Nachtlande

Lesen, Wandern, Palavern

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Massive Entschleunigung

Mein Gehirn hat den Ohrwurm Winterwonderland langsam über und bedauert, das Pingeldingeldi aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht richtig abrufen zu können. Den Schnee satt habe ich noch nicht.

Ja, der Schnee fasziniert mich. Er ist nicht meterhoch, aber auch mehr als ein Hauch, und er bleibt schon seit Tagen liegen. Das sieht natürlich schöner aus als die übliche grau-braune Matschepampe zu dieser Jahreszeit, und ich stampfe lange und viel durch die verschneiten Wälder und bedanke mich im Geiste bei den Erfindern aller warmen Funktionsjacken und wasserdichten Wanderstiefel.

Heute war ich auf einigen der üblichen Wege unterwegs und war dabei nach dem letzten Schnee von heute Nacht offenbar oft die Erste. Zumindest die erste Menschenfrau, denn Hasen, Rehe und Füchse haben vor mir Spuren hinterlassen. Einen Hasen sah ich auch davonhoppeln, aber er war schon verschwunden, bevor ich meinen Foto herausgefummelt hatte.

Auch sonst geht bei mir die Entschleunigung in die dritte und finale Woche. Und nach Weihnachten, meiner Einladung zwischen den Jahren, die immer an Freund*innen rausgeht, und Silvester sowie einer Ortsführung, die dann wetterbedingt doch nicht stattfand, habe ich bis nächste Woche erst mal gar nichts mehr zu tun. Lustigerweise macht mich das motivierter, etwas zu erledigen, und ich habe diese Woche endlich mal einen neuen Führerschein bestellt und meine Umsatzsteuer erledigt. Was den neuen Führerschein angeht – da muss ich doch mal mein Heimatdorf hier loben: Das ist ja alles sehr bequem inzwischen, mit Termin per Computer, einer Mail, in der steht, was man alles mitbringen muss, und ganz ohne Wartezeit.


Und ich bin froh, jetzt nicht für die Arbeit irgendwo nachts durch die Gegend gondeln zu müssen bei Schnee und Eis. Ansonsten habe ich jetzt eher ein gewisses Rauhnachtsgefühl der Entspannung als in den Rauhnächten selbst. Wobei ich diesbezüglich auch schon beobachtet habe, dass diese stille Zeit des Rückzugs und der Kontemplation bei vielen in Stress ausartet, nach dem Motto: Ich muss täglich räuchern, meditieren, diesen und jenen Kurs machen …

Ich fahre seit vielen Jahren ziemlich gut mit dem Leitsatz, dass es oft besser ist, unnötigen Ballast abzuwerfen, statt sich noch mehr draufzupacken im Namen der Innerlichkeit, der Spiritualität. Ob nun in den Rauhnächten oder irgendwann anders. Entspannung kann sonst echt in Arbeit ausarten.

Jahresabschlusspuderzucker

Hätte ich gerade keinen Urlaub, hätte ich sicher heute von meiner Redaktion den Auftrag bekommen, „Verkehrschaos im Odenwald wegen Schnee“ zu fotografieren. Da muss ich immer etwas schmunzeln; meine Kolleg:innen an der Bergstraße unterschätzen den Odenwälder doch ein bisschen, was seine Fähigkeiten angeht, mit Eis und Schnee umzugehen. Vor allem, wenn es sich wie heute um nicht mehr als eine dünne Puderzuckerschicht handelt, die nett anzusehen war, aber in der Mittagssonne auch schnell verschwand.

Blick von der Kreidacher Höhe Richtung Westen und Rheinebene

Heute Morgen war es sehr neblig. Nach einem Blick auf die in solchen Wetterlagen immer sehr praktische Webcam auf dem Trommturm sah ich, dass oben die Sonne schien. Also tuckerte ich auf die Kreidacher Höhe hinauf, um dort ein bisschen zu spazieren. Leider muckt aktuell mein Knöchel etwas herum, weswegen ich auf dem dortigen Kunstwanderweg langsam ging und nicht furchtbar weit. Aber ich habe euch ein paar Impressionen mitgebracht.

