Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: I, Me and Self (Seite 1 von 5)

Tourist in Heidelberg

Gestern durch Heidelberg spaziert. Fünfeinhalb Jahre bin ich dort als Studentin Tag für Tag durch die Fußgängerzone gelaufen, zum Politischen Institut am Marstall, zu den Soziologen irgendwo an der Triplex-Mensa, zum Vorlesungsgebäude mit der Überschrift „dem lebendigen Geist“ am Uniplatz, zum psychologischen Institut vorne in der Fußgängerzone, wo Bunsen davor wacht.

Bunsen vor dem psychologischen Institut

Ein schöner Tag war es. Geparkt hatten wir im Neuenheimer Feld, wo die Parkhäuser nicht ganz so teuer sind. Hier waren wir ewig nicht mehr, der beste Ehemann von allen hatte dort mal studiert, aber alles sah anders aus, große Gebäude, Tiefgaragen, Supermärkte, öffentliche Kunst. Wir standen vor dem großen „Mathematikon“ und fragten uns, was da wohl abseits von der mathematischen Fachschaft drin sein mag, denn so viel Platz brauchen die doch nicht, oder?

Auch sonst wurde und wird viel gebaut in Heidelberg, überall Häuser, die abgerissen, neue, die erbaut werden, gesperrte Straßen.

Im Neuenheimer Feld am Mathematikon

Wir sind mit Straßenbahn und Bus zum Königstuhl hochgefahren und dann durch die Wälder hinunter zur Stadt gelaufen. Im Bus spielten zwei junge Mädchen irgendein Ratespiel um Filmpersonen, das ich nicht ganz verstand; später fragten sie um Hilfe, weil sie auch in die Stadt zurücklaufen wollten und nicht recht wussten, wo es langging.

Auch oben am Königstuhl waren viele Menschen, aber kaum hatte uns der Wald verschluckt, waren wir allein.

Das änderte sich kurz vor dem Schloss, wo sich die Massen durch das Burgtor schoben. Auch in der Fußgängerzone so viele Menschen. Immerhin sahen die Läden noch gut aus, zwar nicht mehr so viel alternatives Zeug in Hinterhöfen wie früher, aber auch nicht lauter Ein-Euro-Shops. In der unteren Gasse ein Headshop. Da gab es vor 30 Jahren auch schon einen, wo Studenten und kichernde Odenwälder Halbstarke lange Papierchen kaufen konnten.

Das Heidelberger Schloss

Ich muss gestehen, auch zu Studienzeiten war ich kein eingefleischter Heidelbergfan. Ja, die schöne historische Altstadt, die Landschaft, aber alles wirkte für mich damals künstlich.

Wenn ich an mich im Studium denke, sehe ich mich immer im Herbst oder Winter, wenn der Wind kalt durch die lange Fußgängerzone pfiff und nur wenige Touristen die Stadt erkundeten, wenn alles grau war und trostlos und ich Bauchweh hatte, weil das Mensaessen so schlecht geschmeckt hatte oder ich mich vor dem nächsten Seminar fürchtete. Wobei, ich habe zumindest einige Dinge ganz gern studiert, ging angetan in Veranstaltungen des in Politologenkreisen damals sehr verehrten Professors Klaus von Beyme, bei dem ich zum Glück damals meine Magisterarbeit schrieb. Wir nannten ihn ob seines großen Wissens und des ausladenden Schädels „der Mann mit den zwei Gehirnen“. Manchmal fuhr er mit einer russischen Fellmütze auf dem großen Kopf mit dem Rad zum Institut. Auch bei den Psychologen war ich gerne. Aber es war trotzdem nicht meine beste Zeit im Leben, vielleicht lag es an der schimmligen Einzimmerwohnung in Leutershausen, in der wir damals hausten.

Hier saß ich oft in Vorlesungen

Aber wenn ich mich heute in Heidelberg umsehe, werde ich weder nostalgisch, noch spüre ich das alte Bauchweh. Ich bin Touristin unter zehntausenden Touristen, die alle Sprachen zu sprechen scheinen. Leute rempeln mich an, ich komme mir etwas urig vor mit kurzen Wandershorts und Wanderstiefeln und aufgehauenem Knie, als würde mir auch noch Stroh im Haar hängen. Und ich erkenne, ich bin doch endgültig ein richtiges Landei geworden.

Heidelberg von oben

Pfälzer Sandstein

Typischer Südpfälzer Ausblick: Wald und Sandstein

Wir waren in der südlichen Pfalz, eine Woche mit viel Wandern und viel Weißweinschorle, so nah an der französischen Grenze, dass wir von unserer FeWo dorthin in einem kurzen Spaziergang hinwandern konnten. An manchen Orten wie auf dem Maimont gab es Spuren des Zweiten Weltkriegs, aus den Grenzsteinen hatte man damals das französische F herausgeklöppelt. Aber heute spielt diese „Erbfeindschaft“ zum Glück keine Rolle mehr, man merkt kaum, wenn man die Grenze überfährt. Wie kann das irgendwer wollen, denke ich, hier die Zeit zurückdrehen, Grenzposten, Schranken, Zoll!

