Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: I, Me and Self (Seite 1 von 4)

Warum ich heute streike

Warum ich heute streike

Streiken ist ja ein großes Wort dafür, dass ich heute keine Arbeitstermine annehme (stand eh nichts an, to be honest) und kein Mittagessen kochen werde. Ich werde, denke ich zumindest, heute auch nicht in eine der nächsten größeren Städte fahren und mich dort einer Kundgebung anschließen. Stattdessen werde ich den Tag für mich nutzen, vielleicht etwas kreativ sein, mal sehen, und mit Beiträgen wie diesem sowie im Fediverse und auch Bluesky auf die Aktion hinweisen.

Wieso eine solche Aktion?

Weil es viel zu viele „immer noch“ gibt. Immer noch verdienen Frauen weniger Geld, immer noch erledigen sie den Großteil der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit, immer noch sind erschreckend viele von uns Frauen* sexueller und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Und zu dem „immer noch“ kommt hinzu, dass durch rechte und rechtsextreme politische und auch radikale religiöse Strömungen weltweit die Frauenrechte nicht nur nicht zunehmen, sondern in die Defensive geraten.

Meine Privilegien

Mir ist durchaus bewusst, dass ich von einer prinzipiell unterprivilegierten Gruppe, den Frauen, eine privilegierte Vertreterin bin. Ich bin weiß, hetero, cis, deutsch und habe keine Behinderungen oder chronischen Krankheiten oder körperlichen Defekte, von Kurzsichtigkeit udn Dicksein mal abgesehen. Ich bin zwar nicht gerade eine Topverdienerin, aber als Paar kommen wir gut über die Runden. Ich habe ein schönes Leben.

Aber..

Und ja, auch bei uns mache ich wesentlich mehr Hausarbeit, weil ich im Gegensatz zu meinem Mann a) nicht Vollzeit und b) meist im Homeoffice arbeite.
Finde ich unser Arrangement fair?
Ja, da wir so alles in allem etwa gleich viel arbeiten.
Ist es meine Idealvorstellung?
Eher nein, das wäre 50:50 bei Erwerbsarbeit und Haushalt.
Zu dieser Regelung gehört halt auch das Vertrauen, dass wir nach bald 35 Jahren weiter ein Paar bleiben, denn alleine kommt von uns keiner richtig aus.

Sozialisation

Ich merke aber auch immer mehr, dass ich durch meine Erziehung privilegiert bin.
Meine Eltern waren ja Kriegskinder gewesen, die ihre Jugend, ihre Ausbildung und ihr technisches Studium in der DDR verbracht hatten und kurz vor dem Mauerbau „rüberjemacht“ hatten. Meine Mutter, Jahrgang 1933, hatte an einer Ingenieurschule (entspricht etwa der Fachhochschule) Maschinenbau studiert, mein Vater Hochbau.
Als Kind hat mich das natürlich nicht so interessiert, aber heute finde ich es erstaunlich, wie meine Mutter es schaffte, auch im konservativeren Westen der 1960er Jahre beruflich Fuß zu fassen. Sie hatte eine freundliche und menschenzugewandte Art und konnte doch, vor allem im Alter, recht resolut sein. Ich gestehe, dass ich mir, jetzt auch nicht mehr die Jüngste, davon ein bisschen was abschneide. (Kiesler-Kreis freundlich-dominant ;-))

Meine Eltern haben mich (und meinen älteren Bruder) auch motiviert, selbständig unser Ding zu machen. Ich bin sehr freiheitlich aufgewachsen. Das war gut, weil ich mich freier entfalten konnte, aber auch in manchen Lebensphasen herausfordernd, weil ich meine Wege und Ziele immer selbst und weitgehend alleine suchen musste.

Ich merke aber auch, dass mir durch solche Rollenvorbilder wiederum manchmal das Verständnis fehlt für Frauen, die sich Dinge „nicht trauen“, weil das bei irgendeinem (Mann) auf Missfallen stoßen könnte. Mir kommt zumindest nicht in den Sinn, dass ich nicht nach mehr Honorar fragen darf, weil das irgendjemand gierig nennen könnte, oder ich meine Klappe halte, weil jemand meint, als Frau solle ich zu einem Thema schweigen.

Ich hatte darüber mit anderen Frauen auch schon Diskussionen, weil ich denke, es ist sinnvoll, solche im Leben hinderlichen Sozialisierungen auch individuell zu überwinden.

Privilegiert bin ich auch, weil ich noch nie sexuelle oder körperliche Gewalt erleben musste und seit meiner Volljährigkeit in einer sehr liebevollen und wertschätzenden Partnerschaft lebe. Und trotzdem – das wurde mir während #MeToo klar – bin ich gerade als junge Frau oft nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Das hat mich damals auch so wütend gemacht: Wie kann es sein, dass ich mich freue, wenn ich „nur“ schon belästigt, begrapscht, beleidigt und bedroht wurde, aber nicht mehr?

Was sind meine Vorstellungen, wie es sein sollte?

