Lesen, Wandern, Palavern

Monat: Juni 2026

Die Welt um 4:44

Es ist immer noch heiß, heißer, am heißesten. Heute soll der schlimmste Tag werden mit gefühlten 43 Grad – wohlgemerkt, im Ländlichen, auf einem Hügel, mit Wald drumherum. Nun ja, ich wohne ja ganz in der Nähe jener Region, wo Deutschland anfängt Sahara zu werden oder so ähnlich.

Ich plane meine Tage um das Bedürfnis herum, irgendwie wenigstens für 30 oder 40 Minuten durch den Wald zu laufen. Die meisten Tage schaffe ich es in den Morgenstunden. Wenn es kühler wird, werde ich viel nachzuholen haben. Heute war ich um 8:30 draußen, außer mir vor allem Menschen mit Hunden, die ermattet bei schon 30 Grad durch den Wald torkelten. Ich quatsche ja öfter fremde Leute einfach an, und im Kurzgeplauder mit einer Frau mit Hund verabschiedete die sich mit den Worten, die nächsten zwei Tage müsse man „einfach nur überleben“.

Heute Nacht war ich um vier erwacht und habe die Katze eingesperrt, die nicht nach draußen soll (wir hatten hier eine schlimme Reihe von Katzen-Verschwinderitis vor Jahren, die ich nie aufklären konnte und die ich nicht noch mal erleben will).

Dann alle Fenster und Türen weit aufgerissen Richtung Garten. Und dann lag ich wach auf dem Bett, es war immer noch sehr warm. Draußen hörte ich die ganze Zeit Tiergeschrei und Rascheln im Gebüsch; es könnten junge Wildschweine gewesen sein oder auch ein Rehkitz, das nach der Mutter ruft. Beide Tierarten treiben sich in und um unseren Garten herum.

Gegen fünf schloss ich Türen und Fenster. Davor stand ich müde blinzelnd auf dem Balkon. Es wurde schon langsam hell, und ich sah viele Fledermäuse über den Himmel flitzen. Der Vogelgesang setzte ein, Krähenrufe, weiter das ominöse Tiergeschrei. Und auf einem Hügel stand ein Reh, die schlanke Silhouette zeichnete sich dunkel gegen den heller werdenden Himmel ab. Bis auf das Tiergeschrei war das alles sehr schön. Fotos habe ich keine, das müsst ihr euch also im Kopf zurechtmalen.

Aber allgemein kann ich die Methode „vier Stunden schlafen – eine Stunde wach sein – wieder zwei Stunden schlafen“ nicht empfehlen, wenn man am nächsten Tag fit im Kopf sein will.

Sonne und Nachbilder

Es ist zu heiß. 35, 37 Grad, und es soll noch heißer werden. Heute Nacht gab es Gewitter, und so ist es nicht nur heiß, sondern auch schwül. Zum Glück bin ich gegen 6 Uhr das erste Mal erwacht und habe möglichst viele Fenster aufreißen können, bevor es wieder wärmer wurde.

Tagsüber heißt es jetzt verdunkeln…

Viel ist mit mir nicht anzufangen gerade, auch wärmebedingt. Bin außerdem noch gestresst, bedrückt und etwas kränkelig.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass ich mich bis Montag „krankgeschrieben“ habe. Nächste Woche kommen zwar etliche Termine bei 40 Grad im Schatten (stöhn!), aber immerhin muss ich nicht morgen in der Sonne herumhüpfen und bei 37 Grad im Schatten einen Umzug fotografieren.

Ich gestehe, seit den Wechseljahren finde ich große Hitze noch schlimmer als vorher.

Was mache ich also mit der Hitze und der erzwungenen Untätigkeit?

Ich ernähre mich ziemlich viel von veganem Eiweißshake mit Tiefkühlobst.



Ich lese einiges, unter anderem habe ich im öffentlichen Bücherregal das Buch „Der Trafikant“ von Robert Seethaler entdeckt und schnell weggeschmökert. Es geht um einen jungen Mann, der einen „Trafikanten“, also Kioskbesitzer, unterstützt, viel liest, immer mehr versteht, sich verliebt, an der Liebe leidet und Sigmund Freud kennenlernt. Und es geht darum, wie er angesichts des großen Unheils, das mit Hakenkreuzflaggen heranweht, sein kleines, mutiges Aufbegehren probt.


Sehr berührend, auch lustig, tolle Sprache, und mit dem zeitlichen Setting – Wien 1938 beim „Anschluss“ von Österreich – leider mal wieder aktueller als es sein sollte. Sicher hat nicht nur mich die Aktion in Gelsenkirchen, als man Sinti und Roma zum Straßenputzen „motivierte“, an das hier erinnert.

Direkt nach dem „Anschluss“ wurden die Wiener Juden unter Beteiligung der Bevölkerung gezwungen, in „Reibpartien“ pro-österreichische Slogans von den Gehsteigen zu putzen.
Bild: United States Holocaust Memorial Museum, Public domain, via Wikimedia Commons


In letzter Zeit auch einiges dazu gelesen, was wohl passiert, wenn diese Partei, deren Namen man nicht ausspricht, in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit bekommt. Gerade in der Bildungspolitik hat ein Bundesland viel Spielraum, da kann einiges kaputt gemacht werden. Inklusion, Diversität und Aufklärung, ob nun über den NS oder Sex – ade.

„Was haben die eigentlich generell gegen Sexualaufklärung“, meinte ich zum besten Ehemann von allen vor ein paar Tagen. „Die sind ja gar nicht so christlich-reaktionär wie manche in den USA.“ Und uns fiel ein, dass das Pädokriminellen nützt, wenn Kinder keine Ahnung haben, was mit ihnen geschieht. Gruselig.

