Lesen, Wandern, Palavern

Monat: August 2026

Dr. Gitta Jacob: Leben geht nur vorwärts

Der Untertitel dieses Buches lautet: „Wann es Zeit ist, das innere Kind in Ruhe zu lassen und durchzustarten.“

Dr. Gitta Jacob ist selbst Psychotherapeutin und (Co-)Autorin diverser psychologischer Sachbücher. Von ihr wird der Leser oder die Leserin also sicher nicht zu hören bekommen, dass das Beschäftigen mit der eigenen Psyche, der eigenen Kindheit und auch Psychotherapie irgendwie falsch wäre. Schließlich hat sich – das wusste ich nicht – (auch) durch bessere psychotherapeutische Versorgung die Suizidrate seit den 1980er-Jahren halbiert. Und nicht zuletzt durch Prominente, die offen über Erkrankungen wie Depressionen sprechen, ist das Thema psychische Krankheiten aus der Tabuecke gerückt, und das ist gut so.

Aber für Jacob ist inzwischen das Psychologisieren und in den eigenen Gefühlen und der eigenen Vergangenheit Herumwühlen zumindest in manchen (zum Beispiel jungen, weiblichen, akademischen) Kreisen schon wieder zu viel geworden. Da werden traurige Alltagserfahrungen zu Traumata hochstilisiert, an denen man sich den Rest seines Lebens abarbeitet. Das wird zum einen den Menschen nicht gerecht, die wirklich extrem schlimme Dinge erlebt haben und sich dann als „Ach-du-auch?“-Traumatisierte wiederfinden.

Es schadet aber auch den Betroffenen selbst, denn das ständige Starren auf negative Erlebnisse verstärkt (oder konstruiert gar) diese in der Erinnerung. Und je mehr man sich an seine Vergangenheit als ein einziges Trauerspiel erinnert, desto trauriger wird man natürlich auch. Da ja die Schuldfrage dafür klar bei den Personen aus der Vergangenheit liegt, vor allem bei den Eltern, ist man von eigener Verantwortung für seinen Zustand erst mal entbunden. Und dann hält die Rolle des Leidenden auch Krankheitsgewinn bereit, die ein Verharren in dem Zustand attraktiv machen kann.

Ich fand einen Satz in dem Buch einen richtigen Augenöffner: „Warum muss das innere Kind eigentlich immer traurig sein?“ Denn das kenne ich aus den entsprechenden Büchern auch so, dass es viel um das Nachwirken kindlicher Verletzungen ins Erwachsenenleben hinein geht. Aber für uns „Normalneurotiker“, wie ich Menschen wie mich nenne, die keine psychische Krankheit haben und trotzdem mal den Blues und unbegründete Ängste und übertriebene Sorgen, gab es doch auch schöne Seiten an der Kindheit, der Jugend. Und es ist wirklich schade, wenn die und so viele andere gute und starke Dinge in uns weggedrängt werden vor lauter Beschäftigung mit dem (vermeintlichen) eigenen Elend.

Auch kritisiert Jacob eine gewisse kultivierte Übersensibilität. So ist es ihr nicht einsichtig, dass man inzwischen so gut wie alles mit einer Triggerwarnung versehen soll. „Fediverse, ick hör dir trapsen“, denke ich da. Psychiatrische Begrifflichkeiten werden zunehmend für Alltagsprobleme verwendet, jede:r Ex ist „toxisch“.

Auch das Bestreben vieler heutiger Eltern, ihren Kindern möglichst Herausforderungen, Aufregung und Enttäuschungen zu ersparen, wirkt sich nicht positiv auf deren psychische Gesundheit aus, im Gegenteil, wie man ja leider weiß. Als Beispiel führt sie an, dass Kinder heute im Durchschnitt nicht vor dem 11. Lebensjahr ohne elterliche Überwachung draußen spielen. In der Generation ihrer Eltern war es mit 9. (Und bei mir im Vorschulalter mit 5 oder 6., Dorfkind halt.)

Und wenn man den allzumenschlichen, tagtäglichen Hindernissen nicht gut beikommt? Dann muss man nicht automatisch gleich eine Psychotherapie machen und/oder die Kindheit durchleuchten. Stattdessen erläutert Jacob im zweiten Teil des Buches die ganz normalen, langweiligen Basics eines guten Lebens. Sich gut ernähren, Alkohol und Tabak möglichst meiden, viel bewegen, genug schlafen, soziale Kontakte pflegen, gute Gewohnheiten etablieren…

Und dann schlägt sie eine starke Orientierung an den eigenen Werten und Zielen vor; hier fand ich wieder einiges von der Acceptance-Commitment-Therapie wieder, die sich imho ja auch wunderbar für persönliche Selbsthilfe und Persönlichkeitsentwicklung jenseits des Therapeutischen eignet. Sprich, es geht um die große Frage, was einem wirklich wichtig ist im Leben und wie man sein Handeln danach ausrichten kann, auch dann, wenn die Laune nicht gut ist oder etwas Unschönes passiert im Leben. Außerdem appelliert sie, gezielt die eigene Komfortzone auszuweiten. Denn wenn man immer nur bei dem Einfachen und Gewohnten bleibt, bleibt eine Weiterentwicklung auf der Strecke, und der Radius des Angenehmen wird immer kleiner. Traut man sich im Gegenteil etwas zu, was Mut erfordert, wird man mutiger, und das Leben wird größer. Haha, da hat sie mich am Wickel, ich gebe es zu; ich mag es bequem und vorhersehbar. Und dennoch, ich bin gerade an solchen Themen dran.

