Lesen, Wandern, Palavern

Kategorie: Blogparade

Neuanfang



Über diesen Blogpost von Angela bin ich auf diese Blogparade gestoßen und dachte, da kann ich ja was zu erzählen.

Ich bebilder hier einfach mal mit Dingen aus meinem Presseordner 2026-03. Das ist übrigens ein Walliser Schwarznasenschaf.

Erst einmal – ich bin in manchen Dingen, wie sich über die Jahrzehnte feststellen konnte, erstaunlich fix. Ich bin definitiv keine Reisende, ich habe nie weiter als rund 20 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt gewohnt. Ich lebe seit Jugendtagen mit meinem Mann zusammen, und mein hoher Wiedererkennungswert kommt nicht zuletzt daher, dass ich seit Schulzeiten Haarfarbe und Frisur (oder eher: Nicht-Frisur) nie geändert habe. Autos fahre ich, bis sie auseinanderbrechen, und auch Möbel können bei mir so lange herumstehen, bis sie wieder modern werden.

Aber natürlich gab es in meinem Leben auch einige Neuanfänge, im Kopf, die hier ein bisschen zu privat sind, aber auch beruflich. So bin ich seit 14 Jahren freie Journalistin, hatte das aber eigentlich nie geplant.

Eine alte Feuerwehrpumpe und nein, wir haben selbst im Odenwald schon motorisierte Löschfahrzeuge.

Was hatte ich geplant? Gute Frage. „Mein Geld mit Schreiben verdienen“ war schon in der Jugend eine Idee, aber ich hatte da noch Sylvia-Plath-Gedichte und Romane im Auge und ein aufregendes, kurzes Dichterleben. Bis das aus mir hervorbrechen sollte, studierte ich Sachen, die mich interessierten: Politik, Soziologie, Psychologie. Und danach machte ich ein Praktikum, immer noch getreu dem Motto Schreiben, bei einer Mitarbeiterzeitung in einem Automobilkonzern. Das war auch sonst eine aufregende und auch schlimme Zeit (unter anderem starb damals mein Vater) und es war sehr lehrreich. Nach den sieben Monaten wusste ich: PR-Frau in einem Konzern, das ist nichts für mich. Starre Hierarchien passen zu mir nicht. Dabei hatte man mir, wieso auch immer, eine Weiterbeschäftigung angeboten.

Stattdessen landete ich mit etwas Glück bei einem Promotionsstipendium rund um das Thema Nationalsozialismus. Das war natürlich nett, an einer Doktorarbeit herumzuschreiben und dafür bezahlt zu werden. Aber ich merkte während der Zeit, dass auch die akademische Forschung und vor allem die dort ebenfalls sehr zementierten Hierarchien und Abhängigkeiten nichts für mich sind.

Das ist eine ukrainische Motanka-Puppe.

Die Jahre darauf tat ich allerlei, hatte diesen und jenen Neben- oder Minijob, schrieb einen Krimi, beschäftigte mich mit Themen außerhalb des Arbeitslebens, und pflegte zusammen mit meinem Mann jahrelang meine an Demenz erkrankte Mutter.

Zwei Frauen, mit denen ich privat etwas zu tun hatte, waren freie Mitarbeiterinnen bei einer der Tageszeitungen hier; eine schrieb, die andere fotografierte. Als meine Mutter ins Pflegeheim kam und gleichzeitig ein Bürojob von mir auslief, ich also arbeitslos war, ließ ich mich darauf ein, das mal zu probieren. Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte, abseits von der erwähnten Mitarbeiterzeitung und ein paar Beiträgen für Schülerzeitungen, nie irgendetwas Presserelevantes getan. Aber die Redaktion drückte mir einen Stapel der Zeitung in die Hand, um mich ein bisschen zu orientieren, wie man das macht, und eine Liste mit ersten Terminen wie ein christliches Chorkonzert und etwas mit einem Treffen von Heimatvertriebenen. Ich gab mein Bestes. Nach ein paar Wochen fragte ich den betreuenden Redakteur, ob meine Artikel OK seien. „Nein“, meinte der. „Die sind gut.“

Ein Freibad im März.

