Lesen, Wandern, Palavern

Monat: April 2026

Gelesen: Rutger Bregman, „Utopien für Realisten“

Der Inhalt dieses Buches wird im Untertitel zusammengefasst: „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das Bedingungslose Grundeinkommen“. Es wurde 2014 erstmals auf Niederländisch veröffentlicht, auf Deutsch und Englisch 2017, also noch vor den aktuellen Großkrisen, die uns mit Corona, Ukrainekrieg und Trumpismus täglich Sorgen machen. Manche Prozesse, die er beschreibt, wie einen zunehmenden Rechtsruck und das Aushöhlen des Sozialstaats, nahmen da erst Fahrt auf. Und manche Aspekte, die heute sehr zentral für unsere Zukunft sind wie der Klimawandel, stehen in seinen Analysen (noch) nicht im Zentrum.

Wie auch immer: Ich habe es mit viel Interesse gelesen. Manchmal zweifelnd den Kopf gewiegt, dann wieder gedacht – ja, genau! Das sehe ich auch so.

Dass die Linken und progressiven Kräfte wenig Utopien bereithalten, fällt mir immer wieder negativ auf; eine kleine und eher nischenhafte Ausnahme ist hier vielleicht der Solarpunk. Aber sonst sehe ich auch (nicht zuletzt dank entsprechender Mastodon-Bubble) bei der Linken eine Art Lähmung, Verzweiflung, manchmal auch Zynismus angesichts der gerade stattfindenden politischen Prozesse weltweit. Hier ruft Bregman dazu auf, wieder eine Utopie zu entwickeln, die die oben genannten Elemente beinhaltet – nicht, weil es realistisch wäre, diese auf einen Schlag weltweit umzusetzen, sondern weil es ein langfristig anstrebenswertes Ziel wäre, das den progressiven Kräften wieder eine Richtung vorgibt. Auch wenn diese Ziele heute so unwahrscheinlich klingen wie einst die Abschaffung der Sklaverei oder Flüge zum Mond.

Bregman fanatsiert aber kein unrealistisches Schlaraffenland herbei, sondern belegt seine Aussagen mit Beispielen und Zahlen.

So zeigt er eindrucksvoll, dass mehr Arbeitszeit eben nicht mehr Output erzeugt. Und dass die Arbeitszeitverkürzung, die seit den 70-100-Stunden-Wochen in der frühen Industrialisierung stattfand, in den 1980ern ins Stocken kam. Seitdem arbeiten wir eher mehr als in der Nachkriegszeit, nicht zuletzt, weil immer mehr Frauen berufstätig geworden sind, ohne dass Männer ihre Arbeit reduziert haben. „Meine Großmutter hatte kein Wahlrecht, meine Mutter keine Empfängnisverhütung und ich habe keine Zeit“ – so das passende Zitat. Statt mehr Zeit wuchs der Konsum rasant.

Gleichzeitig sind die gut bezahlten Jobs oft solche, die Bregman als „Bullshit Jobs“ bezeichnet – Berufe, die keine guten Sachen, keinen gesellschaftlichen Mehrwert hervorbringen. Daher fordert er auch Steuern für Börsentransaktionen, die ja inzwischen immer mehr Glücksspielcharakter angenommen haben. Er greift auch die wachsende Ungleichheit an und zeigt, dass diese mehr zum sozialen Unfrieden beiträgt als ein niedriges BIP.

Bregman betont auch etwas, was ich sehr, sehr oft auf dem Schirm habe: wie gut es uns eigentlich geht. Selbst die Ärmsten unserer Industrienationen leben besser als der Durchschnittsmensch vor 100 oder 200 Jahren oder aber als jemand in einem armen Teil der Erde. Auch hierauf geht Bregman ein, zweifelt aber den Nutzen der aktuellen Entwicklungspolitik an und plädiert für offene Grenzen und mehr Arbeitsmigration und, wenn schon Hilfe, dann direkte Zahlungen von Geld an die Armen.

Meine preußischen Gene, ich gesteh, wehren sich ein bisschen gegen das Bedingungslose Grundeinkommen. Ich muss ja auch arbeiten! Auch denke ich, dass manche oder viele mit mehr Freizeit nicht wirklich etwas anfangen könnten, wenn sich nichts ändert außer der Arbeitszeit. Vielleicht hat sich da die letzten 10–12 Jahre auch schon etwas zum Schlechten geändert durch Social Media und Dauerberieselung durch digitale Endgeräte. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist in meinen Augen dann sinnvoll, wenn es ein gesellschaftlicher Wandel mit entsprechender Motivation und Angeboten begleitet, die Zeit jenseits der Erwerbsarbeit sinnvoll zu nutzen. Vielleicht ist das aber ein Henne-Ei-Problem.

