Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: Foddos (Seite 1 von 2)

Dune

Die letzte Wochen, genauer die letzte Tage, hatten mal wieder ein paar nervige Dinge mit im Gepäck. Ihr wisst schon, solche „oh, hatte ich nicht schon gesagt, dass wir den Zahn ziehen müssen?“ und auch „Uih, das sollte man abklären“-Dinge. Blöde Dinge, nervige Dinge – wenn ich bei irgendetwas ein dünnes Nervenkostüm habe, dann ist das alles rund um das Thema Arzt und Krankheit.

Und wie es so ist, wenn man gestresst ist, kommen auch immer noch gleich ein paar weitere nervige Sachen in Job und sonstwo oben drauf. Aber ich beschäftige mich ja zum Glück lange genug mit Psychologie, damit ich relativ schnell wieder auf die Spur komme. Ein lieber Mann und die allertollsten Freundinnen der Welt sind dabei eine ungeheure Stütze.

Wie auch immer, heute hatten der beste Ehemann und ich Lust, mal außerhalb unserer üblichen odenwaldhügeligen Gefilde zu wandern. Stattdessen steuerten wir eine Landschaft mit Dünen und Kiefernwäldern an, bei der man oft das Gefühl hat, man befindet sich irgendwo an der Ostsee oder gar am Mittelmeer. Aber in Wirklichkeit ist man nur irgendwo zwischen Viernheim und Mannheim.

Dünen wie die hier findet man im Oberrheingraben an einigen Stellen. In Viernheim kann man die Dünen auch deswegen besonders gut sehen, weil das US-Militär hier bis 1994 einen Truppenübungsplatz hatte. Dadurch entstanden freie Flächen, wo der Sand wieder zum Vorschein trat und die eine besondere Vegetation anzogen. Damit diese Flächen nicht weiter verbuschen, werden sie auch beweidet; wir sind heute einer Herde Schafe begegnet.

Entstanden sind die Dünengürtel am Ende der letzten Eiszeit aus Flugsand. Das Naturschutzgebiet Glockenbuckel, von dem ich rede, befindet sich am Westrand von Viernheim und kann gut über den Parkplatz Sandgabe oder Lampertheimer Straße erkundet werden. Es gibt zahlreiche markierte Wanderwege, vor allem rund um den Karlsstern bei Mannheim-Gartenstadt. Dort gibt es ein paar Tiergehege, Gastronomie (glaube ich), einen Vogelpark und Kinderspielplätze. Jetzt am Wochenende war dort dementsprechend viel los, und man hätte sich da auch niederlassen und Mannheimer Originale beobachten können, die da mit Kind und Kegel unterwegs waren.

Interessant in dem Gebiet sind auch Reste der alten Einrichtungen des US-Militärs. So gibt es neben vielen alten Betonresten auch Überreste alter Bunker. Dort sind wir heute nicht hingelaufen, sondern haben uns lieber Hirsche und Vögel am Karlsstern angeschaut. Die Gehege für die Hirsche sind sehr weitläufig, es gab einige Bambis zu sehen. Die Volieren im Vogelpark waren zwar auch eher groß, aber mir tut es dann doch leid, Vögel, besonders Greifvögel, hinter Gittern zu sehen. Ebenfalls interessant sind an der Grenze Hessen (Viernheim) zu Baden-Württemberg (Mannheim) historische Grenzsteine.

Wenn ihr da auch mal laufen wollt – es gibt unendlich viele markierte Wege, denen man folgen kann. Es empfiehlt sich aber manchmal eine Wander-App, wenn man wie wir die schmaleren Pfade bevorzugt. Da alles eben ist, sind Spaziergänge oder Wanderungen dort nicht anstrengend.



Hier beim Geopark und hier beim Regierungspräsidium könnt ihr euch Infoflyer zum Glockenbuckel herunterladen und mehr über das Biotop erfahren.

Sommerleicht

Vor einer Woche war es noch eisheiligenkalt, gestern fühlte es sich an wie Frühling, als ich durch den Wald lief und Maiböcke beim Kämpfen beobachtete, und heute ist Sommer.

25 Grad und mehr im Schatten, die 30 sollen morgen geknackt werden. Und ich atme auf und durch und freue mich, dass alles leichter wird.

