadern. Dazu noch alles draußen in der großen Welt, die so viel kälter und härter ist als meine 70er-Jahre-Bude und meine verständigen Freunde hier im plüschigen Auenland.

2025 in einem Wort? Erschöpfend.

Dunkelmonat, Lichtblicke

Jedes Jahr nehme ich mir vor, dass es sich nicht mehr so unendlich ballen soll vor den wohlverdienten Winterferien (drei Wochen – relativ großzügige Feriengestaltungen sind halt die Vorzüge einer Freiberuflerin, dafür arbeite ich auch oft zu doofen Zeiten wie abends oder am Wochenende). Und jedes Jahr blinzele ich ein paar Wochen vor dem Urlaub entgeistert auf die Liste der To-Dos. Und wie immer geht es offenbar auch allen anderen so, was es umso schwerer macht, Termine oder Antworten auf Presseanfragen zu bekommen.(Wohlweislich hatte ich daher die Termine mit den Bürgermeistern für die Jahresrückblicke schon Anfang November ausgemacht…)

Gleichzeitig zehrt die Dauerdunkelheit. Schön, wenn an Tagen wie heute die Sonne scheint (auch wenn es dann gleich so warm werden kann, dass es sich kaum wie Dezember anfühlt). Bei grauen Tagen klammere ich mich an meine Tageslichtlampe auf dem Schreibtisch, so sich nicht die Katze dazwischen drängelt, um sich zu sonnen.


Wie auch immer. Als ich noch im „Metaverse“ unterwegs war, hatte ich am 1. und 8. Dezember immer ein bisschen öffentlich an meine Eltern gedacht, die da Geburtstag hatten. Beide waren Jahrgang 1933, und beide leben nicht mehr. Mein Vater starb schon 2000, meine Mutter 2016. Ich bin froh, dass ich an sie zurückdenken kann, ohne dass ich das Gefühl habe, da müsse jetzt irgendwas noch groß aufgearbeitet werden. Ich stelle nur amüsiert immer öfter fest, meiner Mutter zunehmend zu ähneln, und bin froh, dass ich das nicht schlimm finde. Dann rede ich halt mit fremden Katzen (und Hunden, Pferden, Hühnern…), na und.

Schöne Momente im dunklen Dezember: Blick auf Wald-Erlenbach

Ansonsten sammele ich zurzeit kleine Lichtblicke im häufigen Dauergrau. Immer mal wieder ein romantisch-schöner Nebelspaziergang unter den täglichen Spaziergängen. Der Schornsteinfeger mit seinem Azubi soll mir Glück bringen, hoffe ich. Mein Auto wurde doch noch mal repariert und ist jetzt zweifarbig. Ja, ich habe den alten Smart nach dem Kampf Smart gegen Betonlaster noch mal instand setzen lassen, damit er seinen 24. und wer weiß, Anfang 2027 noch seinen 25. Geburtstag feiern kann. Theoretisch weiß ich, dass es viel vernünftiger gewesen wäre, mir einen neueren Gebrauchten zu kaufen, hätte ich auch kohlemäßig stemmen können, aber – hach, ich mag den kleinen Stinker, der mich hier die Hügel hoch und runter fährt und überall einen Parkplatz findet. Sogar die brutale Duftmischung aus Dieselabgasen und Vanillebäumchen habe ich vermisst.

Ich bin ja so schlecht im Loslassen, das wird nix mehr mit der Erleuchtung.

Dank der Nebelbank

Dass ich trotz allem, trotz all der Malaisen im persönlichen Leben und der Weltlage – letztere viel schlimmer zurzeit – oft ziemlich glücklich aus der Wäsche gucke, hat viel mit zwei Dingen zu tun: Dankbarkeit und der Fähigkeit, mich an kleinen, einfachen und einfach so vorhandenen Dingen sehr zu erfreuen.

Zum Beispiel an einem frostigen Morgen, an dem die Sonne über den Nebel steigt und ich nach einem ersten Artikel genug Zeit habe, für ein Stündchen loszustampfen. Ich habe Freude an dem herzhaften Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Füßen, ich genieße die zarte Wärme der Dezembersonne, schaue mir die kleinen Frostnadeln auf den Pflanzen an und beobachte, wie der Nebel über die Lichtung wallt, und mein Herz singt.

Und ich bin sehr dankbar, dass ich all das kann – laufen, gucken, Zeit für so was haben, mich daran erfreuen.