Spannend fand ich, dass das Bedingungslose Grundeinkommen unter Nixon (!) in den USA beinahe eingeführt worden wäre. Auf jeden Fall halte ich ein bedingungsloses Grundeinkommen aus der Sicht der Menschenwürde für sinnvoll; mein 10-wöchiger Ausflug in die Arbeitslosigkeit 2012 hat mir gezeigt, wie sehr man da von oben herab behandelt und sinnlos genervt wird. Und ich halte es auch für vollkommen unproduktiv, dass so viel Geld ausgegeben wird, um Menschen ohne Arbeit zu drangsalieren, „weiterzubilden“ oder zu bestrafen.

Sympathisch an dem Buch: Bregman räumt selbst ein, dass er vor lauter Begeisterung vielleicht Gegenargumente zu seinen Ideen heruntergespielt hat. Möglich. Aber als Umdenk-Buch, das diese fast schon anale Fixierung auf Arbeit, Arbeit, Arbeit und Konsum, Konsum, Konsum im 21. Jahrhundert in Frage stellt, ist es auf jeden Fall spannend zu lesen.

Und eines steht fest: Dieses Buch hier wird wohl kaum bei unserem aktuellen Kanzler die bevorzugte Nachttischlektüre sein.

Rostig

Ich fotografiere schon seit ziemlich genau 10 Jahren gerne verrostetes Metall. Für mich hat rostiges Metall eine gewisse Grandezza, eine eigene Schönheit im Verfall. So wie glatte Oberflächen beliebig aussehen können, macht Rost, oft entlang alter Narben auf dem Metall, einen Gegenstand einzigartig.

Vielleicht ist das auch so ein „hat mit Ü40 angefangen, als auch ich Patina anzusetzen begann“-Ding bei mir, haha!

Ich bearbeite die Bilder meistens ein wenig, um die Farben hervorzuheben, und wähle einen Bildausschnitt, der mir gefällt. Irgendwie habe ich immer gedacht, damit mache ich mal einen Kunstkalender, am besten kombiniert mit verstörenden und schwermütigen Gedichten über das Altern und den Tod, aber so richtig hat sich das nie konkretisiert.

Deswegen zeige ich einfach mal hier ein paar der schönsten Rostbilder.

Mein erstes Rostbild stammt vom Sommer 2016 und zeigt die Rückseite eines Müllcontainers auf dem Wertstoffhof unserer Kreisstadt.

Ein Eldorado für Rostfotografen war Peenemünde auf Usedom; die Heeresversuchsanstalt aus der Nazizeit ist ein einziges Geroste. Wir waren dort 2018.


Lost places sind natürlich auch ein toller Ort für Rostfotos.

Manchmal reizen mich auch anderer Oberflächen mit Patina, vor allem lackiertes Holz.

Ferienrückblick

Jetzt ist schon wieder der letzte freie Tag. Es ist grau geworden und regnerisch, aber wir hatten wirklich sehr schöne Frühlingstage, und ich konnte, fast wie im Zeitraffer, verfolgen, wie die letzten Mirabellenblütenblätter zu Boden sanken und dann die Kirschen auf- und erblühten. Inzwischen rieseln Kirschblütenblätter und es sind schon die Birnbäume am Start, die Äpfel folgen bald, und die Laubbäume entrollen ihre Blätter. Ich kann zusehen, wie sich das zarte Grün den Trommrücken empor kämpft: ein paar Dutzend Höhenmeter können da schon etwas ausmachen.

Wir hatten uns bewusst in diesen Ferien nicht viel vorgenommen, hatten allerdings geplant, dass wir ein paar Dinge am Haus machen wollten. Das haben wir auch großteils geschafft: der eine Dachziegel ist wieder da, wo er hingehört, die Regenrinne (hoffentlich) richtig abgedichtet, die Vorhangstange im Schlafzimmer ist da, wo sie sein soll, das Balkonkraftwerk hängt am Geländer (wobei wir das schon etwas vorher angeschraubt haben), der Terassenabfluss ist abgedichtet, und die Äste von der letzten Rodungsaktion vor der Brut- und Setzzeit sind fast vollständig in eine Art Benjeshecke eingefügt worden.