Ansonsten wundere ich mich, dass meine großzügig bemessenen Winterferien schon wieder fast halb vorbei sind. Schlauerweise habe ich es diesmal aus Erfahrung vermieden, mir sehr viele Dinge vorzunehmen. Verwandtenbesuche an Weihnachten, das alljährliche Rauhnachtscafé mit Freunden, dazu noch ein paar Dinge, die ich nicht ganz vermeiden kann wie Umsatzsteuererklärung und Passfotos sowie ein paar organisatorische Dinge rund um unsere Geopark-Gruppe — selbst das kommt kaum in die Pötte

Ein Schwarm Distelfinken

Aber das soll und muss vielleicht auch einfach mal so sein zwischen den Jahren, wenn es selbst bei Sonnenwetter so viel dunkel ist. Ich schreibe Träume auf, die sich fast alle um meine Arbeit drehen, und habe keine rechte Lust auf einen Jahresrückblick.

2025 war zäh. Die Wechseljahre hatten mich vor allem im Sommer schlimm in der Mangel, und überall um mich herum sehe und sah ich Freund:innen und Bekannte mit der psychischen und körperlichen Gesundheit hadern. Dazu noch alles draußen in der großen Welt, die so viel kälter und härter ist als meine 70er-Jahre-Bude und meine verständigen Freunde hier im plüschigen Auenland.

2025 in einem Wort? Erschöpfend.

Good Omens in Zwingenberg

Heute haben der beste Ehemann von allen und ich einen Ausflug in die Kleinstadt Zwingenberg an der Bergstraße gemacht.

Marktplatz von Zwingenberg

Die Anfahrt wurde durch einen Auffahrunfall unterbrochen; zum Glück bekam das Auto des werten Gatten als erstes in der Kette nur ein leicht verdelltes Kennzeichen ab. Nach meiner Betonmischer-versus-Smart-Erfahrung im September hätten wir auch mehr nicht gebraucht.

In Zwingenberg liefen wir den Geopark-Lehrpfad „Blüten, Stein und Wein“ entlang. Der ist erst wenige Jahre alt, und ich kannte ihn noch nicht.
https://geo-naturpark.net/pfade/zwingenberg-blueten-stein-und-wein/

Erster Punkt war dabei die Scheuergasse (s.o.), ein ehemaliges Scheunenviertel. Heute ist sie sehr schön renoviert, mit einigen künstlerischen und gastronomischen Akzenten. Es gibt dort auch ein Heimatmuseum, das allerdings nur im Sommerhalbjahr geöffnet ist.
Mehr zur Geschichte findet man hier:
https://die-scheune-zwingenberg.de/geschichte/

Dann ging es hinauf Richtung Weinberge. Dort beginnt auch der Nibelungensteig, ein beliebter Etappenwanderweg, der quer durch den Odenwald führt.

Der Lehrpfad ging weiter hinauf zu einem alten Steinbruch und dann noch etwas hinaus zur Blockhütte auf dem Luciberg. Was für ein Ausblick auf die Rheinebene! Dort gibt es auch einige tolle Pflanzen und Tiere, wovon auch das Naturschutzgebiet dort zeugt. Von ihnen war allerdings jetzt im Winter nicht so viel zu sehen.

Blick auf Zwingenberg
Blick Richtung Starkenburg (Heppenheim)
Blick Richtung Mannheim

Dann schauten wir uns noch in der Altstadt um. Wir stiegen auch hinauf zur Bergkirche. Das ist ein beeindruckendes altes Kirchlein. 1258 wurde es erbaut, später dann erweitert. Seit 1527 ist es evangelisch. Wir flanierten um das geschlossene Kirchlein herum und sahen uns die Grabsteine an, als ein Mann in der Kirche auf uns aufmerksam wurde und uns hereinbat. Er erzählte uns ein bisschen von der Geschichte der Kirche, auch, dass es dort einmal fünf Altäre gegeben hatte und auch fünf Altaristen. Was das ist, erklärte uns in der Kirche der freundliche Mann und euch Wikipedia: Im Mittelalter war damit ein Angehöriger des Klerus gemeint, der die mit einer Altarstiftung verbundenen Dienste erfüllte, insbesondere die Zelebration der heiligen Messe zum Seelenheil des Stifters und ggf. seiner Familie und das Beten des Stundengebets.
https://de.wikipedia.org/wiki/Altarist

Der freundliche Mann meinte zum Abschied, er werde jetzt noch ein bisschen mit Gott Zwiesprache halten, bevor er sich für das neue Jahr bereit mache. Ich fand es eine sehr nette Begegnung

Groß ist Zwingenberg nicht, und bald waren wir wieder beim Ausgangspunkt, dem (großen und kostenfreien) Melibokus-Parkplatz. Aber kurz vorher hörten wir Vogelrufe in der Luft und sahen hinauf: Kraniche! Die haben für uns eine positive Bedeutung, und daher glauben wir, dass das ein gutes Omen wird für 2026.