Advent ante portas

Die Monate November und Dezember bis zur Wintersonnenwende sind für mich immer merkwürdig antizyklisch. Eigentlich möchte ich mich zurückziehen, abends früh abschalten und wenig tun, außer viel schlafen, viel essen, lesen, Serien gucken und ein bisschen durch den Spätherbst spazieren.

Praktisch stehen im November und Dezember aber meist noch zwei Sitzungsrunden an, darunter eine mit Haushaltseinbringung. Weihnachtsmärkte sollen besucht werden, Jahresrückblicke geschrieben. Ich bin ja schon froh, dass sich meine Arbeit in den letzten Jahren derart umgestaltet hat, dass ich wenigstens nicht mehr auf diverse Weihnachtsfeiern gehen muss.

Ich habe es ja ohnehin nicht so mit Weihnachten. Ich mag durchaus die Beleuchtung, Lichterketten und Co., die ein bisschen Helligkeit in die dunklen, langen Nächte bringen. Aber bei poppigen Weihnachtsmelodien und überall dem Kitsch und dem Konsumdruck – da bin ich wieder raus. Dazu noch das Black-Friday/Black-Week-Geschrei, das mir sogar in meinem Retro-Sender HR1 entgegenschallt.

Ich bin eher der Typ Belznickel oder Perchten.

In den letzten zwei Wochen ist der November von romantisch-herbstlich zu Schmuddelwetter umgeschlagen. Ausnahme war letztes Wochenende, da hatten wir die kalt-frostige Spätherbstvariante, die ich noch ganz gerne mag, siehe Eisbilder. Ein Schneefan bin ich nicht, aber irgendwann ist mir Schnee dann doch lieber als das ständige Matschbraun. Wobei ja auch hier im Odenwald lange nicht mehr so viel Schnee fällt wie früher, auch nicht in den höheren Lagen.

Vor kurzem war ich bei einem heimatgeschichtlichen Vortrag, bei dem Bilder von den Wintersportaktivitäten in der Nähe aus den 40ern bis – sagen wir mal – 80ern gezeigt wurden: meterhohe Schneewälle entlang freigeschaufelter Wege, Bobbahnen, Sprungschanzen, Skilifte. Die letzten davon, die ich noch kannte, einer privat, einer von einem Skiclub betrieben, haben inzwischen den Betrieb eingestellt. Es fällt ja nur selten Schnee, und wenn, bleibt er noch seltener länger liegen. Auch ich erinnere mich an viel Schlittenfahren als Kind, an große Schneemänner.

In dieser grau-braunen Jahreszeit muss ich immer etwas aufpassen, dass mich die winterliche Verstimmung nicht zu sehr herunterzieht. Johanniskraut und seit letztem Jahr eine Tageslichtlampe helfen dabei. Außerdem nehme ich mir um den Jahreswechsel herum drei Wochen frei. Irgendwelche Vorteile muss es ja haben, Freiberuflerin zu sein – und ich brauche einfach eine regenerative Phase zwischen den Jahren.

4 x 13

Ich bin jetzt 4 mal 13 Jahre alt. Und auf einem langen Spaziergang an meinem Geburtstag hatte ich darüber nachgedacht, dass das – anders als irgendwelche 7- oder 10-Jahres-Rhythmen – für mich durchaus Altersstufen sind, in denen etwas passiert, sich etwas wandelt.

Mein 13. Geburtstag – was habe ich da wohl gemacht? Ich müsste in alte Tagebücher schauen. Auf jeden Fall war ich gerade dabei, mich von einem großen, dicken, nachdenklichen Mädchen in eine große, dicke, nachdenkliche Teenagerin zu verwandeln. Ich war haltlos romantisch und emotional dünnhäutig: Ich las Anne Franks Tagebuch und weinte, weil man sie umgebracht hatte, ich sah die Robin Hood-Serie der BBC und weinte, weil das alles so romantisch war, und ich schrieb frühreife schöne Gedichte über Liebe und den Herbst und weinte dabei bestimmt auch. Ich hatte in diesem Jahr meine Tage bekommen und erlebte auch sonst die Pubertät, was nicht dazu beitrug, dass ich mich in meinem Körper wohler fühlte. Ich bekam mit, wie Klassenkameradinnen das erste Mal herumknutschten und war mir sicher, dass mir das bestimmt niemals vergönnt sein würde, weil ich so dick war, und tat mir sehr leid.