Ich denke, dass vom rein gesetzlichen Rahmen in unserem Land schon viel getan wurde. Und manches sehe ich auch durchaus zwiespältig. So finde ich es klasse, wenn eine Frau auch mit Kindern heute arbeiten kann, weil es eine gute Kinderbetreuung gibt.

Andererseits frage ich mich, ob das unser Ziel sein kann: eine Gesellschaft, in der Männer wie Frauen gleichermaßen einem neoliberalen Workaholic-Lifestyle hinterherlaufen, in der das soziale und familiäre Miteinander kaum noch eine Rolle spielt (und dann, machen wir uns nichts vor, die verbleibende und nicht an Personal outgesourcte Hausarbeit dann doch wieder bei der Frau verbleibt). Gestern las ich irgendwo, dass Bürgergeldempfängerinnen voll arbeiten sollen, wenn das Kind ein Jahr alt ist. Das finde ich eine ziemlich krasse Anforderung.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die nicht alleine durch Geld und Konsum und Selbstsdarstellung (Instagramm-Account!) definiert wird. In der das Miteinander, auch das Sich-umeinander-Kümmern (auch um Kinder, Alte, Kranke) wieder mehr in den Mittelpunkt rückt, und in der man sich auch wieder mehr leibhaftig miteinander beschäftigt und nicht nur über Social Media austauscht.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Gewalt ächtet, ganz gleich, von wem sie ausgeht. Ich wünsche mir, dass wir Frauen*, wenn wir alleine einem Mann begegnen, nicht ständig abchecken müssen, ob der gefährlich werden könnte, und ja, das auch noch als alte dicke Frau Ü50.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jede:r mit Stolz und Würde durchs Leben gehen kann. Ob Mann oder Frau oder etwas dazwischen oder außerhalb, ob mit oder ohne Behinderung, ob weiß oder schwarz, ob dick oder dünn.

Ich wünsche mir mehr Solidarität der progressiven Kräfte, auch und gerade unter Frauen* und FLINTAs, statt sich wegen ideologischen Nuancen untereinander zu kappeln.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Bildung und Kunst einen höheren Stellenwert haben als möglichst kostspielige Anschaffungen.

Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit und mehr mutiges Weitergehen in gesellschaftlichen Themen, statt in Frust und Panik zu verharren.

Das nur so ein paar Gedanken.

WmdedgT März

Katzi auf dem alten Radio, das immer noch gut funktioniert

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (kurz WmdedgT) fragt Frau Brüllen, und das ist meine Antwort:

Es war am 5. März ein ziemlich voller Tag gewesen, dabei hatte ich das relativ typische Arbeitspensum von ein paar Stunden am Morgen und ein paar am Abend – Lokaljournalistenleben.

Der Tag begann wie jeder Tag, an dem in Hessen Schule ist, mit dem Aufstehen um sechs Uhr, da der beste Ehemann von allen an einer Schule arbeitet. Wir stehen immer zusammen auf, genauso wie er abends nicht ins Bett geht, bevor ich heimkomme, auch wenn es mal – Stichwort Fastnacht – spät wird.

Hummus und Bärlauch auf dem Brot

Frühstück mit dem geliebten Bärlauch, dessen Duft mich in der weiteren Bärlauch-Saison ein bisschen umschweben wird. Nach Frühstück und Aufbruch des Mannes machte ich hier meine übliche Runde durch das Haus mit Lüften und Aufräumen; dann fuhr ich den PC hoch und schaute, was so an Mails eingetrudelt war, und klickte mich schnell durch ein paar Seiten und Gruppen. Facebook und Instagram nutze ich nicht mehr, was diesen Schritt beschleunigt.

Ich freute mich über eine ganz gute Honorargutschrift, auch wenn da die Ansprüche in meinem Job nicht sehr hoch sind. Und ich ärgerte mich kurz über die AOK, weil ich ohne Smartphone oder Windows/Mac-PC plus Kartenlesegerät nicht an meine ePA kommen kann. Digitalzwang, kotz.

Damit jeht dit nich!

Danach hatte ich einen Artikel über eine Ausschusssitzung in einem Nachbardorf geschrieben, bei der es vor allem darum ging, nach welchem Schlüssel Bauplätze in einem erweiterten Gewerbegebiet vergeben werden sollen. Das ging recht flott von der Hand. Ich stellte noch einen anderen Artikel fertig und lud beide hoch.

Es folgte eine etwas ausgedehntere Tour durch unseren Haushalt, ich saugte durch, brachte den Müll raus, räumte die Geschirrspülmaschine ein und aus, so das halt. Ein Eiweißshake mit Banane war meine Zwischenmahlzeit, bevor ich noch mal einen Blick in die Online-Nachrichten warf und über das Thema Frauenstreik am 9. März nachdachte. Ich möchte daran teilnehmen, wobei ich ja Freiberuflerin bin, also meine eigene Chefin, und mit meinem werten Gatten beziehungstechnisch nicht hadere. Andererseits kotzt mich das Patriarchat an und all seine Auswüchse von häuslicher Gewalt bis Krieg. Irgendwo in meinem Hinterkopf ist aber die Frage, „darf“ ich das, einfach einen Tag nichts tun? Ich denke drüber nach, woher so ein Gedanke kommt.