Unsere FeWo in einem kleinen Dorf war sehr schön und wurde als LGBTQ-freundlich beworben, was in den verschlafenen Pfalzorten ungewohnt urban wirkte. Ich nehme an, dass sie das Etikett bekommen hat, weil zwei freundliche Frauen das Vermieterpaar waren.

Bis auf kleine Fachwerkorte und das verschlafene Städtchen Dahn gibt es dort genau drei Motive für die Kamera: hohe, steile und nur mit viel Schweißeinsatz zu erklimmende Hügel, dicht bewaldet, darin mehr oder weniger versteckt viele interessante Sandsteintürme, die teilweise Statik und Schwerkraft verhöhnen, und viele kleine und größere Burgen, die den Türmen ähneln oder auf ihnen thronen, in sie hineingehauen, oben auf die Türme hinaufgebaut oder an sie angelehnt worden waren.

Ich habe die Geschichte dieses deutsch-französischen Grenzgebiets noch nicht ganz verstanden, auf den (relativ wenigen) Infotafeln war die Rede von diesem Herrscher und jenem, aber wieso so viele Adelige in die heute so menschenleeren Wälder ihre Burgen bauten, erschließt sich mir nicht ganz.

Trotz Gästebeitrag und vielen schönen, steilen ausgeschilderten Wanderwegen fand ich die Gegend, die nahtlos in die nordfranzösischen Vogesen übergeht, touristisch und auch sonst überraschend wenig erschlossen. Zu einem Supermarkt fährt man ein Stück, Tankstelle dito, viele Geschäfte und Restaurants sind endgültig oder aber (ausgerechnet) jetzt zur Ferienzeit wegen Urlaub geschlossen; wenn es irgendwo Veranstaltungen oder Museen gab, habe ich das online nicht gefunden. In Frankreich schien mehr los zu sein, vor allem rund um die Ruine Fleckenstein.

Das Biosphärenhaus, das ich anschauen wollte, ein Lost Place, ein Doppel-Lost-Place war die Area 1, ein ehemaliges Militärlager, wo wohl auch mal Atomwaffen lagerten. Doppel-Lost-Place, weil das mal vor 15 Jahren eine Art Outdoor-Museum werden sollte, von dem inzwischen auch schon verwitterte oder umgefallene Infoschilder zeugten. Dafür gab es viel Graffiti, irgendwo muss es also auch Dorfjugend geben.

Und so passte es auch zur Waldeinsamkeit, dass ein Unwetter an einem Abend über uns hinwegfegte, die vertrockneten Wiesen wurden weiß unter Hagel, wie wir aus der sicheren Ferienwohnung heraus beobachteten. Der Strom fiel aus und blieb bis tief in die Nacht weg, wir saßen bei Kerzenschein und hörten ein paar Folgen der drei ???, die der Mann noch von meiner letzten Krankheit auf dem Handy gespeichert hatte, damit ich im Fieberwahn etwas anzuhören hatte.

Neben Wandern und Dinge aus Sandstein anschauen habe ich auch recht viel gelesen, unter anderem die Autorin Olga Tokarczuk entdeckt.

Besondere Pfälzer Spezialitäten sind mir nicht untergekommen, von den wirklich immer leckeren Pfälzer Weißweinen mal abgesehen. Aber mit veganen Restaurants oder auch nur Optionen habe ich auch nicht gerechnet.

Für eine Woche Wanderurlaub war es eine schöne Gegend. Das nächste Mal fahre ich aber lieber im Herbst hin, dann ist das Wandern leichter und man kann „Keschde“ sammeln 🙂

Die Welt um 4:44

Es ist immer noch heiß, heißer, am heißesten. Heute soll der schlimmste Tag werden mit gefühlten 43 Grad – wohlgemerkt, im Ländlichen, auf einem Hügel, mit Wald drumherum. Nun ja, ich wohne ja ganz in der Nähe jener Region, wo Deutschland anfängt Sahara zu werden oder so ähnlich.

Ich plane meine Tage um das Bedürfnis herum, irgendwie wenigstens für 30 oder 40 Minuten durch den Wald zu laufen. Die meisten Tage schaffe ich es in den Morgenstunden. Wenn es kühler wird, werde ich viel nachzuholen haben. Heute war ich um 8:30 draußen, außer mir vor allem Menschen mit Hunden, die ermattet bei schon 30 Grad durch den Wald torkelten. Ich quatsche ja öfter fremde Leute einfach an, und im Kurzgeplauder mit einer Frau mit Hund verabschiedete die sich mit den Worten, die nächsten zwei Tage müsse man „einfach nur überleben“.

Heute Nacht war ich um vier erwacht und habe die Katze eingesperrt, die nicht nach draußen soll (wir hatten hier eine schlimme Reihe von Katzen-Verschwinderitis vor Jahren, die ich nie aufklären konnte und die ich nicht noch mal erleben will).

