Sagenhafte Felsformationen gibt es ja im Odenwald en masse. Jetzt haben wir mit dem Wildleuthäusl (mal wieder) eine besucht, die in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes ist. Obwohl nicht weit vom beliebten Aussichtsturm auf der Tromm gelegen, ist sie nicht so leicht zu finden und auf vielen Karten nicht ganz korrekt angegeben (ganz unten findet ihr die Koordinaten). Und dann gehören diese Steine zu jenen, die der Sage nach von wilden Leuten bewohnt wurden oder werden.



Es ist ein durchaus beeindruckendes Felsensemble, das man dort vorfindet, in Quaderform verwitterte Steine sowie Spalten und Mini-Höhlen laden dazu ein, hier rastende wilde Gestalten zu imaginieren. Tatsächlich fanden wir auch Reste eines Lagerfeuers (wobei ich hoffe, das ist schon länger her, der Wald brennt aktuell hier wie Zunder nach langer Dürre). Ein Mountainbiketrail führte hindurch. Der beste Ehemann von allen und ich sind da mit Vergnügen herumgeklettert (festes Schuhwerk zu empfehlen). Es gibt eine Infotafel zum Trommgranit am Wildleuthäusl, die allerdings von den Felsen ein ganzes Stück entfernt steht.
Eine konkrete Sage zum Wildleuthäusl auf der Tromm kenne ich nicht, habe nur im Hinterkopf, dass dort auch die Hölzerlipsbande gerastet haben soll. Ansonsten gleichen sich die Sagen an solchen Orten.

Was sind denn wilde Leute der Sage nach?
Sie gehören zu den Erdgeistern, ähnlich wie Elfen oder Zwerge. Als wilde Leute oder wilde Frauen sind sie vom Alpenraum bis Skandinavien verbreitet. Die Erscheinung der wilden Leute variiert je nach Region; im Odenwald sind sie als Männer klein und behaart, die Frauen meist schön. Manchmal treten die Männer als Riesen auf. Sie sind eher umgänglich (wenn sie nicht gerade Kinder stehlen), geben Ratschläge für die Aussaat und helfen bei der Feld- und Hausarbeit. Man darf sie aber nicht beleidigen oder ärgern, weil sie sich dann rächen. Dafür mögen sie es, wenn man ihnen Speisen und Trank anbietet – aber bitte keine Kleider (sie sind oft eher kärglich bekleidet, wenn überhaupt), das beleidigt sie. Ebenfalls konnte man die freundlichen Hilfsgeister damit vertreiben, dass man ihnen hinterherspionierte. Geschah dies, so kamen sie nicht wieder.
Eine gern verbreitete Theorie über die realen Hintergründe der wilden Leute ist, dass es sich um Heiden handelte, die vor der Christianisierung flohen und lieber im Wald hausten, als sich der neuen Religion zu unterwerfen. Ich vermute, diese Geschichten sind irgendwann zwischen Romantik und Nationalsozialismus entstanden, ist doch der Odenwald im Bereich des ehemaligen Klosters Lorsch schon früh christianisiert worden.
Fakt ist aber auch, dass sich Außenseiter, Obdachlose, Kriminelle und Deserteure bis ins 20. Jahrhundert zeitweise oder auch dauerhaft in den Wäldern des Odenwaldes in Höhlen oder primitiven Behausungen versteckten. Ein bekannteres Beispiel (nach dem ein Bier benannt wurde) ist der „Dachsenfranz“, der vor allem im Kraichgau unterwegs war.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dachsenfranz
Es lassen sich ansonsten Parallelen zwischen den wilden Leuten und dem Grünen Mann ziehen; diese Gestalt mit Blättern und Ranken im Gesicht symbolisiert die Macht der Natur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Mann
Der „Wilde Mann“ hat als Name von Gaststätten und als geschnitzter Schmuck bei Häuserbalken oder auch als Fachwerkmuster überlebt.
Weitere Behausungen der wilden Leute:
Wildeleute-Stein bei Ober-Flockenbach
Wildweibchenstein bei der Ruine Rodenstein
Das Wildfrauenhaus bei Fischbachtal-Lützelbach
Das Steinschloss bei Scheuerberg
Das Wildleuthäusl auf der Tromm
Koordinaten: 49°36’30.0″N 8°48’23.9″E
Plus Code JR54+8MJ Rimbach
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