Lesen, Wandern, Palavern

Monat: Mai 2026

Dr. Denis Mukwege: „Die Stärke der Frauen“

Triggerwarnung: sexuelle und körperliche Gewalt

Das Buch war, das vorweg, keine leichte Kost. Dr. Denis Mukwege ist Arzt im Kongo und behandelt vorrangig Frauen, die durch Vergewaltigungen schwere Verletzungen erlitten hatten. Diese Arbeit hat ihn dazu motiviert, sich engagiert und international für die Rechte der Frauen (auch) im Bereich sexuelle Selbstbestimmung einzusetzen und Vergewaltigungen – ob im Kongo oder anderswo – anzuprangern und darauf zu pochen, dass die Täter mehr als bisher zur Rechenschaft gezogen werden.

Denn gerade da, wo ein Staat versagt, was die Verfolgung solcher Delikte angeht, und/oder kriegerische Auseinandersetzungen die gesellschaftliche Ordnung auflösen, nehmen Vergewaltigungen zu und werden brutaler. Das Buch schildert anschaulich, wie brutal, deswegen auch die Triggerwarnung, die man auch besser hätte auf das Buch drucken können.

Dr. Mukwege hat das Panzi-Krankenhaus in Bukavu am Kivu-See im Osten Kongos gegründet. Die Klinik wurde bald schon um weitere Hilfsmöglichkeiten erweitert wie beispielsweise eine Art Rehazentrum mit der Möglichkeit, sich schulisch und beruflich weiterzubilden. Denn zu dem Trauma der Vergewaltigung kommt bei vielen Frauen, dass sie danach von ihrer Familie und Dorfgemeinschaft verstoßen werden. Anerkennung für sein Wirken erhielt Mukwege zwar immer von den Frauen, denen er half, und durch viele internationale Preise und Auszeichnungen. Die politische Führung des Kongos und die diversen rivalisierenden Kriegsparteien versuchten dagegen mehrfach, ihn zum Schweigen zu bringen. Inzwischen* kann er nicht mehr in den Kongo einreisen.

Das Gebiet ist auch in den schon jahrzehntelang wütenden Konflikt zwischen Kongo und Ruanda beziehungsweise Tutsi und Hutu verwickelt. Ein Konflikt, der Millionen Tote und unendlich viele Opfer sexueller Gewalt gekostet hat und dennoch vom Westen ziemlich ignoriert wurde und wird. Mukwege beschreibt, wie manche Täter mit der Aussicht auf freie Gewaltausübung an Frauen in die Milizen gelockt werden. Viele sind ehemalige Kindersoldaten, die nach Gehirnwäsche und den verübten Grausamkeiten brutal abgestumpft sind. Dazu kommt der geringe Wert, der Frauen in der traditionellen Gesellschaft des Kongos zugestanden wird.

Aber Mukwege macht auch deutlich, dass solche Verbrechen nicht von einer bestimmten Ethnie herrühren oder einer besonderen Kultur. Er beschreibt die sexuellen Verbrechen im Zuge anderer militärischer Konflikte, ob nun die deutschen Nazis, die sich in Frankreich an den Frauen vergingen und KZ-Insassinnen vergewaltigten, die russische Armee, die wahrscheinlich Millionen Frauen vergewaltigte, oder die „Trostfrauen“, so der Euphemismus für Zwangsprostituierte unter japanischer Besatzung in China und Korea. Viele dieser Taten werden heute noch ignoriert oder geleugnet.

Sexuelle Gewalt an Frauen (und Kindern) wurde und wird auch gezielt eingesetzt, um die Zivilbevölkerung zu vertreiben oder zu zermürben.

Und natürlich erleiden Frauen auch außerhalb militärischer Konflikte sexuelle Gewalt. Mukwege zitiert Zahlen aus (friedlichen) westlichen Staaten, bei denen je nach Befragung zwischen knapp 4 und über 30 Prozent der Frauen Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen berichteten. Bei 1.000 solcher Taten werden durchschnittlich nur 5 Täter verurteilt. Viele werden nie angezeigt, aber auch viele Täter laufen gelassen.