Dann alle Fenster und Türen weit aufgerissen Richtung Garten. Und dann lag ich wach auf dem Bett, es war immer noch sehr warm. Draußen hörte ich die ganze Zeit Tiergeschrei und Rascheln im Gebüsch; es könnten junge Wildschweine gewesen sein oder auch ein Rehkitz, das nach der Mutter ruft. Beide Tierarten treiben sich in und um unseren Garten herum.

Gegen fünf schloss ich Türen und Fenster. Davor stand ich müde blinzelnd auf dem Balkon. Es wurde schon langsam hell, und ich sah viele Fledermäuse über den Himmel flitzen. Der Vogelgesang setzte ein, Krähenrufe, weiter das ominöse Tiergeschrei. Und auf einem Hügel stand ein Reh, die schlanke Silhouette zeichnete sich dunkel gegen den heller werdenden Himmel ab. Bis auf das Tiergeschrei war das alles sehr schön. Fotos habe ich keine, das müsst ihr euch also im Kopf zurechtmalen.

Aber allgemein kann ich die Methode „vier Stunden schlafen – eine Stunde wach sein – wieder zwei Stunden schlafen“ nicht empfehlen, wenn man am nächsten Tag fit im Kopf sein will.

Sonne und Nachbilder

Es ist zu heiß. 35, 37 Grad, und es soll noch heißer werden. Heute Nacht gab es Gewitter, und so ist es nicht nur heiß, sondern auch schwül. Zum Glück bin ich gegen 6 Uhr das erste Mal erwacht und habe möglichst viele Fenster aufreißen können, bevor es wieder wärmer wurde.

Tagsüber heißt es jetzt verdunkeln…

Viel ist mit mir nicht anzufangen gerade, auch wärmebedingt. Bin außerdem noch gestresst, bedrückt und etwas kränkelig.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass ich mich bis Montag „krankgeschrieben“ habe. Nächste Woche kommen zwar etliche Termine bei 40 Grad im Schatten (stöhn!), aber immerhin muss ich nicht morgen in der Sonne herumhüpfen und bei 37 Grad im Schatten einen Umzug fotografieren.

Ich gestehe, seit den Wechseljahren finde ich große Hitze noch schlimmer als vorher.

Was mache ich also mit der Hitze und der erzwungenen Untätigkeit?

Ich ernähre mich ziemlich viel von veganem Eiweißshake mit Tiefkühlobst.



Ich lese einiges, unter anderem habe ich im öffentlichen Bücherregal das Buch „Der Trafikant“ von Robert Seethaler entdeckt und schnell weggeschmökert. Es geht um einen jungen Mann, der einen „Trafikanten“, also Kioskbesitzer, unterstützt, viel liest, immer mehr versteht, sich verliebt, an der Liebe leidet und Sigmund Freud kennenlernt. Und es geht darum, wie er angesichts des großen Unheils, das mit Hakenkreuzflaggen heranweht, sein kleines, mutiges Aufbegehren probt.


Sehr berührend, auch lustig, tolle Sprache, und mit dem zeitlichen Setting – Wien 1938 beim „Anschluss“ von Österreich – leider mal wieder aktueller als es sein sollte. Sicher hat nicht nur mich die Aktion in Gelsenkirchen, als man Sinti und Roma zum Straßenputzen „motivierte“, an das hier erinnert.

Direkt nach dem „Anschluss“ wurden die Wiener Juden unter Beteiligung der Bevölkerung gezwungen, in „Reibpartien“ pro-österreichische Slogans von den Gehsteigen zu putzen.
Bild: United States Holocaust Memorial Museum, Public domain, via Wikimedia Commons


In letzter Zeit auch einiges dazu gelesen, was wohl passiert, wenn diese Partei, deren Namen man nicht ausspricht, in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit bekommt. Gerade in der Bildungspolitik hat ein Bundesland viel Spielraum, da kann einiges kaputt gemacht werden. Inklusion, Diversität und Aufklärung, ob nun über den NS oder Sex – ade.

„Was haben die eigentlich generell gegen Sexualaufklärung“, meinte ich zum besten Ehemann von allen vor ein paar Tagen. „Die sind ja gar nicht so christlich-reaktionär wie manche in den USA.“ Und uns fiel ein, dass das Pädokriminellen nützt, wenn Kinder keine Ahnung haben, was mit ihnen geschieht. Gruselig.

Ansonsten: Ich schaue mir Dinge darüber an, dass Migränegehirne auch abseits der Anfälle anders funktionieren als andere. Ich habe seit Anfang 30 immer mal wieder Migräneaura mit Flimmerskotom, aber keine ausgeprägten Kopfschmerzen, eher ein unbestimmtes Matschgefühl im Kopf, als sei ich verkatert. Inzwischen sind sie stark zurückgegangen, was sicher auch mit den Wechseljahren zu tun hat.

So ähnlich, nur in Bewegung und flimmernd, sieht meine Aura aus., In der Mitte ist ein blinder Fleck, außenrum wabert es.

