Lesen, Wandern, Palavern

Autor: Katja (Seite 6 von 9)

Psycho-logisch

Ein, ja was, Hobby oder Spleen oder einfach nur großes Interesse von mir ist die Psychologie. Ich habe mich damit schon in der Jugend zu befassen begonnen, im Studium Psychologie als Nebenfach im Magisterstudium gewählt (mein Hauptfach war Politik). Ich hatte angesichts des Interesses natürlich auch erwogen, Psychotherapeutin zu werden, aber ich hatte schon im jungen Erwachsenenalter genug Erfahrungen mit den psychischen Problemen meiner Mitmenschen (und meinen erfolglosen Versuchen, da positiv zu intervenieren) gesammelt, um davon Abstand zu nehmen („Nicht auch noch als Arbeit“, dachte ich damals).

Was so zurzeit in meinem Psychologie-Regal herumsteht und -liegt.

Das hielt mich nicht davon ab, viele Bücher über Psychologie zu lesen. Ich habe das Gefühl, dass mir das dabei hilft, mich selbst und andere besser zu verstehen, und ich habe auch gelernt, Methoden anzuwenden, die mir und meinem sozialen Umfeld helfen, Stichwort – mal wieder – Acceptance- und Commitment-Therapie, mein Favorit. (Eine Therapie habe ich dagegen nie gemacht.) Früher las ich auch gerne Erfahrungsbericht oder Bücher aus dem Bereich Anti-Psychiatrie.

Ich las auch mit mal mehr, mal weniger Faszination einige Klassiker. Manche sind natürlich besser, manche schlechter gealtert, und bei einigen Dingen – Stichwort Männer- und Frauenrollen – muss man bei manchem alten Buch Abstriche machen.

Die Grundformen der Angst von Fritz Riemann kann ich dennoch uneingeschränkt empfehlen, Viktor Frankls „Trotzdem JA zum Leben sagen“ natürlich auch, von Alfred Adler habe ich vor vielen Jahren schon gerne „Menschenkenntnis“ und weiterer Werke gelesen. Auch moderne Klassiker habe ich mit Gewinn durchgearbeitet – Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“ beispielsweise und diverse ACT-Bücher, begonnen mit Russ Harris „Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei“. Und vergessen wir bitte nicht eines der besten, kurzweiligsten und kürzesten Bücher im Bereich Psychologie überhaupt: Paul Watzlawicks „Die Kunst des Unglücklichseins.“ (Das habe ich doppelt, wenn jemand möchte, verschicke ich es gerne.)

Vor einiger Weile hatte ich mich ein bisschen mit dem Thema Drama-Dreieck in der Transaktionsanalyse beschäftigt, ein Konzept, das ich wie so viele andere wirklich augenöffnend fand und das mir einige unproduktive, sich-im-Kreis-drehende Interaktionen treffend erklärte. Also holte ich mir auch „Spiele der Erwachsenen“ von Eric Berne, der als Begründer der Transaktionsanalyse gilt. Aber mit dem Buch wurde ich nicht warm.

Hilfreich finde ich das Bild der verschiedenen Ebenen – Erwachsenen-Ich, Eltern-Ich, Kind-Ich – auf denen kommuniziert wird und welche Auswirkungen es hat oder haben kann, wenn zwei Menschen sich eben nicht auf der Erwachsenen-Ebene austauschen, sondern von oben herab belehren (Eltern-Ich) oder sich verhalten wie ein bockiges Kind. Solche Interaktionen nennt Berne Spiele.

Die einzelnen Spiele, die den Großteil des Buches ausmachen, lassen mich dagegen eher ratlos zurück. Ja, klar kenne ich z.B. gut die fruchtlose Interaktion „Warum nicht – Ja, aber…“, sprich Menschen, die drängende Probleme äußern, aber auf jeden Lösungsvorschlag mit „Ja, aber“ reagieren, also erklären, wieso „das nicht geht“. (Ich versuche daher auch sehr, mit in solchen Konstellationen Vorschläge abzugewöhnen. Nicht leicht, ich gebe doch so gerne Ratschläge.)
Was mich bei den Beschreibungen der Spiele stört, ist zum einen eine störende Antiquiertheit; das Buch ist 1964 das erste Mal aufgelegt worden, und manches, was da beschrieben wird – vor allem im Bereich Partnerschaft und Sexualität – ist, finde ich, aus einer heute unangenehm zu lesenden Macho-Perspektive verfasst (die Frauen, die erst locken und sich dann zieren oder den Mann mit ihrer Mischung aus Frigidität und Sexy-Sein ärgern wollen usw.). Aber auch generell lässt mich das schematische und abkürzungslastige Katalogisieren menschlichen Verhaltens etwas ratlos zurück.
Was mich aber besonders störte, ist ein, wie ich fand, negativer und herablassender Blick auf Menschen und ihre (zugegebenermaßen ja oft nicht allzu produktiven) Interaktionen. Auch gerade bei denen, die eine schwache Position einnehmen, klingt eine Unerbittlichkeit durch, die ja hier und da angemessen sein mag, die ich mir aber von einem Psychotherapeuten, der mich behandelt, nicht gerade wünschen würde.
Da ist zum Beispiel Riemann, obwohl das Buch auch schon alt ist, ganz anders; bei ihm wird deutlich, dass Charakterakzentuierungen im Kontinuum zwischen Durchschnitt und Störung durchaus Vorteile bringen und nicht nur defizitär zu sehen sind.
Dazu kommt auch – was kann ich denn von Bernes Ansatz als Mensch mitnehmen? Gut, durchschauen, wenn ein solches Spiel einsetzt, und nicht mitspielen, weil es nur Kraft und Nerven kostet. Das kann ich aber auch ohne dreiunddrölzig Fallbeispiele schon gut mit dem Drama-Dreieck und der Unterscheidung Erwachsenen-Ich, Kinder-Ich und Eltern-Ich.

