Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: Lokaljournalismus

Neuanfang



Über diesen Blogpost von Angela bin ich auf diese Blogparade gestoßen und dachte, da kann ich ja was zu erzählen.

Ich bebilder hier einfach mal mit Dingen aus meinem Presseordner 2026-03. Das ist übrigens ein Walliser Schwarznasenschaf.

Erst einmal – ich bin in manchen Dingen, wie sich über die Jahrzehnte feststellen konnte, erstaunlich fix. Ich bin definitiv keine Reisende, ich habe nie weiter als rund 20 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt gewohnt. Ich lebe seit Jugendtagen mit meinem Mann zusammen, und mein hoher Wiedererkennungswert kommt nicht zuletzt daher, dass ich seit Schulzeiten Haarfarbe und Frisur (oder eher: Nicht-Frisur) nie geändert habe. Autos fahre ich, bis sie auseinanderbrechen, und auch Möbel können bei mir so lange herumstehen, bis sie wieder modern werden.

Aber natürlich gab es in meinem Leben auch einige Neuanfänge, im Kopf, die hier ein bisschen zu privat sind, aber auch beruflich. So bin ich seit 14 Jahren freie Journalistin, hatte das aber eigentlich nie geplant.

Eine alte Feuerwehrpumpe und nein, wir haben selbst im Odenwald schon motorisierte Löschfahrzeuge.

Was hatte ich geplant? Gute Frage. „Mein Geld mit Schreiben verdienen“ war schon in der Jugend eine Idee, aber ich hatte da noch Sylvia-Plath-Gedichte und Romane im Auge und ein aufregendes, kurzes Dichterleben. Bis das aus mir hervorbrechen sollte, studierte ich Sachen, die mich interessierten: Politik, Soziologie, Psychologie. Und danach machte ich ein Praktikum, immer noch getreu dem Motto Schreiben, bei einer Mitarbeiterzeitung in einem Automobilkonzern. Das war auch sonst eine aufregende und auch schlimme Zeit (unter anderem starb damals mein Vater) und es war sehr lehrreich. Nach den sieben Monaten wusste ich: PR-Frau in einem Konzern, das ist nichts für mich. Starre Hierarchien passen zu mir nicht. Dabei hatte man mir, wieso auch immer, eine Weiterbeschäftigung angeboten.

Stattdessen landete ich mit etwas Glück bei einem Promotionsstipendium rund um das Thema Nationalsozialismus. Das war natürlich nett, an einer Doktorarbeit herumzuschreiben und dafür bezahlt zu werden. Aber ich merkte während der Zeit, dass auch die akademische Forschung und vor allem die dort ebenfalls sehr zementierten Hierarchien und Abhängigkeiten nichts für mich sind.

Das ist eine ukrainische Motanka-Puppe.

Die Jahre darauf tat ich allerlei, hatte diesen und jenen Neben- oder Minijob, schrieb einen Krimi, beschäftigte mich mit Themen außerhalb des Arbeitslebens, und pflegte zusammen mit meinem Mann jahrelang meine an Demenz erkrankte Mutter.

Zwei Frauen, mit denen ich privat etwas zu tun hatte, waren freie Mitarbeiterinnen bei einer der Tageszeitungen hier; eine schrieb, die andere fotografierte. Als meine Mutter ins Pflegeheim kam und gleichzeitig ein Bürojob von mir auslief, ich also arbeitslos war, ließ ich mich darauf ein, das mal zu probieren. Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte, abseits von der erwähnten Mitarbeiterzeitung und ein paar Beiträgen für Schülerzeitungen, nie irgendetwas Presserelevantes getan. Aber die Redaktion drückte mir einen Stapel der Zeitung in die Hand, um mich ein bisschen zu orientieren, wie man das macht, und eine Liste mit ersten Terminen wie ein christliches Chorkonzert und etwas mit einem Treffen von Heimatvertriebenen. Ich gab mein Bestes. Nach ein paar Wochen fragte ich den betreuenden Redakteur, ob meine Artikel OK seien. „Nein“, meinte der. „Die sind gut.“

Ein Freibad im März.