Jetzt bin ich auf diesen Test hier mit der Glühbirne gestoßen und kann sagen, ja, bei mir bleibt das Nachbild lang, lang, lang, 10 Sekunden, 15 Sekunden…. Und zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Ungeduld und immer wieder auftretende Reizbarkeit angesichts der nervenaufreibenden Gemütlichkeit der Mitwelt auch damit zu tun hat, dass mein Gehirn ist, wie es ist, und ich mein Gefühl, andere sind immer einen Schritt zu langsam und träge, nicht nur Erbteil meiner ungeduldigen Mutter ist (die m.W. keine Migräne hatte). Ich muss manchmal fast ins Lenkrad beißen, um nicht an Ampeln zu hupen, weil die vor mir einfach nicht losfahren.

Und dass ich nun ahne, wieso ich nicht verstehe, wie ein Nervgeräusch in der Nachbarschaft von anderen ignoriert werden kann, obwohl es doch immer mehr nervt, je länger es dauert. Auch das ist typisch. Das mit dem Wegfiltern klappt schlecht.

Nun denn, da habe ich wieder was über mich gelernt.

Dune

Die letzte Wochen, genauer die letzte Tage, hatten mal wieder ein paar nervige Dinge mit im Gepäck. Ihr wisst schon, solche „oh, hatte ich nicht schon gesagt, dass wir den Zahn ziehen müssen?“ und auch „Uih, das sollte man abklären“-Dinge. Blöde Dinge, nervige Dinge – wenn ich bei irgendetwas ein dünnes Nervenkostüm habe, dann ist das alles rund um das Thema Arzt und Krankheit.

Und wie es so ist, wenn man gestresst ist, kommen auch immer noch gleich ein paar weitere nervige Sachen in Job und sonstwo oben drauf. Aber ich beschäftige mich ja zum Glück lange genug mit Psychologie, damit ich relativ schnell wieder auf die Spur komme. Ein lieber Mann und die allertollsten Freundinnen der Welt sind dabei eine ungeheure Stütze.

Wie auch immer, heute hatten der beste Ehemann und ich Lust, mal außerhalb unserer üblichen odenwaldhügeligen Gefilde zu wandern. Stattdessen steuerten wir eine Landschaft mit Dünen und Kiefernwäldern an, bei der man oft das Gefühl hat, man befindet sich irgendwo an der Ostsee oder gar am Mittelmeer. Aber in Wirklichkeit ist man nur irgendwo zwischen Viernheim und Mannheim.

Dünen wie die hier findet man im Oberrheingraben an einigen Stellen. In Viernheim kann man die Dünen auch deswegen besonders gut sehen, weil das US-Militär hier bis 1994 einen Truppenübungsplatz hatte. Dadurch entstanden freie Flächen, wo der Sand wieder zum Vorschein trat und die eine besondere Vegetation anzogen. Damit diese Flächen nicht weiter verbuschen, werden sie auch beweidet; wir sind heute einer Herde Schafe begegnet.

Entstanden sind die Dünengürtel am Ende der letzten Eiszeit aus Flugsand. Das Naturschutzgebiet Glockenbuckel, von dem ich rede, befindet sich am Westrand von Viernheim und kann gut über den Parkplatz Sandgabe oder Lampertheimer Straße erkundet werden. Es gibt zahlreiche markierte Wanderwege, vor allem rund um den Karlsstern bei Mannheim-Gartenstadt. Dort gibt es ein paar Tiergehege, Gastronomie (glaube ich), einen Vogelpark und Kinderspielplätze. Jetzt am Wochenende war dort dementsprechend viel los, und man hätte sich da auch niederlassen und Mannheimer Originale beobachten können, die da mit Kind und Kegel unterwegs waren.

Interessant in dem Gebiet sind auch Reste der alten Einrichtungen des US-Militärs. So gibt es neben vielen alten Betonresten auch Überreste alter Bunker. Dort sind wir heute nicht hingelaufen, sondern haben uns lieber Hirsche und Vögel am Karlsstern angeschaut. Die Gehege für die Hirsche sind sehr weitläufig, es gab einige Bambis zu sehen. Die Volieren im Vogelpark waren zwar auch eher groß, aber mir tut es dann doch leid, Vögel, besonders Greifvögel, hinter Gittern zu sehen. Ebenfalls interessant sind an der Grenze Hessen (Viernheim) zu Baden-Württemberg (Mannheim) historische Grenzsteine.

Wenn ihr da auch mal laufen wollt – es gibt unendlich viele markierte Wege, denen man folgen kann. Es empfiehlt sich aber manchmal eine Wander-App, wenn man wie wir die schmaleren Pfade bevorzugt. Da alles eben ist, sind Spaziergänge oder Wanderungen dort nicht anstrengend.



Hier beim Geopark und hier beim Regierungspräsidium könnt ihr euch Infoflyer zum Glockenbuckel herunterladen und mehr über das Biotop erfahren.

Sommerleicht

Vor einer Woche war es noch eisheiligenkalt, gestern fühlte es sich an wie Frühling, als ich durch den Wald lief und Maiböcke beim Kämpfen beobachtete, und heute ist Sommer.