Saugen

Dann kurvte ich mit meinem kleinen Auto in der Gegend herum. Ich räumte das öffentliche Bücherregal auf, das wir betreuen, machte für die Zeitung ein paar Bilder, tankte (immerhin habe ich ein Zeitfenster mit etwas weniger als 2 Euro für den Liter Diesel erwischt) und kaufte in einer Drogerie noch eine Packung Eiweißshake. Ich bin ja keine großer Sportlerin, aber als Veganerin ist meine Eiweißversorgung oft etwas dürftig, außerdem machen diese Shakes lange satt.

Ich entschied mich beim täglichen Spaziergang für eine Runde bei einem Mini-Ortsteil, der nur zwei oder drei Häuser umfasst. Die Feldwege waren irgendwie nicht genau da, wo sie meine alte Wanderkarte (noch von meiner Mutter…) vermutete, und so lief ich ein paar Umwege und Schleifen. Das dauerte dann etwas länger als ursprünglich geplant, aber ich hatte keine Eile und genoss die Sonne. Später versuchte ich, ein bisschen etwas über den Drei-Häuser-Ortsteil herauszufinden, wurde aber auf die Schnelle nicht fündig. Agathe, hilf! 😀

Dann war es auch schon bald Zeit für unser spätes Mittagessen. Ich mache immer am Nachmittag etwas Warmes, weil ich einmal am Tag was anderes essen will als Brot oder Nüsse und Kürbiskerne (ich esse beides sehr gerne) und weil ich so nett bin, den Mann zu bekochen, der von der Arbeit kommt. Es gab noch mal Curry vom Vortag, dazu Kimchi.

Den Nachmittag verbrachte ich ansonsten damit, ein altes Heimatkundeheft von 1980 über Odenwälder Trachten zu lesen, das ich in unserem öffentlichen Bücherregal entdeckt hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass es im 18. Jahrhundert – also vor Napoleon – Vorschriften der jeweiligen Herrschaft gegeben hatte, was die Leute anziehen dürfen und welche Farben sie tragen dürfen. Bunteres war dabei in der Regel dem Adel vorbehalten, das Bäuerlein musste sich mit Grau und gedeckten Farben begnügen. Die heute bekannten Trachten sind zumindest teilweise „herabgesunkene“ Adels- oder Militärmode und oft nicht so alt, wie viele denken. Die typische lange Männerjacke der Odenwälder Tracht hieß Mutzen oder Motze, und ich fragte mich, ob das was mit motzen von wegen meckern zu tun hat.

Titelbild des erwähnten Heftes

Außerdem las ich noch ein bisschen in dem Roman „Blue Shoes and Happiness“ von Alexander McCall Smith, noch ein Buch über die traditionell gebaute Mma Ramotswe und ihre Freunde.

Dann war es auch schon Zeit für Arbeitseinsatz Nummer zwei. Im Nachbarort war Bauausschuss, und dort wurde zwei Stunden lang erst noch einmal über das Gewerbegebiet diskutiert, das erweitert werden soll; dieses Mal ging es um die baulichen Aspekte. Dann wurde es ganz interessant mit dem „Bau-Turbo“ und der Frage, was dessen Vorgaben für eine Kommune bedeuten und wie die damit umgehen soll.

Auf dem Weg zur abendlichen Schicht

Viertel nach neun war ich dann zu Hause, trank noch ein bisschen alkoholfreies Bier, zappte mit dem Mann durch das TV-Programm und erzählte ihm vom Bauausschuss. Zu spät ging es ins Bett – und das war es dann auch schon mit einem ziemlich vollen und langen Tag.

Jaja, die Katja, die hat ja…

Über den entsprechenden Beitrag von Angela (AnGEla ;-)) kam ich auf diese Blogparade zum Thema Vornamen. Da ich mich gerade etwas schwer tue, öfter zu posten, nehme ich das doch gerne mit.

Katja Ebstein, eine berühmte Namensvetterin.
Kurt Lindemann, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Wie zufrieden bin ich mit dem Vornamen Katja? Ach, ich finde ihn okay. Meine Eltern hatten ihn wohl nach dem Klang gewählt; wie mein Bruder habe ich keinen zweiten Vornamen. Darüber war ich nie traurig, weil ich einige kenne, deren zweiter (und dritter) Vorname dazu diente, irgendwelche alten Tanten oder Großväter zu befriedigen. Eine Freundin von mir aus der Schule hatte tatsächlich die weiteren Vornamen „Nelli Ofelia“, was wir Kinder sehr lustig fanden.

