Triggerwarnung: sexuelle und körperliche Gewalt

Das Buch war, das vorweg, keine leichte Kost. Dr. Denis Mukwege ist Arzt im Kongo und behandelt vorrangig Frauen, die durch Vergewaltigungen schwere Verletzungen erlitten hatten. Diese Arbeit hat ihn dazu motiviert, sich engagiert und international für die Rechte der Frauen (auch) im Bereich sexuelle Selbstbestimmung einzusetzen und Vergewaltigungen – ob im Kongo oder anderswo – anzuprangern und darauf zu pochen, dass die Täter mehr als bisher zur Rechenschaft gezogen werden.

Denn gerade da, wo ein Staat versagt, was die Verfolgung solcher Delikte angeht, und/oder kriegerische Auseinandersetzungen die gesellschaftliche Ordnung auflösen, nehmen Vergewaltigungen zu und werden brutaler. Das Buch schildert anschaulich, wie brutal, deswegen auch die Triggerwarnung, die man auch besser hätte auf das Buch drucken können.

Dr. Mukwege hat das Panzi-Krankenhaus in Bukavu am Kivu-See im Osten Kongos gegründet. Die Klinik wurde bald schon um weitere Hilfsmöglichkeiten erweitert wie beispielsweise eine Art Rehazentrum mit der Möglichkeit, sich schulisch und beruflich weiterzubilden. Denn zu dem Trauma der Vergewaltigung kommt bei vielen Frauen, dass sie danach von ihrer Familie und Dorfgemeinschaft verstoßen werden. Anerkennung für sein Wirken erhielt Mukwege zwar immer von den Frauen, denen er half, und durch viele internationale Preise und Auszeichnungen. Die politische Führung des Kongos und die diversen rivalisierenden Kriegsparteien versuchten dagegen mehrfach, ihn zum Schweigen zu bringen. Inzwischen* kann er nicht mehr in den Kongo einreisen.

Das Gebiet ist auch in den schon jahrzehntelang wütenden Konflikt zwischen Kongo und Ruanda beziehungsweise Tutsi und Hutu verwickelt. Ein Konflikt, der Millionen Tote und unendlich viele Opfer sexueller Gewalt gekostet hat und dennoch vom Westen ziemlich ignoriert wurde und wird. Mukwege beschreibt, wie manche Täter mit der Aussicht auf freie Gewaltausübung an Frauen in die Milizen gelockt werden. Viele sind ehemalige Kindersoldaten, die nach Gehirnwäsche und den verübten Grausamkeiten brutal abgestumpft sind. Dazu kommt der geringe Wert, der Frauen in der traditionellen Gesellschaft des Kongos zugestanden wird.

Aber Mukwege macht auch deutlich, dass solche Verbrechen nicht von einer bestimmten Ethnie herrühren oder einer besonderen Kultur. Er beschreibt die sexuellen Verbrechen im Zuge anderer militärischer Konflikte, ob nun die deutschen Nazis, die sich in Frankreich an den Frauen vergingen und KZ-Insassinnen vergewaltigten, die russische Armee, die wahrscheinlich Millionen Frauen vergewaltigte, oder die „Trostfrauen“, so der Euphemismus für Zwangsprostituierte unter japanischer Besatzung in China und Korea. Viele dieser Taten werden heute noch ignoriert oder geleugnet.

Sexuelle Gewalt an Frauen (und Kindern) wurde und wird auch gezielt eingesetzt, um die Zivilbevölkerung zu vertreiben oder zu zermürben.

Und natürlich erleiden Frauen auch außerhalb militärischer Konflikte sexuelle Gewalt. Mukwege zitiert Zahlen aus (friedlichen) westlichen Staaten, bei denen je nach Befragung zwischen knapp 4 und über 30 Prozent der Frauen Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen berichteten. Bei 1.000 solcher Taten werden durchschnittlich nur 5 Täter verurteilt. Viele werden nie angezeigt, aber auch viele Täter laufen gelassen.

Mukwege bettet das ein in einen allgemeinen Appell für Gleichberechtigung und einen stärkeren Einfluss von Frauen auf politische und gesellschaftliche Entscheidungen und ein kritisches Hinterfragen von Männlichkeitsidealen. Er erinnert an Fotos internationaler Gipfel wie dem G7-Gipfel, bei denen Angela Merkel die einzige Frau war (das Buch ist von 2021). Auch spricht er erste zaghafte Hinweise an, dass sich das Klima, in dem Vergewaltigungen stattfinden, langsam ändert; er erwähnt oft die #MeToo-Bewegung, die dafür sorgte, die Untaten aus dem Schatten der Scham herauszuholen.

Aber das Buch heißt ja nicht „Die Schwäche der Frauen“. Darum berichtet er mit sehr viel Achtung und Wertschätzung von Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt und für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzen. Das sind Frauen aus dem Kongo, die trotz zum Teil unglaublicher Verletzungen wieder einen Weg finden, sich weiterzubilden und anderen Frauen helfen. Kleinteilig, Dorfgemeinschaft für Dorfgemeinschaft, wird versucht, den alten Männern, die das Sagen haben, eine neue Einstellung zu den Gewaltopfern nahezubringen. Mukwege spricht aber auch von Frauen wie Eve Ensler, der Autorin der Vagina Monologe, die seine Arbeit sehr unterstützt hat, oder von Nadia Murad, einer Jesidin, die sich als Überlebende sexueller Gewalt dafür einsetzt, dass die Täter aus den Reihen des IS zur Rechenschaft gezogen werden. Mukwege hat 2018 mit ihr zusammen den Friedens-Nobelpreis erhalten. **

Am meisten Gänsehaut habe ich bekommen bei der Schilderung, wie ein brutal vergewaltigtes Mädchen aus der Panzi-Klinik bei einem Besuch eines gleichgültigen Generalstabsarztes ihre Erlebnisse schildert, bis der erwachsene Mann vor Schrecken in Ohnmacht fiel.

Übrigens zappte ich zufällig, während ich dieses Buch las, in eine kurze Doku über den Kongo und Ruanda und die Kriege und Scharmützel, die dort seit über 30 Jahren herrschen***.Ein Konflikt, von dem wir übrigens alle profitieren, denn gekämpft wird auch und nicht zuletzt um riesige Rohstoffvorkommen, die wir für unsere Smartphones, unsere E-Autos und unseren Schmuck verwenden.

Die massenhaften Vergewaltigungen während dieses Konfliktes wurden nicht erwähnt.

Es liegt noch ein weiter Weg vor Mukwege und seinen Mitstreitern.

Links:

*Interview von 2026 in der TAZ: https://taz.de/Friedensnobelpreistraeger-Denis-Mukwege/!6155635/

**Ausschnitt der Nobelpreisrede von Mukwege: https://www.youtube.com/watch?v=RSpYw7fT0CE

***Arte-Kurzdoku über den Kongo-Konflikt: https://www.arte.tv/de/videos/125533-025-A/mit-offenen-karten/

Mukwege auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Mukwege