Leichter sind schon mal die Klamotten, die ich anhabe, kein riesiger Berg aus Fleecegedöns mehr vor dem Bett, wenn ich schlafen gehe. Leichter die Schuhe, endlich wieder Sandalen, Fußnägel mit geschmacklosem Glitzernagellack und Füße, die sich streifenweise bräunen und immer etwas dreckig sind. Sommerfüße nenne ich das.

Und mit weniger Kleidern und Sandalen ist auch das Wandern noch leichter. Warmer Wind weht mir durch die Haare, es duftet nach wilden Rosen, die sich gerade öffnen, und ich bleibe manchmal begeistert stehen, wenn ich mein liebstes bewegtes Bild in der Natur sehe: Wind, der durch hohes Gras streift. Keine Ahnung, woran es liegt, aber das finde ich wunderbar.

Leichter ist mir auch wieder ums Herz. Ich habe ein paar Arzttermine bewältigt, die mir Bauchschmerzen gemacht hatten, und bei einem auch wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, ach was, „langweilig“, wie der Hausarzt meinte. Da meine Eltern beide Diabetiker waren, habe ich vor allem auf den Blutzucker ein Auge. Aber da ist alles perfekt, ich bin er-leichtert.

Heute ist auch eines der großen Volksfeste hier im Tal, jeder Ort hat da sein eigenes, Feste zu Pfingsten, Johanni oder zur Kirchweih. Ich gönne es den Veranstaltern, dass sie mit dem musikalischen Abendprogramm bei dem Prachtwetter sicher erfolgreich sein werden. Und natürlich macht mir mein Arbeitsbesuch dort auch mehr Spaß, wenn es nicht kalt und regnerisch ist. Feiern, gutgelaunte Menschen – auch das ist Leichtigkeit.

Jetzt müsste ich nur noch schauen, dass ich auch körperlich ein bisschen leichter werde und den pfundigen Aufwärtstrend der Wechseljahre wieder umkehre.

Rostig

Ich fotografiere schon seit ziemlich genau 10 Jahren gerne verrostetes Metall. Für mich hat rostiges Metall eine gewisse Grandezza, eine eigene Schönheit im Verfall. So wie glatte Oberflächen beliebig aussehen können, macht Rost, oft entlang alter Narben auf dem Metall, einen Gegenstand einzigartig.

Vielleicht ist das auch so ein „hat mit Ü40 angefangen, als auch ich Patina anzusetzen begann“-Ding bei mir, haha!

Ich bearbeite die Bilder meistens ein wenig, um die Farben hervorzuheben, und wähle einen Bildausschnitt, der mir gefällt. Irgendwie habe ich immer gedacht, damit mache ich mal einen Kunstkalender, am besten kombiniert mit verstörenden und schwermütigen Gedichten über das Altern und den Tod, aber so richtig hat sich das nie konkretisiert.

Deswegen zeige ich einfach mal hier ein paar der schönsten Rostbilder.

Mein erstes Rostbild stammt vom Sommer 2016 und zeigt die Rückseite eines Müllcontainers auf dem Wertstoffhof unserer Kreisstadt.

Ein Eldorado für Rostfotografen war Peenemünde auf Usedom; die Heeresversuchsanstalt aus der Nazizeit ist ein einziges Geroste. Wir waren dort 2018.


Lost places sind natürlich auch ein toller Ort für Rostfotos.

Manchmal reizen mich auch anderer Oberflächen mit Patina, vor allem lackiertes Holz.

Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

WmdedgT März

Katzi auf dem alten Radio, das immer noch gut funktioniert

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (kurz WmdedgT) fragt Frau Brüllen, und das ist meine Antwort:

Es war am 5. März ein ziemlich voller Tag gewesen, dabei hatte ich das relativ typische Arbeitspensum von ein paar Stunden am Morgen und ein paar am Abend – Lokaljournalistenleben.

Der Tag begann wie jeder Tag, an dem in Hessen Schule ist, mit dem Aufstehen um sechs Uhr, da der beste Ehemann von allen an einer Schule arbeitet. Wir stehen immer zusammen auf, genauso wie er abends nicht ins Bett geht, bevor ich heimkomme, auch wenn es mal – Stichwort Fastnacht – spät wird.