Und so weitete ich mein Arbeitsfeld auf so ziemlich alles außer Sport aus. Nach ein paar Jahren begann ich auch zu fotografieren. Ich übernehme inzwischen vor allem Aufträge im Bereich Kommunalpolitik, weil das zum einen viele nicht machen möchten, zum anderen finde ich das interessanter und wichtiger als Konzerte und Flohmärkte. Außerdem habe ich, zeitweise recht intensiv, für ein kleines Monatsmagazin hier gearbeitet.

Der Start war bei all dem gar nicht so einfach. Ich war damals zum ersten und letzten Mal im Leben einige Monate Arbeitslosengeldempfängerin. Die Summe war niedrig, aber immerhin war ich krankenversichert. Als ich in das Freiberuflertum einstieg, strich mir das Amt sofort alle Zahlungen, obwohl ich ja die ersten Wochen und Monate nur kleine Beträge einnahm. Zum Glück war die AOK kulant, mich in der Übergangsphase zwischen Amt und Künstlersozialkasse weiterlaufen zu lassen. Künstlersozialkasse ist auch eine tolle Sache, wer es nicht kennt: Als Künstler:in (ja, ich bin offiziell Künstlerin, wie toll ist das denn?) kann man sich dort versichern und muss bei der Krankenkasse nur die Arbeitnehmerbeiträge zahlen; außerdem zahlt man in die Rentenversicherung ein.

Industriegebiet unter malerischem Himmel.

Ich mag meinen Job sehr, weil er für mich die perfekte Balance zwischen Freiheit und Sicherheit ist. Mir liegt es, mich jeden Tag mit anderen Dingen zu beschäftigen und in neues einzuarbeiten. Es tut einfach gut, bei der Arbeit ständig Menschen zu treffen, die sich (oft ehrenamtlich) engagieren, ob nun kommunalpolitisch, in einem Verein oder anderswo. Ich führe oft gute Gespräche. Und meine Buchhaltung inklusive der Aufgabe, die Steuertermine im Auge zu behalten, fällt mir leicht.

Auch das Schreiben selbst geht mir leicht von der Hand. Klar hat der Job und mein Berufsleben generell auch Nachteile. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich auf den Schrieb der Rentenkasse schaue, und merke es, wenn sich eine Diskussion in einem Ausschuss um 22 Uhr festgebissen hat.

Was Unterstützung angeht: natürlich hat mein Mann diese Entscheidung mitgetragen. In unserer Beziehung bereden wir alles, aber es wäre für mich schwer vorstellbar, dass mir mein Partner sagt, was ich beruflich machen soll und was nicht. Am meisten unterstützt hat mich aber mein Wunsch, zu schreiben und dabei so frei zu sein wie möglich und dennoch zu wissen, dass jeden Monat was Geld auf mein Konto kommt.

WmdedgT März

Katzi auf dem alten Radio, das immer noch gut funktioniert

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (kurz WmdedgT) fragt Frau Brüllen, und das ist meine Antwort:

Es war am 5. März ein ziemlich voller Tag gewesen, dabei hatte ich das relativ typische Arbeitspensum von ein paar Stunden am Morgen und ein paar am Abend – Lokaljournalistenleben.

Der Tag begann wie jeder Tag, an dem in Hessen Schule ist, mit dem Aufstehen um sechs Uhr, da der beste Ehemann von allen an einer Schule arbeitet. Wir stehen immer zusammen auf, genauso wie er abends nicht ins Bett geht, bevor ich heimkomme, auch wenn es mal – Stichwort Fastnacht – spät wird.

Hummus und Bärlauch auf dem Brot

Frühstück mit dem geliebten Bärlauch, dessen Duft mich in der weiteren Bärlauch-Saison ein bisschen umschweben wird. Nach Frühstück und Aufbruch des Mannes machte ich hier meine übliche Runde durch das Haus mit Lüften und Aufräumen; dann fuhr ich den PC hoch und schaute, was so an Mails eingetrudelt war, und klickte mich schnell durch ein paar Seiten und Gruppen. Facebook und Instagram nutze ich nicht mehr, was diesen Schritt beschleunigt.