Und so weitete ich mein Arbeitsfeld auf so ziemlich alles außer Sport aus. Nach ein paar Jahren begann ich auch zu fotografieren. Ich übernehme inzwischen vor allem Aufträge im Bereich Kommunalpolitik, weil das zum einen viele nicht machen möchten, zum anderen finde ich das interessanter und wichtiger als Konzerte und Flohmärkte. Außerdem habe ich, zeitweise recht intensiv, für ein kleines Monatsmagazin hier gearbeitet.

Der Start war bei all dem gar nicht so einfach. Ich war damals zum ersten und letzten Mal im Leben einige Monate Arbeitslosengeldempfängerin. Die Summe war niedrig, aber immerhin war ich krankenversichert. Als ich in das Freiberuflertum einstieg, strich mir das Amt sofort alle Zahlungen, obwohl ich ja die ersten Wochen und Monate nur kleine Beträge einnahm. Zum Glück war die AOK kulant, mich in der Übergangsphase zwischen Amt und Künstlersozialkasse weiterlaufen zu lassen. Künstlersozialkasse ist auch eine tolle Sache, wer es nicht kennt: Als Künstler:in (ja, ich bin offiziell Künstlerin, wie toll ist das denn?) kann man sich dort versichern und muss bei der Krankenkasse nur die Arbeitnehmerbeiträge zahlen; außerdem zahlt man in die Rentenversicherung ein.

Industriegebiet unter malerischem Himmel.

Ich mag meinen Job sehr, weil er für mich die perfekte Balance zwischen Freiheit und Sicherheit ist. Mir liegt es, mich jeden Tag mit anderen Dingen zu beschäftigen und in neues einzuarbeiten. Es tut einfach gut, bei der Arbeit ständig Menschen zu treffen, die sich (oft ehrenamtlich) engagieren, ob nun kommunalpolitisch, in einem Verein oder anderswo. Ich führe oft gute Gespräche. Und meine Buchhaltung inklusive der Aufgabe, die Steuertermine im Auge zu behalten, fällt mir leicht.

Auch das Schreiben selbst geht mir leicht von der Hand. Klar hat der Job und mein Berufsleben generell auch Nachteile. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich auf den Schrieb der Rentenkasse schaue, und merke es, wenn sich eine Diskussion in einem Ausschuss um 22 Uhr festgebissen hat.

Was Unterstützung angeht: natürlich hat mein Mann diese Entscheidung mitgetragen. In unserer Beziehung bereden wir alles, aber es wäre für mich schwer vorstellbar, dass mir mein Partner sagt, was ich beruflich machen soll und was nicht. Am meisten unterstützt hat mich aber mein Wunsch, zu schreiben und dabei so frei zu sein wie möglich und dennoch zu wissen, dass jeden Monat was Geld auf mein Konto kommt.

WmdedgT März

Katzi auf dem alten Radio, das immer noch gut funktioniert

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (kurz WmdedgT) fragt Frau Brüllen, und das ist meine Antwort:

Es war am 5. März ein ziemlich voller Tag gewesen, dabei hatte ich das relativ typische Arbeitspensum von ein paar Stunden am Morgen und ein paar am Abend – Lokaljournalistenleben.

Der Tag begann wie jeder Tag, an dem in Hessen Schule ist, mit dem Aufstehen um sechs Uhr, da der beste Ehemann von allen an einer Schule arbeitet. Wir stehen immer zusammen auf, genauso wie er abends nicht ins Bett geht, bevor ich heimkomme, auch wenn es mal – Stichwort Fastnacht – spät wird.