Meine Mutter hatte mir mal erzählt, dass vor meiner Geburt auch Anuschka zur Wahl gestanden hätte. Irgendwie hatte meine Mutter damals, was Vornamen anging, eine russophile Phase. Anuschka wurde verworfen, weil ich dann zwei „sch“ im Namen gehabt hätte. Mir ist Katja auch lieber.

Meine Mutter stand auf russischen Kram Anfang der 1970er.
fletcherjcm, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons

Der Name ist bei Gleichaltrigen und etwas älteren Frauen häufig, in meiner Alterskohorte ist er unter den Top 10 der beliebtesten weiblichen Vornamen gewesen; immerhin war er nicht ganz so allgegenwärtig wie damals Nicole oder Melanie. Inzwischen wird er wohl nur noch selten vergeben.

Gut fand ich bei Katja immer, dass man den Namen nicht zu einer doofen Abkürzung verstümmeln kann. Nur eine Freundin nannte mich eine Zeit lang scherzhaft „Kathy“, weil ich sie, ebenso scherzhaft, statt Nathalie „Naddel“ nannte. Meine Oma und meine Mutter nannten mich, besonders dann, wenn sie mich sanft rügten, „Katinka“. Auch eine liebe Freundin nennt mich manchmal so. Katinka gefällt mir eigentlich noch besser als Katja.

Richtig kacke fand ich als Grundschulkind nur dieses natürlich allgemein bekannte Heino-Lied, ihr wisst schon: „Jaja, die Katja, die hat ja Wodka im Blut …“
https://www.youtube.com/watch?v=UeC-LIa3YIw

Was mir auch nicht so richtig an meinem Namen gefiel, war die (vermeintliche?) Bedeutung: „die Reine“. Ich bekam irgendwann mal eine Tasse geschenkt, auf der neben meinem Namen irgendwo ein Sprüchlein stand von wegen, wie rein ich doch sei. Für mich klang Reinheit immer sehr nach Langeweile, Biederkeit, Spaßbremse. Aber stimmt das überhaupt mit der Reinheit?

Die Reinheit
Giovanni Lanfranco, Public domain, via Wikimedia Commons

Katja leitet sich ja vom russischen Jekaterina ab, das wiederum die dortige Variante von Katharina ist. Katharina ist die latinisierte Form des griechischen Namens Aikaterine. Aber was die Herkunft dieses griechischen Wortes angeht, scheint bei näherem Hinsehen die Variante „Reinheit“ (vergleiche auch Katharsis) erst im Christentum aufgekommen zu sein. Ich fand unter anderem auf Wikipedia auch andere Herleitungen wie:

  • von hekáteros „jeder der beiden, jeder einzeln“ oder dem verwandten hekás „weit entfernt“
  • vom Namen der Göttin Hekate, der seinerseits vielleicht von „weit entfernt“ abzuleiten ist
  • von hekaton „hundert“
  • von aikía „Frevel, Folter“
Hekate
Drawing by Stéphane Mallarmé., Public domain, via Wikimedia Commons

Zur Einordnung: Ich bin ein eher netter Mensch, der nichtsdestotrotz seinen Skorpionanteil sehr mag. Und so sind mir diese Varianten näher als Reinheit. Natürlich fände ich in diesem Licht eine Herleitung vor allem von Hekate gar nicht so unspannend. Hekate ist ja wiederum eine sehr vielschichtige griechische Gottheit, die schwer fassbar ist und viele Wandlungen in ihrer Darstellung und Rezeption erfahren hat – von einer jungfräulichen Göttin oder einer Variante der großen Muttergottheit bis hin zur dunklen, alten, mit Magie assoziierten Figur. Das zeigen auch ihre vielen Beinamen Hier habe ich eine ganz interessante Zusammenstellung zu Hekate gefunden.

Hundert und „einer von beiden“ ergibt wiederum als Namensquelle für mich wenig Sinn, und Folter? Wie schon gesagt, ich bin ja im großen und ganzen ein recht umgängliches Wesen.

Aber vielleicht bin ich auch nur einfach weit, weit weg. Liegt vielleicht am Wodka im Blut, jaja…

Februar-Fastnachts-Blues

Februar ist für mich ein ätzender Monat. Der Winter (der dieses Jahr sogar mal seinen Namen verdient) hat sich dann schon zu lange hingezogen, das graue, nasse, kalte Wetter steht mir sonstwo, aber statt Frühling gibt es erst einmal Fastnacht.

Aber ich kann mit den hier üblichen Fastnachtssitzungen einfach wenig anfangen. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich bin einfach nur eine Spaßbremse oder elitär-arrogant à la huhu, Frau Doktor goutiert nicht die derben Dorfscherze. Das ist es nicht. Ich kann mich auch sehr niveaulos amüsieren, ich habe schon in Ausstellungen mit mittelalterlicher Kunst ganz unangemessen Tränen gelacht.

Wie ich bei Friederike vom Landlebenblog schon schrieb: Ich sage den Odenwäldern manchmal, das sei einfach genetisch mi der Fastnacht und mir, preußische Vorfahren und so weiter. (Hm, wenn ich es recht bedenke: Den Humor des Ostpreußen Loriot habe ich immer schon geliebt.)

