Kennt ihr die Geschichte „Schokolade auf Reisen“ von Ephraim Kishon? Es geht um eine verschenkte Pralinenschachtel, deren Inhalt sich nach dem Öffnen als moosbelegte dunkle Kiesel entpuppt. Den Schenker zur Rede gestellt stellt sich heraus, dass die Schachtel schon viele Stationen hinter sich hat und ehedem von der Familie selbst verschenkt worden war.

So ähnlich kommt es mir im 52. Frühling meines Lebens mit vielen Dingen vor. Pralinen, die nie lecker waren und nie mit Liebe geschenkt und um 1990 herum verpackt wurden, halte ich nun, 35 Jahre später, wieder in den Händen. Die Überbleibsel des reaktionären Frauenhasses im letzten Jahrhundert, die damals noch nach dem Muff von tausend Jahren unter den Talaren rochen, sind digital aufbereitet und mindestens genauso schmierig wie damals; statt eines dicken alten weißen Mannes als ewigem Kanzler haben wir einen dünnen alten weißen Mann; man hasst Migranten und wählt wieder mal die NSDAP, nun schon zum dritten oder vierten Mal neu verpackt und immer noch genauso braun und widerlich. Und im Sommer stehen Bäume halb kahl da, nicht mehr wegen des Sauren Regens, sondern wegen de Klimawandels.

Und auch persönlich, ach, scheint mir immer wieder Zeug auf den Gabentisch zu kommen, das ich schon mit 16 oder 17 nicht haben wollte. Verrücktspielnde Hormone, sich-zu-dick-Finden (damals ohne, heute mit Grund), Pickel, depressive Anwandlungen und dann wieder Wut, und gleichzeitig die Erkenntnis, dass man sich ja den Arsch aufreißen könnte wie bekloppt und dennoch niemals auch nur ansatzweise die Anforderungen an ein weibliches Wesen erfüllen könnte, die die Gesellschaft stellt. (Und wie früher denke ich: das hat System, so lange wir hungern und uns schämen, ganz, ganz viel schämen, weil wir zu dick sind und zu unsportlich und zu ungebildet oder zu gebildet und zu humorlos, wenn man wieder sexistische Witze macht, und weil wir nicht gut genug putzen und kochen und weil wir zu viel arbeiten oder zu wenig oder unsere Kinder vernachlässigen oder überbehüten oder keine haben und so weiter… so lange fehlt uns Zeit und Lust zum Aufbegehren.)

Und wenn ich wütend werde und die Welt anders wünsche, dann bin ich linksradikal, so wie mit 16 oder 17, nur dass ich inzwischen als alte dicke Frau kaum linksradikaler bin als ein*e Sozialdemokrat*in 1990, aber mei, angeblich ist ja alles so schrecklich nach links gerückt, dass man nun gegensteuern muss. Da habe ich wohl dem Politikstudium zum Trotz irgendwann den Überblick verloren. Falls der Verfassungsschutz mitliest: Nehmt mich schon mal von den Listen für irgendwelche Preise, die ich eh nie bekomme, danke schön.

Aber ich will nicht nur klagen. Die vermoosten Pralinen von Bund und Land und Patriarchat gehen zurück an den Absender, und das tonnenschwere Paket „was du als Frau sein und tun musst“ nehme ich erst gar nicht an. „Ich muss gar nix außer sterben!“, zitiere ich meine Mutter.

Ich schaue auf die anderen Dinge, die mir vor 35 Jahren geschenkt wurden und die ich immer noch und, ach, gerne, sehr gerne erhalte. Liebe und Freundschaft vor allem, da hat es mir noch nie daran gemangelt, und Liebe zur Natur, das Schreibenkönnen, Schreibenwollen, und der immer funktionierende Fluchtweg in die Literatur, wenn die Welt zu scharfkantig wird.