Gestern durch Heidelberg spaziert. Fünfeinhalb Jahre bin ich dort als Studentin Tag für Tag durch die Fußgängerzone gelaufen, zum Politischen Institut am Marstall, zu den Soziologen irgendwo an der Triplex-Mensa, zum Vorlesungsgebäude mit der Überschrift „dem lebendigen Geist“ am Uniplatz, zum psychologischen Institut vorne in der Fußgängerzone, wo Bunsen davor wacht.

Bunsen vor dem psychologischen Institut

Ein schöner Tag war es. Geparkt hatten wir im Neuenheimer Feld, wo die Parkhäuser nicht ganz so teuer sind. Hier waren wir ewig nicht mehr, der beste Ehemann von allen hatte dort mal studiert, aber alles sah anders aus, große Gebäude, Tiefgaragen, Supermärkte, öffentliche Kunst. Wir standen vor dem großen „Mathematikon“ und fragten uns, was da wohl abseits von der mathematischen Fachschaft drin sein mag, denn so viel Platz brauchen die doch nicht, oder?

Auch sonst wurde und wird viel gebaut in Heidelberg, überall Häuser, die abgerissen, neue, die erbaut werden, gesperrte Straßen.

Im Neuenheimer Feld am Mathematikon

Wir sind mit Straßenbahn und Bus zum Königstuhl hochgefahren und dann durch die Wälder hinunter zur Stadt gelaufen. Im Bus spielten zwei junge Mädchen irgendein Ratespiel um Filmpersonen, das ich nicht ganz verstand; später fragten sie um Hilfe, weil sie auch in die Stadt zurücklaufen wollten und nicht recht wussten, wo es langging.

Auch oben am Königstuhl waren viele Menschen, aber kaum hatte uns der Wald verschluckt, waren wir allein.

Das änderte sich kurz vor dem Schloss, wo sich die Massen durch das Burgtor schoben. Auch in der Fußgängerzone so viele Menschen. Immerhin sahen die Läden noch gut aus, zwar nicht mehr so viel alternatives Zeug in Hinterhöfen wie früher, aber auch nicht lauter Ein-Euro-Shops. In der unteren Gasse ein Headshop. Da gab es vor 30 Jahren auch schon einen, wo Studenten und kichernde Odenwälder Halbstarke lange Papierchen kaufen konnten.

Das Heidelberger Schloss

Ich muss gestehen, auch zu Studienzeiten war ich kein eingefleischter Heidelbergfan. Ja, die schöne historische Altstadt, die Landschaft, aber alles wirkte für mich damals künstlich.

Wenn ich an mich im Studium denke, sehe ich mich immer im Herbst oder Winter, wenn der Wind kalt durch die lange Fußgängerzone pfiff und nur wenige Touristen die Stadt erkundeten, wenn alles grau war und trostlos und ich Bauchweh hatte, weil das Mensaessen so schlecht geschmeckt hatte oder ich mich vor dem nächsten Seminar fürchtete. Wobei, ich habe zumindest einige Dinge ganz gern studiert, ging angetan in Veranstaltungen des in Politologenkreisen damals sehr verehrten Professors Klaus von Beyme, bei dem ich zum Glück damals meine Magisterarbeit schrieb. Wir nannten ihn ob seines großen Wissens und des ausladenden Schädels „der Mann mit den zwei Gehirnen“. Manchmal fuhr er mit einer russischen Fellmütze auf dem großen Kopf mit dem Rad zum Institut. Auch bei den Psychologen war ich gerne. Aber es war trotzdem nicht meine beste Zeit im Leben, vielleicht lag es an der schimmligen Einzimmerwohnung in Leutershausen, in der wir damals hausten.

Hier saß ich oft in Vorlesungen

Aber wenn ich mich heute in Heidelberg umsehe, werde ich weder nostalgisch, noch spüre ich das alte Bauchweh. Ich bin Touristin unter zehntausenden Touristen, die alle Sprachen zu sprechen scheinen. Leute rempeln mich an, ich komme mir etwas urig vor mit kurzen Wandershorts und Wanderstiefeln und aufgehauenem Knie, als würde mir auch noch Stroh im Haar hängen. Und ich erkenne, ich bin doch endgültig ein richtiges Landei geworden.

Heidelberg von oben