Aber es begann sich dann bald etwas zu ändern: Ich schnitt die Zöpfe ab, wurde auf eine Abnehmkur geschickt und war mit 15 erschlankt, ich scharrte eine Clique um mich, färbte mir die Haare rot und beschloss mit 17 nach zwei fehlgeschlagenen Beziehungsversuchen, dass der intellektuelle Punker in meinem Jahrgang für mich der richtige Mann wäre.

Mein 26. Geburtstag – das war auch eine Zeit der großen Umbrüche. Ich hatte in dem Jahr mein Studium erfolgreich abgeschlossen und wusste noch nicht so recht, wohin, machte wenig später ein Praktikum für interne Kommunikation bei einem Automobilkonzern und kam mir dort immer unecht und verkleidet vor.


Ich und der intellektuelle Punker (ja, wir waren ein Paar geworden) zogen aus unserer schimmeligen Einzimmerwohnung in Leutershausen in eine nette 2,5-Zimmer-Wohnung in der Weinheimer Nordstadt. Ich begann, viel durch die Wälder zu spazieren und nahm etliche studentische Frustkilos ab. Neue Menschen traten damals in mein Leben, die für die Jahre danach sehr wichtig waren. Es waren chaotische Jahre, viel Schönes ist da passiert und viel Schreckliches. So starb recht plötzlich mein Vater, als ich 26 war.

Mein 39. Geburtstag fiel ebenfalls in eine Zeit des Neustarts. Die Jahre davor war die Pflege meiner demenzkranken Mutter zentral geworden, zu der ich und mein intellektueller Punker in mein Elternhaus gezogen waren. Beruflich war ich nicht so recht durchgestartet, hatte einiges probiert, aber nichts schien wirklich nachhaltig Freude zu bereiten, zu mir zu passen und Geld einzubringen. Durch die Pflege war ich zudem stark eingeschränkt in meinen Möglichkeiten.

Als dann meine Mutter so krank wurde, dass wir sie nicht mehr daheim betreuen konnten, brachte ich sie in ein Pflegeheim und suchte mir einen Job. Eine Bekannte hatte gemeint, eine der Regionalzeitungen hier suche freie Mitarbeiter. „Kann ich ja mal eine Weile machen“, dachte ich damals. Und wie ihr seht, dauert die Weile an.

Und nun, mit 52? Bin ich immer noch die Frau des intellektuellen Punkers, wohne immer noch im Haus meiner Mutter, die inzwischen verstorben ist, habe immer noch rote Haare und arbeite immer noch als freie Journalistin – aber nicht mehr so viel wie mit 39, als ich manchmal wochenlang keinen freien Tag hatte. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, auch wenn natürlich die ein oder andere Störung dazwischenfunkt, die ihr alle kennt: hier was am Zahn, da Stress mit der Versicherung, da zähe Differenzen mit anderen Menschen. Aber ich bin gesund (Klopf auf Holz), liebe meinen intellektuellen Punker, dessen Haarpracht wohl mittlerweile für einen Iro nicht mehr reichen würde, und fühle mich wohl bei meiner Arbeit, habe viele Kontakte und auch Freundschaften und stampfe jeden Tag durch den Wald und genieße die Natur. Gleichzeitig beutelten mich zuletzt die Wechseljahre. Langsam wird es besser, ich atme vorsichtig auf, komme wieder auf die Beine und laufe nicht mehr ununterbrochen im roten Akkubereich.

Wohin mich dieser neue 13er-Abschnitt wohl führt? Was wird bis 65 wichtiger werden (so ich so lange lebe), was unwichtiger? Ich bin gespannt.

Novemberbunt

Der November hat ja einen eher schlechten Ruf und die in diesem Monat Geborenen ebenso. Grau sei der November, höre ich immer wieder, depressionsfördernd, und die, die zu der Zeit geboren sind, seien hart, ja, böse. Skorpione eben.

Ich möchte jetzt aber mal eine Lanze für den November brechen. Ja, natürlich gibt es das berühmte Novembergrau, vor allem gegen Ende des Monats. Ich finde allerdings den Dezember viel, viel schlimmer. Da gibt es zwar netterweise Lichterketten (die mag ich sehr im Winter, hänge sie schon im November auf und finde es immer schade, wenn sie in der Öffentlichkeit im Januar abgebaut werden), aber der Dezember hat auch diese massive und schrille Vorweihnachtsbekitschung, die mir als Gefühlsduselei-Allergikerin und Nichtchristin so gar nicht liegt.