Mukwege bettet das ein in einen allgemeinen Appell für Gleichberechtigung und einen stärkeren Einfluss von Frauen auf politische und gesellschaftliche Entscheidungen und ein kritisches Hinterfragen von Männlichkeitsidealen. Er erinnert an Fotos internationaler Gipfel wie dem G7-Gipfel, bei denen Angela Merkel die einzige Frau war (das Buch ist von 2021). Auch spricht er erste zaghafte Hinweise an, dass sich das Klima, in dem Vergewaltigungen stattfinden, langsam ändert; er erwähnt oft die #MeToo-Bewegung, die dafür sorgte, die Untaten aus dem Schatten der Scham herauszuholen.

Aber das Buch heißt ja nicht „Die Schwäche der Frauen“. Darum berichtet er mit sehr viel Achtung und Wertschätzung von Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt und für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzen. Das sind Frauen aus dem Kongo, die trotz zum Teil unglaublicher Verletzungen wieder einen Weg finden, sich weiterzubilden und anderen Frauen helfen. Kleinteilig, Dorfgemeinschaft für Dorfgemeinschaft, wird versucht, den alten Männern, die das Sagen haben, eine neue Einstellung zu den Gewaltopfern nahezubringen. Mukwege spricht aber auch von Frauen wie Eve Ensler, der Autorin der Vagina Monologe, die seine Arbeit sehr unterstützt hat, oder von Nadia Murad, einer Jesidin, die sich als Überlebende sexueller Gewalt dafür einsetzt, dass die Täter aus den Reihen des IS zur Rechenschaft gezogen werden. Mukwege hat 2018 mit ihr zusammen den Friedens-Nobelpreis erhalten. **

Am meisten Gänsehaut habe ich bekommen bei der Schilderung, wie ein brutal vergewaltigtes Mädchen aus der Panzi-Klinik bei einem Besuch eines gleichgültigen Generalstabsarztes ihre Erlebnisse schildert, bis der erwachsene Mann vor Schrecken in Ohnmacht fiel.

Übrigens zappte ich zufällig, während ich dieses Buch las, in eine kurze Doku über den Kongo und Ruanda und die Kriege und Scharmützel, die dort seit über 30 Jahren herrschen***.Ein Konflikt, von dem wir übrigens alle profitieren, denn gekämpft wird auch und nicht zuletzt um riesige Rohstoffvorkommen, die wir für unsere Smartphones, unsere E-Autos und unseren Schmuck verwenden.

Die massenhaften Vergewaltigungen während dieses Konfliktes wurden nicht erwähnt.

Es liegt noch ein weiter Weg vor Mukwege und seinen Mitstreitern.

Links:

*Interview von 2026 in der TAZ: https://taz.de/Friedensnobelpreistraeger-Denis-Mukwege/!6155635/

**Ausschnitt der Nobelpreisrede von Mukwege: https://www.youtube.com/watch?v=RSpYw7fT0CE

***Arte-Kurzdoku über den Kongo-Konflikt: https://www.arte.tv/de/videos/125533-025-A/mit-offenen-karten/

Mukwege auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Mukwege

Sommerleicht

Vor einer Woche war es noch eisheiligenkalt, gestern fühlte es sich an wie Frühling, als ich durch den Wald lief und Maiböcke beim Kämpfen beobachtete, und heute ist Sommer.

25 Grad und mehr im Schatten, die 30 sollen morgen geknackt werden. Und ich atme auf und durch und freue mich, dass alles leichter wird.

Leichter sind schon mal die Klamotten, die ich anhabe, kein riesiger Berg aus Fleecegedöns mehr vor dem Bett, wenn ich schlafen gehe. Leichter die Schuhe, endlich wieder Sandalen, Fußnägel mit geschmacklosem Glitzernagellack und Füße, die sich streifenweise bräunen und immer etwas dreckig sind. Sommerfüße nenne ich das.