25 Grad und mehr im Schatten, die 30 sollen morgen geknackt werden. Und ich atme auf und durch und freue mich, dass alles leichter wird.

Leichter sind schon mal die Klamotten, die ich anhabe, kein riesiger Berg aus Fleecegedöns mehr vor dem Bett, wenn ich schlafen gehe. Leichter die Schuhe, endlich wieder Sandalen, Fußnägel mit geschmacklosem Glitzernagellack und Füße, die sich streifenweise bräunen und immer etwas dreckig sind. Sommerfüße nenne ich das.

Und mit weniger Kleidern und Sandalen ist auch das Wandern noch leichter. Warmer Wind weht mir durch die Haare, es duftet nach wilden Rosen, die sich gerade öffnen, und ich bleibe manchmal begeistert stehen, wenn ich mein liebstes bewegtes Bild in der Natur sehe: Wind, der durch hohes Gras streift. Keine Ahnung, woran es liegt, aber das finde ich wunderbar.

Leichter ist mir auch wieder ums Herz. Ich habe ein paar Arzttermine bewältigt, die mir Bauchschmerzen gemacht hatten, und bei einem auch wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, ach was, „langweilig“, wie der Hausarzt meinte. Da meine Eltern beide Diabetiker waren, habe ich vor allem auf den Blutzucker ein Auge. Aber da ist alles perfekt, ich bin er-leichtert.

Heute ist auch eines der großen Volksfeste hier im Tal, jeder Ort hat da sein eigenes, Feste zu Pfingsten, Johanni oder zur Kirchweih. Ich gönne es den Veranstaltern, dass sie mit dem musikalischen Abendprogramm bei dem Prachtwetter sicher erfolgreich sein werden. Und natürlich macht mir mein Arbeitsbesuch dort auch mehr Spaß, wenn es nicht kalt und regnerisch ist. Feiern, gutgelaunte Menschen – auch das ist Leichtigkeit.

Jetzt müsste ich nur noch schauen, dass ich auch körperlich ein bisschen leichter werde und den pfundigen Aufwärtstrend der Wechseljahre wieder umkehre.

WmdedgT im Mai

Abendlicht am 30.4.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (WmdedgT) fragt am 5. immer Frau Brüllen, und manchmal denke ich dran. Nicht dran gedacht hatte ich an aktuelle Fotos. Cia. Gibt es halt alte 😉

Wie treffend – gestern war der Tag des Lokaljournalismus. Dabei war gestern ein eher untypischer Arbeitstag für mich als freie Lokaljournalistin. Ich hatte keinen Termin außer Haus und musste nur ein bisschen was organisieren und tippen. So was kommt öfter mal vor, ein mehr oder weniger freier Tag unter der Woche; dafür arbeite ich auch immer wieder mal am Wochenende, so auch letzten Sonntag. „Entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit“, hatte ich früher zu den uneinheitlichen Arbeitsmengen gesagt, inzwischen sage ich, entweder viel Zeit oder viel Geld ;-).

Um 7:30 hatte ich gefrühstückt, dem besten Ehemann von allen einen Abschiedskuss gegeben, eine kleine Runde im Haushalt gedreht und Wäsche aufgesetzt. Dann hatte ich eine Mail an den Müllzweckverband hier geschrieben, um herauszufinden, wieso ein Wertstoffhof über den Sommer geschlossen werden muss.

Danach stellte ich einen Artikel fertig, der die Reaktionen der Politik in einer Gemeinde auf die Ankündigung zusammenfasst, dass dort ein geologisches Labor in den Berg gebaut werden soll. Das Ganze soll der Grundlagenforschung zur Geothermie in Tiefengesteinen dienen und ist in dem Dorf, das glaubt, dass der Stolleneingang in ihm liegen könnte, sagen wir mal „umstritten“. Hier wird man natürlich als Presse auch immer wieder mehr oder weniger dezidiert angegangen, weil nicht so berichtet wird, wie es bestimmte Gruppen möchten.

Der Trommturm von unten; irgendwo tief unter ihm soll ein Tunnel in den Berg getrieben werden

Nächste Woche gibt es zu dem Thema eine Informationsveranstaltung, auf die ich gehen werde. Das ist auch so etwas beim Lokaljournalismus: wenn man sich in ein eher unhandliches Thema (Wissenschaft, Großbauprojekte) hineingepfriemelt hat, ist es oft ein Selbstläufer, sich immer mal wieder damit zu befassen.

Was den Lokaljournalismus angeht: Ich bekenne mich immer noch zu einem alten Artikel über freie Lokaljournalisten, den ich vor vielen Jahren las und der mit „Arm, aber glücklich“ titelte. Mir ist es zwar erfolgreich gelungen, im Laufe der letzten 14 Jahre mein Zeilen- und Bildhonorar ein Stück zu verbessern. Wenn ich aber lese, man solle Stundensätze von 50 oder 100 Euro anstreben in dieser Branche, kann ich nur schmunzeln. Davon bin ich weit entfernt, und ich gehöre definitiv nicht zu Leuten wie eine Kollegin, die selbstausbeuterisch für so niedrige Honorare arbeitet, dass es nicht mal für eine Versicherung in der Künstlersozialkasse reicht (das Minimum liegt aktuell bei nur irgendwas um die 600 Euro im Monat!). Mit der habe ich auch schon heftig diskutiert darüber, dass sie mit solchen Dumpinghonoraren nicht nur sich schadet, sondern auch Kolleg:innen.