Hummus und Bärlauch auf dem Brot

Frühstück mit dem geliebten Bärlauch, dessen Duft mich in der weiteren Bärlauch-Saison ein bisschen umschweben wird. Nach Frühstück und Aufbruch des Mannes machte ich hier meine übliche Runde durch das Haus mit Lüften und Aufräumen; dann fuhr ich den PC hoch und schaute, was so an Mails eingetrudelt war, und klickte mich schnell durch ein paar Seiten und Gruppen. Facebook und Instagram nutze ich nicht mehr, was diesen Schritt beschleunigt.

Ich freute mich über eine ganz gute Honorargutschrift, auch wenn da die Ansprüche in meinem Job nicht sehr hoch sind. Und ich ärgerte mich kurz über die AOK, weil ich ohne Smartphone oder Windows/Mac-PC plus Kartenlesegerät nicht an meine ePA kommen kann. Digitalzwang, kotz.

Damit jeht dit nich!

Danach hatte ich einen Artikel über eine Ausschusssitzung in einem Nachbardorf geschrieben, bei der es vor allem darum ging, nach welchem Schlüssel Bauplätze in einem erweiterten Gewerbegebiet vergeben werden sollen. Das ging recht flott von der Hand. Ich stellte noch einen anderen Artikel fertig und lud beide hoch.

Es folgte eine etwas ausgedehntere Tour durch unseren Haushalt, ich saugte durch, brachte den Müll raus, räumte die Geschirrspülmaschine ein und aus, so das halt. Ein Eiweißshake mit Banane war meine Zwischenmahlzeit, bevor ich noch mal einen Blick in die Online-Nachrichten warf und über das Thema Frauenstreik am 9. März nachdachte. Ich möchte daran teilnehmen, wobei ich ja Freiberuflerin bin, also meine eigene Chefin, und mit meinem werten Gatten beziehungstechnisch nicht hadere. Andererseits kotzt mich das Patriarchat an und all seine Auswüchse von häuslicher Gewalt bis Krieg. Irgendwo in meinem Hinterkopf ist aber die Frage, „darf“ ich das, einfach einen Tag nichts tun? Ich denke drüber nach, woher so ein Gedanke kommt.

Saugen

Dann kurvte ich mit meinem kleinen Auto in der Gegend herum. Ich räumte das öffentliche Bücherregal auf, das wir betreuen, machte für die Zeitung ein paar Bilder, tankte (immerhin habe ich ein Zeitfenster mit etwas weniger als 2 Euro für den Liter Diesel erwischt) und kaufte in einer Drogerie noch eine Packung Eiweißshake. Ich bin ja keine großer Sportlerin, aber als Veganerin ist meine Eiweißversorgung oft etwas dürftig, außerdem machen diese Shakes lange satt.

Ich entschied mich beim täglichen Spaziergang für eine Runde bei einem Mini-Ortsteil, der nur zwei oder drei Häuser umfasst. Die Feldwege waren irgendwie nicht genau da, wo sie meine alte Wanderkarte (noch von meiner Mutter…) vermutete, und so lief ich ein paar Umwege und Schleifen. Das dauerte dann etwas länger als ursprünglich geplant, aber ich hatte keine Eile und genoss die Sonne. Später versuchte ich, ein bisschen etwas über den Drei-Häuser-Ortsteil herauszufinden, wurde aber auf die Schnelle nicht fündig. Agathe, hilf! 😀

Dann war es auch schon bald Zeit für unser spätes Mittagessen. Ich mache immer am Nachmittag etwas Warmes, weil ich einmal am Tag was anderes essen will als Brot oder Nüsse und Kürbiskerne (ich esse beides sehr gerne) und weil ich so nett bin, den Mann zu bekochen, der von der Arbeit kommt. Es gab noch mal Curry vom Vortag, dazu Kimchi.

Den Nachmittag verbrachte ich ansonsten damit, ein altes Heimatkundeheft von 1980 über Odenwälder Trachten zu lesen, das ich in unserem öffentlichen Bücherregal entdeckt hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass es im 18. Jahrhundert – also vor Napoleon – Vorschriften der jeweiligen Herrschaft gegeben hatte, was die Leute anziehen dürfen und welche Farben sie tragen dürfen. Bunteres war dabei in der Regel dem Adel vorbehalten, das Bäuerlein musste sich mit Grau und gedeckten Farben begnügen. Die heute bekannten Trachten sind zumindest teilweise „herabgesunkene“ Adels- oder Militärmode und oft nicht so alt, wie viele denken. Die typische lange Männerjacke der Odenwälder Tracht hieß Mutzen oder Motze, und ich fragte mich, ob das was mit motzen von wegen meckern zu tun hat.