Wie seht ihr das, liebe Leser meines Blogs (ihr alle beide :-D)? Welche Psychologiebücher habt ihr ins Herz geschlossen, welche nicht?

Eine lebende Bibliothek

Was soll das sein, eine lebende Bibliothek?

Lena hatte zu einer Blogparade aufgerufen.

Und Angela hatte dazu einen schönen Beitrag gepostet.

Die Idee ist, dass man sich vorstellt, man sei mit all seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und Erfahrungen eine Bibliothek, in der sich auch andere Menschen informieren können.

Erst konnte ich der Idee für mich selbst nicht viel abgewinnen, dann beschäftigte sie mich doch immer wieder. Interessanter als das, was ich fachlich „drauf“ habe – sei es durch das Studium (Sozial- und Geisteswissenschaften) oder durch persönliche Interessen (Pflanzenheilkunde, Mythologie, Heimatgeschichte) – finde ich, was ich fürs Leben gelernt habe. Stichwort Persönlichkeitsentwicklung.

Ich werde die Aufgabenstellung mal etwas lockerer angehen als in der ursprünglichen Blogparade beschrieben und das Ganze wie Werbung für ein Buch bzw. eine Buchreihe aufziehen.

Natürlich ist alles daran, inklusive Rezensionen und Zitaten, völlig fiktiv.

Katjas Reihe zur Lebenskunde

jetzt auch als Taschenbücher im praktischen Schuber!


Von Achtsamkeit, Akzeptanz, Dankbarkeit und dem ganzen Rest.

In dieser einfachen kleinen Anleitung kann der Leser leicht nachvollziehen, wie man mit den Grundideen der Akzeptanz-Commitment-Therapie (ACT) und anderer psychologischer und spiritueller Schulen sein Leben in die eigenen Hände nimmt.
„Mit 30 herum fiel mir die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen: Ich kann niemals kontrollieren, was ich denke und fühle, aber sehr wohl, was ich tue. Später entdeckte ich das in den Büchern über ACT wieder.“ – Katja

„Im Endeffekt eh alles vom alten Scheißstock geklaut“, Meister U. (+), aktuelle Inkarnation unbekannt


Mit Pareto zum Glück

„Das Pareto-Prinzip besagt, dass man in den meisten Fällen 80 Prozent eines Ergebnisses mit 20 Prozent der Leistung erreichen kann. Ich habe das Prinzip seit der Grundschule verinnerlicht. Ich war die klassische Zwei-komma-irgendwas-Schülerin“, so schreibt Katja im Vorwort des Buches.
Es folgen 12 Kapitel zur Anwendung des Prinzips – nicht nur in Schule und Studium, sondern unter anderem auch im Bereich Hausarbeit, Gesundheit, Fitness und Normal-Sein.

„Sie nennt es Pareto-Prinzip, ich nenne es Faulheit.“ – Fritzchen M., Selfmade-Millionär


It’s good to be crazy – it keeps you from getting insane


„Für mich der Kern dieses Buches: Einem nicht unerheblicher Teil der Menschen geht es schlecht, weil die Leute extrem enge und unflexible Vorstellungen von Normalität haben und an daran fast zwangsläufig scheitern. Im Gegensatz dazu sind, wie Studien belegen, Exzentriker gesünder, glücklicher und leben länger. Daher gilt es, seine kleinen Marotten eher zu kultivieren als zu unterdrücken. Ein sympathischer Gedanke.“– Vivi W., berühmte reiche Punkerin (+)

„80 Prozent „normal“ zu sein ist völlig ausreichend für den Alltag. Siehe auch mein Buch Mit Pareto zum Glück.“ – Katja


Was wirklich wichtig ist

Dieses „Buch für Menschen über 40“ lädt dazu ein, in der Lebensmitte (oder auch später) immer wieder bewusst innezuhalten und sich zu fragen, was einem wichtig ist. Mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit gilt es, Prioritäten zu setzen und vieles, was einem nicht mehr nützt oder gefällt, loszulassen.
So behält man das Ruder des Lebens in der Hand. Man muss dem eigenen Kompass vertrauen und zu wagen, ihm zu folgen. Hierin steckt viel Verantwortung – und noch mehr Freiheit.

„Tu, was du willst – das sei das ganze Gesetz.“ – A.C., Bergsteiger (+)
„Ich muss gar nichts – außer sterben.“ – Heta G., emanzipierte Mutti (+)


Nothing really matters

„Der Nachhall jenes Werkes, das da fragte, was wirklich wichtig sei, erscheint nun als Widerspruch und Vollendung zugleich. Denn wo der Mensch sich müht, sich zu bessern, sich zu verwirklichen, sich aufzurichten an seinem eigenen Ideal – da vergesse er nicht: Er ist Staub. Ein flimmernder Hauch auf einem umherwirbelnden Gesteinsklumpen, der seinerseits um ein sterbendes Licht kreist.
Was folgt daraus? Du wirst die Welt nicht erlösen, du kleiner Narr. Keine Tat, kein Werk, kein Wille vermag das All zu beugen.
Doch auch: Wenn du stolperst, wenn du fällst, wenn du fehlst – das große Ganze zuckt nicht einmal.
Erhebe also deinen Blick! Schau zu den Sternen, jenen stummen Zeugen der Ewigkeit. Vielleicht – ja vielleicht – blickt irgendwann ein Gott zurück. “ – Friedrich N., ewiger Junggeselle (+)

Der Schenkenberg bei Lindenfels

Es gibt immer wieder besonders schöne Ecken im Odenwald – und sie müssen nicht einmal schwer zugänglich oder versteckt sein. So haben der beste Ehemann von allen und ich vor Kurzem mal wieder eine schöne Wanderrunde um den Schenkenberg gedreht. Das ist ein Berg bei der kleinen Burgstadt Lindenfels.