Ich freute mich über eine ganz gute Honorargutschrift, auch wenn da die Ansprüche in meinem Job nicht sehr hoch sind. Und ich ärgerte mich kurz über die AOK, weil ich ohne Smartphone oder Windows/Mac-PC plus Kartenlesegerät nicht an meine ePA kommen kann. Digitalzwang, kotz.

Damit jeht dit nich!

Danach hatte ich einen Artikel über eine Ausschusssitzung in einem Nachbardorf geschrieben, bei der es vor allem darum ging, nach welchem Schlüssel Bauplätze in einem erweiterten Gewerbegebiet vergeben werden sollen. Das ging recht flott von der Hand. Ich stellte noch einen anderen Artikel fertig und lud beide hoch.

Es folgte eine etwas ausgedehntere Tour durch unseren Haushalt, ich saugte durch, brachte den Müll raus, räumte die Geschirrspülmaschine ein und aus, so das halt. Ein Eiweißshake mit Banane war meine Zwischenmahlzeit, bevor ich noch mal einen Blick in die Online-Nachrichten warf und über das Thema Frauenstreik am 9. März nachdachte. Ich möchte daran teilnehmen, wobei ich ja Freiberuflerin bin, also meine eigene Chefin, und mit meinem werten Gatten beziehungstechnisch nicht hadere. Andererseits kotzt mich das Patriarchat an und all seine Auswüchse von häuslicher Gewalt bis Krieg. Irgendwo in meinem Hinterkopf ist aber die Frage, „darf“ ich das, einfach einen Tag nichts tun? Ich denke drüber nach, woher so ein Gedanke kommt.

Saugen

Dann kurvte ich mit meinem kleinen Auto in der Gegend herum. Ich räumte das öffentliche Bücherregal auf, das wir betreuen, machte für die Zeitung ein paar Bilder, tankte (immerhin habe ich ein Zeitfenster mit etwas weniger als 2 Euro für den Liter Diesel erwischt) und kaufte in einer Drogerie noch eine Packung Eiweißshake. Ich bin ja keine großer Sportlerin, aber als Veganerin ist meine Eiweißversorgung oft etwas dürftig, außerdem machen diese Shakes lange satt.

Ich entschied mich beim täglichen Spaziergang für eine Runde bei einem Mini-Ortsteil, der nur zwei oder drei Häuser umfasst. Die Feldwege waren irgendwie nicht genau da, wo sie meine alte Wanderkarte (noch von meiner Mutter…) vermutete, und so lief ich ein paar Umwege und Schleifen. Das dauerte dann etwas länger als ursprünglich geplant, aber ich hatte keine Eile und genoss die Sonne. Später versuchte ich, ein bisschen etwas über den Drei-Häuser-Ortsteil herauszufinden, wurde aber auf die Schnelle nicht fündig. Agathe, hilf! 😀

Dann war es auch schon bald Zeit für unser spätes Mittagessen. Ich mache immer am Nachmittag etwas Warmes, weil ich einmal am Tag was anderes essen will als Brot oder Nüsse und Kürbiskerne (ich esse beides sehr gerne) und weil ich so nett bin, den Mann zu bekochen, der von der Arbeit kommt. Es gab noch mal Curry vom Vortag, dazu Kimchi.

Den Nachmittag verbrachte ich ansonsten damit, ein altes Heimatkundeheft von 1980 über Odenwälder Trachten zu lesen, das ich in unserem öffentlichen Bücherregal entdeckt hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass es im 18. Jahrhundert – also vor Napoleon – Vorschriften der jeweiligen Herrschaft gegeben hatte, was die Leute anziehen dürfen und welche Farben sie tragen dürfen. Bunteres war dabei in der Regel dem Adel vorbehalten, das Bäuerlein musste sich mit Grau und gedeckten Farben begnügen. Die heute bekannten Trachten sind zumindest teilweise „herabgesunkene“ Adels- oder Militärmode und oft nicht so alt, wie viele denken. Die typische lange Männerjacke der Odenwälder Tracht hieß Mutzen oder Motze, und ich fragte mich, ob das was mit motzen von wegen meckern zu tun hat.