Ansonsten: Ich schaue mir Dinge darüber an, dass Migränegehirne auch abseits der Anfälle anders funktionieren als andere. Ich habe seit Anfang 30 immer mal wieder Migräneaura mit Flimmerskotom, aber keine ausgeprägten Kopfschmerzen, eher ein unbestimmtes Matschgefühl im Kopf, als sei ich verkatert. Inzwischen sind sie stark zurückgegangen, was sicher auch mit den Wechseljahren zu tun hat.

So ähnlich, nur in Bewegung und flimmernd, sieht meine Aura aus., In der Mitte ist ein blinder Fleck, außenrum wabert es.

Jetzt bin ich auf diesen Test hier mit der Glühbirne gestoßen und kann sagen, ja, bei mir bleibt das Nachbild lang, lang, lang, 10 Sekunden, 15 Sekunden…. Und zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Ungeduld und immer wieder auftretende Reizbarkeit angesichts der nervenaufreibenden Gemütlichkeit der Mitwelt auch damit zu tun hat, dass mein Gehirn ist, wie es ist, und ich mein Gefühl, andere sind immer einen Schritt zu langsam und träge, nicht nur Erbteil meiner ungeduldigen Mutter ist (die m.W. keine Migräne hatte). Ich muss manchmal fast ins Lenkrad beißen, um nicht an Ampeln zu hupen, weil die vor mir einfach nicht losfahren.

Und dass ich nun ahne, wieso ich nicht verstehe, wie ein Nervgeräusch in der Nachbarschaft von anderen ignoriert werden kann, obwohl es doch immer mehr nervt, je länger es dauert. Auch das ist typisch. Das mit dem Wegfiltern klappt schlecht.

Nun denn, da habe ich wieder was über mich gelernt.

Dune

Die letzte Wochen, genauer die letzte Tage, hatten mal wieder ein paar nervige Dinge mit im Gepäck. Ihr wisst schon, solche „oh, hatte ich nicht schon gesagt, dass wir den Zahn ziehen müssen?“ und auch „Uih, das sollte man abklären“-Dinge. Blöde Dinge, nervige Dinge – wenn ich bei irgendetwas ein dünnes Nervenkostüm habe, dann ist das alles rund um das Thema Arzt und Krankheit.

Und wie es so ist, wenn man gestresst ist, kommen auch immer noch gleich ein paar weitere nervige Sachen in Job und sonstwo oben drauf. Aber ich beschäftige mich ja zum Glück lange genug mit Psychologie, damit ich relativ schnell wieder auf die Spur komme. Ein lieber Mann und die allertollsten Freundinnen der Welt sind dabei eine ungeheure Stütze.

Wie auch immer, heute hatten der beste Ehemann und ich Lust, mal außerhalb unserer üblichen odenwaldhügeligen Gefilde zu wandern. Stattdessen steuerten wir eine Landschaft mit Dünen und Kiefernwäldern an, bei der man oft das Gefühl hat, man befindet sich irgendwo an der Ostsee oder gar am Mittelmeer. Aber in Wirklichkeit ist man nur irgendwo zwischen Viernheim und Mannheim.

Dünen wie die hier findet man im Oberrheingraben an einigen Stellen. In Viernheim kann man die Dünen auch deswegen besonders gut sehen, weil das US-Militär hier bis 1994 einen Truppenübungsplatz hatte. Dadurch entstanden freie Flächen, wo der Sand wieder zum Vorschein trat und die eine besondere Vegetation anzogen. Damit diese Flächen nicht weiter verbuschen, werden sie auch beweidet; wir sind heute einer Herde Schafe begegnet.

Entstanden sind die Dünengürtel am Ende der letzten Eiszeit aus Flugsand. Das Naturschutzgebiet Glockenbuckel, von dem ich rede, befindet sich am Westrand von Viernheim und kann gut über den Parkplatz Sandgabe oder Lampertheimer Straße erkundet werden. Es gibt zahlreiche markierte Wanderwege, vor allem rund um den Karlsstern bei Mannheim-Gartenstadt. Dort gibt es ein paar Tiergehege, Gastronomie (glaube ich), einen Vogelpark und Kinderspielplätze. Jetzt am Wochenende war dort dementsprechend viel los, und man hätte sich da auch niederlassen und Mannheimer Originale beobachten können, die da mit Kind und Kegel unterwegs waren.

Interessant in dem Gebiet sind auch Reste der alten Einrichtungen des US-Militärs. So gibt es neben vielen alten Betonresten auch Überreste alter Bunker. Dort sind wir heute nicht hingelaufen, sondern haben uns lieber Hirsche und Vögel am Karlsstern angeschaut. Die Gehege für die Hirsche sind sehr weitläufig, es gab einige Bambis zu sehen. Die Volieren im Vogelpark waren zwar auch eher groß, aber mir tut es dann doch leid, Vögel, besonders Greifvögel, hinter Gittern zu sehen. Ebenfalls interessant sind an der Grenze Hessen (Viernheim) zu Baden-Württemberg (Mannheim) historische Grenzsteine.

Wenn ihr da auch mal laufen wollt – es gibt unendlich viele markierte Wege, denen man folgen kann. Es empfiehlt sich aber manchmal eine Wander-App, wenn man wie wir die schmaleren Pfade bevorzugt. Da alles eben ist, sind Spaziergänge oder Wanderungen dort nicht anstrengend.



Hier beim Geopark und hier beim Regierungspräsidium könnt ihr euch Infoflyer zum Glockenbuckel herunterladen und mehr über das Biotop erfahren.

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