Lindenfels vom Aussichtspunkt Ludwigshöhe aus gesehen.

Im Bereich Schenkenberg (und auch in anderen Ecken von Lindenfels und im ganzen Odenwald) gibt es viele gut markierte Wanderwege. Mit den entsprechenden Wander-Apps kann man natürlich auch eigene Runden laufen, wobei man aktuell wegen der Afrikanischen Schweinepest auf den Wegen bleiben sollte. Außerdem sind im Bereich Schenkenberg manchmal Wegstücke gesperrt, wenn etwa nach Sturm oder Trockenheit Bäume umgestürzt sind oder Äste abbrechen könnten. An solche Sperrungen sollte man sich der eigenen Sicherheit zuliebe unbedingt halten.

Einige schöne Rundwege beginnen an einem Parkplatz, der sich an der B47 am östlichen Rand des Stadtgebiets befindet. Hier steigt man – nachdem man die Straße überquert hat – den sogenannten „Philosophenweg“ hinauf.

Später hat man die Auswahl zwischen mehreren, teils markierten Runden. Über diese informiert eine Tafel am Parkplatz.

Man kann den Schenkenberg ansonsten auch gut von anderen Parkplätzen in der Stadt aus erwandern.

Das Besondere am Schenkenberg sind die vielen schönen Felsformationen. Auch gibt es Aussichtspunkte, wie an der Schutzhütte „Ludwigshöhe“, von der aus man über die Stadt mit ihrer Burg blicken kann.


Ein geologischer Lehrpfad und einige Brunnen finden sich ebenfalls. Einer davon verspricht, dass man 100 Jahre alt wird, wenn man aus ihm 100 Jahre lang trinkt. Zwinker, zwinker.

Ich nehme vorsichtshalber jedes Mal einen Schluck, auch wenn der Brunnen offiziell kein Trinkwasser führt.

Die hohe Dichte an Schutzhütten, Bänken und eingemeißelten Namen in den Steinen am Schenkenberg zeigt auch, wie wichtig der Tourismus – genauer gesagt der Kurbetrieb – früher für Lindenfels war. Das ist nun schon eine Weile her, aber man spürt noch etwas von jener Zeit, als große schöne Gebäude noch Luxushotels waren, feine Damen mit Sonnenschirmchen durch den Kurpark flanierten und der Kurkapelle lauschten, bevor sie ein kleines, exquisites Café besuchten.

Doch auch heute hat die Stadt noch einiges zu bieten: einen malerischen Stadtkern, die Burg sowie ein hübsches Museum, das sich ganz dem Thema Drachen widmet.

Drachen begegnet man in Lindenfels übrigens häufiger, denn unter einem früheren Landrat sollte die Region touristisch als „Nibelungenland“ beworben werden. Mit dem eigentlichen Sagenstoff hat die Gegend zwar – abgesehen von der sogenannten „Siegfriedquelle“ (deren genauer Standort von mehreren Gemeinden beansprucht wird, am bekanntesten ist wohl die bei Grasellenbach) – wenig zu tun. Dennoch findet man Darstellungen von Szenen aus dem Nibelungenlied in verschiedenen Gemeinden hier, und in Lindenfels eben auch etliche Drachen.

Noch ein Tipp: Wer am Wochenende wandern möchte und nicht allzu vielen anderen Wanderern begegnen will, dem empfehle ich den Samstagvormittag. Da sind fast nur Touristen und zweifelhafte Gestalten wie ich unterwegs. Richtige Odenwälder haben Samstagvormittag anderes zu tun: Sie gehen in den Baumarkt, werkeln im Garten herum oder fegen die Gass’.

Link zur Broschüre mit Wandervorschlägen rund um Lindenfels

Trommwald im Regen

Ich habe mir vor gut 3 Jahren angewöhnt, jeden Tag eine Runde zu laufen, sprich zu spazieren, zu wandern – wo immer ihr das einordnen würdet. Das ist keine sportliche Höchstleistung, ich weiß, aber dank der Odenwaldhügel ist es zumindest ein bisschen konditionsfördernd und sehr gut für meine Psyche.

Ein großer Vorteil dieser Gewohnheit, die ich nur im äußersten Notfall (den ganzen Tag unterwegs, schwer krank) unterbreche, ist: Ich muss nicht lange überlegen, ob ich auch bei dezent ungemütlichem Wetter wie heute rausgehe.

Heute war hier ein verregneter Sonntag, die Wolken hingen tief, und ich ging zwei Stunden im Trommwald spazieren. Ich begegnete abseits des Parkplatzes keinem Menschen, nicht mal dem alten Onkel einer Freundin, der immer wieder (täglich?) den Berg hinaufjoggt.

Es tat Kopf und Körper wie immer sehr gut. Ich sah einen Hasen vorbeipreschen, ging durch Wolkenfetzen, die durch die Wälder zogen, und roch die Holunderblüten. Einmal kam einen Moment die Sonne durch, und ich begegnete sogar einen Feuersalamander, der sich sicher auch darüber freute, dass es endlich wieder mehr Regen gibt.