Um von einem Job als freie Lokaljournalistin leben zu können, muss man entweder wirklich einen Ausnahmejob haben oder ununterbrochen im Einsatz sein oder aber einen wirklich extrem niedrigen Lebensstandard pflegen. Da ich und mein Mann beide berufstätig sind und gleichzeitig eher bescheiden leben, reicht es.

Aber zurück zum Tagwerk. Ich recherchierte ein bisschen zum Thema Zahnzusatzversicherung, ein nerviges Thema, weil es mich an eine Baustelle im Mund erinnert und daran, dass diese nicht gerade günstig zu beheben ist. Ich bin zwar mittlerweile pingelig bei der Zahnpflege, aber Sünden der grauen Vorzeit, als mensch noch unmotiviert ein bisschen mit einer Handzahnbürste im Mund herumstocherte, wirken bis heute nach. Wobei mich die Kosten weniger schrecken als Schmerzen, Ungewissheiten, ewig nicht kauen können und das Ausgeliefertsein, dass so etwas mit sich bringt. Ich hatte erst kürzlich den Zahnarzt gewechselt, weil der letzte anfing, mir potenziell tödliche Erkrankungen aus Röntgenbildern zu orakeln, was einer näheren Untersuchung inklusive CT nicht standhielt, sprich, mich sinnloserweise in Panik versetzt hatte.

Ausblick auf den Odenwald

Die Wäsche wurde aufgehängt, eine schildlausbefallene Pflanze in Kellerquarantäne noch einmal mit einer Öl-Wasser-Mischung besprüht, was immerhin die Blätter schön glänzen lässt. Der dicke rote Nachbarskater kam vorbei, um mich zu begrüßen.

Ich ging eine Runde spazieren und traf einen netten Kommunalpolitiker. Eine Viertelstunde quatschten wir sozusagen über den Gartenzaun, dann wusste ich wieder ein paar Hintergrundinfos zur Dorfpolitik mehr, die ich in meinem Kopf ablegen kann. Den Einkaufskorb beim Aldi gefüllt und heim.

Ich entschied mich danach dagegen, schon mal was über Rehkitzsuche zu schreiben, ein Artikel, für den ich noch ein paar Tage Zeit habe, und griff zum Roman, den ich gerade lese (Nathan Hill: Wellness).

Ansonsten bekam ich noch eine Nachricht von der Redaktion, dass die Lieferzeiten wieder einmal nach vorne geschoben wurden. Mich stört das als (meist) Frühaufsteherin (wider Willen, Lehrerfrau) nicht. Der Vorteil ist, dass dafür künftig sonntagnachmittagliche Aktivitäten vom Kerweumzug bis Weihnachtsmarkt nicht mehr aktuell geliefert werden können/müssen, was solche Aufträge attraktiver macht ohne eine knappe Deadline im Nacken.

Später habe ich dann noch gekocht (Kartoffeln, veganes Gulasch und Spargel) und meine Sommerreifen von meinem Mann zur Werkstatt fahren lassen. Denn einen Nachteil hat der kleine Smart: seine eigenen Reifen passen nicht rein. Jetzt hoffe ich, ich bekomme bald einen Termin zum Wechseln. Ob Kfz oder Installateur: Handwerkertermine zu bekommen ist hier noch schwerer als welche vom Facharzt.

Vor ein paar Tagen gesehen: Diese Blindschleiche

Ich hatte noch eine Ladung Bücher ins Bücherregal gebracht; manchmal steht das innerhalb von Tagen bis oben hin voll mit Kisten voller Bücher, manchmal verschwinden die Bücher daraus schneller, als ich sie nachfüllen kann. Ein System habe ich dahinter noch nicht erkennen können. Ich fand außerdem Benjamin-Blümchen-Figuren im Regal und klebte mit eine Karla Kolumna vorne in mein Auto. Ja, ich habe ein etwas kindliches Gemüt manchmal.

Später nieselte es, ich las noch ein bisschen in meinem Buch und Abends schauten wir noch zwei Folgen der Netflixserie „Das Gesetz nach Lidia Poët“.

Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

Schokolade auf Reisen

Kennt ihr die Geschichte „Schokolade auf Reisen“ von Ephraim Kishon? Es geht um eine verschenkte Pralinenschachtel, deren Inhalt sich nach dem Öffnen als moosbelegte dunkle Kiesel entpuppt. Den Schenker zur Rede gestellt stellt sich heraus, dass die Schachtel schon viele Stationen hinter sich hat und ehedem von der Familie selbst verschenkt worden war.

