Die Tage, in denen der Herbst sich als Sommer verkleidete, sind endgültig vorbei. Wenn die Sonne scheint, sieht alles so bunt aus, dass ich mich manchmal frage, ob ich doch ein paar Farbzäpfchen zu viel im Auge habe. Und wenn es wie heute grau und windig und kühl ist, spüre ich die volle Herbstwucht erst richtig: Die Blätter fallen wie von weit, und wer heute kein Haus hat und all das. Rilke in jedem Blatt, das der Wind mürrisch vom Baum zupft und heruntersegeln lässt, während ein paar Rosen immer noch grimmig ihre rosa oder rote Pracht entfalten.
Die Toten- und Gruseltage reihen sich aneinander wie an einer Perlenkette. Für mich ist diese Zeit auch stets mit Traurigkeit verbunden, denn ich denke an alle, die mir mal lieb und teuer waren und nun nicht mehr Teil meines Lebens sind, ob nun getrennt durch Tod, Streit oder einfach Wege, die in verschiedene Richtungen führten. Das sind meine Geister.
Ich tanze mein Tänzchen mit der alten Freundin Melancholie, die untreu mal mit der Nostalgie und mal mit der Depression flirtet. Aber diese schweren, dunklen Gedanken im Kopf fühlen sich auch schön an, haben fast etwas befriedigend Haptisches wie Billardkugeln oder diese Klingelkugeln, die mal modern waren – Qigong-Kugeln, hießen die so? Als Teenagerin und auch noch als Studentin habe ich aus solchen Gedanken Gedichte, vor allem Herbstgedichte als Dutzendware geschnitzt, eins ernsthafter und pubertärer und schöner als das andere. Ich mag sie ungern zeigen; sie sind noch so echt und analog und könnten zerfallen, wenn gierige KI-Augen sie berühren.
