Der Untertitel dieses Buches lautet: „Wann es Zeit ist, das innere Kind in Ruhe zu lassen und durchzustarten.“

Dr. Gitta Jacob ist selbst Psychotherapeutin und (Co-)Autorin diverser psychologischer Sachbücher. Von ihr wird der Leser oder die Leserin also sicher nicht zu hören bekommen, dass das Beschäftigen mit der eigenen Psyche, der eigenen Kindheit und auch Psychotherapie irgendwie falsch wäre. Schließlich hat sich – das wusste ich nicht – (auch) durch bessere psychotherapeutische Versorgung die Suizidrate seit den 1980er-Jahren halbiert. Und nicht zuletzt durch Prominente, die offen über Erkrankungen wie Depressionen sprechen, ist das Thema psychische Krankheiten aus der Tabuecke gerückt, und das ist gut so.

Aber für Jacob ist inzwischen das Psychologisieren und in den eigenen Gefühlen und der eigenen Vergangenheit Herumwühlen zumindest in manchen (zum Beispiel jungen, weiblichen, akademischen) Kreisen schon wieder zu viel geworden. Da werden traurige Alltagserfahrungen zu Traumata hochstilisiert, an denen man sich den Rest seines Lebens abarbeitet. Das wird zum einen den Menschen nicht gerecht, die wirklich extrem schlimme Dinge erlebt haben und sich dann als „Ach-du-auch?“-Traumatisierte wiederfinden.

Es schadet aber auch den Betroffenen selbst, denn das ständige Starren auf negative Erlebnisse verstärkt (oder konstruiert gar) diese in der Erinnerung. Und je mehr man sich an seine Vergangenheit als ein einziges Trauerspiel erinnert, desto trauriger wird man natürlich auch. Da ja die Schuldfrage dafür klar bei den Personen aus der Vergangenheit liegt, vor allem bei den Eltern, ist man von eigener Verantwortung für seinen Zustand erst mal entbunden. Und dann hält die Rolle des Leidenden auch Krankheitsgewinn bereit, die ein Verharren in dem Zustand attraktiv machen kann.

Ich fand einen Satz in dem Buch einen richtigen Augenöffner: „Warum muss das innere Kind eigentlich immer traurig sein?“ Denn das kenne ich aus den entsprechenden Büchern auch so, dass es viel um das Nachwirken kindlicher Verletzungen ins Erwachsenenleben hinein geht. Aber für uns „Normalneurotiker“, wie ich Menschen wie mich nenne, die keine psychische Krankheit haben und trotzdem mal den Blues und unbegründete Ängste und übertriebene Sorgen, gab es doch auch schöne Seiten an der Kindheit, der Jugend. Und es ist wirklich schade, wenn die und so viele andere gute und starke Dinge in uns weggedrängt werden vor lauter Beschäftigung mit dem (vermeintlichen) eigenen Elend.

Auch kritisiert Jacob eine gewisse kultivierte Übersensibilität. So ist es ihr nicht einsichtig, dass man inzwischen so gut wie alles mit einer Triggerwarnung versehen soll. „Fediverse, ick hör dir trapsen“, denke ich da. Psychiatrische Begrifflichkeiten werden zunehmend für Alltagsprobleme verwendet, jede:r Ex ist „toxisch“.

Auch das Bestreben vieler heutiger Eltern, ihren Kindern möglichst Herausforderungen, Aufregung und Enttäuschungen zu ersparen, wirkt sich nicht positiv auf deren psychische Gesundheit aus, im Gegenteil, wie man ja leider weiß. Als Beispiel führt sie an, dass Kinder heute im Durchschnitt nicht vor dem 11. Lebensjahr ohne elterliche Überwachung draußen spielen. In der Generation ihrer Eltern war es mit 9. (Und bei mir im Vorschulalter mit 5 oder 6., Dorfkind halt.)

Und wenn man den allzumenschlichen, tagtäglichen Hindernissen nicht gut beikommt? Dann muss man nicht automatisch gleich eine Psychotherapie machen und/oder die Kindheit durchleuchten. Stattdessen erläutert Jacob im zweiten Teil des Buches die ganz normalen, langweiligen Basics eines guten Lebens. Sich gut ernähren, Alkohol und Tabak möglichst meiden, viel bewegen, genug schlafen, soziale Kontakte pflegen, gute Gewohnheiten etablieren…

Und dann schlägt sie eine starke Orientierung an den eigenen Werten und Zielen vor; hier fand ich wieder einiges von der Acceptance-Commitment-Therapie wieder, die sich imho ja auch wunderbar für persönliche Selbsthilfe und Persönlichkeitsentwicklung jenseits des Therapeutischen eignet. Sprich, es geht um die große Frage, was einem wirklich wichtig ist im Leben und wie man sein Handeln danach ausrichten kann, auch dann, wenn die Laune nicht gut ist oder etwas Unschönes passiert im Leben. Außerdem appelliert sie, gezielt die eigene Komfortzone auszuweiten. Denn wenn man immer nur bei dem Einfachen und Gewohnten bleibt, bleibt eine Weiterentwicklung auf der Strecke, und der Radius des Angenehmen wird immer kleiner. Traut man sich im Gegenteil etwas zu, was Mut erfordert, wird man mutiger, und das Leben wird größer. Haha, da hat sie mich am Wickel, ich gebe es zu; ich mag es bequem und vorhersehbar. Und dennoch, ich bin gerade an solchen Themen dran.

Ich habe es gerne und schnell gelesen und aus dem Buch einige Dinge mitnehmen können. Daumen hoch!