
Der Inhalt dieses Buches wird im Untertitel zusammengefasst: „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das Bedingungslose Grundeinkommen“. Es wurde 2014 erstmals auf Niederländisch veröffentlicht, auf Deutsch und Englisch 2017, also noch vor den aktuellen Großkrisen, die uns mit Corona, Ukrainekrieg und Trumpismus täglich Sorgen machen. Manche Prozesse, die er beschreibt, wie einen zunehmenden Rechtsruck und das Aushöhlen des Sozialstaats, nahmen da erst Fahrt auf. Und manche Aspekte, die heute sehr zentral für unsere Zukunft sind wie der Klimawandel, stehen in seinen Analysen (noch) nicht im Zentrum.
Wie auch immer: Ich habe es mit viel Interesse gelesen. Manchmal zweifelnd den Kopf gewiegt, dann wieder gedacht – ja, genau! Das sehe ich auch so.
Dass die Linken und progressiven Kräfte wenig Utopien bereithalten, fällt mir immer wieder negativ auf; eine kleine und eher nischenhafte Ausnahme ist hier vielleicht der Solarpunk. Aber sonst sehe ich auch (nicht zuletzt dank entsprechender Mastodon-Bubble) bei der Linken eine Art Lähmung, Verzweiflung, manchmal auch Zynismus angesichts der gerade stattfindenden politischen Prozesse weltweit. Hier ruft Bregman dazu auf, wieder eine Utopie zu entwickeln, die die oben genannten Elemente beinhaltet – nicht, weil es realistisch wäre, diese auf einen Schlag weltweit umzusetzen, sondern weil es ein langfristig anstrebenswertes Ziel wäre, das den progressiven Kräften wieder eine Richtung vorgibt. Auch wenn diese Ziele heute so unwahrscheinlich klingen wie einst die Abschaffung der Sklaverei oder Flüge zum Mond.
Bregman fanatsiert aber kein unrealistisches Schlaraffenland herbei, sondern belegt seine Aussagen mit Beispielen und Zahlen.
So zeigt er eindrucksvoll, dass mehr Arbeitszeit eben nicht mehr Output erzeugt. Und dass die Arbeitszeitverkürzung, die seit den 70-100-Stunden-Wochen in der frühen Industrialisierung stattfand, in den 1980ern ins Stocken kam. Seitdem arbeiten wir eher mehr als in der Nachkriegszeit, nicht zuletzt, weil immer mehr Frauen berufstätig geworden sind, ohne dass Männer ihre Arbeit reduziert haben. „Meine Großmutter hatte kein Wahlrecht, meine Mutter keine Empfängnisverhütung und ich habe keine Zeit“ – so das passende Zitat. Statt mehr Zeit wuchs der Konsum rasant.
Gleichzeitig sind die gut bezahlten Jobs oft solche, die Bregman als „Bullshit Jobs“ bezeichnet – Berufe, die keine guten Sachen, keinen gesellschaftlichen Mehrwert hervorbringen. Daher fordert er auch Steuern für Börsentransaktionen, die ja inzwischen immer mehr Glücksspielcharakter angenommen haben. Er greift auch die wachsende Ungleichheit an und zeigt, dass diese mehr zum sozialen Unfrieden beiträgt als ein niedriges BIP.
Bregman betont auch etwas, was ich sehr, sehr oft auf dem Schirm habe: wie gut es uns eigentlich geht. Selbst die Ärmsten unserer Industrienationen leben besser als der Durchschnittsmensch vor 100 oder 200 Jahren oder aber als jemand in einem armen Teil der Erde. Auch hierauf geht Bregman ein, zweifelt aber den Nutzen der aktuellen Entwicklungspolitik an und plädiert für offene Grenzen und mehr Arbeitsmigration und, wenn schon Hilfe, dann direkte Zahlungen von Geld an die Armen.
Meine preußischen Gene, ich gesteh, wehren sich ein bisschen gegen das Bedingungslose Grundeinkommen. Ich muss ja auch arbeiten! Auch denke ich, dass manche oder viele mit mehr Freizeit nicht wirklich etwas anfangen könnten, wenn sich nichts ändert außer der Arbeitszeit. Vielleicht hat sich da die letzten 10–12 Jahre auch schon etwas zum Schlechten geändert durch Social Media und Dauerberieselung durch digitale Endgeräte. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist in meinen Augen dann sinnvoll, wenn es ein gesellschaftlicher Wandel mit entsprechender Motivation und Angeboten begleitet, die Zeit jenseits der Erwerbsarbeit sinnvoll zu nutzen. Vielleicht ist das aber ein Henne-Ei-Problem.
Spannend fand ich, dass das Bedingungslose Grundeinkommen unter Nixon (!) in den USA beinahe eingeführt worden wäre. Auf jeden Fall halte ich ein bedingungsloses Grundeinkommen aus der Sicht der Menschenwürde für sinnvoll; mein 10-wöchiger Ausflug in die Arbeitslosigkeit 2012 hat mir gezeigt, wie sehr man da von oben herab behandelt und sinnlos genervt wird. Und ich halte es auch für vollkommen unproduktiv, dass so viel Geld ausgegeben wird, um Menschen ohne Arbeit zu drangsalieren, „weiterzubilden“ oder zu bestrafen.
Sympathisch an dem Buch: Bregman räumt selbst ein, dass er vor lauter Begeisterung vielleicht Gegenargumente zu seinen Ideen heruntergespielt hat. Möglich. Aber als Umdenk-Buch, das diese fast schon anale Fixierung auf Arbeit, Arbeit, Arbeit und Konsum, Konsum, Konsum im 21. Jahrhundert in Frage stellt, ist es auf jeden Fall spannend zu lesen.
Und eines steht fest: Dieses Buch hier wird wohl kaum bei unserem aktuellen Kanzler die bevorzugte Nachttischlektüre sein.
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