Hummus und Bärlauch auf dem Brot

Frühstück mit dem geliebten Bärlauch, dessen Duft mich in der weiteren Bärlauch-Saison ein bisschen umschweben wird. Nach Frühstück und Aufbruch des Mannes machte ich hier meine übliche Runde durch das Haus mit Lüften und Aufräumen; dann fuhr ich den PC hoch und schaute, was so an Mails eingetrudelt war, und klickte mich schnell durch ein paar Seiten und Gruppen. Facebook und Instagram nutze ich nicht mehr, was diesen Schritt beschleunigt.

Ich freute mich über eine ganz gute Honorargutschrift, auch wenn da die Ansprüche in meinem Job nicht sehr hoch sind. Und ich ärgerte mich kurz über die AOK, weil ich ohne Smartphone oder Windows/Mac-PC plus Kartenlesegerät nicht an meine ePA kommen kann. Digitalzwang, kotz.

Damit jeht dit nich!

Danach hatte ich einen Artikel über eine Ausschusssitzung in einem Nachbardorf geschrieben, bei der es vor allem darum ging, nach welchem Schlüssel Bauplätze in einem erweiterten Gewerbegebiet vergeben werden sollen. Das ging recht flott von der Hand. Ich stellte noch einen anderen Artikel fertig und lud beide hoch.

Es folgte eine etwas ausgedehntere Tour durch unseren Haushalt, ich saugte durch, brachte den Müll raus, räumte die Geschirrspülmaschine ein und aus, so das halt. Ein Eiweißshake mit Banane war meine Zwischenmahlzeit, bevor ich noch mal einen Blick in die Online-Nachrichten warf und über das Thema Frauenstreik am 9. März nachdachte. Ich möchte daran teilnehmen, wobei ich ja Freiberuflerin bin, also meine eigene Chefin, und mit meinem werten Gatten beziehungstechnisch nicht hadere. Andererseits kotzt mich das Patriarchat an und all seine Auswüchse von häuslicher Gewalt bis Krieg. Irgendwo in meinem Hinterkopf ist aber die Frage, „darf“ ich das, einfach einen Tag nichts tun? Ich denke drüber nach, woher so ein Gedanke kommt.

Saugen

Dann kurvte ich mit meinem kleinen Auto in der Gegend herum. Ich räumte das öffentliche Bücherregal auf, das wir betreuen, machte für die Zeitung ein paar Bilder, tankte (immerhin habe ich ein Zeitfenster mit etwas weniger als 2 Euro für den Liter Diesel erwischt) und kaufte in einer Drogerie noch eine Packung Eiweißshake. Ich bin ja keine großer Sportlerin, aber als Veganerin ist meine Eiweißversorgung oft etwas dürftig, außerdem machen diese Shakes lange satt.

Ich entschied mich beim täglichen Spaziergang für eine Runde bei einem Mini-Ortsteil, der nur zwei oder drei Häuser umfasst. Die Feldwege waren irgendwie nicht genau da, wo sie meine alte Wanderkarte (noch von meiner Mutter…) vermutete, und so lief ich ein paar Umwege und Schleifen. Das dauerte dann etwas länger als ursprünglich geplant, aber ich hatte keine Eile und genoss die Sonne. Später versuchte ich, ein bisschen etwas über den Drei-Häuser-Ortsteil herauszufinden, wurde aber auf die Schnelle nicht fündig. Agathe, hilf! 😀

Dann war es auch schon bald Zeit für unser spätes Mittagessen. Ich mache immer am Nachmittag etwas Warmes, weil ich einmal am Tag was anderes essen will als Brot oder Nüsse und Kürbiskerne (ich esse beides sehr gerne) und weil ich so nett bin, den Mann zu bekochen, der von der Arbeit kommt. Es gab noch mal Curry vom Vortag, dazu Kimchi.