Und mit weniger Kleidern und Sandalen ist auch das Wandern noch leichter. Warmer Wind weht mir durch die Haare, es duftet nach wilden Rosen, die sich gerade öffnen, und ich bleibe manchmal begeistert stehen, wenn ich mein liebstes bewegtes Bild in der Natur sehe: Wind, der durch hohes Gras streift. Keine Ahnung, woran es liegt, aber das finde ich wunderbar.

Leichter ist mir auch wieder ums Herz. Ich habe ein paar Arzttermine bewältigt, die mir Bauchschmerzen gemacht hatten, und bei einem auch wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, ach was, „langweilig“, wie der Hausarzt meinte. Da meine Eltern beide Diabetiker waren, habe ich vor allem auf den Blutzucker ein Auge. Aber da ist alles perfekt, ich bin er-leichtert.

Heute ist auch eines der großen Volksfeste hier im Tal, jeder Ort hat da sein eigenes, Feste zu Pfingsten, Johanni oder zur Kirchweih. Ich gönne es den Veranstaltern, dass sie mit dem musikalischen Abendprogramm bei dem Prachtwetter sicher erfolgreich sein werden. Und natürlich macht mir mein Arbeitsbesuch dort auch mehr Spaß, wenn es nicht kalt und regnerisch ist. Feiern, gutgelaunte Menschen – auch das ist Leichtigkeit.

Jetzt müsste ich nur noch schauen, dass ich auch körperlich ein bisschen leichter werde und den pfundigen Aufwärtstrend der Wechseljahre wieder umkehre.

Weinheimer Folklore

Weinheim ist eine nette kleine Stadt, ich habe dort mit dem besten Ehemann von allen 7–8 Jahre lang gelebt, und das gerne: da ist die pittoreske, mediterran wirkende Altstadt, ein ausreichendes Angebot an Läden, Kinos und Schwimmbädern, interessante Parks und der schöne Odenwald vor der Haustür. Und Feste, Brauchtum, schöne Traditionen.

Weinheim hat aber auch eine eher unschöne Tradition, und das ist der Rechtsextremismus. In Weinheim lebte eine wichtige Gestalt der NPD (wobei er sogar aus der, glaub ich, mal rausflog), der als Holocaustleugner jahrelang im Gefängnis saß und dessen Todesanzeige eine „Todesrune“ (Algiz gestürzt) schmückte. Weinheim war lange eine Hochburg der Rechtsextremen, wohl auch jenem braunen Herrn geschuldet.

Nun fährt die NPD zwar auch dort nur noch Nullkomma-Wahlergebnisse ein. Dennoch scheint die rechtsextreme Szene immer noch einen Bezug zu Weinheim zu haben, hielt dort weiter Parteitage ab oder meldet immer wieder Demonstrationen an. Schon letztes Jahr gab es eine Kundgebung eines traurigen Häufleins von vielleicht 20 NPD-Anhängern, dem eine große Menge Gegendemonstranten gegenüberstand.

Am 8. Mai dieses Jahres war es mal wieder soweit. Die NPDler wollten dieses Mal eine Gedenkveranstaltung am wirklich grässlich hässlichen Kriegerdenkmal Weinheims abhalten, das übrigens auch aus der Nazizeit stammt. (Hier empfehle ich das sehr interessante Buch „Mensch, denk mal“ von Werner Pieper) Irgendwer hatte die klobige Scheußlichkeit im Vorfeld mit roter Farbe beworfen. Dass rechte Gruppen gerne Tage wie den 8. Mai oder den 3. Oktober für ihre Aktionen aussuchen, kennt man ja nicht nur von der NPD.

Und da standen am Freitag die vielleicht 15 Männer (und eine alte Dame mit bunten Haaren?!) mit ihren Bannern mit Frakturschrift und Stahlhelm und ihren rußenden Fackeln. Falls sie was sagten, konnte man es nicht hören. Ich machte ein paar Bilder für den Privatgebrauch, zoomte ran an die genervt-gelangweilten Gesichter. Ein junger Mann schaute so deprimiert, dass er mir fast schon leidtat. Das muss man aber auch wollen, sich da hinstellen und sich anbrüllen lassen, dachte ich mir.

