Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: Foddos

Zengestank

Mal ein paar ungeordnete private Gedanken…

Heute war ich mal wieder in der Stadtbücherei in dem nächsten Städtchen, in dem ich zusammen mit dem besten Ehemann von allen eine Weile gelebt habe. Auch wenn es mich ja sonst eher in den Wald zieht, gehe ich dort gerne ein bisschen spazieren. Ich streife durch die Fußgängerzone, den schönen Schlosspark, und wenn ich mehr Zeit habe, drehe ich auch eine Runde durch einen sehr hübschen Staudengarten, der bald schon in bunten Farben explodieren wird, oder durch den Exotenwald mit seinen großen Mammutbäumen. Okay, das ist dann doch schon wieder Wald.

Diesmal beschränkte ich mich auf die kleinen Gassen rund um den Marktplatz. Ich mag das: herumlaufen, schauen, gucken, nachdenken. Irgendwo stand eine sogenannte Friedensinitiative, die vor ein paar Jahren noch gegen Coronaimpfungen und Masken wetterte. Woher kommt es eigentlich, dass diese beiden Themen – putinfreundlicher „Friedens“aktivismus und manchmal recht abwegige Ideen in Bezug auf Infektionskrankheiten – gerne zusammen auftreten? Gleiche Propagandaquelle, geht mir durch den Kopf. Aber auch schon vor Social Media habe ich erlebt, dass manche Ansichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, zusammenkommen. Oder wie es mal eine Bekannte ausdrückte: Permakultur bekommt man fast nur im Paket mit Geschwurbel.

Ich schaue mir die Menschen an. Ein paar Touristen dürften in dem schmucken Städtchen unterwegs sein, andere sprechen deutlich den hiesigen Dialekt. Zwei ältere, knuffelige Damen fragen mich mit starkem osteuropäischen Akzent nach dem Bahnhof, ich zeige ihnen den Weg. Schon von weitem höre ich das schöne Akkordeonspiel eines Straßenmusikers, gebe eine Münze in seine Schale. Ich merke mal wieder, dass nicht nur Tiere – Katzen vor allem! – mich irgendwie anziehend finden, sondern auch kleine Kinder. Eines rennt, die Oma mit dem Kinderwagen hinter sich lassend, auf mich zu und grinst dabei so freudig, dass der Schnuller aus dem Mund purzelt.

Eine Sache, die mich zurzeit beschäftigt, ist eigentlich ein altvertrautes Thema von mir: Egal, wie felsenfest ich von irgendeiner Sache überzeugt bin: stoße ich (real life oder, schlimmer, digital) auf viele Gleichgesinnte, die auch sehr überzeugt von etwas sind, gehen sie mir oft auf den Geist und ich fange an, meine Überzeugung in Zweifel zu ziehen. Mir fehlen so oft die Zwischentöne, die Ambivalenz, die Möglichkeit, die eigene Ansicht zu hinterfragen und immer wieder auf den Prüfstein zu stellen. Oder aber – das wäre ja das Mindeste –, zu sagen: Ich denke schon, dass ich bei XY recht habe, aber ich muss deswegen nicht mit hoch erhobener Nase und ausgestrecktem Zeigefinger herumlaufen und ständig auf andere deuten und verkünden: DU! Du bist falsch!
Oh Gott, wie kann man nur Christ/CDUler/Fleischesser/Homöopathienutzer/Autofahrer/Raucher/Weintrinker sein!

Vielleicht habe ich zu lange in Büchern über Buddhismus und Zen gelesen, um das ständige Be- und Abwerten begeistert mittragen zu können. Was ja auch wieder zu einem sehr hübschen Comic passt, den ich gerade nicht in den Abgründen meiner Festplatte finde, der aber so aussieht: Ein buddhistischer Mönch meditiert. Dann denkt er plötzlich so etwas wie: Ich habe mein Ego überwunden und bin erleuchtet! Und kurz danach: Ich bin ja so viel besser als die anderen.

Also verabschiede ich mich von diesem Posting mit einem Hauch Zengestank*.

Die Bilder sind übrigens von heute und gehören zu einem schon zehn Jahre währenden Projekt, bei dem ich schöne Rostfotos und Bilder von abblätterndem Lack sammle, mit unklarer Vorstellung, was ich damit mal mache. Vielleicht bin ich ja irgendwann motiviert zu Rostgedichten und kombiniere das in einem Büchlein. Mit Ü50 macht ja Kunst zum schönen, langsamen Verfall durchaus Sinn.

*Ein Wort, das offenbar wenig bis gar nicht gebräuchlich ist, wie ich grade feststelle. Ich meine damit die nervtötende Arroganz von Leuten, die sich ja ach-so-schlau-und-erleuchtet finden. Anderswo werden damit jene bezeichnet, die ihr Engagement für Zen mit Accessoires nach außen tragen, um anzugeben. Ich bin übrigens keine Buddhistin, das nur am Rande.

Alle Vögel sind schon da

Dieser Winter hat ja angesichts des Klimawandels schon eher ungewohnte Dinge mit sich gebracht wie längere Kältephasen und Schnee. Auch heute kam es noch mal weiß vom Himmel, wobei es sich hier auf 200 Meter über Normalnull schnell in Matschpampe verwandelte. Diese fiel mir dann beim obligatorischen Waldspaziergang mehrmals mit lautem Schmatz von Bäumen auf die Mütze, brrh.