Den Nachmittag verbrachte ich ansonsten damit, ein altes Heimatkundeheft von 1980 über Odenwälder Trachten zu lesen, das ich in unserem öffentlichen Bücherregal entdeckt hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass es im 18. Jahrhundert – also vor Napoleon – Vorschriften der jeweiligen Herrschaft gegeben hatte, was die Leute anziehen dürfen und welche Farben sie tragen dürfen. Bunteres war dabei in der Regel dem Adel vorbehalten, das Bäuerlein musste sich mit Grau und gedeckten Farben begnügen. Die heute bekannten Trachten sind zumindest teilweise „herabgesunkene“ Adels- oder Militärmode und oft nicht so alt, wie viele denken. Die typische lange Männerjacke der Odenwälder Tracht hieß Mutzen oder Motze, und ich fragte mich, ob das was mit motzen von wegen meckern zu tun hat.

Titelbild des erwähnten Heftes

Außerdem las ich noch ein bisschen in dem Roman „Blue Shoes and Happiness“ von Alexander McCall Smith, noch ein Buch über die traditionell gebaute Mma Ramotswe und ihre Freunde.

Dann war es auch schon Zeit für Arbeitseinsatz Nummer zwei. Im Nachbarort war Bauausschuss, und dort wurde zwei Stunden lang erst noch einmal über das Gewerbegebiet diskutiert, das erweitert werden soll; dieses Mal ging es um die baulichen Aspekte. Dann wurde es ganz interessant mit dem „Bau-Turbo“ und der Frage, was dessen Vorgaben für eine Kommune bedeuten und wie die damit umgehen soll.

Auf dem Weg zur abendlichen Schicht

Viertel nach neun war ich dann zu Hause, trank noch ein bisschen alkoholfreies Bier, zappte mit dem Mann durch das TV-Programm und erzählte ihm vom Bauausschuss. Zu spät ging es ins Bett – und das war es dann auch schon mit einem ziemlich vollen und langen Tag.

Februar-Fastnachts-Blues

Februar ist für mich ein ätzender Monat. Der Winter (der dieses Jahr sogar mal seinen Namen verdient) hat sich dann schon zu lange hingezogen, das graue, nasse, kalte Wetter steht mir sonstwo, aber statt Frühling gibt es erst einmal Fastnacht.

Aber ich kann mit den hier üblichen Fastnachtssitzungen einfach wenig anfangen. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich bin einfach nur eine Spaßbremse oder elitär-arrogant à la huhu, Frau Doktor goutiert nicht die derben Dorfscherze. Das ist es nicht. Ich kann mich auch sehr niveaulos amüsieren, ich habe schon in Ausstellungen mit mittelalterlicher Kunst ganz unangemessen Tränen gelacht.

Wie ich bei Friederike vom Landlebenblog schon schrieb: Ich sage den Odenwäldern manchmal, das sei einfach genetisch mi der Fastnacht und mir, preußische Vorfahren und so weiter. (Hm, wenn ich es recht bedenke: Den Humor des Ostpreußen Loriot habe ich immer schon geliebt.)

Als Lokalreporterin habe ich dennoch viele, viele, viele Sitzungen in den letzten 14 Jahren besucht. Manche finde ich durchaus unterhaltsam – es gibt eine immer lustige Weiberfastnacht einer KDFB-Gruppe –, manche eher etwas langweilig. Früher war ich auch hin und wieder auf Veranstaltungen von Vereinen, wo der Top-Act des Abends ein älterer Mann war, der eine halbe Stunde Herrenwitze verlas oder es schwerpunktmäßig um Verdauung und Hämorrhoiden ging. Brrrh.

Schwierig ist für mich, dass diese Sitzungen oft so ewig dauern und ich keine Nachteule bin. Sind die Sitzungen unter der Woche (Weiberfastnacht!), muss ich am nächsten Tag trotzdem um sechs raus. Und überhaupt bin ich der Meinung, dass keine Versammlung länger als zwei bis drei Stunden dauern sollte.