Titelbild des erwähnten Heftes

Außerdem las ich noch ein bisschen in dem Roman „Blue Shoes and Happiness“ von Alexander McCall Smith, noch ein Buch über die traditionell gebaute Mma Ramotswe und ihre Freunde.

Dann war es auch schon Zeit für Arbeitseinsatz Nummer zwei. Im Nachbarort war Bauausschuss, und dort wurde zwei Stunden lang erst noch einmal über das Gewerbegebiet diskutiert, das erweitert werden soll; dieses Mal ging es um die baulichen Aspekte. Dann wurde es ganz interessant mit dem „Bau-Turbo“ und der Frage, was dessen Vorgaben für eine Kommune bedeuten und wie die damit umgehen soll.

Auf dem Weg zur abendlichen Schicht

Viertel nach neun war ich dann zu Hause, trank noch ein bisschen alkoholfreies Bier, zappte mit dem Mann durch das TV-Programm und erzählte ihm vom Bauausschuss. Zu spät ging es ins Bett – und das war es dann auch schon mit einem ziemlich vollen und langen Tag.

Zengestank

Mal ein paar ungeordnete private Gedanken…

Heute war ich mal wieder in der Stadtbücherei in dem nächsten Städtchen, in dem ich zusammen mit dem besten Ehemann von allen eine Weile gelebt habe. Auch wenn es mich ja sonst eher in den Wald zieht, gehe ich dort gerne ein bisschen spazieren. Ich streife durch die Fußgängerzone, den schönen Schlosspark, und wenn ich mehr Zeit habe, drehe ich auch eine Runde durch einen sehr hübschen Staudengarten, der bald schon in bunten Farben explodieren wird, oder durch den Exotenwald mit seinen großen Mammutbäumen. Okay, das ist dann doch schon wieder Wald.

Diesmal beschränkte ich mich auf die kleinen Gassen rund um den Marktplatz. Ich mag das: herumlaufen, schauen, gucken, nachdenken. Irgendwo stand eine sogenannte Friedensinitiative, die vor ein paar Jahren noch gegen Coronaimpfungen und Masken wetterte. Woher kommt es eigentlich, dass diese beiden Themen – putinfreundlicher „Friedens“aktivismus und manchmal recht abwegige Ideen in Bezug auf Infektionskrankheiten – gerne zusammen auftreten? Gleiche Propagandaquelle, geht mir durch den Kopf. Aber auch schon vor Social Media habe ich erlebt, dass manche Ansichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, zusammenkommen. Oder wie es mal eine Bekannte ausdrückte: Permakultur bekommt man fast nur im Paket mit Geschwurbel.

Ich schaue mir die Menschen an. Ein paar Touristen dürften in dem schmucken Städtchen unterwegs sein, andere sprechen deutlich den hiesigen Dialekt. Zwei ältere, knuffelige Damen fragen mich mit starkem osteuropäischen Akzent nach dem Bahnhof, ich zeige ihnen den Weg. Schon von weitem höre ich das schöne Akkordeonspiel eines Straßenmusikers, gebe eine Münze in seine Schale. Ich merke mal wieder, dass nicht nur Tiere – Katzen vor allem! – mich irgendwie anziehend finden, sondern auch kleine Kinder. Eines rennt, die Oma mit dem Kinderwagen hinter sich lassend, auf mich zu und grinst dabei so freudig, dass der Schnuller aus dem Mund purzelt.

Eine Sache, die mich zurzeit beschäftigt, ist eigentlich ein altvertrautes Thema von mir: Egal, wie felsenfest ich von irgendeiner Sache überzeugt bin: stoße ich (real life oder, schlimmer, digital) auf viele Gleichgesinnte, die auch sehr überzeugt von etwas sind, gehen sie mir oft auf den Geist und ich fange an, meine Überzeugung in Zweifel zu ziehen. Mir fehlen so oft die Zwischentöne, die Ambivalenz, die Möglichkeit, die eigene Ansicht zu hinterfragen und immer wieder auf den Prüfstein zu stellen. Oder aber – das wäre ja das Mindeste –, zu sagen: Ich denke schon, dass ich bei XY recht habe, aber ich muss deswegen nicht mit hoch erhobener Nase und ausgestrecktem Zeigefinger herumlaufen und ständig auf andere deuten und verkünden: DU! Du bist falsch!
Oh Gott, wie kann man nur Christ/CDUler/Fleischesser/Homöopathienutzer/Autofahrer/Raucher/Weintrinker sein!