Als Lokalreporterin habe ich dennoch viele, viele, viele Sitzungen in den letzten 14 Jahren besucht. Manche finde ich durchaus unterhaltsam – es gibt eine immer lustige Weiberfastnacht einer KDFB-Gruppe –, manche eher etwas langweilig. Früher war ich auch hin und wieder auf Veranstaltungen von Vereinen, wo der Top-Act des Abends ein älterer Mann war, der eine halbe Stunde Herrenwitze verlas oder es schwerpunktmäßig um Verdauung und Hämorrhoiden ging. Brrrh.

Schwierig ist für mich, dass diese Sitzungen oft so ewig dauern und ich keine Nachteule bin. Sind die Sitzungen unter der Woche (Weiberfastnacht!), muss ich am nächsten Tag trotzdem um sechs raus. Und überhaupt bin ich der Meinung, dass keine Versammlung länger als zwei bis drei Stunden dauern sollte.

Aber am meisten stört mich, dass ich bei einer solchen Sitzung viel mehr als bei jeder anderen Veranstaltung spüre, dass ich da nicht hingehöre, dass ich nicht dazugehöre. Ich kann das gar nicht so genau erklären, aber während um mich herum alle bunt und beschwipst und fröhlich sind, schunkeln und lachen und grölen, wird es in mir ganz grau. Das ist einfach ein Bereich des Odenwälder Lebens, in dem ich meinen Mitmenschen vielleicht körperlich, aber nicht im Geiste folgen kann.

All diese Dinge plus der Februar-Blues (plus Wechseljahre?) haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass ich mich nach der Fastnacht immer viel schlechter fühlte als vorher. Daher habe ich dieses Jahr ausgesetzt; da die Extravergütung dafür abgeschafft wurde, lohnt es sich auch finanziell nicht mehr.

Und was soll ich sagen? Meine Laune ist auch ohne Fastnacht schlecht!

Aber kein Grund zur Sorge: Die Tage werden trotz allem länger, heute habe ich die ersten Bärlauchspitzen entdeckt, und bald schon ist der blöde Februar vorbei.

WmdedgT: Wiederbeschaffungszeitwertabschreibung

Ich wollte schon lange mal auf die Frage von Frau Brüllen antworten. Die fragt: „Was machst du eigentlich so den ganzen Tag?“. Nun war gestern ein untypischer (Arbeits-)Tag, aber gut – wieso nicht. Nur habe ich gar keine Bilder gemacht, da müsst ihr jetzt mit leben.

Statt wie sonst um 6 startete der Tag für mich erst um 7:30 Uhr. Der beste Ehemann von allen ist mit einer dicken Erkältung daheim, statt in der Schule zu unterrichten, und ich bin auch etwas unfit. Daher habe ich auch erst einmal keine Termine außer Haus bis Anfang nächster Woche angenommen – ich wusste ja nicht, wie schlimm es wird. Aber vielleicht bin ich dank meiner selbstgebrauten Cistus-Tinktur, die ich mir regelmäßig in den Rachen sprühe (brrrrhhhhhh), nur leicht erkältet.

Da der besagte kränkelnde Mann um 7:30 noch schlief, habe ich erst einmal ein bisschen gelesen. Ich lese gerade die Buchreihe über „The No. 1 Ladies’ Detective Agency“. Die Romane wurden vom Schotten Alexander McCall Smith verfasst, der eine Weile im Süden Afrikas gelebt hat. Ich kann natürlich absolut nicht einschätzen, wie authentisch die Gesellschaft Botswanas in den Büchern wiedergegeben wird, aber die Bücher machen wirklich Freude. Ich finde es erfrischend, Geschichten über Afrika zu lesen, in denen die Probleme des Kontinents (Hunger, Armut, Kriege, AIDS usw.) mal nicht im Vordergrund stehen. Wahrscheinlich ist die Darstellung etwas verkitscht, aber ich hätte große Lust, mich mit der „traditionell gebauten“ (wie sie ihre Körperfülle nennt) Mma Ramotswe auf einen Buschtee auf ihre Veranda zu setzen und zu plaudern.

Als der kranke Mann erwachte, frühstückten wir ausgiebig. Ich hatte keinen Zeitdruck mit der Arbeit, und gemütlich frühstücken und dabei eine Zeitung lesen (aktuell die Süddeutsche am Wochenende, die reicht uns für die ganze Woche) macht mir Freude.

Dann stand ein bisschen Arbeit an. Ich schrieb einen weiteren kleinen Artikel über die anstehende Kommunalwahl in Hessen Mitte März. Dabei konzentrierte ich mich auf das Thema Briefwahl. Ich telefonierte kurz mit einem der Wahlleiter hier, wann denn die Wahlbenachrichtigungen bei den Bürgerinnen und Bürgern zu erwarten sind.