Dunkelmonat, Lichtblicke

Jedes Jahr nehme ich mir vor, dass es sich nicht mehr so unendlich ballen soll vor den wohlverdienten Winterferien (drei Wochen – relativ großzügige Feriengestaltungen sind halt die Vorzüge einer Freiberuflerin, dafür arbeite ich auch oft zu doofen Zeiten wie abends oder am Wochenende). Und jedes Jahr blinzele ich ein paar Wochen vor dem Urlaub entgeistert auf die Liste der To-Dos. Und wie immer geht es offenbar auch allen anderen so, was es umso schwerer macht, Termine oder Antworten auf Presseanfragen zu bekommen.(Wohlweislich hatte ich daher die Termine mit den Bürgermeistern für die Jahresrückblicke schon Anfang November ausgemacht…)

Gleichzeitig zehrt die Dauerdunkelheit. Schön, wenn an Tagen wie heute die Sonne scheint (auch wenn es dann gleich so warm werden kann, dass es sich kaum wie Dezember anfühlt). Bei grauen Tagen klammere ich mich an meine Tageslichtlampe auf dem Schreibtisch, so sich nicht die Katze dazwischen drängelt, um sich zu sonnen.


Wie auch immer. Als ich noch im „Metaverse“ unterwegs war, hatte ich am 1. und 8. Dezember immer ein bisschen öffentlich an meine Eltern gedacht, die da Geburtstag hatten. Beide waren Jahrgang 1933, und beide leben nicht mehr. Mein Vater starb schon 2000, meine Mutter 2016. Ich bin froh, dass ich an sie zurückdenken kann, ohne dass ich das Gefühl habe, da müsse jetzt irgendwas noch groß aufgearbeitet werden. Ich stelle nur amüsiert immer öfter fest, meiner Mutter zunehmend zu ähneln, und bin froh, dass ich das nicht schlimm finde. Dann rede ich halt mit fremden Katzen (und Hunden, Pferden, Hühnern…), na und.

Schöne Momente im dunklen Dezember: Blick auf Wald-Erlenbach

Ansonsten sammele ich zurzeit kleine Lichtblicke im häufigen Dauergrau. Immer mal wieder ein romantisch-schöner Nebelspaziergang unter den täglichen Spaziergängen. Der Schornsteinfeger mit seinem Azubi soll mir Glück bringen, hoffe ich. Mein Auto wurde doch noch mal repariert und ist jetzt zweifarbig. Ja, ich habe den alten Smart nach dem Kampf Smart gegen Betonlaster noch mal instand setzen lassen, damit er seinen 24. und wer weiß, Anfang 2027 noch seinen 25. Geburtstag feiern kann. Theoretisch weiß ich, dass es viel vernünftiger gewesen wäre, mir einen neueren Gebrauchten zu kaufen, hätte ich auch kohlemäßig stemmen können, aber – hach, ich mag den kleinen Stinker, der mich hier die Hügel hoch und runter fährt und überall einen Parkplatz findet. Sogar die brutale Duftmischung aus Dieselabgasen und Vanillebäumchen habe ich vermisst.

Ich bin ja so schlecht im Loslassen, das wird nix mehr mit der Erleuchtung.

Dank der Nebelbank

Dass ich trotz allem, trotz all der Malaisen im persönlichen Leben und der Weltlage – letztere viel schlimmer zurzeit – oft ziemlich glücklich aus der Wäsche gucke, hat viel mit zwei Dingen zu tun: Dankbarkeit und der Fähigkeit, mich an kleinen, einfachen und einfach so vorhandenen Dingen sehr zu erfreuen.