Aber am meisten stört mich, dass ich bei einer solchen Sitzung viel mehr als bei jeder anderen Veranstaltung spüre, dass ich da nicht hingehöre, dass ich nicht dazugehöre. Ich kann das gar nicht so genau erklären, aber während um mich herum alle bunt und beschwipst und fröhlich sind, schunkeln und lachen und grölen, wird es in mir ganz grau. Das ist einfach ein Bereich des Odenwälder Lebens, in dem ich meinen Mitmenschen vielleicht körperlich, aber nicht im Geiste folgen kann.

All diese Dinge plus der Februar-Blues (plus Wechseljahre?) haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass ich mich nach der Fastnacht immer viel schlechter fühlte als vorher. Daher habe ich dieses Jahr ausgesetzt; da die Extravergütung dafür abgeschafft wurde, lohnt es sich auch finanziell nicht mehr.

Und was soll ich sagen? Meine Laune ist auch ohne Fastnacht schlecht!

Aber kein Grund zur Sorge: Die Tage werden trotz allem länger, heute habe ich die ersten Bärlauchspitzen entdeckt, und bald schon ist der blöde Februar vorbei.

Odenwälder Kerwe

Ich schreibe als Lokalreporterin natürlich auch über die Kerwe. „Was ist das, Kerwe?“, fragte mich vor kurzem eine Bekannte aus einem anderen Teil Deutschlands. Und ich versuchte zu erklären, wo zwischen kirchlichem Fest, teils skurrilem Brauchtum und allgemeinem, alkohollastigem Volksfest eine Kerwe angesiedelt ist. Für mich ist es ja imemr ein Spagat zwischen Heimatgefühlen und einem fremdelnden Blick darauf als „Zugereiste 2. Generation“.

Dabei sind diese Gewichtungen durchaus unterschiedlich. Eine relativ große Kerwe wie jene in Mörlenbach hat den Charakter eines Volksfestes – wir hatten dieses Jahr sogar ein Riesenrad! In kleinen Ortsteilen geht es dagegen oft intimer zu. Da ist dann zum Beispiel die Kerwepredigt wichtiger, bei der all jene aufs Korn genommen werden, denen im letzten Jahr ein blödes Missgeschick passiert ist. Diese Missgeschicke haben oft etwas mit Alkohol oder Traktoren zu tun und nicht selten mit beidem auf einmal. Sie werden vom Kerwepfarrer vorgetragen, dem ein Mundschenk immer wieder Getränke reicht. Üblich ist auch das Ausgraben und später das Vergraben der Kerwe am Anfang und Ende des Festes, in der Regel in Form einer Flasche.

Ich erzähle einfach mal, wie die Mörlenbacher Kerwe abläuft. Wie ich schon sagte, gehört sie zu den größten Festen hier im Weschnitztal. Jeder Ort hier hat sein „großes Fest“ – in Fürth ist es der Johannismarkt, in Rimbach der Pfingstmarkt, in Lindenfels das Burg- und Trachtenfest, und in Mörlenbach eben die Kerwe.

Kerwe bedeutet Kirchweih, weshalb sie der Weihe der Kirche durch den Bischof gedenkt. Im Katholischen wird auch gerne der Gedenktag des Heiligen gefeiert, dem die örtliche Kirche geweiht ist. Mancherorts sind das dann zwei Feste, in der Kerwe hier fließt das beides zusammen.

(Danke für den Hinweis Michael Bauer :-).)

(Und manchmal wurde sie auch aus logistischen Gründen verschoben, denn Kerwezeit ist fast immer im (Spät-)Sommer und Herbst, also nach der Getreideernte. Und es gibt auch Orte, die Kerwe feiern, ohne überhaupt eine Kirche zu haben.)

In Mörlenbach ist der heilige Bartholomäus der Patron, dessen Gedenktag am 24. August ist. Die Kerwe findet daher hier immer am letzten Augustwochenende statt und dauert vier Tage. Das Drumherum hat sich über die Jahre entwickelt und verändert sich auch weiterhin.