Ich kommunizierte außerdem kurz mit Mitgliedern meiner Demokratiegruppe darüber, ob ihnen meine Ankündigung für unsere nächste Veranstaltung zusagt. Wir machen am 21. Februar wieder eine „Musik-und-Talk“-Veranstaltung. Praktischerweise hat die Familie einer unserer Aktiven eine alte Dorfwirtschaft mit Saal, wo wir hin und wieder zu demokratischen Veranstaltungen einladen können. Ich selbst kümmere mich in der Gruppe vor allem um die Pressearbeit; auf der Bühne stehen muss ich nicht, gehe aber bei Dmeos auch mal für 3 Sätze ans Mikro, wenn es gewünscht wird.

Außerdem antwortete ich kurz auf die Mail eines Freundes, dem es nicht gut geht. Und ich schrieb eine Nachricht an die Mieter unserer vermieteten Einliegerwohnung, dass wir uns doch bitte zeitnah gemeinsam ein Problem in deren Wohnung anschauen sollten, das laut ihnen schon seit zwei Wochen besteht. Warum erfahre ich das dann erst jetzt?, denke ich und seufze.

Dann machte ich mich noch einmal auf, um ein paar Dinge zu erledigen. Ich brachte ein Ersatzteil, das mein Mann im Internet erworben hatte, zu der Werkstatt, wo gerade sein Auto steht. Danach kaufte ich ein paar Kleinigkeiten im Edeka ein und drehte eine Runde im Wald. Der tägliche Spaziergang muss bei mir ja sein.

Wieder daheim warf ich die mitgebrachten veganen Fischstäbchen (die sicher irgendwie anders heißen müssen inzwischen) in die Pfanne. Solche Fertiggerichte kaufe ich eigentlich nur, wenn sie in der „Nimm mich mit, mein MHD läuft bald ab“-Kiste liegen. Dazu gab es eine Art Imam Bayildi („Der Imam fällt in Ohnmacht“, besteht vor allem aus Auberginen in Tomaten geschmort) und Bulgur. Türkei meets Tofu-Nordsee oder so.

Gegen Abend schaute ich mir ein Livevideo des Bürgermeisters einer Nachbarkommune an und machte mir Notizen für einen Artikel. Es ging dabei um die drastische Erhöhung der Wasserpreise dort; das Thema hat es sogar in überregionale Nachrichten und ins TV geschafft. Bei dem Video konnten sich Bürger dazuschalten oder in den Kommentaren Fragen stellen, sehr modern das alles. Zentral war ein längeres Referat über Gebührenkalkulation. Ich konnte dem Vortrag dank 14 Jahren Berichterstattung über Kommunalpolitik durchaus folgen, habe aber mit „Wiederbeschaffungszeitwertabschreibung“ doch noch einen neuen Begriff gelernt, der bei Scrabble gut Punkte bringen dürfte.

Später machte ich es mir mit dem besten Ehemann von allen auf dem heimischen Sofa gemütlich. Erst schauten wir quer in Bayern drei, dann noch ein paar Folgen der neuen Ghosts-Staffel. Und dann gingen wir schlafen.

Zengestank

Mal ein paar ungeordnete private Gedanken…

Heute war ich mal wieder in der Stadtbücherei in dem nächsten Städtchen, in dem ich zusammen mit dem besten Ehemann von allen eine Weile gelebt habe. Auch wenn es mich ja sonst eher in den Wald zieht, gehe ich dort gerne ein bisschen spazieren. Ich streife durch die Fußgängerzone, den schönen Schlosspark, und wenn ich mehr Zeit habe, drehe ich auch eine Runde durch einen sehr hübschen Staudengarten, der bald schon in bunten Farben explodieren wird, oder durch den Exotenwald mit seinen großen Mammutbäumen. Okay, das ist dann doch schon wieder Wald.

Diesmal beschränkte ich mich auf die kleinen Gassen rund um den Marktplatz. Ich mag das: herumlaufen, schauen, gucken, nachdenken. Irgendwo stand eine sogenannte Friedensinitiative, die vor ein paar Jahren noch gegen Coronaimpfungen und Masken wetterte. Woher kommt es eigentlich, dass diese beiden Themen – putinfreundlicher „Friedens“aktivismus und manchmal recht abwegige Ideen in Bezug auf Infektionskrankheiten – gerne zusammen auftreten? Gleiche Propagandaquelle, geht mir durch den Kopf. Aber auch schon vor Social Media habe ich erlebt, dass manche Ansichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, zusammenkommen. Oder wie es mal eine Bekannte ausdrückte: Permakultur bekommt man fast nur im Paket mit Geschwurbel.