Zum Beispiel an einem frostigen Morgen, an dem die Sonne über den Nebel steigt und ich nach einem ersten Artikel genug Zeit habe, für ein Stündchen loszustampfen. Ich habe Freude an dem herzhaften Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Füßen, ich genieße die zarte Wärme der Dezembersonne, schaue mir die kleinen Frostnadeln auf den Pflanzen an und beobachte, wie der Nebel über die Lichtung wallt, und mein Herz singt.

Und ich bin sehr dankbar, dass ich all das kann – laufen, gucken, Zeit für so was haben, mich daran erfreuen.

Advent ante portas

Die Monate November und Dezember bis zur Wintersonnenwende sind für mich immer merkwürdig antizyklisch. Eigentlich möchte ich mich zurückziehen, abends früh abschalten und wenig tun, außer viel schlafen, viel essen, lesen, Serien gucken und ein bisschen durch den Spätherbst spazieren.

Praktisch stehen im November und Dezember aber meist noch zwei Sitzungsrunden an, darunter eine mit Haushaltseinbringung. Weihnachtsmärkte sollen besucht werden, Jahresrückblicke geschrieben. Ich bin ja schon froh, dass sich meine Arbeit in den letzten Jahren derart umgestaltet hat, dass ich wenigstens nicht mehr auf diverse Weihnachtsfeiern gehen muss.

Ich habe es ja ohnehin nicht so mit Weihnachten. Ich mag durchaus die Beleuchtung, Lichterketten und Co., die ein bisschen Helligkeit in die dunklen, langen Nächte bringen. Aber bei poppigen Weihnachtsmelodien und überall dem Kitsch und dem Konsumdruck – da bin ich wieder raus. Dazu noch das Black-Friday/Black-Week-Geschrei, das mir sogar in meinem Retro-Sender HR1 entgegenschallt.

Ich bin eher der Typ Belznickel oder Perchten.

In den letzten zwei Wochen ist der November von romantisch-herbstlich zu Schmuddelwetter umgeschlagen. Ausnahme war letztes Wochenende, da hatten wir die kalt-frostige Spätherbstvariante, die ich noch ganz gerne mag, siehe Eisbilder. Ein Schneefan bin ich nicht, aber irgendwann ist mir Schnee dann doch lieber als das ständige Matschbraun. Wobei ja auch hier im Odenwald lange nicht mehr so viel Schnee fällt wie früher, auch nicht in den höheren Lagen.

Vor kurzem war ich bei einem heimatgeschichtlichen Vortrag, bei dem Bilder von den Wintersportaktivitäten in der Nähe aus den 40ern bis – sagen wir mal – 80ern gezeigt wurden: meterhohe Schneewälle entlang freigeschaufelter Wege, Bobbahnen, Sprungschanzen, Skilifte. Die letzten davon, die ich noch kannte, einer privat, einer von einem Skiclub betrieben, haben inzwischen den Betrieb eingestellt. Es fällt ja nur selten Schnee, und wenn, bleibt er noch seltener länger liegen. Auch ich erinnere mich an viel Schlittenfahren als Kind, an große Schneemänner.

In dieser grau-braunen Jahreszeit muss ich immer etwas aufpassen, dass mich die winterliche Verstimmung nicht zu sehr herunterzieht. Johanniskraut und seit letztem Jahr eine Tageslichtlampe helfen dabei. Außerdem nehme ich mir um den Jahreswechsel herum drei Wochen frei. Irgendwelche Vorteile muss es ja haben, Freiberuflerin zu sein – und ich brauche einfach eine regenerative Phase zwischen den Jahren.

4 x 13

Ich bin jetzt 4 mal 13 Jahre alt. Und auf einem langen Spaziergang an meinem Geburtstag hatte ich darüber nachgedacht, dass das – anders als irgendwelche 7- oder 10-Jahres-Rhythmen – für mich durchaus Altersstufen sind, in denen etwas passiert, sich etwas wandelt.