Los geht es am Freitagabend mit dem kleinen Umzug. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Landsknechte, die es seit 39 Jahren gibt. Ihre Mitglieder tragen bei Festen blau-gelbe Uniformen (bzw. Kleider bei den Landsknechtinnen – oder Landmägden?) und sind mit stumpfen Waffen und einer Kanone bewaffnet (in die sie dann Böller werfen). Sie gehören zum Heimat- und Kulturverein. Weswegen sie gegründet wurden, darüber könnte man wohl einen eigenen Beitrag schreiben.

Der Kerwekranz wird aufgehängt

Auf jeden Fall tragen sie den Kerwekranz beim kleinen Umzug, der der Eröffnung vorangeht. Der Kranz muss dann noch „geweiht“ werden (mit einer Gießkanne) und wird anschließend, während die Feuerwehrkapelle spielt, an einer Art Galgen über der Brücke aufgehängt, die zur Kerwezone führt. Dabei darf der „Kerwemarsch“ nicht fehlen, den es wohl vielerorts gibt.
Dessen denkwürdigen Text, der natürlich bei Ortsnamen und Dialektdetails variiert, habe ich neulich ergoogelt:

Refrain: Die (Dingsbumsbäscher) Kerb is do
was sin die Leit so froh es is e Reitschul do
Die (Dingsbumsbäscher) Kerb is do
was sin die Leit so froh heidi heido

Sie laafe nackisch uff de Stroos arum
un kaue Gerwinngumm un kaue Gerwinngumm
Sie laafe nackisch uff de Stroos arum
was sein die leit so dumm heidi heido

Geh hom un steck dei Hemm anoi
es kennt verisse soi es kennt verschisse soi
Geh hom un steck dei Hemm anoi
es kennt verisse soi verschisse soi

Dann geht es in den zentralen Bewirtungsbereich am Anfang der Kerwe. Während die Feuerwehrkapelle weiterspielt, stellen sich die Landsknechte auf der Bühne auf. Der Bürgermeister eröffnet dann mit einer Ansprache die Kerwe. Unser jetziger trägt dabei Odenwälder Tracht; der davor hatte eine Landsknechtuniform an, und bei dem davor … das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr.

Das Kerwepärchen beim Umzug in der Kutsche

Dann kommt das Kerwepärchen zu Wort. Es rekrutiert sich in der Regel aus dem Umfeld der Landsknechte und trägt ebenfalls eine solche Uniform. In Mörlenbach halten sie eine kurze Rede im Dialekt, die aber nichts mit der oben erwähnten Predigt zu tun hat, sondern einfach nur auf das Fest einstimmt.

Fassbieranstich Mörlenbacher Kwere 2025

Natürlich darf wie bei so ziemlich jedem Fest der Fassbieranstich nicht fehlen. In Mörlenbach übernimmt das der Bürgermeister. Letzter Punkt der Eröffnungsfeierlichkeiten ist hier noch eine Show zu Beginn der Dunkelheit. Früher war es immer ein klassisches Feuerwerk, in den letzten Jahren wurde stattdessen mit einer Drohnenshow, einer Feuershow und dieses Jahr mit einem nachhaltigeren Feuerwerk experimentiert. Grund dafür ist nicht zuletzt, dass die Waldbrandgefahr in manchen Jahren doch recht hoch ist.

Feuerwerk

Danach wird gefeiert. Teenager besaufen sich und kiffen in versteckten Ecken der Kerwe, es gibt Musik, Schießbuden, Fahrgeschäfte – das ist wahrscheinlich überall gleich, ob Schützenfest oder Kirchweih.

Der nächste Höhepunkt ist der große Umzug am Kerwesonntag. Dazu ziehen alle möglichen Vereine, Mitglieder der politischen Gremien sowie Kindergruppen durch den Ort. Meist hat der Umzug ein Motto, an das sich die Teilnehmer mehr oder weniger mit Kostümen und Dekoration halten. Dazu kommen diverse Musikgruppen – entweder aus der Gemeinde selbst oder auch solche, die man dazubucht. In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, dass auch umliegende Kerwevereine oder Kerwejugenden mit einem Wagen dabei sind und dabei in der Regel mit viel Krach und Nebelmaschinen auf ihr Fest aufmerksam machen.