Ich schaue mir die Menschen an. Ein paar Touristen dürften in dem schmucken Städtchen unterwegs sein, andere sprechen deutlich den hiesigen Dialekt. Zwei ältere, knuffelige Damen fragen mich mit starkem osteuropäischen Akzent nach dem Bahnhof, ich zeige ihnen den Weg. Schon von weitem höre ich das schöne Akkordeonspiel eines Straßenmusikers, gebe eine Münze in seine Schale. Ich merke mal wieder, dass nicht nur Tiere – Katzen vor allem! – mich irgendwie anziehend finden, sondern auch kleine Kinder. Eines rennt, die Oma mit dem Kinderwagen hinter sich lassend, auf mich zu und grinst dabei so freudig, dass der Schnuller aus dem Mund purzelt.

Eine Sache, die mich zurzeit beschäftigt, ist eigentlich ein altvertrautes Thema von mir: Egal, wie felsenfest ich von irgendeiner Sache überzeugt bin: stoße ich (real life oder, schlimmer, digital) auf viele Gleichgesinnte, die auch sehr überzeugt von etwas sind, gehen sie mir oft auf den Geist und ich fange an, meine Überzeugung in Zweifel zu ziehen. Mir fehlen so oft die Zwischentöne, die Ambivalenz, die Möglichkeit, die eigene Ansicht zu hinterfragen und immer wieder auf den Prüfstein zu stellen. Oder aber – das wäre ja das Mindeste –, zu sagen: Ich denke schon, dass ich bei XY recht habe, aber ich muss deswegen nicht mit hoch erhobener Nase und ausgestrecktem Zeigefinger herumlaufen und ständig auf andere deuten und verkünden: DU! Du bist falsch!
Oh Gott, wie kann man nur Christ/CDUler/Fleischesser/Homöopathienutzer/Autofahrer/Raucher/Weintrinker sein!

Vielleicht habe ich zu lange in Büchern über Buddhismus und Zen gelesen, um das ständige Be- und Abwerten begeistert mittragen zu können. Was ja auch wieder zu einem sehr hübschen Comic passt, den ich gerade nicht in den Abgründen meiner Festplatte finde, der aber so aussieht: Ein buddhistischer Mönch meditiert. Dann denkt er plötzlich so etwas wie: Ich habe mein Ego überwunden und bin erleuchtet! Und kurz danach: Ich bin ja so viel besser als die anderen.

Also verabschiede ich mich von diesem Posting mit einem Hauch Zengestank*.

Die Bilder sind übrigens von heute und gehören zu einem schon zehn Jahre währenden Projekt, bei dem ich schöne Rostfotos und Bilder von abblätterndem Lack sammle, mit unklarer Vorstellung, was ich damit mal mache. Vielleicht bin ich ja irgendwann motiviert zu Rostgedichten und kombiniere das in einem Büchlein. Mit Ü50 macht ja Kunst zum schönen, langsamen Verfall durchaus Sinn.

*Ein Wort, das offenbar wenig bis gar nicht gebräuchlich ist, wie ich grade feststelle. Ich meine damit die nervtötende Arroganz von Leuten, die sich ja ach-so-schlau-und-erleuchtet finden. Anderswo werden damit jene bezeichnet, die ihr Engagement für Zen mit Accessoires nach außen tragen, um anzugeben. Ich bin übrigens keine Buddhistin, das nur am Rande.

Massive Entschleunigung

Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.

Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.

Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.

Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.


Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …

Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.

Jahresabschlusspuderzucker

Hätte ich gerade keinen Urlaub, hätte ich sicher heute von meiner Redaktion den Auftrag bekommen, „Verkehrschaos im Odenwald wegen Schnee“ zu fotografieren. Da muss ich immer etwas schmunzeln; meine Kolleg:innen an der Bergstraße unterschätzen den Odenwälder doch ein bisschen, was seine Fähigkeiten angeht, mit Eis und Schnee umzugehen. Vor allem, wenn es sich wie heute um nicht mehr als eine dünne Puderzuckerschicht handelt, die nett anzusehen war, aber in der Mittagssonne auch schnell verschwand.

Blick von der Kreidacher Höhe Richtung Westen und Rheinebene

Heute Morgen war es sehr neblig. Nach einem Blick auf die in solchen Wetterlagen immer sehr praktische Webcam auf dem Trommturm sah ich, dass oben die Sonne schien. Also tuckerte ich auf die Kreidacher Höhe hinauf, um dort ein bisschen zu spazieren. Leider muckt aktuell mein Knöchel etwas herum, weswegen ich auf dem dortigen Kunstwanderweg langsam ging und nicht furchtbar weit. Aber ich habe euch ein paar Impressionen mitgebracht.

Ansonsten wundere ich mich, dass meine großzügig bemessenen Winterferien schon wieder fast halb vorbei sind. Schlauerweise habe ich es diesmal aus Erfahrung vermieden, mir sehr viele Dinge vorzunehmen. Verwandtenbesuche an Weihnachten, das alljährliche Rauhnachtscafé mit Freunden, dazu noch ein paar Dinge, die ich nicht ganz vermeiden kann wie Umsatzsteuererklärung und Passfotos sowie ein paar organisatorische Dinge rund um unsere Geopark-Gruppe — selbst das kommt kaum in die Pötte

Ein Schwarm Distelfinken

Aber das soll und muss vielleicht auch einfach mal so sein zwischen den Jahren, wenn es selbst bei Sonnenwetter so viel dunkel ist. Ich schreibe Träume auf, die sich fast alle um meine Arbeit drehen, und habe keine rechte Lust auf einen Jahresrückblick.