Der November dagegen hat – zumindest in der ersten Monatshälfte – so viele Farben! Da ist der gelb-grün-blau-rosa Himmel am Morgen und am Nachmittag. Da ist das letzte gelbe Laub an den Bäumen. Da ist das farbenfrohe Essen: rote Kürbisse, lila Rotkraut, orangene Möhren! Und da sind oft noch erstaunlich viele Blumen.

Gestern bin ich bei einem Gang durch meinen Heimatort zufällig auf eine sehr bunte Truppe gestoßen, die gerade den Bürgermeister abführte. Genau, es war am 11.11. um 11:11 Uhr, Beginn der Fastnachtssaison. Fastnacht ist zwar noch weniger mein Ding als Weihnachten, aber bunt ist sie doch unbestreitbar, oder?

Am meisten Freude hatte ich aber gestern an einem kleinen bunten Kleinod hier: einem Rosen- und Kräutergarten. An dem läuft man schnell vorbei am Bürgerhaus, aber es ist wirklich eine schöne kleine Anlage – und auch dort habe ich gestaunt, wie viele Rosen und andere Blumen zurzeit noch blühen. Siehe die Bilder hier…

Ja, man muss im November manchmal ein bisschen genauer hinsehen, um Farben zu finden. Aber gerade weil ich weiß, dass es sie in ein oder zwei, vielleicht drei Wochen nicht mehr geben wird, dass der Herbst dann endgültig vorbei ist und der Winter einsetzt, versuche ich, so viel davon aufzunehmen wie möglich.

Everything is beautiful

Triggerwarnung: Tod

Wald bei Zotzenbach

Ich liebe ja den Herbst generell, aber Ende Oktober, Anfang November ist für mich noch einmal eine besondere Zeit. Ob man nun Halloween feiert oder Allerheiligen oder Samhain oder irgend ein anderes Der-Winter-naht-Fest – es ist eine Zeit, in der die Welt der Toten und der Lebenden ein wenig enger rücken, zumindest, wenn man sich darauf einlassen will.

Ich könnte jetzt so viel dazu schreiben, aber ich merke, dass ich hier – halbwegs seriös und mit Klarnamen im Hintergrund – gar nicht so viel von diesen Gedanken in die Welt hinausblasen will. Falsch verstanden zu werden ist ja heute ziemlich einfach, und da werden ein paar typische Skorpion-Gedanken schnell mal als Lebensmüdigkeit ausgelegt oder spirituelle Anwandlungen interpretiert, als hätte man einen Dachschaden. Been there, done that.


Für mich ist es ja gar nicht so, dass Gedanken an den Tod etwas mit mangelnder Wertschätzung dem Leben gegenüber zu tun hätten – im Gegenteil. Gerade weil ich sterblich bin und ziemlich sicher, dass da kein Leben 2.0 in Himmel, Hölle oder Nirvana nachkommt, möchte ich dieses Leben nicht ungelebt vorbeirauschen lassen. Ich möchte seine süßen Seiten genauso schmecken wie seine bitteren. Und der Tod mahnt mich, das ganze nicht aufzuschieben und zu vertrödeln.

Und was ich auch mit dieser Zeit jetzt verbinde, sind all die, die nicht mehr bei mir sind – sei es, weil sie, wie meine Großmutter und Eltern oder mein erster Jugendfreund, schon tot sind, oder weil wir uns aus den Augen verloren, verstritten oder auseinandergelebt haben. Auch sie sind mir in dieser Zeit näher, und das macht mich traurig und gleichzeitig glücklich – glücklich für alles, was ich an tollen Begegnungen mit Menschen in diesem Leben schon mitnehmen durfte.

Das „Stennen Ross“

Die letzten Tage war ich viel im Wald spazieren. Eigentlich hatten wir uns gestern mit Freunden dazu verabredet, aber der beste Ehemann von allen war sehr erkältet und nicht wandertauglich, und ich auch ein Stückchen krank und womöglich virenschleudernd. Also bin ich allein durch die Wälder gelaufen, und besonders am letzten Oktobertag war das sehr schön und magisch am Götzenstein und in seinen Wäldern.

Ach ja, der richtige Soundtrack wäre jetzt vielleicht „Autumn“ von New Model Army: „Everything is beautiful, Because everything is dying“

Lyrics findet ihr hier, den Song auf Youtube.

Auf dem Dachsbuckel

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