Mein 13. Geburtstag – was habe ich da wohl gemacht? Ich müsste in alte Tagebücher schauen. Auf jeden Fall war ich gerade dabei, mich von einem großen, dicken, nachdenklichen Mädchen in eine große, dicke, nachdenkliche Teenagerin zu verwandeln. Ich war haltlos romantisch und emotional dünnhäutig: Ich las Anne Franks Tagebuch und weinte, weil man sie umgebracht hatte, ich sah die Robin Hood-Serie der BBC und weinte, weil das alles so romantisch war, und ich schrieb frühreife schöne Gedichte über Liebe und den Herbst und weinte dabei bestimmt auch. Ich hatte in diesem Jahr meine Tage bekommen und erlebte auch sonst die Pubertät, was nicht dazu beitrug, dass ich mich in meinem Körper wohler fühlte. Ich bekam mit, wie Klassenkameradinnen das erste Mal herumknutschten und war mir sicher, dass mir das bestimmt niemals vergönnt sein würde, weil ich so dick war, und tat mir sehr leid.

Aber es begann sich dann bald etwas zu ändern: Ich schnitt die Zöpfe ab, wurde auf eine Abnehmkur geschickt und war mit 15 erschlankt, ich scharrte eine Clique um mich, färbte mir die Haare rot und beschloss mit 17 nach zwei fehlgeschlagenen Beziehungsversuchen, dass der intellektuelle Punker in meinem Jahrgang für mich der richtige Mann wäre.

Mein 26. Geburtstag – das war auch eine Zeit der großen Umbrüche. Ich hatte in dem Jahr mein Studium erfolgreich abgeschlossen und wusste noch nicht so recht, wohin, machte wenig später ein Praktikum für interne Kommunikation bei einem Automobilkonzern und kam mir dort immer unecht und verkleidet vor.


Ich und der intellektuelle Punker (ja, wir waren ein Paar geworden) zogen aus unserer schimmeligen Einzimmerwohnung in Leutershausen in eine nette 2,5-Zimmer-Wohnung in der Weinheimer Nordstadt. Ich begann, viel durch die Wälder zu spazieren und nahm etliche studentische Frustkilos ab. Neue Menschen traten damals in mein Leben, die für die Jahre danach sehr wichtig waren. Es waren chaotische Jahre, viel Schönes ist da passiert und viel Schreckliches. So starb recht plötzlich mein Vater, als ich 26 war.

Mein 39. Geburtstag fiel ebenfalls in eine Zeit des Neustarts. Die Jahre davor war die Pflege meiner demenzkranken Mutter zentral geworden, zu der ich und mein intellektueller Punker in mein Elternhaus gezogen waren. Beruflich war ich nicht so recht durchgestartet, hatte einiges probiert, aber nichts schien wirklich nachhaltig Freude zu bereiten, zu mir zu passen und Geld einzubringen. Durch die Pflege war ich zudem stark eingeschränkt in meinen Möglichkeiten.

Als dann meine Mutter so krank wurde, dass wir sie nicht mehr daheim betreuen konnten, brachte ich sie in ein Pflegeheim und suchte mir einen Job. Eine Bekannte hatte gemeint, eine der Regionalzeitungen hier suche freie Mitarbeiter. „Kann ich ja mal eine Weile machen“, dachte ich damals. Und wie ihr seht, dauert die Weile an.

Und nun, mit 52? Bin ich immer noch die Frau des intellektuellen Punkers, wohne immer noch im Haus meiner Mutter, die inzwischen verstorben ist, habe immer noch rote Haare und arbeite immer noch als freie Journalistin – aber nicht mehr so viel wie mit 39, als ich manchmal wochenlang keinen freien Tag hatte. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, auch wenn natürlich die ein oder andere Störung dazwischenfunkt, die ihr alle kennt: hier was am Zahn, da Stress mit der Versicherung, da zähe Differenzen mit anderen Menschen. Aber ich bin gesund (Klopf auf Holz), liebe meinen intellektuellen Punker, dessen Haarpracht wohl mittlerweile für einen Iro nicht mehr reichen würde, und fühle mich wohl bei meiner Arbeit, habe viele Kontakte und auch Freundschaften und stampfe jeden Tag durch den Wald und genieße die Natur. Gleichzeitig beutelten mich zuletzt die Wechseljahre. Langsam wird es besser, ich atme vorsichtig auf, komme wieder auf die Beine und laufe nicht mehr ununterbrochen im roten Akkubereich.

Wohin mich dieser neue 13er-Abschnitt wohl führt? Was wird bis 65 wichtiger werden (so ich so lange lebe), was unwichtiger? Ich bin gespannt.

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