Gelesen: Philipp Blom – 1900–1914 und 1918–1938

Wenn mir ein Autor zusagt – in dem Fall Philipp Blom, von dem ich schon das hier und das hier las – hole ich mir gerne noch mehr Bücher. Die letzten Wochen habe ich mit ziemlich viel Vergnügen zwei dicke Werke von ihm gelesen:

„Der taumelnde Kontinent“, Europa 1900-1914
„Die zerrissenen Jahre“, 1918-1938

Der Ansatz von Blom, den ich ja auch schon in einem Buch über die Kleine Eiszeit 1570 bis 1700 so interessant fand, ist ja, nicht die Geschichte von großen Männern und ihren Schlachten zu erzählen. So kommt in dem Buch über die Kleine Eiszeit der Dreißigjährige Krieg, der die Epoche doch so nachhaltig (und Europa bis heute) prägte, nur am Rande vor. Ihm geht es um die großen ideengeschichtlichen und sozialen Veränderungen.

So nun auch in den beiden aneinander anschließenden Werken über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die – wie Blom auch betont – eben nicht so gelesen werden sollen, als Vorgeschichte, die unausweichlich in die beiden großen Kriege (bzw. den Dreißigjährigen Krieg 1914–1945) mündete. Sondern er zeichnet auch dort wieder auf, was diese Phasen prägte.

Er beschreibt im ersten Band, der mir persönlich etwas besser gefallen hat, wie rasant die Entwicklung der Moderne um 1900 herum war. Eine Phase, die später als „die gute alte Zeit“ verklärt wurde, war in Wirklichkeit eine, in der große Unsicherheit herrschte – auch und vor allem bei den Männern. Heute würde man es wohl als fragile Männlichkeit bezeichnen, was damals überhand nahm. Muskelkraft war nicht mehr gefragt, Maschinen machten jeden Bizeps lächerlich.
Waren vorher Nervenkrankheiten eine weibliche Domäne („Hysterie“), so ergriff die Neurose nun auch die Männerwelt. Die Figuren von Manns Zauberberg spiegeln das ebenso wider wie der genial-nervöse Kafka.
Suffragetten gingen auf die Straßen und forderten Wahlrecht. Und alles wurde rasanter – die ersten Rennwagen flitzten herum, Kommunikation wurde schneller, Kunst trieb neue und expressionistische Blüten, das Kino kam auf.
Manche Männer reagierten darauf mit Rückzugsgefechten, wollten zurück zur vermeintlich starken Männlichkeit früher. Völkisches Denken keimte in diesem Nährboden ähnlich gut wie Okkultismus und archaische Rituale. Nie wurde sich so viel duelliert.
Selbst der heldenhafte Krieger, der mit gezücktem Säbel den Feind niedermacht, wurde dann im Ersten Weltkrieg vollends in den Schützengräben ad absurdum geführt. Ohne je einen feindlichen Soldaten leibhaftig zu Gesicht zu bekommen, starb man da im Granatenhagel. Das Ganze war so traumatisch, dass viele Männer als „Kriegszitterer“ heimkehrten – die Nerven zerrüttet.

Damit setzt der zweite Band ein. Er zeigt Europa und Nordamerika in einer zentrifugalen Bewegung. Da treten Frauen, treten Schwarze Menschen immer mehr in die Öffentlichkeit; Jazz ist der Soundtrack jener Zeit. Die moderne Physik stellt das Weltbild der Menschen infrage, Flugzeuge überqueren den Atlantik. In den „Goldenen Zwanzigern“ wird in Berlin exzessiv gefeiert, während sich Nazis und Kommunisten in den Straßen verprügeln und ermorden.
Auch anderswo sind die autoritären und undemokratischen Kräfte auf dem Vormarsch. Mussolini lässt sich in Italien verehren, in Spanien tobt der Bürgerkrieg, in Deutschland kommt die NSDAP an die Macht, auch Österreich ist schon vor dem „Anschluss“ autoritär. Unter Stalin werden Millionen als „Konterrevolutionäre“ oder „Kulaken“ ermordet; schrecklich die Schilderungen vom Holodomor in der Ukraine, in dem mehrere Millionen Menschen auf Stalins Befehl in den Hungertod getrieben wurden.

Die großen ideengeschichtlichen und sozialen Veränderungen illustriert Blom mit einem bunten Strauß an Beispielen, die von Politik über Philosophie, von der modernen Wissenschaft, großer Kunst bis hin zu Einzelschicksalen und Populärkultur reichen. Ich kann mit einer solchen bunten Collage viel anfangen, sie erinnerte mich hier und da auch ein kleines bisschen an Bill Brysons 1927. Manchmal war aber – vor allem im zweiten Band – ein roter Faden nur noch schwer auszumachen.

Was mich an den Büchern Bloms so fasziniert, ist, wie leicht lesbar sie daherkommen und mit ihrem Kaleidoskop an Eindrücken einen neuen und lebendigen Einblick in die Geschichte gewähren. Ich las es und dachte oft: Ah, jetzt verstehe ich das endlich!

Auf jeden Fall sehr spannende und fundierte Einblicke in eine Zeit, die manchmal auch ganz unheimlich an unsere erinnert…

Was hängt denn da?

Wenn man zwischen Rimbach und seinem Ortsteil Zotzenbach in den Trommwäldern unterwegs ist, kann es passieren, dass man an zwei großen Buchen vorbeikommt. Die sehen interessanterweise so aus, als wolle die eine die andere umarmen – oder fangen? Aber darum geht es hier gar nicht.

Schaut man nämlich hinauf, entdeckt man Schuhe, die dort in den Ästen hängen. Die Leute in der Gegend nennen den Baum den „Schlappebaum“. (Wobei es ja eigentlich 2 Bäume sind, aber egal.)

In den oberen Zweigen hängen mehrere zusammengebundene Schuhpaare, festgeknotet an ihren Schnürsenkeln.