Weinheim bleibt bunt“ hatte zur Gegendemo aufgerufen. Viele grün-links-alternative Menschen kamen, erfreulich viele junge. Auch die Antifa war da, und ich gestehe ja, dass mir als mittlerweile alter Spießerin ein bisschen das Herz aufgeht, wenn ich irgendwo noch ein paar kleine Punker sehe. Das ist ein bisschen wie früher. Apropos früher: Mir fiel ein, dass ich dort mit 16, also vor äh, vielen Jahren, auch schon mal gegen die NPD mitdemonstriert hatte. Irgendwo in einem alten Tagebuch müsste noch der ausgeschnittene Artikel davon sein.

Und dann hörte ich die altbekannten Parolen und die Lieder, die dann so gespielt werden von den Gegendemonstranten, und natürlich fühlte es sich gut und richtig an, aber auch ein bisschen wie Folklore. Etwas lächerlich ist es ja, dass die paar Männeken sich als das letzte (oft übergewichtige und auch schon etwas ältere) Bataillon einer Zeit hinstellen, die wahrscheinlich nicht mal die wiederhaben wollen. Und dass die andren dagegen aufstehen müssen, sollen, wollen – immer noch. „Wie schon in den 1970ern“, meinte ein Mann neben mir.

Und ein bisschen hoffe ich angesichts der politischen Entwicklungen (mir der Vergeblichkeit bewusst), dass es doch dabei bleiben möge: ein paar Ewiggestrige mit ihren Frakturschriftbannern und Fackeln und Glatzen, und der bunte Haufen, der zeigt, dass die so was von jämmerlich in der Minderheit sind. Vielleicht müssen wir bald schon gegen ein deutsches ICE auf die Straße, und das wird dann weniger folkloristisch werden, fürchte ich.

Gelesen: Nathan Hill: Wellness

Der Roman handelt von Elisabeth und Jack, einem Paar, das anno 1993 einen hochromantischen Beziehungsstart hingelegt hatte. Sie wohnten, nur durch eine schmale Schneise getrennt, in zwei ärmlichen Studentenbuden und beobachteten sich heimlich gegenseitig. Daraus erwuchs Liebe und eine Beziehung zwischen der nervösen und begabten jungen Studentin und dem angehenden Fotokünstler.

Gut 20 Jahre später sind sie verheiratet und haben einen achtjährigen Sohn. Der Alltag zwischen kompliziertem Nachwuchs, Beruf und den 10.000 Zumutungen des (digitalen) Alltags haben sie ausgehöhlt, sich von sich selbst und dem anderen entfremdet. Wie fern und märchenhaft und fremd erscheint da die Studentenzeit, als sie nicht mehr brauchten als einander (und es Stunden dauern konnte, ein Bild im Internet herunterzuladen).

Später geht es den beiden ein bisschen wie in Erich Kästners sachlicher Romanze: ihnen kam ihre „Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Und weil beide komplexe, intelligente und überdurchschnittlich neurotische Personen sind, fällt es ihnen schwer, anders zu handeln als immer wieder in die gleichen Kerben zu schlagen, die sie schon in ihren dysfunktionalen Kindheiten erlernt hatten – bloß nichts falsch machen und innerer Rückzug (sie) oder Unterwerfung und Anbiederung (er).

Das Ganze ist trotz dieser potenziell deprimierenden Thematik und einiger etwas überlanger Exkurse in die Familiengeschichte Elisabeths und das Funktionieren von Facebook-Algorithmen (die Jacks Vater zu einem wahrhaften Schwurbler machen) über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen. Denn die Geschichten kippen zum einen immer wieder ins Surreale, wenn zum Beispiel Jacks Durchbruch als Künstler einen völlig prosaischen Hintergrund hat, die Anzahl der Erwähnungen auf Facebook für Jacks Universitätstätigkeit bedrohlich wichtige Ausmaße annimmt oder Elisabeth in einer Firma arbeitet, die schwunghaften Handel mit diversen Placebos betreibt. Zum anderen packt Hill mit leichter Hand gewichtige Themen in die scheinbar so leicht dahinplätschernden Erzählungen: Wer bin ich wirklich, mein früheres Ich oder das heutige? Ist das, was ich so schätze im Leben, eigentlich echt oder nur ein Placebo? Warum bin ich, wie ich bin?