Über meine üblichen Spazierrunden hinaus haben wir ein paar Ausflüge gemacht. Wir haben einen Blick auf die renaturierte Weschnitz bei Lorsch geworfen und entdeckt, dass es dort einen wirklich großen „Gränzstein“ gibt. Wir waren am Altrhein, wo wir ebenso viele Störche entdeckt haben wie bei den Reinheimer Teichen.

Wir haben die Familie meines Mannes zu Ostern besucht und sind auch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin vorbeigefahren; praktischerweise wohnen die nur 5 Kilometer Luftlinie von einander entfernt.

Auch hatten wir einige Treffen mit Freunden. Besonders schön war der Besuch bei einem Freund auf dessen großem Gartengrundstück, wo wir bei herrlichem Ausblick und einem grandiosen Sonnenuntergang gegrillt haben.

Wir waren auch sonst ein paar Mal mit Freunden unterwegs oder haben welche getroffen. Zum ersten Mal seit Jahren waren wir auch kurz in unserer ehemaligen Schülerkneipe, wobei mich die Mischung aus Fußball-TV, Kippenrauch und gebrülltem Smalltalk nicht so sehr begeisterte.

Ich habe auch einiges gelesen, unter anderem „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ von Ruprecht Polenz. Das Buch haben mir schon diverse Leute ans Herz gelegt, und ich fand es auch gut und auf den Punkt und wirklich empfehlenswert, gerade für Menschen, die sich noch nicht sehr viel mit Politik und politischen Theorien beschäftigt haben. Nun habe ich den ganzen Krimskrams studiert und bin auch ein bisschen pro-demokratisch unterwegs, daher stand darin für mich nicht viel Neues.

Nett fand ich ein Buch über Yogaweisheiten, das waren vor allem zen-artige Kurzgeschichten. Gerade lese ich mit recht viel Vergnügen „The Firekeeper’s Daughter“ von Angeline Boulley, eine Mischung aus Jugendromanze und Krimi. Ich lerne ja gerne aus Romanen, und in dem Fall vervielfältige ich gerade mein Wissen über die aktuellen Lebensbedingungen der Native Americans in den USA (zu denen auch die Autorin gehört).

Ich habe ein bisschen herumgespielt und mich an Tetrapack-Druck ausprobiert; jetzt sammle ich noch mehr leere Hafermilchpackungen für weitere Versuche.

Ich habe mich mit der Geschichte des kleinsten Ortsteils meiner Heimatgemeinde beschäftigt und ein bisschen dessen Gemarkungsgrenzen umlaufen, soweit möglich. Ich habe den noch vagen Plan, dort auch mal eine Führung oder Exkursion anzubieten. Dazu brauche ich aber noch einigen Input. Sehenswert ist auf jeden Fall dieser Stein von 1888, dessen Buchstaben GB und GH sich nicht auf Gemeinden beziehen, sondern auf die Großherzogtümer Baden und Hessen.

Ich habe mich in den zwei Wochen allerdings auch ein bisschen emotional von Hormonen und Ärgernissen vor mir her treiben lassen. Besonders geärgert habe ich mich über Unstimmigkeiten in meinen heimatforscherischen Kreisen, wo ich mich immer mehr von unwissenschaftlichen Herangehensweisen bedrängt fühle. („Man muss das ganzheitlich sehen! Ich kann erfühlen, was hier passiert war vor 4.000 Jahren!“) Mir fällt dann auch auf, dass ich manchen Mitmenschen offenbar nur schwer vermitteln kann, wieso es mich nervt, wenn man vage historische Spekulationen einfach willkürlich mit irgendwas „belegt“ und dann als Tatsachen verkauft. Wenn ich dann auch noch lese, zur Einordnung einer Felsformation als Kultplatz bemühe man die Quantenphysik, bekomme ich Anfälle. Darüber hatte ich auch was gebloggt, aber dann doch nicht veröffentlicht. Sturm im Wasserglas, wieso darauf Zeit verschwenden.

Nun ja, morgen geht es wieder los mit der Arbeit, heute werde ich noch mal faulenzen und spazieren und noch ein bisschen was lesen …

© 2026 Nachtlande

Theme von Anders NorénHoch ↑