Vielleicht habe ich zu lange in Büchern über Buddhismus und Zen gelesen, um das ständige Be- und Abwerten begeistert mittragen zu können. Was ja auch wieder zu einem sehr hübschen Comic passt, den ich gerade nicht in den Abgründen meiner Festplatte finde, der aber so aussieht: Ein buddhistischer Mönch meditiert. Dann denkt er plötzlich so etwas wie: Ich habe mein Ego überwunden und bin erleuchtet! Und kurz danach: Ich bin ja so viel besser als die anderen.

Also verabschiede ich mich von diesem Posting mit einem Hauch Zengestank*.

Die Bilder sind übrigens von heute und gehören zu einem schon zehn Jahre währenden Projekt, bei dem ich schöne Rostfotos und Bilder von abblätterndem Lack sammle, mit unklarer Vorstellung, was ich damit mal mache. Vielleicht bin ich ja irgendwann motiviert zu Rostgedichten und kombiniere das in einem Büchlein. Mit Ü50 macht ja Kunst zum schönen, langsamen Verfall durchaus Sinn.

*Ein Wort, das offenbar wenig bis gar nicht gebräuchlich ist, wie ich grade feststelle. Ich meine damit die nervtötende Arroganz von Leuten, die sich ja ach-so-schlau-und-erleuchtet finden. Anderswo werden damit jene bezeichnet, die ihr Engagement für Zen mit Accessoires nach außen tragen, um anzugeben. Ich bin übrigens keine Buddhistin, das nur am Rande.

Alle Vögel sind schon da

Dieser Winter hat ja angesichts des Klimawandels schon eher ungewohnte Dinge mit sich gebracht wie längere Kältephasen und Schnee. Auch heute kam es noch mal weiß vom Himmel, wobei es sich hier auf 200 Meter über Normalnull schnell in Matschpampe verwandelte. Diese fiel mir dann beim obligatorischen Waldspaziergang mehrmals mit lautem Schmatz von Bäumen auf die Mütze, brrh.

Kohlmeise (oben) und Kleiber

Bevor ich mich vorhin hinauswagte, hatte ich Muße, eine halbe Stunde am Fenster zu sitzen und den Vögeln an unserer Futterstelle zuzusehen. Besonders hübsch ist die Futterstelle nicht, ich gebe es zu. Ein Obstbaum, der eine Pflaume sein sollte, aber nur ungenießbare saure gelbe Kugeln trägt (keine Mirabellen), wurde von mir mit einem Meisenknödelhalter, einem selbstgebauten Sonnenblumenkernefutterspender und Tassen behängt, die ich mit einer Haferflocken-Sonnenblumenkerne-Fett-Mischung befüllt habe.

Aber Ästhetik stört die Piepmätze zum Glück nicht. Ich schaue ihnen gern zu, manchmal assistiert von der freudig schmatzenden Katze. Ich zeige euch mal ein paar Bilder. Sind nicht supertoll, ich weiß, habe mit kleiner Kamera durch die Scheibe fotografiert und es fiel da auch noch recht viel Schnee.

Kohlmeisen sind hier die häufigsten Gäste
Die kleineren Blaumeisen sind viel scheuer als die größeren Kohlmeisen
Rotkehlchen sind recht zutraulich und lassen sich gerne knipsen.
Stare kommen gerne gleich in der Gruppe und verbreiten dann viel Gekreisch und Gezanke
Die Buchfinken beobachten oft lange das Geschehen, bis sie sich näher wagen, Dann sammeln sie auch lieber Futter vom Boden auf.
Auffällig seltener geworden sind die Amseln
Den Vogel kannte ich gar nicht. Es ist eine Heckenbraunelle.

Eisnebel


Es ist kalt und neblig, und so verwandeln sich die Wälder hier in Märchenwälder. Ich genieße das sehr, auch und gerade weil manches andere – die Welt, unsere Wasserabrechnung, mein Schlaf – gerade nicht so toll ist.

Massive Entschleunigung

Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.

Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.

Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.

Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.


Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …

Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.

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