So ähnlich kommt es mir im 52. Frühling meines Lebens mit vielen Dingen vor. Pralinen, die nie lecker waren und nie mit Liebe geschenkt und um 1990 herum verpackt wurden, halte ich nun, 35 Jahre später, wieder in den Händen. Die Überbleibsel des reaktionären Frauenhasses im letzten Jahrhundert, die damals noch nach dem Muff von tausend Jahren unter den Talaren rochen, sind digital aufbereitet und mindestens genauso schmierig wie damals; statt eines dicken alten weißen Mannes als ewigem Kanzler haben wir einen dünnen alten weißen Mann; man hasst Migranten und wählt wieder mal die NSDAP, nun schon zum dritten oder vierten Mal neu verpackt und immer noch genauso braun und widerlich. Und im Sommer stehen Bäume halb kahl da, nicht mehr wegen des Sauren Regens, sondern wegen de Klimawandels.

Und auch persönlich, ach, scheint mir immer wieder Zeug auf den Gabentisch zu kommen, das ich schon mit 16 oder 17 nicht haben wollte. Verrücktspielnde Hormone, sich-zu-dick-Finden (damals ohne, heute mit Grund), Pickel, depressive Anwandlungen und dann wieder Wut, und gleichzeitig die Erkenntnis, dass man sich ja den Arsch aufreißen könnte wie bekloppt und dennoch niemals auch nur ansatzweise die Anforderungen an ein weibliches Wesen erfüllen könnte, die die Gesellschaft stellt. (Und wie früher denke ich: das hat System, so lange wir hungern und uns schämen, ganz, ganz viel schämen, weil wir zu dick sind und zu unsportlich und zu ungebildet oder zu gebildet und zu humorlos, wenn man wieder sexistische Witze macht, und weil wir nicht gut genug putzen und kochen und weil wir zu viel arbeiten oder zu wenig oder unsere Kinder vernachlässigen oder überbehüten oder keine haben und so weiter… so lange fehlt uns Zeit und Lust zum Aufbegehren.)

Und wenn ich wütend werde und die Welt anders wünsche, dann bin ich linksradikal, so wie mit 16 oder 17, nur dass ich inzwischen als alte dicke Frau kaum linksradikaler bin als ein*e Sozialdemokrat*in 1990, aber mei, angeblich ist ja alles so schrecklich nach links gerückt, dass man nun gegensteuern muss. Da habe ich wohl dem Politikstudium zum Trotz irgendwann den Überblick verloren. Falls der Verfassungsschutz mitliest: Nehmt mich schon mal von den Listen für irgendwelche Preise, die ich eh nie bekomme, danke schön.

Aber ich will nicht nur klagen. Die vermoosten Pralinen von Bund und Land und Patriarchat gehen zurück an den Absender, und das tonnenschwere Paket „was du als Frau sein und tun musst“ nehme ich erst gar nicht an. „Ich muss gar nix außer sterben!“, zitiere ich meine Mutter.

Ich schaue auf die anderen Dinge, die mir vor 35 Jahren geschenkt wurden und die ich immer noch und, ach, gerne, sehr gerne erhalte. Liebe und Freundschaft vor allem, da hat es mir noch nie daran gemangelt, und Liebe zur Natur, das Schreibenkönnen, Schreibenwollen, und der immer funktionierende Fluchtweg in die Literatur, wenn die Welt zu scharfkantig wird.

Neuanfang



Über diesen Blogpost von Angela bin ich auf diese Blogparade gestoßen und dachte, da kann ich ja was zu erzählen.

Ich bebilder hier einfach mal mit Dingen aus meinem Presseordner 2026-03. Das ist übrigens ein Walliser Schwarznasenschaf.

Erst einmal – ich bin in manchen Dingen, wie sich über die Jahrzehnte feststellen konnte, erstaunlich fix. Ich bin definitiv keine Reisende, ich habe nie weiter als rund 20 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt gewohnt. Ich lebe seit Jugendtagen mit meinem Mann zusammen, und mein hoher Wiedererkennungswert kommt nicht zuletzt daher, dass ich seit Schulzeiten Haarfarbe und Frisur (oder eher: Nicht-Frisur) nie geändert habe. Autos fahre ich, bis sie auseinanderbrechen, und auch Möbel können bei mir so lange herumstehen, bis sie wieder modern werden.

Aber natürlich gab es in meinem Leben auch einige Neuanfänge, im Kopf, die hier ein bisschen zu privat sind, aber auch beruflich. So bin ich seit 14 Jahren freie Journalistin, hatte das aber eigentlich nie geplant.

Eine alte Feuerwehrpumpe und nein, wir haben selbst im Odenwald schon motorisierte Löschfahrzeuge.

Was hatte ich geplant? Gute Frage. „Mein Geld mit Schreiben verdienen“ war schon in der Jugend eine Idee, aber ich hatte da noch Sylvia-Plath-Gedichte und Romane im Auge und ein aufregendes, kurzes Dichterleben. Bis das aus mir hervorbrechen sollte, studierte ich Sachen, die mich interessierten: Politik, Soziologie, Psychologie. Und danach machte ich ein Praktikum, immer noch getreu dem Motto Schreiben, bei einer Mitarbeiterzeitung in einem Automobilkonzern. Das war auch sonst eine aufregende und auch schlimme Zeit (unter anderem starb damals mein Vater) und es war sehr lehrreich. Nach den sieben Monaten wusste ich: PR-Frau in einem Konzern, das ist nichts für mich. Starre Hierarchien passen zu mir nicht. Dabei hatte man mir, wieso auch immer, eine Weiterbeschäftigung angeboten.