Wie lange es dieses kleine Ritual schon gibt, weiß ich nicht genau – einige Jahre oder Jahrzehnte dürften es wohl schon sein. Zumindest habe ich dort schon vor Jahren erste Schuhe hängen sehen.

Aber was hat es eigentlich mit diesem Baum auf sich?

Auf der Babbelbox auf der Tromm – das ist eine Hörstation mit Mundartbeiträgen aus der Region – erzählt der Redakteur Wolfgang Arnold etwas über den Brauch des „Schlappeschmeiße“. „Das war eine Art „Schnapsidee“ aus dem Umfeld des damaligen Bistro zu meiner Schulzeit“, erzählte er, als ich jetzt nachfragte. Es sei von  der Tränke bis zur Kneipe auf der Tromm gegangen. Jeder hatte einen Schlappen und warf ihn in Richtung Tromm. Dort, wo er landete, ging es weiter. Wer am wenigstens Würfe bis zur Kneipe brachte, der hatte gewonnen.

Schuhe werfen ist also durchaus mal vorgekommen und bezeugt. Aber Schuhe in Bäume hängen?

Bis vor kurzem dachte ich, das sei wieder so ein Odenwälder Spezialbrauch mit nicht nachvollziehbaren Hintergrund, irgendwas mit Kerwe im Zweifelsfall. Aber Wikipedia weiß es besser: Auch anderswo gibt es solche „Schuhbäume“, und viele davon sind deutlich dichter behängt als der bei Rimbach. Besonders in den USA sind sie recht weit verbreitet.

Auf Wikipedia wird vermutet, dass solche Schuhbäume eine moderne Variante älterer Bräuche sind, bei denen Stoffstreifen oder Kleidungsstücke in Bäume gehängt wurden – um Sorgen loszuwerden oder Wünsche zu manifestieren.

Ich persönlich denke, das ist eher ein Gag oder, im Falle von Gebirgswegen, ein Zeichen dafür, dass man sich dabei die Wanderschuhe durchgelaufen hat. Aber so herausfordernd ist die Tromm wandertechnisch nun auch wieder nicht mit ihrer Maximalhöhe von knapp 600 Metern.

Also bleiben die ollen Latschen in den Bäumen ein bisschen geheimnisumwittert.

Aus Umweltschutzgründen ist diese Art der Altschuh-Entsorgung natürlich eher abzulehnen.

Ihr findet den Schlappebaum, wenn ihr vom Rimbacher Parkplatz Tränke aus die Runde gelbe 2 lauft oder vom Zotzenbacher Parkplatz Im Kreuz die gelbe 8.

Was ich nicht kann

Angela hat vor kurzem einen schönen Blogbeitrag dazu geschrieben, was sie nicht kann.

Inspiriert war er von Anna Koschinski.

Ich fand das Thema interessant und habe eine ganze Weile darüber nachgedacht. Es gäbe ja viele Facetten zu beleuchten – und nicht alle sind relevant. Selbstverständlich beherrsche ich fast keine Sprachen, fast keine Karten- oder Brettspiele, so ziemlich keinen Tanz. Es gibt ja jeweils tausende auf der Welt. Und natürlich gibt es schon rein physikalisch und biologisch Grenzen, was ich können kann.

Ich habe mich dann mal auf Dinge konzentriert, von denen ich denke, dass es gut wäre, wenn ich sie könnte – und die auch recht allgemein verbreitet sind. Dabei fielen mir zwei Sachen ein: eine eher äußerlich, eine eher innerlich.

Äußerlich:

Ich erinnere mich, dass es irgendwo im P&P-Rollenspiel einen Elfenfluch gibt, der dazu führt, dass man immer ein bisschen unordentlich ist. Aus Kleidern hängt ein loser Faden, man hat Petersilie zwischen den Zähnen und merkt es nicht, auf frisch angezogenen Sachen sind sofort Flecken.

Ich bin offenbar diesem Fluch in der echten Welt erlegen.

Selbst frisch gekaufte Sachen haben sofort Katzenhaare an sich, meine eigenen Haare kann man wohlwollend als Mähne bezeichnen – nicht aber als Frisur. Ich habe immer irgendwo einen Pickel im Gesicht, und überhaupt: Jede Form von Perfektion scheint meinem Äußeren zuwider zu sein.
Ich staune, wie adrett manche Menschen aussehen können, während sich bei mir die Ketten ineinander verheddern, der Eyeliner verschmiert und schon wieder Schmutz an den Schuhen ist.

Ich kann, was das Aussehen betrifft, nicht richtig ordentlich sein.

Ohne Katzenhaare auf den Kleidern bin ich offenbar nicht richtig vollständig.

Innerlich:

Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Menschen manche Dinge nicht tun (können), die sie – in meinen Augen – dringend tun sollten. Keine Sorge, ich bin ein toleranter Mensch und habe volles Verständnis dafür, wenn es mit einem Berufsleben nicht so recht klappt, wenn man zu mollig bleibt (bin ich ja auch), oder wenn sich andere hehre Ziele im Leben einfach (noch) nicht verwirklichen lassen.

Aber wenn Menschen sehr unter ihrer Situation leiden und/oder ständig darüber jammern, dann denke ich oft: Ja, dann änder doch was! Herrjeh.

Und weil ich bin, wie ich bin, rücke ich meinen Mitmenschen dann auch gern mit meinen mehr oder weniger wohlwollenden Analysen der Situation und passenden Änderungsvorschlägen zu Leibe. Gnadenlos. Habe ich schon erwähnt, dass ich Sternzeichen Skorpion bin?