Kohlmeise (oben) und Kleiber

Bevor ich mich vorhin hinauswagte, hatte ich Muße, eine halbe Stunde am Fenster zu sitzen und den Vögeln an unserer Futterstelle zuzusehen. Besonders hübsch ist die Futterstelle nicht, ich gebe es zu. Ein Obstbaum, der eine Pflaume sein sollte, aber nur ungenießbare saure gelbe Kugeln trägt (keine Mirabellen), wurde von mir mit einem Meisenknödelhalter, einem selbstgebauten Sonnenblumenkernefutterspender und Tassen behängt, die ich mit einer Haferflocken-Sonnenblumenkerne-Fett-Mischung befüllt habe.

Aber Ästhetik stört die Piepmätze zum Glück nicht. Ich schaue ihnen gern zu, manchmal assistiert von der freudig schmatzenden Katze. Ich zeige euch mal ein paar Bilder. Sind nicht supertoll, ich weiß, habe mit kleiner Kamera durch die Scheibe fotografiert und es fiel da auch noch recht viel Schnee.

Kohlmeisen sind hier die häufigsten Gäste
Die kleineren Blaumeisen sind viel scheuer als die größeren Kohlmeisen
Rotkehlchen sind recht zutraulich und lassen sich gerne knipsen.
Stare kommen gerne gleich in der Gruppe und verbreiten dann viel Gekreisch und Gezanke
Die Buchfinken beobachten oft lange das Geschehen, bis sie sich näher wagen, Dann sammeln sie auch lieber Futter vom Boden auf.
Auffällig seltener geworden sind die Amseln
Den Vogel kannte ich gar nicht. Es ist eine Heckenbraunelle.

Eisnebel


Es ist kalt und neblig, und so verwandeln sich die Wälder hier in Märchenwälder. Ich genieße das sehr, auch und gerade weil manches andere – die Welt, unsere Wasserabrechnung, mein Schlaf – gerade nicht so toll ist.

Massive Entschleunigung

Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.

Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.

Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.

Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.


Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …

Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.

Good Omens in Zwingenberg

Heute haben der beste Ehemann von allen und ich einen Ausflug in die Kleinstadt Zwingenberg an der Bergstraße gemacht.

Marktplatz von Zwingenberg

Die Anfahrt wurde durch einen Auffahrunfall unterbrochen; zum Glück bekam das Auto des werten Gatten als erstes in der Kette nur ein leicht verdelltes Kennzeichen ab. Nach meiner Betonmischer-versus-Smart-Erfahrung im September hätten wir auch mehr nicht gebraucht.

In Zwingenberg liefen wir den Geopark-Lehrpfad „Blüten, Stein und Wein“ entlang. Der ist erst wenige Jahre alt, und ich kannte ihn noch nicht.
https://geo-naturpark.net/pfade/zwingenberg-blueten-stein-und-wein/

Erster Punkt war dabei die Scheuergasse (s.o.), ein ehemaliges Scheunenviertel. Heute ist sie sehr schön renoviert, mit einigen künstlerischen und gastronomischen Akzenten. Es gibt dort auch ein Heimatmuseum, das allerdings nur im Sommerhalbjahr geöffnet ist.
Mehr zur Geschichte findet man hier:
https://die-scheune-zwingenberg.de/geschichte/

Dann ging es hinauf Richtung Weinberge. Dort beginnt auch der Nibelungensteig, ein beliebter Etappenwanderweg, der quer durch den Odenwald führt.

Der Lehrpfad ging weiter hinauf zu einem alten Steinbruch und dann noch etwas hinaus zur Blockhütte auf dem Luciberg. Was für ein Ausblick auf die Rheinebene! Dort gibt es auch einige tolle Pflanzen und Tiere, wovon auch das Naturschutzgebiet dort zeugt. Von ihnen war allerdings jetzt im Winter nicht so viel zu sehen.

Blick auf Zwingenberg
Blick Richtung Starkenburg (Heppenheim)
Blick Richtung Mannheim

Dann schauten wir uns noch in der Altstadt um. Wir stiegen auch hinauf zur Bergkirche. Das ist ein beeindruckendes altes Kirchlein. 1258 wurde es erbaut, später dann erweitert. Seit 1527 ist es evangelisch. Wir flanierten um das geschlossene Kirchlein herum und sahen uns die Grabsteine an, als ein Mann in der Kirche auf uns aufmerksam wurde und uns hereinbat. Er erzählte uns ein bisschen von der Geschichte der Kirche, auch, dass es dort einmal fünf Altäre gegeben hatte und auch fünf Altaristen. Was das ist, erklärte uns in der Kirche der freundliche Mann und euch Wikipedia: Im Mittelalter war damit ein Angehöriger des Klerus gemeint, der die mit einer Altarstiftung verbundenen Dienste erfüllte, insbesondere die Zelebration der heiligen Messe zum Seelenheil des Stifters und ggf. seiner Familie und das Beten des Stundengebets.
https://de.wikipedia.org/wiki/Altarist

Der freundliche Mann meinte zum Abschied, er werde jetzt noch ein bisschen mit Gott Zwiesprache halten, bevor er sich für das neue Jahr bereit mache. Ich fand es eine sehr nette Begegnung

Groß ist Zwingenberg nicht, und bald waren wir wieder beim Ausgangspunkt, dem (großen und kostenfreien) Melibokus-Parkplatz. Aber kurz vorher hörten wir Vogelrufe in der Luft und sahen hinauf: Kraniche! Die haben für uns eine positive Bedeutung, und daher glauben wir, dass das ein gutes Omen wird für 2026.

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