Titelbild des erwähnten Heftes

Außerdem las ich noch ein bisschen in dem Roman „Blue Shoes and Happiness“ von Alexander McCall Smith, noch ein Buch über die traditionell gebaute Mma Ramotswe und ihre Freunde.

Dann war es auch schon Zeit für Arbeitseinsatz Nummer zwei. Im Nachbarort war Bauausschuss, und dort wurde zwei Stunden lang erst noch einmal über das Gewerbegebiet diskutiert, das erweitert werden soll; dieses Mal ging es um die baulichen Aspekte. Dann wurde es ganz interessant mit dem „Bau-Turbo“ und der Frage, was dessen Vorgaben für eine Kommune bedeuten und wie die damit umgehen soll.

Auf dem Weg zur abendlichen Schicht

Viertel nach neun war ich dann zu Hause, trank noch ein bisschen alkoholfreies Bier, zappte mit dem Mann durch das TV-Programm und erzählte ihm vom Bauausschuss. Zu spät ging es ins Bett – und das war es dann auch schon mit einem ziemlich vollen und langen Tag.

Was ich nicht kann

Angela hat vor kurzem einen schönen Blogbeitrag dazu geschrieben, was sie nicht kann.

Inspiriert war er von Anna Koschinski.

Ich fand das Thema interessant und habe eine ganze Weile darüber nachgedacht. Es gäbe ja viele Facetten zu beleuchten – und nicht alle sind relevant. Selbstverständlich beherrsche ich fast keine Sprachen, fast keine Karten- oder Brettspiele, so ziemlich keinen Tanz. Es gibt ja jeweils tausende auf der Welt. Und natürlich gibt es schon rein physikalisch und biologisch Grenzen, was ich können kann.

Ich habe mich dann mal auf Dinge konzentriert, von denen ich denke, dass es gut wäre, wenn ich sie könnte – und die auch recht allgemein verbreitet sind. Dabei fielen mir zwei Sachen ein: eine eher äußerlich, eine eher innerlich.

Äußerlich:

Ich erinnere mich, dass es irgendwo im P&P-Rollenspiel einen Elfenfluch gibt, der dazu führt, dass man immer ein bisschen unordentlich ist. Aus Kleidern hängt ein loser Faden, man hat Petersilie zwischen den Zähnen und merkt es nicht, auf frisch angezogenen Sachen sind sofort Flecken.

Ich bin offenbar diesem Fluch in der echten Welt erlegen.

Selbst frisch gekaufte Sachen haben sofort Katzenhaare an sich, meine eigenen Haare kann man wohlwollend als Mähne bezeichnen – nicht aber als Frisur. Ich habe immer irgendwo einen Pickel im Gesicht, und überhaupt: Jede Form von Perfektion scheint meinem Äußeren zuwider zu sein.
Ich staune, wie adrett manche Menschen aussehen können, während sich bei mir die Ketten ineinander verheddern, der Eyeliner verschmiert und schon wieder Schmutz an den Schuhen ist.

Ich kann, was das Aussehen betrifft, nicht richtig ordentlich sein.

Ohne Katzenhaare auf den Kleidern bin ich offenbar nicht richtig vollständig.

Innerlich:

Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Menschen manche Dinge nicht tun (können), die sie – in meinen Augen – dringend tun sollten. Keine Sorge, ich bin ein toleranter Mensch und habe volles Verständnis dafür, wenn es mit einem Berufsleben nicht so recht klappt, wenn man zu mollig bleibt (bin ich ja auch), oder wenn sich andere hehre Ziele im Leben einfach (noch) nicht verwirklichen lassen.

Aber wenn Menschen sehr unter ihrer Situation leiden und/oder ständig darüber jammern, dann denke ich oft: Ja, dann änder doch was! Herrjeh.