Stattdessen landete ich mit etwas Glück bei einem Promotionsstipendium rund um das Thema Nationalsozialismus. Das war natürlich nett, an einer Doktorarbeit herumzuschreiben und dafür bezahlt zu werden. Aber ich merkte während der Zeit, dass auch die akademische Forschung und vor allem die dort ebenfalls sehr zementierten Hierarchien und Abhängigkeiten nichts für mich sind.

Das ist eine ukrainische Motanka-Puppe.

Die Jahre darauf tat ich allerlei, hatte diesen und jenen Neben- oder Minijob, schrieb einen Krimi, beschäftigte mich mit Themen außerhalb des Arbeitslebens, und pflegte zusammen mit meinem Mann jahrelang meine an Demenz erkrankte Mutter.

Zwei Frauen, mit denen ich privat etwas zu tun hatte, waren freie Mitarbeiterinnen bei einer der Tageszeitungen hier; eine schrieb, die andere fotografierte. Als meine Mutter ins Pflegeheim kam und gleichzeitig ein Bürojob von mir auslief, ich also arbeitslos war, ließ ich mich darauf ein, das mal zu probieren. Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte, abseits von der erwähnten Mitarbeiterzeitung und ein paar Beiträgen für Schülerzeitungen, nie irgendetwas Presserelevantes getan. Aber die Redaktion drückte mir einen Stapel der Zeitung in die Hand, um mich ein bisschen zu orientieren, wie man das macht, und eine Liste mit ersten Terminen wie ein christliches Chorkonzert und etwas mit einem Treffen von Heimatvertriebenen. Ich gab mein Bestes. Nach ein paar Wochen fragte ich den betreuenden Redakteur, ob meine Artikel OK seien. „Nein“, meinte der. „Die sind gut.“

Ein Freibad im März.

Und so weitete ich mein Arbeitsfeld auf so ziemlich alles außer Sport aus. Nach ein paar Jahren begann ich auch zu fotografieren. Ich übernehme inzwischen vor allem Aufträge im Bereich Kommunalpolitik, weil das zum einen viele nicht machen möchten, zum anderen finde ich das interessanter und wichtiger als Konzerte und Flohmärkte. Außerdem habe ich, zeitweise recht intensiv, für ein kleines Monatsmagazin hier gearbeitet.

Der Start war bei all dem gar nicht so einfach. Ich war damals zum ersten und letzten Mal im Leben einige Monate Arbeitslosengeldempfängerin. Die Summe war niedrig, aber immerhin war ich krankenversichert. Als ich in das Freiberuflertum einstieg, strich mir das Amt sofort alle Zahlungen, obwohl ich ja die ersten Wochen und Monate nur kleine Beträge einnahm. Zum Glück war die AOK kulant, mich in der Übergangsphase zwischen Amt und Künstlersozialkasse weiterlaufen zu lassen. Künstlersozialkasse ist auch eine tolle Sache, wer es nicht kennt: Als Künstler:in (ja, ich bin offiziell Künstlerin, wie toll ist das denn?) kann man sich dort versichern und muss bei der Krankenkasse nur die Arbeitnehmerbeiträge zahlen; außerdem zahlt man in die Rentenversicherung ein.

Industriegebiet unter malerischem Himmel.

Ich mag meinen Job sehr, weil er für mich die perfekte Balance zwischen Freiheit und Sicherheit ist. Mir liegt es, mich jeden Tag mit anderen Dingen zu beschäftigen und in neues einzuarbeiten. Es tut einfach gut, bei der Arbeit ständig Menschen zu treffen, die sich (oft ehrenamtlich) engagieren, ob nun kommunalpolitisch, in einem Verein oder anderswo. Ich führe oft gute Gespräche. Und meine Buchhaltung inklusive der Aufgabe, die Steuertermine im Auge zu behalten, fällt mir leicht.

Auch das Schreiben selbst geht mir leicht von der Hand. Klar hat der Job und mein Berufsleben generell auch Nachteile. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich auf den Schrieb der Rentenkasse schaue, und merke es, wenn sich eine Diskussion in einem Ausschuss um 22 Uhr festgebissen hat.

Was Unterstützung angeht: natürlich hat mein Mann diese Entscheidung mitgetragen. In unserer Beziehung bereden wir alles, aber es wäre für mich schwer vorstellbar, dass mir mein Partner sagt, was ich beruflich machen soll und was nicht. Am meisten unterstützt hat mich aber mein Wunsch, zu schreiben und dabei so frei zu sein wie möglich und dennoch zu wissen, dass jeden Monat was Geld auf mein Konto kommt.

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