Natürlich mag ich des Öfteren recht haben. Und nicht selten wird es auch erleichtert aufgenommen, dass mal jemand Tacheles redet und einen neuen Blickwinkel in eine „Ich bin das arme Opfer und kann nichts dagegen tun“-Perspektive hineinbringt. Oft aber gehe ich den Leuten damit einfach nur auf den Keks. Ratschläge sind auch Schläge – ich weiß es ja. Und trotzdem kann. ich. es. nicht. lassen.
Oder besser: Ich muss mich sehr zusammenreißen.

Aber ich arbeite dran – versprochen.

Doktor Tromm

Ich gehe jeden Tag spazieren. Das ist keine sportliche Höchstleistung, tut mir aber sehr gut. Besonders hilfreich – gerade dann, wenn es irgendwo an Körper oder Seele zwickt – ist ein Besuch bei Doktor Tromm. So nenne ich die Tromm, den bewaldeten Höhenzug hier, der das Weschnitztal vom Überwald (Transsylvanien!) abgrenzt.

Es gibt eine Sage darüber, warum die Tromm so heißt. Ich habe sie schon vor Jahren mal weitergesponnen und damals auf Facebook geteilt. Da mein Profil dort inaktiv ist, teile ich sie auch hier – siehe unten.

Meine Version der heilkräftigen Dr. Tromm hat es übrigens schon ein bisschen in den regionalen Sagenschatz geschafft. Zumindest wird dieser Aspekt in einem Beitrag auf der „Babbelbox“ auf der Tromm aufgegriffen. Ich habe leider keinen Link dazu finden können – aber wenn ihr euch andere Mundartbeiträge aus dem Odenwald reinziehen wollt, könnt ihr das tun, s.u.. Die Sprecher kenne ich weitgehend (und verstehe sie ;-)). Ich selbst spreche keinen Odenwälder Dialekt – ich bin Zugereiste 2. Generation.

https://www.gebabbel-suedhessen.de/wanderwege/weschnitztal/

Aber weiter zur Tromm…

***

Wisst ihr eigentlich, woher die Tromm ihren Namen hat?

Vor langer Zeit befand sich auf der Tromm ein großer, reicher Bauernhof. Er lag tief versteckt in den fast undurchdringlichen Wäldern. Dort lebte ein bärtiger alter Bauer mit seiner Frau. Nachdem ein wildes Ungetüm den Sohn des Paares getötet hatte, wurde die Frau verschlossen, heute würde man wohl sagen, depressiv. Und so dauerte es lange, bis sie wieder ein Kind bekam. Doch zum Weiterleben reichte ihre Kraft nicht mehr aus; sie starb im Kindbett.

Das Neugeborene aber war stark und kräftig. Seine blonden Haare, die es schon bei der Geburt hatte, strahlten hell. Und weil es so stark wirkte, beschloss der Vater, als ihm die Amme das Kind zum ersten Mal in die Arme legte, es Trommheide zu nennen, sagt doch der Odenwälder zu einem großen Ding „Trumm“ oder „Drumm“. (Und Heide bedeutete ursprünglich „wild wachsend“.)

Das Kind wuchs heran und unterstützte den schwermütigen Bauern. Als sie alt genug war, um zu heiraten, kamen immer wieder mutige Bauernjungen, um um ihre Hand anzuhalten. Es hatte sich herumgesprochen, dass Trommheide nicht nur schön war und stark, sondern auch den Hof klug zu führen wusste, also lauter Eigenschaften hatte, die man an einer Bäuerin schätzte. Und einen großen Hof würde sie auch einmal erben. Doch Trommheide hatte kein Interesse daran, zu heiraten.

Eines Tages, als Trommheide gerade ihren alten Vater zu Grabe getragen hatte, kam ein adliger Jüngling, der sie ebenfalls freien wollte. Doch sie lachte ihn nur aus, „Auch du willst nur meinen Leib und mein Gut und nicht meine Seele! Ich halte nichts von Mannesliebe“, erklärt sie. Der beleidigte Jüngling verfluchte sie daraufhin. Sie soll im Berg gefangen sein, wünschte er, so lange, bis ihre Tränen den Fels gesprengt haben. Nur ein Mal im Jahr dürfe sie im Frühling von Berg herab schauen und sich nach der Mannesliebe sehnen.

Ein Donnerschlag, und beide waren verschwunden. (Es heißt ja, ein Fluch kommt dreifach zum Fluchenden zurück, und so hat es wohl den Jüngling fairerweise auch getroffen.)

Und wenn im Frühling der Bergrücken hell aufleuchtete, sagten fortan die Menschen im Weschnitztal und Überwald: „Trommheide schaut wieder einmal ins Land und sehnt sich!“, denn sie glaubten, es sei ihr blondes Haar, das leuchte. Doch dann entsprangen die ersten Bäche aus den Felsen, und das Leuchten zur Pfingstzeit hörte auf.

(frei nacherzählt, Original in: Sagen, Märchen und Erzählungen aus dem Überwald, zusammengestellt von Hans-Günther Morr)

Ich möchte die Geschichte gerne weitererzählen. Denn die Trommheide lebt immer noch in den Felsen und Wäldern der Tromm, der sie ihren Namen gab. Doch als sie fertig war mit dem Sehnen und das Weinen erlernt hat, schaute sie sich über viele Jahre die kleinen Menschlein an, die in den Wäldern der Tromm unterwegs waren. Arme Köhler sah sie, hungrige Menschen, die nach Frucht, Pilz und Wurzel suchten, aber auch jene, denen es an materiellen Dingen nicht mangelte und die dennoch unglücklich und alleine durch die Wälder liefen. Und so sagte sich Trommheide, mich dauern die Menschen mit all ihren Sorgen, ich möchte ihnen helfen, denn ich weiß, wie meine Mutter an gebrochenem Herzen starb und wie auch mein Herz hart wurde wie der Trommstein. Leise wispert sie seitdem den Menschen gute Ratschläge zu, setzt neuen Mut in ihre Herzen und gibt ihnen Kraft, wenn sie nicht weiterwissen.