Am Montag geht es weiter mit einem Frühschoppen, es folgt noch Musik, und irgendwann ist die Kerwe dann vorbei. Mir fällt gerade auf, dass mir hier im Ort kein Kerwegottesdienst präsent ist, obwohl Mörlenbach traditionell recht katholisch ist.

So, jetzt wisst ihr Bescheid!

Feurige Traditionen


Im Odenwald gibt es einige Traditionen, die ich durchaus schätze. So wird immer am letzten Samstag im März auf vielen Hügeln hier ein großes Feuer entzündet. Dabei sorgen die freiwilligen Feuerwehren dafür, dass nur die aufgeschichteten Holzstapel brennen und nicht etwa noch viel mehr. Vereine braten Würste und schenken Getränke aus, hier und da wird auch Musik gemacht.

Eigentlich erinnern die Lärmfeuer an historische Signalketten, die unter anderem aus dem Dreißigjährigen Krieg überliefert sind. Diese weniger fröhlichen, militärischen Hintergründe spielen natürlich bei dieser Veranstaltung, die 2007 wieder ins Leben gerufen wurde, keine Rolle. Stattdessen ist es ein inoffizieller Startschuss für die Freiluftsaison. Ob nun noch Schneeregen fällt oder es – wie dieses Jahr – schon recht grün und frühlingshaft ist im vorderen Odenwald: Ab jetzt wird (auch) draußen gefeiert.

Ganz davon abgesehen: Die urige Kombination aus großem Feuer und kaltem Bier unter dem Sternenhimmel ist etwas, was mich auch anspricht (auch wenn ich mir, weil Fastenzeit und Arbeit, bei den Feuern allenfalls ein alkoholfreies Kaltgetränk gönne).

Ich berichte fast jedes Jahr in meiner Lokalzeitung über das Fest und versuche dabei, immer mal an einem anderen Feuer vorbeizuschauen. Dieses Mal war ich zum ersten Mal auf der Burg Lindenfels. Es war ein schönes Event, die Burg war zu dem Anlass in blutrotes Licht getaucht. Mich hat der gestern so klare Sternenhimmel fast ebenso beeindruckt wie das Feuer, das an der Burg brannte, oder aber die Feuer, die man von dort aus im Weschnitztal lodern sehen konnte.

Die wilde 13

Vor kurzem zufällig entdeckt: Ein Notizbuch von 2012 mit meinem ersten Arbeitsauftrag.
Ja, ich weiß, die Schrift!

Vor ein paar Tagen jährte sich bei mir unbemerkt der 13. Jahrestag meines ersten Zeitungsauftrags als freie Mitarbeiterin. Damals hatte ich – nach der Pflege meiner Mutter und einem Buchhaltungsjob in Heimarbeit – eine Alternative gesucht, als ich meine Mutter ins Pflegeheim bringen musste. Zwei Frauen, mit denen ich bekannt war, arbeiteten als Fotografin und Schreiberin für die Zeitung, für die ich seitdem arbeite, und meinten: Frag doch mal!

Ich fragte, ging vorbei und stellte mich vor. Man gab mir einen Stapel Ausgaben der Zeitung, damit ich mich in den gewünschten Stil einlesen konnte, ein paar Ratschläge – und die ersten Aufträge. Ausgerechnet Musik! „Davon verstehe ich aber nichts“, wandte ich ein. R., mein damaliger „Bezugsredakteur“, den ich im Laufe der Jahre sehr zu schätzen lernte, meinte nur: „Das macht nichts.“

Und so hatte ich als ersten Auftrag einen gesangsintensiven Lobpreisgottesdienst – bei dem sich zu meinem Nichtauskennen mit Musik auch noch eine nicht vorhandene Beziehung zur christlichen Frömmigkeit gesellte. Dann kam Volkstümliches: ein Fest einer Vertriebenengruppe, das Frühlingsfest der Trachtenkapelle, bei der auch mein Berliner Vater ehedem Musik gemacht hatte, ein Freiluft-Feuerabend… puh.

