Weinheim ist eine nette kleine Stadt, ich habe dort mit dem besten Ehemann von allen 7–8 Jahre lang gelebt, und das gerne: da ist die pittoreske, mediterran wirkende Altstadt, ein ausreichendes Angebot an Läden, Kinos und Schwimmbädern, interessante Parks und der schöne Odenwald vor der Haustür. Und Feste, Brauchtum, schöne Traditionen.

Weinheim hat aber auch eine eher unschöne Tradition, und das ist der Rechtsextremismus. In Weinheim lebte eine wichtige Gestalt der NPD (wobei er sogar aus der, glaub ich, mal rausflog), der als Holocaustleugner jahrelang im Gefängnis saß und dessen Todesanzeige eine „Todesrune“ (Algiz gestürzt) schmückte. Weinheim war lange eine Hochburg der Rechtsextremen, wohl auch jenem braunen Herrn geschuldet.

Nun fährt die NPD zwar auch dort nur noch Nullkomma-Wahlergebnisse ein. Dennoch scheint die rechtsextreme Szene immer noch einen Bezug zu Weinheim zu haben, hielt dort weiter Parteitage ab oder meldet immer wieder Demonstrationen an. Schon letztes Jahr gab es eine Kundgebung eines traurigen Häufleins von vielleicht 20 NPD-Anhängern, dem eine große Menge Gegendemonstranten gegenüberstand.

Am 8. Mai dieses Jahres war es mal wieder soweit. Die NPDler wollten dieses Mal eine Gedenkveranstaltung am wirklich grässlich hässlichen Kriegerdenkmal Weinheims abhalten, das übrigens auch aus der Nazizeit stammt. (Hier empfehle ich das sehr interessante Buch „Mensch, denk mal“ von Werner Pieper) Irgendwer hatte die klobige Scheußlichkeit im Vorfeld mit roter Farbe beworfen. Dass rechte Gruppen gerne Tage wie den 8. Mai oder den 3. Oktober für ihre Aktionen aussuchen, kennt man ja nicht nur von der NPD.

Und da standen am Freitag die vielleicht 15 Männer (und eine alte Dame mit bunten Haaren?!) mit ihren Bannern mit Frakturschrift und Stahlhelm und ihren rußenden Fackeln. Falls sie was sagten, konnte man es nicht hören. Ich machte ein paar Bilder für den Privatgebrauch, zoomte ran an die genervt-gelangweilten Gesichter. Ein junger Mann schaute so deprimiert, dass er mir fast schon leidtat. Das muss man aber auch wollen, sich da hinstellen und sich anbrüllen lassen, dachte ich mir.

Weinheim bleibt bunt“ hatte zur Gegendemo aufgerufen. Viele grün-links-alternative Menschen kamen, erfreulich viele junge. Auch die Antifa war da, und ich gestehe ja, dass mir als mittlerweile alter Spießerin ein bisschen das Herz aufgeht, wenn ich irgendwo noch ein paar kleine Punker sehe. Das ist ein bisschen wie früher. Apropos früher: Mir fiel ein, dass ich dort mit 16, also vor äh, vielen Jahren, auch schon mal gegen die NPD mitdemonstriert hatte. Irgendwo in einem alten Tagebuch müsste noch der ausgeschnittene Artikel davon sein.

Und dann hörte ich die altbekannten Parolen und die Lieder, die dann so gespielt werden von den Gegendemonstranten, und natürlich fühlte es sich gut und richtig an, aber auch ein bisschen wie Folklore. Etwas lächerlich ist es ja, dass die paar Männeken sich als das letzte (oft übergewichtige und auch schon etwas ältere) Bataillon einer Zeit hinstellen, die wahrscheinlich nicht mal die wiederhaben wollen. Und dass die andren dagegen aufstehen müssen, sollen, wollen – immer noch. „Wie schon in den 1970ern“, meinte ein Mann neben mir.

Und ein bisschen hoffe ich angesichts der politischen Entwicklungen (mir der Vergeblichkeit bewusst), dass es doch dabei bleiben möge: ein paar Ewiggestrige mit ihren Frakturschriftbannern und Fackeln und Glatzen, und der bunte Haufen, der zeigt, dass die so was von jämmerlich in der Minderheit sind. Vielleicht müssen wir bald schon gegen ein deutsches ICE auf die Straße, und das wird dann weniger folkloristisch werden, fürchte ich.