Zum Finale hin verdichten sich die äußeren, teils grotesken Geschehnisse rund um esoterische Freikirchen, unseriöse Immobiliengeschäfte und, natürlich, das Internet. Und gleichzeitig werden einige hintergründig schwelende Geheimnisse aus der Vergangenheit der beiden offenbart, die klarmachen, wieso die beiden so sind, wie sie sind.

Ich habe das Buch gerne gelesen.

WmdedgT im Mai

Abendlicht am 30.4.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ (WmdedgT) fragt am 5. immer Frau Brüllen, und manchmal denke ich dran. Nicht dran gedacht hatte ich an aktuelle Fotos. Cia. Gibt es halt alte 😉

Wie treffend – gestern war der Tag des Lokaljournalismus. Dabei war gestern ein eher untypischer Arbeitstag für mich als freie Lokaljournalistin. Ich hatte keinen Termin außer Haus und musste nur ein bisschen was organisieren und tippen. So was kommt öfter mal vor, ein mehr oder weniger freier Tag unter der Woche; dafür arbeite ich auch immer wieder mal am Wochenende, so auch letzten Sonntag. „Entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit“, hatte ich früher zu den uneinheitlichen Arbeitsmengen gesagt, inzwischen sage ich, entweder viel Zeit oder viel Geld ;-).

Um 7:30 hatte ich gefrühstückt, dem besten Ehemann von allen einen Abschiedskuss gegeben, eine kleine Runde im Haushalt gedreht und Wäsche aufgesetzt. Dann hatte ich eine Mail an den Müllzweckverband hier geschrieben, um herauszufinden, wieso ein Wertstoffhof über den Sommer geschlossen werden muss.

Danach stellte ich einen Artikel fertig, der die Reaktionen der Politik in einer Gemeinde auf die Ankündigung zusammenfasst, dass dort ein geologisches Labor in den Berg gebaut werden soll. Das Ganze soll der Grundlagenforschung zur Geothermie in Tiefengesteinen dienen und ist in dem Dorf, das glaubt, dass der Stolleneingang in ihm liegen könnte, sagen wir mal „umstritten“. Hier wird man natürlich als Presse auch immer wieder mehr oder weniger dezidiert angegangen, weil nicht so berichtet wird, wie es bestimmte Gruppen möchten.

Der Trommturm von unten; irgendwo tief unter ihm soll ein Tunnel in den Berg getrieben werden

Nächste Woche gibt es zu dem Thema eine Informationsveranstaltung, auf die ich gehen werde. Das ist auch so etwas beim Lokaljournalismus: wenn man sich in ein eher unhandliches Thema (Wissenschaft, Großbauprojekte) hineingepfriemelt hat, ist es oft ein Selbstläufer, sich immer mal wieder damit zu befassen.

Was den Lokaljournalismus angeht: Ich bekenne mich immer noch zu einem alten Artikel über freie Lokaljournalisten, den ich vor vielen Jahren las und der mit „Arm, aber glücklich“ titelte. Mir ist es zwar erfolgreich gelungen, im Laufe der letzten 14 Jahre mein Zeilen- und Bildhonorar ein Stück zu verbessern. Wenn ich aber lese, man solle Stundensätze von 50 oder 100 Euro anstreben in dieser Branche, kann ich nur schmunzeln. Davon bin ich weit entfernt, und ich gehöre definitiv nicht zu Leuten wie eine Kollegin, die selbstausbeuterisch für so niedrige Honorare arbeitet, dass es nicht mal für eine Versicherung in der Künstlersozialkasse reicht (das Minimum liegt aktuell bei nur irgendwas um die 600 Euro im Monat!). Mit der habe ich auch schon heftig diskutiert darüber, dass sie mit solchen Dumpinghonoraren nicht nur sich schadet, sondern auch Kolleg:innen.