Und so kommt es, dass all jene, die mutlos oder voller Sorge oder mit Schmerz in der Seele oder einfach nur erschöpft in den Wäldern der Tromm spazieren gehen, dort auch Linderung erfahren können. Manche sagen heute scherzhaft „Ich geh zu Frau Doktor Tromm!“, wenn ihre Beine einen langen Marsch und ihr Geist frische Luft braucht.

Und weil manche Menschen die Sprache der Tromm verstehen, gibt es immer mehr Kreative, Künstler, Theaterleute, Aussteiger und Heiler, die beschließen, dort, auf und mit der Tromm, zu leben.

Der erste 1. Mai

Das einzige Bild vom 1. Mai 1990 zeigt, anders als ich es erinnerte, einen Hackenporsche, den wir offenbar auch dabei hatten, und nicht den berühmten Bollerwagen.

Immer um diese Zeit im Jahr erfasst mich eine große Welle der Nostalgie, und ich erinnere mich zurück an die vielen Male, in denen ich als Teenagerin oder Studentin mit Freunden losgezogen bin, um in den Mai zu wandern. Später haben wir gezeltet, in den Mai gefeiert, gezaubert, Lagerfeuer gemacht, gelacht, Bierfässer geleert und bis zum Morgengrauen geredet…

Und dann, noch ein paar Jahre später, das Rockkonzert im Dorf: die alten und jungen Cowfreaks, Metaller, die aussahen, als seien sie direkt aus dem Jahr 1985 in die 2010er gebeamt worden…

Und irgendwann waren wir alle erwachsen – oh je, sogar alt. Keiner wandert, keiner zeltet mehr. Das Rockkonzert ist brav geworden, familien- und honoratiorentauglich, aber laut. Das macht mit keinen rechten Spaß mehr.

Gestern habe ich einen der rumpeligen Kellerräume im Elternhaus ein bisschen aufgeräumt und den Bollerwagen wiederentdeckt, den wir beim „ersten 1. Mai“ dabei hatten. Das war 1990. Ich war 16 und gehörte zu einer kleinen Clique, die sich regelmäßig bei mir im Partykeller traf. (Meine Eltern waren weise. Sie hatten das Projekt Partykeller gefördert, als sie merkten, dass ich in meine Sturm-und-Drang-Phase kam. So, dachten sie zu Recht, würde ich mich öfter zuhause mit Freunden treffen, statt irgendwo herumzuhängen.)

Damals war ich fest überzeugt, im öden Odenwald jämmerlich zu versauern (Antonia Baum, I feel you! Jeder Odenwälder hier kennt ihre FAZ-Glosse „Dieses Stück Germany“ über die „Odenwaldhölle“, die meisten haben sich darüber erregt. Ich konnte ihren Text ganz gut nachvollziehen). Meine Clique bestand aus Leuten, denen es ähnlich ging wie mir – Punker und Metaller und Waver (oder was wir dafür hielten), Schwule, manche waren ein bisschen verrückt oder das, was man heute Nerds nennen würde. Viele Jahre später wurde mir klar, dass wir mehr erlebt haben als manche Großstadtkids – „wir hatten ja nix“, also mussten wir selbst für Abwechslung sorgen, und waren dabei ziemlich kreativ.

Zurück zum ersten 1. Mai. Wir – ich müsste durchzählen, es waren wohl so sechs Leute, vielleicht mehr – hatten beschlossen, in den Mai zu wandern. Wessen Idee es war? Wahrscheinlich die von C., der hatte oft gute Einfälle.

Wir packten den Bollerwagen mit Getränken, vielleicht auch etwas zum Knabbern. Eine Laterne war auch dabei. Dann zogen wir los, in den nächsten Ortsteil, zu einer Feier am Sportplatz. Viel erinnere ich davon nicht mehr. Wir zogen weiter, wollten zu einem kleinen See. Zwei ältere Hippies saßen dort und kifften. „Passt auf, der Tiger ist im Wald!“, sagten sie zu uns. Das wurde ein geflügelter Spruch bei uns. (Erst vor ein paar Jahren hörte ich, dass damals tatsächlich irgendwo im Odenwald eine Raubkatze ausgebrochen sein soll.)

Dass sahen wir ein Lagerfeuer am See. Wir zögerten zunächst – wir fürchteten, es könnten schlagkräftige Mitglieder einer berüchtigten Familie aus dem Nachbarort sein. Zwei von uns machten sich auf den Heimweg, der Rest blieb. Vorsichtshalber bildeten wir Alibi-Pärchen, damit die Mädchen unter uns nicht von fremden Männern dort angegraben wurden. Zu meiner Freude bekam ich C. ab – ich hatte mich mächtig in ihn verguckt, aber aus uns wurde nie ein echtes Paar.

Der Rest des Abends fällt unter „zum Glück gab es 1990 noch kein Social Media“ – wir tranken zu viel, irgendwann kam meine Mutter mitten in der Nacht mit dem Auto angefahren, aufgeschreckt durch die früher heimgekehrten Freunde, die behauptet hatten, wir seien in Gefahr. Das waren wir zwar nicht, aber das Taxi nach Hause war trotzdem willkommen.

Das klingt alles nicht sonderlich wild – aber ich erinnere mich genau an das Gefühl von Freiheit, von Aufbruch, von Abenteuer.