2025 war zäh. Die Wechseljahre hatten mich vor allem im Sommer schlimm in der Mangel, und überall um mich herum sehe und sah ich Freund:innen und Bekannte mit der psychischen und körperlichen Gesundheit hadern. Dazu noch alles draußen in der großen Welt, die so viel kälter und härter ist als meine 70er-Jahre-Bude und meine verständigen Freunde hier im plüschigen Auenland.

2025 in einem Wort? Erschöpfend.

Dunkelmonat, Lichtblicke

Jedes Jahr nehme ich mir vor, dass es sich nicht mehr so unendlich ballen soll vor den wohlverdienten Winterferien (drei Wochen – relativ großzügige Feriengestaltungen sind halt die Vorzüge einer Freiberuflerin, dafür arbeite ich auch oft zu doofen Zeiten wie abends oder am Wochenende). Und jedes Jahr blinzele ich ein paar Wochen vor dem Urlaub entgeistert auf die Liste der To-Dos. Und wie immer geht es offenbar auch allen anderen so, was es umso schwerer macht, Termine oder Antworten auf Presseanfragen zu bekommen.(Wohlweislich hatte ich daher die Termine mit den Bürgermeistern für die Jahresrückblicke schon Anfang November ausgemacht…)

Gleichzeitig zehrt die Dauerdunkelheit. Schön, wenn an Tagen wie heute die Sonne scheint (auch wenn es dann gleich so warm werden kann, dass es sich kaum wie Dezember anfühlt). Bei grauen Tagen klammere ich mich an meine Tageslichtlampe auf dem Schreibtisch, so sich nicht die Katze dazwischen drängelt, um sich zu sonnen.


Wie auch immer. Als ich noch im „Metaverse“ unterwegs war, hatte ich am 1. und 8. Dezember immer ein bisschen öffentlich an meine Eltern gedacht, die da Geburtstag hatten. Beide waren Jahrgang 1933, und beide leben nicht mehr. Mein Vater starb schon 2000, meine Mutter 2016. Ich bin froh, dass ich an sie zurückdenken kann, ohne dass ich das Gefühl habe, da müsse jetzt irgendwas noch groß aufgearbeitet werden. Ich stelle nur amüsiert immer öfter fest, meiner Mutter zunehmend zu ähneln, und bin froh, dass ich das nicht schlimm finde. Dann rede ich halt mit fremden Katzen (und Hunden, Pferden, Hühnern…), na und.

Schöne Momente im dunklen Dezember: Blick auf Wald-Erlenbach

Ansonsten sammele ich zurzeit kleine Lichtblicke im häufigen Dauergrau. Immer mal wieder ein romantisch-schöner Nebelspaziergang unter den täglichen Spaziergängen. Der Schornsteinfeger mit seinem Azubi soll mir Glück bringen, hoffe ich. Mein Auto wurde doch noch mal repariert und ist jetzt zweifarbig. Ja, ich habe den alten Smart nach dem Kampf Smart gegen Betonlaster noch mal instand setzen lassen, damit er seinen 24. und wer weiß, Anfang 2027 noch seinen 25. Geburtstag feiern kann. Theoretisch weiß ich, dass es viel vernünftiger gewesen wäre, mir einen neueren Gebrauchten zu kaufen, hätte ich auch kohlemäßig stemmen können, aber – hach, ich mag den kleinen Stinker, der mich hier die Hügel hoch und runter fährt und überall einen Parkplatz findet. Sogar die brutale Duftmischung aus Dieselabgasen und Vanillebäumchen habe ich vermisst.

Ich bin ja so schlecht im Loslassen, das wird nix mehr mit der Erleuchtung.

Dank der Nebelbank

Dass ich trotz allem, trotz all der Malaisen im persönlichen Leben und der Weltlage – letztere viel schlimmer zurzeit – oft ziemlich glücklich aus der Wäsche gucke, hat viel mit zwei Dingen zu tun: Dankbarkeit und der Fähigkeit, mich an kleinen, einfachen und einfach so vorhandenen Dingen sehr zu erfreuen.

Zum Beispiel an einem frostigen Morgen, an dem die Sonne über den Nebel steigt und ich nach einem ersten Artikel genug Zeit habe, für ein Stündchen loszustampfen. Ich habe Freude an dem herzhaften Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Füßen, ich genieße die zarte Wärme der Dezembersonne, schaue mir die kleinen Frostnadeln auf den Pflanzen an und beobachte, wie der Nebel über die Lichtung wallt, und mein Herz singt.

Und ich bin sehr dankbar, dass ich all das kann – laufen, gucken, Zeit für so was haben, mich daran erfreuen.

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