
Der Roman handelt von Elisabeth und Jack, einem Paar, das anno 1993 einen hochromantischen Beziehungsstart hingelegt hatte. Sie wohnten, nur durch eine schmale Schneise getrennt, in zwei ärmlichen Studentenbuden und beobachteten sich heimlich gegenseitig. Daraus erwuchs Liebe und eine Beziehung zwischen der nervösen und begabten jungen Studentin und dem angehenden Fotokünstler.
Gut 20 Jahre später sind sie verheiratet und haben einen achtjährigen Sohn. Der Alltag zwischen kompliziertem Nachwuchs, Beruf und den 10.000 Zumutungen des (digitalen) Alltags haben sie ausgehöhlt, sich von sich selbst und dem anderen entfremdet. Wie fern und märchenhaft und fremd erscheint da die Studentenzeit, als sie nicht mehr brauchten als einander (und es Stunden dauern konnte, ein Bild im Internet herunterzuladen).
Später geht es den beiden ein bisschen wie in Erich Kästners sachlicher Romanze: ihnen kam ihre „Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Und weil beide komplexe, intelligente und überdurchschnittlich neurotische Personen sind, fällt es ihnen schwer, anders zu handeln als immer wieder in die gleichen Kerben zu schlagen, die sie schon in ihren dysfunktionalen Kindheiten erlernt hatten – bloß nichts falsch machen und innerer Rückzug (sie) oder Unterwerfung und Anbiederung (er).
Das Ganze ist trotz dieser potenziell deprimierenden Thematik und einiger etwas überlanger Exkurse in die Familiengeschichte Elisabeths und das Funktionieren von Facebook-Algorithmen (die Jacks Vater zu einem wahrhaften Schwurbler machen) über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen. Denn die Geschichten kippen zum einen immer wieder ins Surreale, wenn zum Beispiel Jacks Durchbruch als Künstler einen völlig prosaischen Hintergrund hat, die Anzahl der Erwähnungen auf Facebook für Jacks Universitätstätigkeit bedrohlich wichtige Ausmaße annimmt oder Elisabeth in einer Firma arbeitet, die schwunghaften Handel mit diversen Placebos betreibt. Zum anderen packt Hill mit leichter Hand gewichtige Themen in die scheinbar so leicht dahinplätschernden Erzählungen: Wer bin ich wirklich, mein früheres Ich oder das heutige? Ist das, was ich so schätze im Leben, eigentlich echt oder nur ein Placebo? Warum bin ich, wie ich bin?
Zum Finale hin verdichten sich die äußeren, teils grotesken Geschehnisse rund um esoterische Freikirchen, unseriöse Immobiliengeschäfte und, natürlich, das Internet. Und gleichzeitig werden einige hintergründig schwelende Geheimnisse aus der Vergangenheit der beiden offenbart, die klarmachen, wieso die beiden so sind, wie sie sind.
Ich habe das Buch gerne gelesen.
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