Und weil ich bin, wie ich bin, rücke ich meinen Mitmenschen dann auch gern mit meinen mehr oder weniger wohlwollenden Analysen der Situation und passenden Änderungsvorschlägen zu Leibe. Gnadenlos. Habe ich schon erwähnt, dass ich Sternzeichen Skorpion bin?

Natürlich mag ich des Öfteren recht haben. Und nicht selten wird es auch erleichtert aufgenommen, dass mal jemand Tacheles redet und einen neuen Blickwinkel in eine „Ich bin das arme Opfer und kann nichts dagegen tun“-Perspektive hineinbringt. Oft aber gehe ich den Leuten damit einfach nur auf den Keks. Ratschläge sind auch Schläge – ich weiß es ja. Und trotzdem kann. ich. es. nicht. lassen.
Oder besser: Ich muss mich sehr zusammenreißen.

Aber ich arbeite dran – versprochen.

Zuversicht

Angela hat zu einer Blogparade zum Thema Zuversicht aufgerufen. Ich gebe ehrlich zu, dass ich zuerst dachte – wo soll ich denn Zuversicht hernehmen in solchen Zeiten?

Ich weiß um – und verachte es ein bisschen, ich gebe es zu – den leichten Weg, den man jetzt einschlagen kann: Zynismus, Sarkasmus, Nihilismus. Im stillen Kämmerlein (und auf der Computertastatur) vor sich hin schimpfen, wie schlecht alles ist, zufrieden den Widerhall der Worte in den Echokammern der eigenen Bubble lauschen – aber nichts Relevantes tun.

Aber was kann ich dann tun? Wenig, bei der Weltpolitik wohl gar nichts. Ein bisschen Demokratiegruppe hier, ein bisschen Nettigkeit im persönlichen Umfeld da, ein bisschen Konsumverzicht, der Umwelt zuliebe. Und irgendwie versuchen, Mut und Zuversicht zu finden, denn ohne Mut geht das nicht.

Was mir dabei sehr hilft, ist das Vorbild großer Frauen. Ich lese gerade Die Feuer der Freiheit von Wolfgang Eilenberger über die Philosophinnen Hannah Arendt, Simone Weil, Simone de Beauvoir und Ayn Rand. Unabhängig von den sehr unterschiedlichen Ausgangslagen und Denkstilen eint diese Frauen (und viele weitere), dass sie an sich und ihre Ideen glaubten. Das eigene Denken, das produktive Schaffen und Schreiben war für sie das Wichtigste – unabhängig davon, wie gefährlich oder prekär ihr Leben gerade war.

Ob nun die Genannten oder andere große Denkerinnen, Schriftstellerinnen, Aktivistinnen – bei vielen dieser Frauen entdecke ich einen Lebensmut, der sie auch durch dunkle Zeiten trägt. Die Bereitschaft, das Leben anzunehmen mit allen Schmerzen, die es mit sich bringt, und dabei nicht die Freude an den schönen Dingen zu verlieren. Mich lehrt das auch: Die Bindung, das Verhaftetsein an Materielles, an das alltägliche Klein-Klein zu lockern, mich nicht mehr vom betäubendem Geschrei auf META irre machen zu lassen, und mich auf Wesentlicheres zu konzentrieren. Das ist auch – die Natur, der Frühling, der immer wieder kommt, der Mond, der immer wieder neu wird.

In einem Buch, das ich gerade lese, über Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil, finde ich das wieder. Gestern bin ich auf ein Zitat gestoßen von Rosa Luxemburg, das sie aus einem ihrer letzten Gefängnisaufenthalte schrieb. Dieses Zitat hatte ich schon einmal als Teenagerin irgendwo entdeckt und mir abgeschrieben, weil es mich so bewegt hatte.

Ich zitiere:

Vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeifahrenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte, dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit des Winters – und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt.
Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muß wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied vom Leben – wenn man nur richtig zu hören weiß.“


Brief aus dem Gefängnis, An Sonia Liebknecht, Dezember 1917

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