Nach ein paar Wochen fragte ich R., ob das, was ich liefere, okay sei. Er zögerte. „Das ist nicht okay, das ist gut“, meinte er dann. Ich schwoll an vor Stolz.

Und ich blieb bei dem hängen, was mal als vorübergehender Lückenfüller auf dem Weg zu einem „richtigen“ Job gedacht war. Schrieb mehr, machte irgendwann so viele Termine, dass ich abends erschöpft weinte – und reduzierte wieder, als mich ein Todesfall 2018 daran erinnerte, dass mein Leben endlich ist und ich mir einen Burnout als Freiberuflerin nicht leisten kann und will.

Nach ein paar Jahren begann ich auch zu fotografieren, legte mir eine Spiegelreflexkamera zu, später eine etwas größere. Mein Schwerpunkt verlagerte sich von Veranstaltungen zunehmend auf die Lokalpolitik – denn das will von freien Mitarbeitern kaum jemand gerne machen, und man muss auch ein bisschen ein Händchen dafür haben, inklusive eines Zugangs zu Behördendeutsch.

Inzwischen bin ich länger bei meinem Blatt als die meisten Redakteure dort. „Unter mir haben schon viele Chefredakteure gedient“, habe ich mal als Kommentar eines freien Mitarbeiters aufgeschnappt und mir gemerkt. Je länger ich diesen Job mache, desto leichter fällt er mir – denn ich kenne mich aus, kenne Ansprechpartner, weiß, bei wem eine Auskunft leicht zu erhalten ist und bei wem nicht.

Dieser Beruf hat mich sehr verändert. Ich war lange sehr introvertiert, schüchtern. Eine Rampensau werde ich wohl nie, und wenn ich irgendwo öffentlich sprechen muss, zittern mir noch heute die Hände. Aber in meiner kleinen Welt, diesem Tal hier, fühle ich mich sicher. Man kennt mich.

Inzwischen macht es mir Freude, mit Menschen zu reden, ihnen – wenn sie es zulassen – auf Augenhöhe zu begegnen. Denn mir liegt es nicht, einen devoten Kratzfuß zu machen, nur weil jemand einen Doktortitel hat (den habe ich selbst) oder ein bestimmtes Amt bekleidet. Genauso wenig schaue ich auf jemanden herab, der vielleicht keinen weiterführenden Schulabschluss hat oder keine korrekte Rechtschreibung beherrscht, sich aber als Vereinsvorsitzender oder Ortsvorsteher für etwas einsetzt. Ja, manchmal seufze auch ich im Geist über Kirchturmdenken und die persönlichen Eitelkeiten, die sich immer mal wieder Bahn brechen. Aber ich habe noch nie – wie es gerade manche studentische Kolleg:innen tun – auf einen Kleintierzuchtvereinsvorsitzenden oder eine Landfrauenvorsitzende herabgeblickt. Im Gegenteil: Auch und gerade mit denen hatte ich schon sehr interessante und lange Gespräche.

Natürlich bringt meine Arbeit auch einige Probleme mit sich. Da wäre zum einen das Geld – ich glaube, es war Der Spiegel, der mal einen Bericht über meinen Berufszweig mit „Arm, aber glücklich“ betitelte. Wobei ich schon darauf achte, dass ich mich nicht massiv unter Wert verkaufe, wie es manche Kolleginnen (nicht gegendert – das sind dann wirklich leider nur Frauen) tun.

Dazu kommen die gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten, die mangelnde Absicherung bei Krankheit oder Jobverlust…

Ich will trotzdem zurzeit nichts anderes machen. Ja, ich liebe diesen Job – vor allem die Freiheit, dass ich selbst entscheide, was ich wann und wie arbeite.

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