Um von einem Job als freie Lokaljournalistin leben zu können, muss man entweder wirklich einen Ausnahmejob haben oder ununterbrochen im Einsatz sein oder aber einen wirklich extrem niedrigen Lebensstandard pflegen. Da ich und mein Mann beide berufstätig sind und gleichzeitig eher bescheiden leben, reicht es.

Aber zurück zum Tagwerk. Ich recherchierte ein bisschen zum Thema Zahnzusatzversicherung, ein nerviges Thema, weil es mich an eine Baustelle im Mund erinnert und daran, dass diese nicht gerade günstig zu beheben ist. Ich bin zwar mittlerweile pingelig bei der Zahnpflege, aber Sünden der grauen Vorzeit, als mensch noch unmotiviert ein bisschen mit einer Handzahnbürste im Mund herumstocherte, wirken bis heute nach. Wobei mich die Kosten weniger schrecken als Schmerzen, Ungewissheiten, ewig nicht kauen können und das Ausgeliefertsein, dass so etwas mit sich bringt. Ich hatte erst kürzlich den Zahnarzt gewechselt, weil der letzte anfing, mir potenziell tödliche Erkrankungen aus Röntgenbildern zu orakeln, was einer näheren Untersuchung inklusive CT nicht standhielt, sprich, mich sinnloserweise in Panik versetzt hatte.

Ausblick auf den Odenwald

Die Wäsche wurde aufgehängt, eine schildlausbefallene Pflanze in Kellerquarantäne noch einmal mit einer Öl-Wasser-Mischung besprüht, was immerhin die Blätter schön glänzen lässt. Der dicke rote Nachbarskater kam vorbei, um mich zu begrüßen.

Ich ging eine Runde spazieren und traf einen netten Kommunalpolitiker. Eine Viertelstunde quatschten wir sozusagen über den Gartenzaun, dann wusste ich wieder ein paar Hintergrundinfos zur Dorfpolitik mehr, die ich in meinem Kopf ablegen kann. Den Einkaufskorb beim Aldi gefüllt und heim.

Ich entschied mich danach dagegen, schon mal was über Rehkitzsuche zu schreiben, ein Artikel, für den ich noch ein paar Tage Zeit habe, und griff zum Roman, den ich gerade lese (Nathan Hill: Wellness).

Ansonsten bekam ich noch eine Nachricht von der Redaktion, dass die Lieferzeiten wieder einmal nach vorne geschoben wurden. Mich stört das als (meist) Frühaufsteherin (wider Willen, Lehrerfrau) nicht. Der Vorteil ist, dass dafür künftig sonntagnachmittagliche Aktivitäten vom Kerweumzug bis Weihnachtsmarkt nicht mehr aktuell geliefert werden können/müssen, was solche Aufträge attraktiver macht ohne eine knappe Deadline im Nacken.

Später habe ich dann noch gekocht (Kartoffeln, veganes Gulasch und Spargel) und meine Sommerreifen von meinem Mann zur Werkstatt fahren lassen. Denn einen Nachteil hat der kleine Smart: seine eigenen Reifen passen nicht rein. Jetzt hoffe ich, ich bekomme bald einen Termin zum Wechseln. Ob Kfz oder Installateur: Handwerkertermine zu bekommen ist hier noch schwerer als welche vom Facharzt.

Vor ein paar Tagen gesehen: Diese Blindschleiche

Ich hatte noch eine Ladung Bücher ins Bücherregal gebracht; manchmal steht das innerhalb von Tagen bis oben hin voll mit Kisten voller Bücher, manchmal verschwinden die Bücher daraus schneller, als ich sie nachfüllen kann. Ein System habe ich dahinter noch nicht erkennen können. Ich fand außerdem Benjamin-Blümchen-Figuren im Regal und klebte mit eine Karla Kolumna vorne in mein Auto. Ja, ich habe ein etwas kindliches Gemüt manchmal.

Später nieselte es, ich las noch ein bisschen in meinem Buch und Abends schauten wir noch zwei Folgen der Netflixserie „Das Gesetz nach Lidia Poët“.

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