Am 3. Mai 1990 schrieb ich folgendes Gedicht:

Sommertraum

Im Innern eines Kreisels,
Beschwingt wie von Wein,
Reines, pures Leben,
Pulsierend in meinen Adern,

Sonnenschein verfängt sich im Haar,
Mein Salamanderkörper
Heizt sich auf am Tag,
Um zu glühen in der Sommernacht.

Mein ganzes Sein ein Schrei,
Fasziniert und glücklich,
Mein ganzes Tun ein Tanz,
So schnell wie ein Vogel –

Und so frei. Wann ist es vorbei ?
Ich will nie wieder, Wie ein Hamster,
In den Winterschlaf fallen,
Nie soll der Sommer zu Ende gehen.

Ich liebe so leicht,
Ich habe so lange gefroren …
Doch ich will nicht denken.
Singt ein Lied, Freunde,

Lasst uns noch ein bisschen
Von unseren Träumen reden.

***

Was immer ihr heute Abend macht – kommt gut in den Mai! Wir werden ein bisschen mit einer Freundin in den Wald gehen, zumindest ist das der Plan.

Gelesen: Philipp Blom, Was auf dem Spiel steht

Das Buch fügt sich gut an das zuvor von mir gelesene Werk desselben Autors an, Die Welt aus den Angeln. Dieses behandelt die „kalten Jahrhunderte“ rund um den Dreißigjährigen Krieg und zeigt, wie sich die Gesellschaft in Europa in jener Zeit – auch durch den Klimawandel – grundlegend veränderte. Was auf dem Spiel steht ist gewissermaßen eine ausführlichere Version des Nachworts dieses historischen Werks, das den Bogen in die Gegenwart schlägt.

Was auf dem Spiel steht ist ein Essay, allerdings über 200 Seiten lang. Darin legt Blom ausführlich (und hin und wieder ein klein wenig redundant) dar, wie sich aktuelle globale Herausforderungen – vorrangig Klimawandel, Digitalisierung (mit dem Wandel der Arbeitswelt) und überbordender Konsum – auf die politische Landschaft auswirken. Er fasst diese Entwicklungen in einer Dichotomie zwischen Liberalismus und Autoritarismus zusammen, meiner Meinung nach heutzutage eine treffendere Unterscheidung als rechts gegen links. Dabei erklärt er, warum nach 1989 nicht – wie von manchen erwartet – das „Ende der Geschichte“ und der ungebrochene Siegeszug des Liberalismus eintrat, sondern stattdessen autoritäre Kräfte wieder an Einfluss gewinnen, selbst in Staaten wie den USA und auch in Europa.

Blom stellt die Frage: Warum wollen Menschen sich wieder einmauern und Festungen errichten? Woher kommt all die Angst, wenn wir doch angeblich in der besten aller liberalen Welten leben?

Er analysiert, meiner Meinung nach sehr treffend, die Geburtskrankheit des Liberalismus: Er basiert auf freien Märkten, hat sich aber immer mehr zum Diener „des Marktes“ gemacht. Dieser Liberalismus kann jedoch viele der heute drängenden Probleme nicht lösen – nicht den Klimawandel, nicht die Tatsache, dass ein wachsender Teil der Menschen als Arbeitnehmer durch Automatisierung und Digitalisierung überflüssig wird, nicht die extreme Ungleichverteilung von Vermögen (der frühe Kapitalismus basierte nicht umsonst auf Sklavenarbeit und Ausbeutung), und auch nicht die Zerstörung der Umwelt durch unseren (Über-)Konsum.

Blom wählt dafür ein eindrückliches Bild: das des Hefepilzes, der in einer Zuckerlösung so lange Zucker in Alkohol umwandelt, bis die Alkoholkonzentration ihn selbst tötet.

Wir sind dieser Hefepilz.

Gleichzeitig stellt er fest, dass in unseren westlich-liberalen Gesellschaften viele der sogenannten „liberalen Werte“ nur noch Fassade sind. Entscheidungen werden anderswo getroffen („der Markt“), die Bürgerinnen und Bürger werden zu Konsumentinnen und Konsumenten reduziert. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – man denke an die Bankenrettungen nach der Finanzkrise 2008 ff. Und dennoch! Da ist die liberale Vision von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, immer noch wertvoll, immer noch erstrebenswert.

Dem gegenüber stellt Blom die autoritäre Vision: eine Zukunft, die verdrängt wird, weil man sich mit den realen Problemen nicht beschäftigen will. Stattdessen träumt man von einem vermeintlich besseren Gestern, das man zu rekonstruieren sucht – und um dieses zu schützen, baut man Mauern und schließt andere aus. Was Blom beschreibt, lässt sich 2025 in den USA sehr deutlich beobachten. Besonders interessant fand ich Bloms Gegenüberstellung des „liberalen Traums“ und des „autoritären Traums“.

Blom schreibt angenehm lesbar, literarisch statt trocken-akademisch, und streut immer wieder Humor und Sarkasmus ein (der Hefepilz!).

Sein Fazit ist im Grunde düster: Die Probleme werden nicht angegangen, nicht gelöst – und die Folgen werden katastrophal sein, unabhängig davon, welchem Gesellschaftsideal man anhängt. Und doch: Als Hoffnungsschimmer entwirft er eine fiktive Wendung, in der plötzlich ein kollektives Aha-Erlebnis einsetzt – alle verstehen, was los ist, und beginnen sofort, ihr Verhalten zu ändern: beim Konsum, bei der Energiegewinnung, bei allem.

Und, Überraschung: Eine Gesellschaft mit weniger Konsum, weniger Werbung, vielleicht auch weniger Arbeit muss gar nicht so schrecklich sein.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Nachtlande

Theme von Anders NorénHoch ↑