Ich habe es gerne und schnell gelesen und aus dem Buch einige Dinge mitnehmen können. Daumen hoch!

Summer moved on, hoffentlich

Summer moved on – kennt ihr das Lied von A-ha? Ich habe mal gelesen, dass sich darin der längste gehaltene Ton der Popgeschichte findet.

Mitte August. Die Zeit verrinnt, die Arbeit hat wieder begonnen, wie üblich eher zaghaft, solange noch Sommerferien sind und kurz danach. Heute gehen für mich die politischen Sitzungen wieder los. Das bedeutet zwar viele Abendtermine, aber noch ist ja nicht Winter, wenn es für mich schwer ist, mich in der dunklen kalten Nacht noch mal nach draußen zu wagen.

Wirklich beklemmend war für mich in diesem Sommer die Hitze und die Dürre, die auch meine Heimatregion seit Mai im Griff hatte und nun zaghaft endet. Jetzt haben wir normale Spätsommertemperaturen mit 23–25 Grad, die einen fast frösteln lassen, und endlich wieder halbwegs normal schlafen. Ich bin 52, ich brauche in diesem Lebensabschnitt wirklich nicht noch Wärme von außen, um im Bett zu schwitzen. Ein paar Regentropfen helfen auch, wobei die großen Wolken immer noch hämische Bögen um meine Gegend ziehen. Ich habe den Fehler gemacht, in das von mir nicht mehr genutzte Facebook hineinzuschauen, was denn der deutsche Bürger jenseits des linksgrünversifften Fediverse darüber denkt, und stieß auf einen Schwall von „das war schon immer so, das macht nichts“, und auch die Großbrände hätten nichts mit der, na ja, vielleicht doch ein bisschen übertriebenen Wärme zu tun, die wiederum nichts mit den Menschen zu tun hat…

Wir sind so lost, denke ich. Und ich unterdrücke diese „na ja, müssen wirklich alle wählen in einer Demokratie, kann man da nicht ein paar Hürden einbauen“-Gedanken, Zynismus hilft nicht weiter.

Was habe ich den Hitzesommer über gemacht? Immer noch jeden Tag draußen herumgelaufen, oft früh am Morgen. Ich habe viel, viel, viel geschwitzt. Ich habe viel Bier getrunken, mit und ohne Alkohol, und manchmal wochenlang fast nichts Warmes gegessen. Ich habe mich damit beschäftigt, ob ich einen Fernlehrgang absolvieren soll, und mir entsprechendes Infomaterial zuschicken lassen. Ich habe für meinen Geschmack viel zu viel Kontakt mit Ärzten gehabt und bibbere schon wieder vor ein paar Ergebnissen von Checks und einer nahenden unangenehmen Zahnarztsache, auf die noch mehr und sehr teure folgen werden. Ich habe einen kleinen Frauenurlaub im Harz mit einer Freundin gebucht.

Ich habe sehr viel gelesen, denn was sollte man sonst den ganzen viel zu heißen Sommer lang machen? Ich bin ja beim Lesen Jägerin und Sammlerin, Bücher fallen mir in die Hand, ob nun in unserem öffentlichen Bücherregal oder der schönen Stadtbibliothek in der nächsten Stadt, und wenn mir von einem Autor was gefällt, besorge ich mir mehr. Rund 25 Bücher waren es seit Anfang Mai, das ist relativ viel. Ich fand eine Biographie über die Manns lohnenswert (Tillmann Lahme, Die Manns), wo jenseits aller Ehrfurcht vor dem ach so großen Thomas Mann die doch sehr dysfunktionale Familie anschaulich dargestellt wurde. Ich habe Robert Seethaler entdeckt, Der Trafikant, Die weiteren Aussichten, Das Feld und Ein ganzes Leben gelesen. Der Stil hat mir sehr gefallen. Ich war von „Die Auferstehung“ von Andreas Eschbach ganz gut unterhalten, das ist ein Roman über die drei Fragezeichen als Mittfünfziger. Ich habe die ???-Kassetten als Kind geliebt, war ein bisschen in Peter Shaw verliebt und habe die Geschichten noch lange ins Erwachsenenalter hinein zum Einschlafen gehört.

Eine Neuentdeckung war die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, ich las Unrast, Die grünen Kinder und Der Gesang der Fledermäuse – herrlich! Ich habe mal wieder Marshall Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation, gelesen und mir vorgenommen, ein bisschen was davon mitzunehmen in den Alltag. Und ich habe mit „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama auch mal wieder was aus einer meiner liebsten Literaturgegenden gelesen, aus Japan.

Ach, wenn es keine Literatur gäbe, wie wäre das Leben so traurig und öde.

Jetzt hoffe ich auf viel, viel mehr Regen als die 28,5 Tropfen, die hier heruntergekommen sind, und einen schönen Herbst, in dem sich die Natur wieder etwas erholt.

Auf Bilder teilen habe ich gerade wenig Lust, die zeigen nur Steppen und braune Blätter.

PS: Ich habe gegoogelt: Bei Summer Moved On hält Morten Harket einen Ton 20,2 Sekunden. Es gibt zwar einen etwas längeren Ton von Axl Rose, der aber nicht so stabil und klar ist. Also hat mein Teenagerschwarm da tatsächlich die Nase vorn.

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